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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-22 · 38 (22.9.1893) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 38 Vesterretchische Wochenschrift Seite 723 Wir geben Ihnen diese schriftliche Darstellung, damit Sie Jedem, der an Sie eine Frage richten sollte, diese unsere Erklärung zeigen können. (Stampiglie) Hochachtend Redaction, Administration und Expedition „Der Detailhändler" Wien, 8. Bez., Strozzigasse 28 Otto Hentl Herausgeber und Redacteur. Wien. (Praktischer Antisemitismus.) Ein Wiener Advocat schreibt uns: Man ist in den letzten Jahren dazu gelangt, die absurde Bewegung, die den prätentiösen Namen „Antisemitismus" führt, ernst zu nehmen, und man hat ganz Recht darin, weil eine Krankheit nicht dadurch geheilt werden kann, daß man sie todtschweigt oder wegwitzelt. Aber deswegen soll man doch den heiteren Seiten dieser „Zeiterscheinung" das schuldige Lächeln nicht versagen. Vielleicht amusirt auch Ihre Leser die kleine Probe „praktischen" Judenhasses, von der ich vor nicht langer Zeit in meinem Berufe Kenntniß nehmen mußte. Da wir Advocaten die Kerntruppe der in die Bertheidigerliste Eingetragenen bilden, so genießen wir Dank der humanen Intentionen der Gesetzgebung das vom Staate und der Gesellschaft auf unseren Stand überwälzte Vorrecht, die unentgeltliche Vertretung der Armen zu führen, und ungefähr zweimal im Jahre werden wir im „Turnus" an diese ehrenvolle Last erinnert, fast ebenso regelmäßig, wie durch den Steuerexecukor an unsere kostbare Pflicht, dem Staate Erwerb- und Einkommensteuer zu zahlen. So wurde mir der Ruf zutheil, einer Angeklagten vor dem Schwurgerichte Rechtsbeistand zu leisten. Pflichtgemäß sehe ich den Untersuchungsact ein und finde, daß meiner ex 060- Clientin eine systematische Ausplünderung eines Wiener Cafetiers zur Last gelegt wird; was nur beweglich, sollte sie nach der Anklage in fortgesetzten Angriffen enttragen haben, Weine und Liqueure, Kaffee und Zucker. Thee und Chocolade, Gläser, Flaschen, Messer und Gabeln, Billardtuch und Kreide, Tassen und Löffeln, Leinwand und Kleiderhaken, Fensterringe und Zcitungspapier! Die Berhörsprotokolle, vor dem Untersuchungsrichter ausgenommen, ergaben, daß die Angeklagte zugesteht, diese Diebstähle begangen zu haben, und es blieb mir jetzt nur übrig, mich von ihr darüber aufklären zu lassen, wie es komme, daß der Cafetier seinen Schaden aus den Abgängen auf circa 5000 fl. ö. W. bewerthe, während sie nur Diebereien im Werthbetrage von circa 400 fl. zugestehe. Ich lasse sie also ins Vertheidigerzimmer rufen und stelle ihr diese Frage, die von Wesenheit für das Strafausmaß, vor Allem aber für die Entscheidung über die Ersatzansprüche des doppelt bedauernswerthen, weil jüdischen Cafetiers sein mußte. Und als ich ihr diese große Divergenz zwischen ihrem Zugeständniß und seiner Schadensangabe Vorhalte, sagt sie mir: „Da können Sie seh'n, Herr Doctor, wie schlecht die Menschen sind; aber ich hab's immer gesagt, man soll mit kan' Juden nichts anfangen!" Meine Schutzbefohlene mußte die Abirrung von dem Grundsätze „mit kan Juden nichts anzufangen," mit zweieinhalb Jahren Neudorf bezahlen; hoffentlich hält sie jetzt an ihren Principien fester. vr. l. d. Wien. Je schärfer das Nationalitätsprincip fast in allen europäischen Ländern neuerdings betont wird, desto grasser tritt allmälig die Unduldsamkeit gegen'die Fremden bei einzelnen Nationen zu Tage. So hat jüngst das in Bukarest erscheinende sich demokratisch nennende Blatt „Romanulu" die Vertreibung aller Fremden aus Rumänien verlangt, wobei auf die auS Ungarn eingewanderten Fremden besonderer Nachdruck gelegt ward. Hiergegen wendet sich der „Pester Lloyd" mit folgenden Ausführungen: , „Das rumänische Blatt droht geradezu mit einem rumänischen Aigues-Mortes, denn eines schönen Tages werde den Rumänen die Geduld reißen und da werde das Entsprechende aufgevoten werden, damit dieses Volk „nicht das Schicksal des gegen Fremde allzu toleranten Polen habe"; Schon der Hinweis auf Aigues-Mortes verräth, daß es sich hier wieder einmal um die in Rumänien zur Leidenschaft gewordene Nachäffung der Franzosen handelt. Da man in Frankreich die Fremden mit bewaffneter Gewalt angreift, so muß man natürlich -auch in Rumänien auf Aehnliches hinarbeiten, denn bekanntlich ist die Dimbowitza die Seine des Ostens und Bukarest die „villa Lumiäre“ des orientalischen Europa. Also rasch eine Fremdenhetze gemacht, uw die innige Wahlverwandtschaft, — was sagen wir? „Wahlverwandtschaft?" — nein, um die Blutsverwandtschaft zwischen den französischen und dem ihm congenialen rumänischen Geiste nachzuweisen. Und daß bei einer Fremdenhetze die ungarischen Eindringlinge nicht verschont bleiben können, liegt auf der Hand. Denn die>e aus Ungarn eingewanderten Dienstboten sind so unverschämt, sparsam zu leben, ihre erübrigten Groschen allmonatlich nach Hause zu schicken, um schließlich dem Lande den Rücken zu kehren und mit dem rumänischen Gelds sich daheim anzukaufen. Hinaus also mit ihnen, oder doch eine hohe Dienstbotentaxe über sie! So hetzt der demokratische „Romanulu" gegen ein Element, das in Rumänien fleißig arbeitet, ruhig lebt und die Gesetze des Landes achtet. Hingegen wird in Bukarest wüthend gezetert, wenn die ungarische Regierung das fahrende Raubrittergesindel der rumänischen Jrredenta, da? in Siebenbürgen fein schamloses Handwerk bei hellem Lageslicht zu betreiben wagt, hie nad da einmal in seinem Walten behelligt. Das ist dann ein barbarischer Einbruch in das Völkerrecht. Aber gegen solide, friedliche, lediglich ihrer Arbeit lebende Elemente hetzen, die dem Lande, das ihnen Gastfreundschast bietet, nur Nutzen bringen: das ist völkerrechtlich correct und auch sonst im vollsten Einklänge mit dem Gebote der Gesittung und der Billigkeit. Das ist die verrenkte Moral und die Narrenthurmlogik der rumänischen Ultras. An den gespannten Beziehungen zwischen Rumänen und Ungarn sind die letzteren leider nicht schuldlos. Wir erinnern nur daran, daß unlängst voit der Rnmänenconferenz in Hermannstadt heimkehrende Rumänen von den Ungarn in Siebenbürgen in schimpflicher Weise überfallen wurden. Prag. In der jüngst abgehaltenen Sitzung des Gemeindeausschusses der Gemeinde Dawle wurde Herr Sigmund Karpeles, Gemeindevorsteher in Dawle, in Anerkennung seiner der Gemeinde geleisteten Dienste einstimmig zum Ehrenbürger ernannt. Nachdem die am 16. vorigen Monates vollzogene Ausschußwahl für die Cultusgemeinde L u b i tz in Rechtskraft erwachsen. wurde am 6. d. M. die Wahl des Cultusgemeinde- Vorstehers und des Cassiers vorgenommen und es wurden als Vorsteher Wilhelm Abeles in Walt sch und als Cassier Abraham Bäumt in Luditz gewählt. Herrn Alois Kraus, Religionsweiser in L u b e n z wurde von der Statthalterei die Befähigung zur Anstellung als Rabbiner in Böhmen zuerkannt. Budapest, 18. September. Unter den Ansprachen, welche der Kaiser an die Deputationen in Güns gehalten hat, fällt insbesondere jene auf, welche an die Deputation der Vertreter der israelitischen Cultusgemeinde gerichtet wurde. Diese Ansprache hat nicht nur auf die Deputation selbst, sondern auch nach ihrer Veröffentlichung auf weitere Kreise einen sehr tiefen Eindruck gemacht. Bei den Empfängen in B oros -Sebes fehlte, wie bekannt, die Deputation der Vertreter der Araber israelitischen Cultusgemeinde nicht nur, weil der Empfang auf den jüdischen Neujahrstag fiel, sondern auch deshalb, weil diese Deputation nicht in der Reihe der Confessionen, sondern als letzte aller Deputationen ausgestellt werden sollte, ein Vorgehen der Regierung, welches sich die Araber Judengemeinde nicht bieten lassen wollte. Auch in Güns kam die Deputation der Judengemeinde von Steinamanger als letzte Deputation an die Reihe. Man befürchtet, daß das Vorgehen der Regierung in dieser Platzsrage mit Rücksicht auf die Bewegung, die dieser Vorfall unter den Juden erzeugt hat, noch sehr unangenehme Stimmung gegen die Regierung erzeugen wird. - Budapest, 19. September. Zum Empfange der israelitischen Deputation in Güns schreibt die Ung. Corr.: Die Antwort^ welche Seine Majestät der König auf die Ansprache der israelitischen Deputation ertheilte, hat im Kreise der jüdischen Bürger Besorgnisse hervorgerufen. Zahlreiche Mitglieder der Intelligenz der hauptstädtischen israelitischen Bürger sprachen nun auch heute in einer Deputation beim Reichsrathsabgeordneten Moriz Mezei vor und stellten an denselben das Ersuchen, an competenter Stelle Informationen darüber einzuholen, ob ein Grund dafür vorliege, daß die bei dieser Gelegenheit ertheilte Antwort Seiner Majestät des Königs von den aus gleichen Anlässen vom König in der Regel ertheilten Antworten abweiche, da ja, wie die Mitglieder der Deputation hervorhoben, im confessionellen Leben der Judenschaft keinerlei Tendenz zu Tage trat, welche Anlaß zu Zweifeln bieten könnte. Abgeordneter Mezei erwiderte, daß auch er seinerseits im confeffionellen Leben kein Moment finde, auf welches diese Antwort bezogen werden könnte. Aus das wiederholte Ersuchen der Depurationsmitglieder erklärte sich M ez e i bereit, zur Zerstreuung der Besorgnisse an competenter Stelle sich zu erkundigen.

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