Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Nr. 38 Oeüerreichifche WochenschrM Seite 735 rj6ttee&&3tsmMa2BsBs&T' Vorsitzender: Das haben Sie bereits gesagt. I Meyer: Ich bin unschuldig, vollständig unschuldig an der Sache, und wenn Dr. Deckert dies sagt, so muß er es auch beweisen können. Vors.: Ich habe bereits erwähnt, was Dr. Deckert in der Voruntersuchung gesagt hat. Haben Sie etwas darauf zu erwidern? Wenn Sieblos „Nein" sagen, so mache ich Sie aufmerksam, daß wir weitergehen in derBerhandlung, daß Sie sich aber möglicherweise schaden oder sich den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit zuziehen. In Ihrem Interesse liegt es, auf die Anklage zu antworten. Nachdem Sie behaupten, den Brief nicht verfaßt und nicht dem Dr. Deckert übergeben zu haben, wie können Sie ks aufklären, daß Ihr Name damit in Verbindung kam? Meyer: Ich habe den Brief nicht unterschrieben und kann auch nicht aufklären, wie ein Zweiter denselben geschrieben hat. Vorsitzender: Kennen Sie den Dr. Deckert? Meyer: Ja! Vorsitzender: Waren Sie in Verbindung mit ihm? Meyer: Jawohl! Vorsitzender: Was hat Sie bestimmt, mit ihm inVerdung zu treten. Meyer: Durch Vermittlung des Professors Rohling in Prag kam ich mit Dr. Deckert in Verbindung. Vorsitzender: Zu welchem Zwecke? Geschah dies, um einen freundschaftlichen Verkehr anzuknüpfen oder aus welchem Grunde sonst? Meyer: Als Professor Roh ling mich zu Dr. Deckert empfahl, wußte ich selbst nicht, warum. Wenn Sie gestatten, werde ich die Sache von Anfang an darstellen. Ich wohnte in der letzten Zeit in Leipzig und war mit Rohling in Correspondenz getreten — ich kannte nämlich den Professor Rohling nur vom Hörensagen. Im vorigen Jahre suchte mich nun Herr Carl Paasch in Berlin auf. Ich war dort in der Judenmission thätig und bin später wegen Unverträglichkeit ausgetreten und machte manche Veröffentlichung darüber. Ich wollte seinerzeit darüber schreiben, hatte aber keinen Platz dafür. Da hat mir die „Staatsbürger-Zeitung" einen Platz gegeben, damit ich Manches über die Judenmission äußere. Dadurch wurde ich mit Carl Paasch bekannt. Dieser kam eines Tages zu mir; er hatte dem Rohling von mir erzählt und dieser wünschte, daß ich mit ihm bekannt werde. Ich sagte ihm meine Adresse in Berlin, Klostergasse 97, Hotel „Garni"; dann regte mich Paasch an, ich solle R o hling etwas schreiben. Ich wußte aber nicht was. Aber weil mir Paasch zuredete, habe ich einige Zeilen geschrieben. Da Rohling als Talmudkenner und Hebraist berühmt war und mir die deutsche Sprache einem Deutschen gegenüber schwer fiel, so zog ich es vor, hebräisch zu schreiben. Auf meinen ersten Brief aber erhielt ich keine Antwort. Vorsitzender: Sie sind also mit Professor Rohling Verbindung getreten. Meyer: Ich will ein klares Bild von der Sache geben. Vorsitzender: Aber nur sachlich. Meyer: Das war das erstemal, als ich mit Rohling in Verbindung trat. Inzwischen war der Seandal über den Xantener Knabenmord erfolgt. Eines Tages erhielt ich von dem Vorsitzenden des Antisemitenbundes >in Berlin die Aufforderung, ich soll, nachdem ich Convertit bin, nach bestem Wissen und Gewissen, strenge der Wahrheit gemäß entscheiden, ob die Juden überhaupt Christenblut zu rituellen Zwecken verwenden. Darauf habe ich keine Antwort gegeben. Zur selben Zeit habe -ich aus Aergerniß und Erbitterung über Professor Strack, mit dem ich in der Judenmission thätig war, bei der „Staatsbürger-Zeitung" gebeten, daß man mir Jemand gebe, der für mich arbeitet, ich. will meine ganzen Erlebnisse auf dem Gebiete der Judenmission dictiren, namentlich gegen Strack, weil dieser Bertheidiger des L'antener Knabenmordes war. Mich ärgerte, weil ich mit ihm solange in Verbindung war, und wußte, daß er nicht genügend hebräisch versteht. Ich kann nicht zugeben, daß ein christlicher Theologe. Vorsitzender: Kommen Sie doch zur Sache! Meine Frage ging dahin, wie sind Sie mit Dr. Deckert bekannt geworden? Lassen Sie den Ritualmord aus dem Spiele und gehen Sie zur Sache über. Meyer: Die „Staatsbürger-Zeitung" hat eigenmächtig den Brief, den ich gegen Strack veröffentlichte, die Worte hinzugefügt, ich wolle den Professor Strack auffordern» zu beweisen, daß es ein Blutrituale gibt, da er ... . Vorsitzender: Das war also eine wissenschaftliche Forschung. Meyer: Professor Strack versteht nichts vom Talmud. Ich hatte schon damals dasselbe Unglück, indem es sich damals um den Knabenmord handelte. Die Redaetion hat meinem Briefe die Worte hinzugefügt, ich fordere den Professor Strack auf, zu beweisen, daß es ein Blutrituale gibt. Ich habe aber nie etwas darüber geäußert. Ich las den Brief, darin mein Name geschrieben war. Die Redaetion sollte nun berichtigen. Es gelang mir aber nicht, dies durchzusetzen. In der jüdischen Presse wurde ich als Antisemit mit angegriffen. Darin wurde auch gesagt, ich wurde aus Berlin verwiesen und kam nach Leipzig; dort nahm sich Dr. Wesendonck meiner an. Dieser kam eines Tages zu mir und brachte mir einen Brief von Rohling mit 1" fl., um mir etlvas zu kaufen. Er schrieb mir, daß in Magdeburg ein Jude die hebräische Sprache sehr gut kenne, den Rohling aufforderte, zu beweisen, daß sehr viel im Talmud gefälscht sei. Rohling sagte darauf, man müsse sich an Meyer wenden. Vorsitzender: Sprechen Sie langsam, Sie werden unsere Zeit dann besser schonen. Ich will Ihnen Ihre Manier, sich zuvertheidigen, nicht einschränken, aber nehmen Sie folgenden Gedankengang auf: Wir wollen auf ihre Verbindung mit Dr. Deckert kommen. Jetzt haben wir gehört, Sie waren mit Rohling in Verbindung und die Veranlassung war eine theologische Forschung. Jetzt kommen wir zur zweiten Person. Meyer: Damit kein Mißverständniß entstehe, möchte ich ein klares Bild darüber geben, in der kürzesten Weise. Ich bin kein Deutscher, deshalb bitte ich, mit mir Nachsicht zu haben. Vorsitzender: Bleiben Sie aber bei der Sache! Meyer: Dr. Wesendonck fragte mich, ob ich Rohling wegen des „Talmndjuden" in Schutz nehmen kann, weil der Letztere einen Preis von ungefähr 3000 fl. ausgeschrieben habe. Ich sagte, ich habe den „Talmndjudeu" nicht eingesehen und will mich damit nicht befassen. Inzwischen erhielt ich Brief über Brief von Rohling, und ab nnd zu auch Geld. Hierauf bekanl ich die Schrift „Polemik" von Rohling. Mir war viel darum zu thun, das ganze Bluträthsel zu lösen; denn, sagte ich mir, es wäre sehr wünschenswerth, festzustellen, ob denn das Blutritnale wirklich bestünde, und wenn, dann würde ich es, wenn ich auch ein Jude wäre, Nachweisen. Es ist aber nicht wahr, wie manche Zeitungen schrieben, ich sei ein Antisemit; ich schreibe nicht gegen die Juden, sondern kämpfe nur gegen Lug und Trug; das kann man aus meinen anderen Schriften ersehen. Ich habe ja auch über die protestantischen Geistlichen unerquickliche Sachen geschrieben. In der Broschüre führte Rohling ein Buch mit dem Namen „Gan nanl“ d. h. „Geschlossener Garten" an, in welchem den Juden geboten werde, Christenkinder zu ihren rituellen Zwecken abzuschlachten. Es heißt weiter in dieser Broschüre, daß dieses Buch leider auf unerklärliche Weife verloren gegangen sei. Ich ging in die Leipziger Bibliothek und fand ein Buch „Gau naul“; das hat aber mit der Frage und mit der Religion überhaupt nichts zu thun, sondern es beschäftigt sich nur mit Grammatik. Ich schrieb nach Russisch-Polen, ob ein solches Buch bekannt sei, in welchem das Blutrituale angedeutet wird. Denn ich glaube so ziemlich in die Kabbalistischen Schriften eingeweiht zu sein, und habe von einem solchen Buche gar nichts gesunden. Daraufhin riethen mir Leute, ich solle nach Prag fahren und mit meinem „Freunde" Rohling, wie dieser mich selbst nannte, mich besprechen. Zu diesem Behufe begab ich mich nach Prag; es war Mitte März 1893. Ich stellte mich ihm vor, und er erwies mir Ehre über Ehre. Er sagte mir: „Wissen Sie was, lieber Meyer, setzen Sie sich ... ." Vorsitzender: Ich bitte, das gehört nicht zur Sache. Meyer: Ich bin jetzt schon bei Dr. Deckert. Rohling sagte zu mir: „Wissen Sie, das ist sehr gut, daß Sie jetzt in Prag sind. Ich habe mehrere Briefe nach Wien geschickt und möchte, daß Sie zugleich mit den Briefen in Wien eintreffen. Gehen Sie zum 8 Uhr-Zug, ich werde Sie begleiten". Ich suchte mit Rohling über etwas Hebräisches zu sprechen, insbesondere über -Gan naul-, dann auch etwas über das Buch „Lew haiwri“. Ich fing mit ihm zu sprechen an, er gab mir aber gar keine Antwort. Er sprach mit mir im Gegentheil, obwohl er wußte, daß ich kein Lateiner bin, lateinisch, dann englisch. Er gab mir einige Flaschen Wein mit und wir gingen zum Bahnhof. Außerdem gab er mir 4 Briefe mit, einen an Herrn Dr. B i ck e l l, dann einen an Herrn Dr. Deckert,