Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 736 Orsterrrichifchr Wochenschrift Nr. 38 dann an den Prälaten Sebastian Brunner und endlich an Profeffor Wahrmund. Am ersten Tage, gleich nachdem ich in Wien ankam, begab ich mich zum Herrn Prälaten Brunner. Er sagte zu mir: „Herr Dr. Deckert ist ja jetzt verreist; kommen Sie ein anderes Mal zu mir". Ich ging dann zu Professor B i ck e l l. Der sagte, er habe einem Docenten der Innsbrucker Universität einen Besuch zu machen, ich solle morgen kommen.... Vorsitzender: Ich muß Sie unterbrechen. Es ist ein reiner Unsinn, was Sie da sprechen. Wir wollen wissen, wie Sie mit Dr. D e ck e r t bekannt geworden sind. Bleiben Sie bei der Sache! Wer hat Sie also an Dr. D e ck e r t empfohlen? Meyer: Profeffor Rohling. Ich habe den Brief an den Prälaten Sebastian Brunner abgegeben und der sagte mir, Dr. D e ck e r t sei verreist. Den nächsten Tag kam ich wieder zu Brunner und er führte mich zu Dr. D e ck e r t. Als wir in die Stube kamen, war er gerade im Begriffe, in die Schule zu gehen. Borsitzender:Also Prälat Brunner hat Sie Dr.Deckert vorgestellt? Was haben Sie bei Dr. Deckert gethan? Nur kurz: Sie reden so herum, was man Sie nicht reden lassen kann, sonst verhandeln wir 3 Tage. Geben Sie die Antwort, zu welchem Zwecke Sie Dr. D e ckert aufgesucht haben. Meyer: Mir hat Rohling gesagt, daß er mich allen Herren empfehle. Die werden mir wissenschaftliche Beschäftigung geben. Vorsitzender: Also damit Sie eine wissenschaftliche Stellung bekommen? Meyer: Dr.Deckert sagte mir, als wir hinkamen:„Sie müssen mich entschuldigen, ich muß in die Schule gehen". Ich kam dann wieder zu ihm und er sprach mit mir am ersten Tage gleich über eine wissenschaftliche Arbeit, betreffend das Blutrituale. Vorsitzender: Haben Sie irgendwie mit dem Briefe etwas zu thun gehabt? Meyer: Nein. Vorsitzender: Also wie kommt Dr. Deckert dazu, diesen Brief zu veröffentlichen? Meyer (zu Dr. Deckert gewendet): Habe ich Ihnen den Brief gegeben? Vorsitzend er: Ich bitte mit mir zu sprechen. Sie werden Gelegenheit haben, mit Dr. Deckert zu debattiren. Wie glauben Sie, daß Dr. Deckert mit diesem Briefe des „Vaterland" daherkommt, wenn er nicht von Ihnen ist? Meyer: Das werde ich klar und deutlich erzählen. Vorsitzender: Sie sagen, Sie haben ihn nicht verfaßt, ihn nicht Ihrer Braut dictirt. Wissen Sie etwas von dem Briefe? Meyer: Ich habe den Brief zum ersten Male gelesen, als er abgedruckt war. Vorsitzender: Früher nicht? Und wissen Sie nicht, wie Dr. D e ck e r t den Brief dem „Vaterland" zugeschickt hat, wie er zu dem Briefe gekommen ist? Wissen Sie das? Meyer: Ja. Vorsitzender: Also erzählen Sie, wie Dr. Deckert in den Besitz des Briefes gelangt ist, welcher veröffentlicht wurde und der der Anklage zu Grunde liegt. Meyer: Ich bitte doch nicht zu vergessen, daß ich die deutsche Sprache nicht gut beherrsche und äußerst schlecht deutsch spreche. Ich will den ganzen Zusammenhang erzählen. Ich bin kein Jurist, sondern ein gewöhnlicher Mensch. Es ist besser, wenn Sie mir freien Lauf lassen und ich Alles erzähle.. Vorsitzender: Also versuchen wir es wieder. (Heiterkeit.) Meyer: Ich habe dem Dr. Deckert weder den Brief gegeben, noch habe ich den Brief dictirt, noch habe ich den Brief verfaßt. Im Gegentheile, als ich in einen: Blatte las, Dr. Deckert wolle einen Brief von einem Convertiten veröffentlichen, wonach derselbe Augenzeuge eines Ritualmordes war, da wurde mir, obwohl mein Name nicht genannt war, schrecklich zu Muthe, fürchterlich! Profeffor Bickell kam damals zu mir und fragte mich: „Sind Sie der Convertit, der -da gemeint ist?" Ich antwortete: „Ich weiß ebensowenig wie Sie; ich muß abwarten". Mir war schrecklich. Ich kam zu Dr. Deckert und sagte: „Wollen Sie mir nicht den Brief zu lesen geben? Ich habe gefleht und gebeten, ich möchte wenigstens den Inhalt des Briefes wissen. Ich wußte aber nicht, daß meine Braut ihn geschrieben habe. Ich bin leider eben durch die „Staatsbürger-Zeitung" und auch sonst durch die Blutantisemiten ins Unglück gekommen. Das Alles hat mich ganz unglücklich gemacht. Ich kam nochmals zu Dr. Deckert. Er solle doch nichts veröffentlichen. Ich kann es doch nicht verantworten. Ich weiß nicht, was geschrieben ist, Sie machen mich unglücklich. Man wird mir Wien verweisen. Dr. Deckert sagte mir: „Dann gehen Sie in die Schweiz. Geld spielt hier keine Rolle": Am Vorabende der Veröffentlichung ging ich in die Kirche, um meine Braut aufzusuchen. Als ich in die Kirche kam, lief mir die Wirthschafterin des Herrn Pfarrers entgegen und sagte mir, der Herr Pfarrer wolle mich sprechen. Ich kam und fragte, was er wolle. „Wissen Sie, Herr Meyer", sagte er, „die Würfel sind gefallen". „„Was heißt das?"" „Der Brief muß abgedruckt werden." „„Was geht mich der Brief an! Zeigen Sie mir ihn."" „Ja, der ist schon weg." Ich war aufgeregt und mit Recht; denn ich bin von der ganzen Presse angegriffen worden. Ich habe den Herrn Professor Bickell immer gefragt, warum man mich denn beleidigt. Man solle doch warten, bis das nachgewiesen ist. Am nächsten Tage kam ich zu Professor Meister, wo meine Braut wohnte. Es hat immer geheißen: Vaterland, Brief. Das Blatt sah ich aber nicht. Ich mußte in die Stadt laufen, um ein Blatt zu bekommen. Denn ich war immer so aufgeregt, weil mich Bloch in feiner Wochenschrift so angegriffen hat. Ich dachte mir, was soll ich berichtigen? Die Leute werden mich einen Schurken nennen, einen schlechten Menschen, einen gefährlichen Lügner. Was sollte ich berichtigen? Ich wollte aber ferners abwarten, bis es zur Verhandlung kommt. Am nächsten Tage kam ich zum Prof. Mei st er, um das Blatt zu lesen. Er las die Geschichte. Dieser ist auch ein eifriger Blutritualfreund. Ich sagte ihm, schenken Sie mir das Blatt. Ich ging zu meiner Braut, weil ich selbst schwach lesen kann und sagte, sie solle es mir vorlesen. Sie las mir die ganze Geschichte vor und ich wurde ganz niedergeschmettert. Ich habe erst den Brief in der Zelle einstudirt. Es ist mir traurig gewesen, zu hören, daß ich Augenzeuge gewesen sein soll, wie der Knabe geschlachtet wurde. Ich wurde verwirrt. Ich habe keine Seele, für mich, um mein Herz auszuschütten. Dem Professor Bickell konnte ich mich nicht anvertrauen, weil er aufgeregt wurde. Ich wollte zu einer Redaction gehen oder zu einem Advocaten. Ich war aber nicht frei. Ich wohnte die ganze Zeit beim Pfarrer Deckert im Pfarrhofe. Ich fragte mich also, was soll ich machen? Am 12. oder 13. Mai Abends sagte er zu mir: „Wissen Sie was, ich will in die Stadt gehen; kommen Sie mit mir 1" Er schleppte mich dann zum „Vaterland". Ich sagte: „Gehen Sie zu Doll?" Er sagte: „Nein, zu Jnthal." Ich wartete darauf eine Stunde, da kam ein Diener heraus und holte mich hinein; Deckert ließ mich nun Platz nehmen und gab mir eine Cigarre. Damals war das Gespräch vom Ritualmorde. Aber wenn auch Niemand davon sprach, war mir der Kopf immer voll davon; ich konnte nicht einmal reden; ich konnte nicht mehr meine Ideen ordnen. Ich ging dann wieder nach Hause. Die Wirthschafterin sagte: „Soeben war Profeffor Bickell hier und hat Sie gesucht. (Ich hatte damals eine Wohnung gemiethet im Cottage.) Jetzt ist er zu Ihrer Braut gegangen." Ich sagte: „Kommen Sie mit mir, ich bin sehr aufgeregt." Wir kamen nun zu Prof. Meister. Ich sagte zur Wirthschafterin, sie solle meine Braut holen. Ich werde von ihr Abschied nehmen, da ich dann mit Bickell fort muß. Prof. Bickell ging dann heraus und sagte: „Kommen Sie doch herein!" Ich kam hinein. Da lief mir Prof. Bickell in die Arme mit den Worten: „Good eveuing, kommen Sie, Quickly, mit mir." Ich habe mich dann verabschiedet, ich glaube, nachdem ich ein Glas Wein getrunken habe und ging hinunter. Ich sagte zu ihm: „Da in der Nähe kein anständiges Local ist, so kommen Sie gefälligst zu mir in mein Schlafzimmer, obwohl ich wußte, daß er nicht gerne zu Dr. D e ckert gehe. Vorsitzender: Sie kommen schon wieder viel zu weit. Meyer: Lassen Sie mich, ich bitte, Herr Präsident, ich kann mich nicht einschränken. Vors.: Wir wissen, wie Sie zu Dr.Deckert gekommen sind, und nach Ihrer Erzählung war die ganze Geschichte eine Mystifikation. Man hat Sie dadurch in eine sehr unangenehme peinliche Lage versetzt, zumal Sie auch vom ganzen Blutrituale nichts wissen wollen. Meyer: Prof. Bickell kam in meine Schlafstube. Da habe ich gesehen, daß er ein Gespräch über das Blutrituale anfangen wollte. Da sagte ich zu ihm: „Ich bin sehr erschöpft, morgen habe ich meine neue Wohnung, vielleicht bemühen Sie sich dann zu mir." Prof. Bickell sagte darauf: „Gut!"