Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 724 Oesterrrichifche Wochenschrift Nr. 38 „Nemzet" bespricht heute die Antwort des Königs an die Juden und sagt, daß die Antwort des Monarchen nur eine Paraphrase der Ansprache des Dr. Bernstein war, welcher dem König die Bitte vortrug, er möge den Juden auch ferner seinen Schutz nicht entziehen. Als Antwort hierauf. sagte nun der König, er hoffe, daß die Juden ihm keine Gelegenheit geben werden, ihnen seinen Schutz zu entziehen. Man hofft, daß nach dieser Darstellung die Verstimmung in den jüdischen Kreisen weichen werde und daß sie darin eine genügende Aufklärung der vielfach commentirten Rede erblicken werden, umsomehr, da das offtctöfe. Blatt direct hinzufügt, daß es sowohl dem König als der Regierung ferne gelegen ist, irgend etwas für die Judenschaft Unangenehmes zu sagen oder eine Aenderung ihrer politischen Stellung hervo znrufen. Karlsbad, 18. September 1893. Am 16. d. M. feierte derDirector der hiesigen Curcapelle ein Doppel-Jubiläum. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Fest Hymne gesungen, wovon der Text von einem katholischen Geistlichen gedichtet wurde, der v rötest an tische Pastor setzte dieselbe in Musik und der jüdische Theater-Director inscenirte die Aufführung, wobei die meisten Solisten Juden waren. Es gibt also doch einen Erdenwinkel, wo die Confessionen friedlich nebeneinander leben und wirken, nicht ä la Pfarrer Decker t. Kolomea. Gegen Vorurtheil und Aberglauben kämpfen selbst Götter vergebens. Man weiß, zu welch grauenhaften Scenen vor zwei Jahren der Ausbruch der Cholera in Charkow und Astrachan Anlaß gab. Auch in Kolomea haben nun die ersten Spuren dieser schrecklichen Seuche dieselben abergläubischen Gerüchte in der ungebildeten Masse erzeugt, auch hier fand der Irrwahn Glauben, daß die Cholerakranken durch die Aerzte vergiftet wurden. Ein Theil der christlichen Bevölkerung hat sich sogar gegen die Vorkehrungen der politischen Behörde und des Magistrates gewendet, so haß die Polizei machtlos dastand und Gendarmerie requirirt werden mußte. Nur die hiesige Judenschaft verhält sich ruhig, obwohl jener Aberglauben auch in ihren Reihen Anhänger findet. Die Bezirkshaupmannschaft ist voll Lobes über die unermüdliche Thätigkeit des jüdischen Rettungscomites, welches sich sofort nach Ausbruch der Seuche unter dem Präsidium des Herrn Hosef M arm o r o sz und unter Mitwirkung der Herren Elias Kris, Marcus Scharf und Schaja I. Chajes gebildet hat. Heute erhielten wir einen in drei Landessprachen (Polnisch, Rutbenisch und Deutsch) verfaßten Aufruf publicirt, in welchem angekündigt wird, daß genanntes Rettungscomile eine Theeanstalt für alle armen Bürger, ohne Unterschied der Nationalität und Confession, eröffnet. S. Lemberg. (Agudas-Achim-Früchte.) Als im Jahre 1892 eine Broschüre der Jüdisch-Nationalen unter dem Titel: ^atrirn ulmem byc program miodziery zydovvskiej?■“ (Wie soll das Programm der jüdischen Jugend beschaffen sein?) erschien. in der das Treiben der säubern Agudas-Achim-Jünger gehörig gekennzeichnet wurde, in der klar dargelegt wurde, daß die Herren aus dieser Clique nur ihr eigenes Interesse im Auge haben, daß sie das Judenthum nur dazu benützen, um ihre persönlichen Gelüste zu befriedigen, daß sie jederzeit geneigt seien, das Judenthum um den Preis eines einträglichen Postens zu verleugnen — da schlug die damals in den letzten Todeszuckungen ringende „Ojczyzna“ (Vaterland), das Organ dieser Partei, einen wahren Höllenlärm: die Jüdisch-Nationalen seien Verleumder die ihnen so niedrige Bestrebungen und Ziele insinuiren. Jetzt nachdem der Verein Agudas-Achim sowohl wie auch dessen Organ nicht mehr sind, jetzt erst sehen wir deutlich die Früchte ihrer Wirkung, jetzt erst überzeugen wir uns täglich, daß doch die Jüdisch-Nationalen — die Wahrheit gesagt haben. Die Agudas-Achim-Partei ist nicht mehr vorhanden. Die bessern Elemente derselben — leider sind es nur sehr wenige — die noch nicht vom schmutzigen Egoismus durchdrungen waren, kämpfen jetzt muthig (??) in den ersten Reihen der Jüdisch-Nationalen (?) und der Rest? — Die einen finden wir unter den Anhängern der Umsturz-Theorien, wo sie eine wichtige Rolle zu spielen sich einbilden, in der Wirklichkeit aber herzlich wenig bedeuten und nur benützt werden, weil man sie jetzt unbedingt haben muß. Die andern dagegen — und diese bilden die allerärgste Sorte — fallen nach einander, wie die Blätter im Herbste, vom Judenthum ab, nachdem sie schon früher im Antisemitenlager tüchtig mitgewirkt haben. Und dieses ist doch vollkommen erklärlich. Man spielt nicht ungestraft mit Feuer. Wenn sich nämlich eine Partei zur Aufgabe macht, unter der Maske des Patriotismus das Jndenthum nach und nach zu verdrängen, wenn man darnach strebt, Alles, was nur im Entferntesten aus Jüdische mahnt, zu verbannen, die Jugend ausschließlich mit fremdem Patriotismus zu füttern, so ist es ja selbstverständlich, daß die Mitglieder dieser Partei allmählich von Haß gegen alles Jüdische erfüllt werden, daß sie bei der ersten besten Gelegenheit dem Judenthum den Rücken zu kehren bereit sind. So ließe sich auch eine Reihe von Namen aufzählen, deren Besitzer einst im Agudas-Achim das große Wort geführt haben, heute aber nicht mehr zum Judenthum gehören. Nunmehr ist an diese Reihe noch ein neues Glied hinzugekommen, es ist — Leopold Caro. Der Name selbst erregt wahrscheinlich bei jedem Leser ungeheuren Ekel. Dieser Mensch ist, wie bekannt, vor einiger Zeit bereits zur Antisemitengilde hin gelaufen, um seine ganze Galle, die er im Agudas-Achim eingesogen, auf seine Stammesgenossen zu leeren, die Publicirung der beiden von Judenhaß überströmenden Schriften „Die Judenfrage — eine ethische Frage" und „der Wucher", waren nur saubere Mittelchen, um sich die Gunst der Judenfeinde zu erwerben, die Stufen zur Erlangung einer Professur mit Hilfe des — Taufwassers. Und so ist es jetzt bereits eine Thatsache: Leopold Caro empfängt in Kurzem die Taufe und als Lohn dafür eine Prosessorstelle an der Krakauer Universität. (Manche polnische Blätter nennen ihn schon jetzt „Professor".) Das sind die Früchte der ganzen Agudas-Achim-Periode, das sind die Resultate, die Diejenigen erreicht haben, die der eigenen jüdischen Jugend Haß und Verachtung gegen ihre Brüder gepredigt haben. Und obwohl das Gesammtjudenthum den Verlust eines Leopold Caro spottleicht verschmerzen wird, so müssen wir uns doch diesen merkwürdigen Fall notiren und den Herren, die noch heute Agudas-Achim-Tendenzen verfolgen, rufen wir zu: Caveant consules. ... D. S. Berlin, 19. September. (Zur Tag esgeschich te.) Der „I u d e n f l i n t e n - P r o c e ß", welcher zuerst den Namen A h l w a r d t in größere Oeffentlichkeit gebracht, hat nunmehr seinen erwarteten Abschluß gefunden. Nach einer Leipziger Depesche hat das Reichsgericht die von Ahlwardt gegen das in diesem Verleumdungsprocesse erflossene Urtheil eingelegte Revision verworfen. Die Sache geht auf den December vorigen Jahres zurück. Am 5. December 1892 übertrugen, wie erinnerlich, die Wähler von Arnswalde-Friedeberg dem „Rector aller Deutschen" ihr Reichstagsmandat; vier Tage später wurde Ahlwardt in dem von der Firma Loewe gegen ihn angestrengten Verleumdungsprocesse der „Ahlwardt - Flinten" als „gewerbsmäßiger Ehrabschneider" zu fünf Monaten Gefängnisses verurtheilt. Der Verurtheilte legte beim Reichsgerichte Revision ein. Am 14. December nahm der deutsche Reichstag, von allgemeinen Rücksichten auf die Immunität und die bisherige Praxis geleitet, einen Antrag auf Unterbrechung^ des Strafverfahrens gegen Ahlwardt an. Der saubere Herr hatte damals noch einen Strafrest wegen eines früheren Beleidignngs-Processes zu verbüßen und nahm erst am 21. Februar im Reichstage seinen Sitz ein. Bekanntlich errang Ahlwardt trotz des ungeheuerlichen „Acten"-Scandales im Reichstage bei den Wahlen im Juni sogar zwei Reichstagsmandate. Mit der Vertagung des Reichstages wurde das Strafverfahren, welches in Folge des Sitzungsbeschlusses vom 14. December vorigen Jahres geruht hatte, wieder ausgenommen, um nunmehr mit der Verwerfung der A h l w a r d t'schen Revision durch die höchstrichterliche Instanz Deutschlands sein Ende zu erreichen. Ahlwardt wird also seine Freiheitsstrafe anzutreten und in der beschaulichen Stille wohlverdienter Haft unerwünschte Muße haben, über weitere Bereicherung jenes Judenverfolgungs- Programmes nachzudenken, womit er vorgestern auf dem norddeutschen Antisemitentage seine Verehrer entzückt hat. Berlin. Einen drastischen Beweis für die „erzieherische Wirkung" des Antisemitismus liefert ein Borkommniß aus einem Dorfe des hessischen Wahlkreises, welcher den Antisemiten Werner zu seinem Reichstags-Abgeordneten erkoren hat. Die „E. Tagespost" berichtet darüber Folgendes: Vor Kurzem kam eines Abends ein älterer Herr in das Wirthshaus des betreffenden Dorfes, um daselbst zu übernachten. Die anwesenden Gäste, darunter auch ein Lehrer des Ortes, glaubten ihn seinen Gesichtstypen nach für einen Juden halten zu müssen und begannen ihn nun in der gemeinsten Weise zu belästigen. Da es den Fremden