Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 722 VestrrrrdWltzr seligkeit stoßen und als unwillkommene Eindringlinge betrachtet werden. Unter diesen Zuständen haben namentlich die russischen Emigranten zu leiden. Von ihrer ehemaligen Regierung aus der Heimat vertrieben, müssen sie sich hier den zweifelhaften Schutz Rußlands gefallen lasten, welches sogar auf diese Protection Werth legt. Dieser angebliche Schutz erdrückt sie noch mehr als die Verfolgung in der Heimat, denn er raubt ihnen jede freie Bewegung und statt Unterthanen des gütigen Sultans bleiben sie auch in der Fremde die Parias Rußlands. So tolerant auch die türkische Regierung gegen Andersgläubige und namentlich gegen unsere Glaubensgenossen ist, so verfolgt sie doch die Einwanderung der russischen Juden und die Protectionsgelüste Rußlands mit Mißtrauen, nicht etwa aus konfessionellen, sondern aus politischen Gründen. Und wenn sie auch niemals die Juden direct nennt, so trifft sie doch strenge Maßregeln gegen die Einwandemng und den Ankauf von Grundstücken und Häusern durch Ausländer. Die Beamten suchen die Verordnungen der Regierung in der Praxis noch an Strenge zu überbieten, so daß selbst die Durchführung ganz gesetzlicher Rechte unendlich viel Mühe, Kraft, Zeit und Geld kostet. So begegnen denn die russischen Einwanderer auf Schritt und Tritt allen möglichen Chikanen und verlieren ihre geringe Habe, noch ehe sie festen Fuß gefaßt haben. Nur die Wenigen, welche mit ausreichenden Mitteln ankommen, erreichen mit dem Aufgebot der größten Ausdauer und Geduld nach hartem Kampfe ihr Ziel. Wie lange dieser Zustand noch dauern soll, ist unabsehbar. Es wäre hoch an der Zeit, daß diese Frage zum Gegenstände eingehender Erwägungen seitens unserer Glaubensgenossen im Abendlande gemacht würde. Daß es bei einiger Anstrengung möglich ist, auf dieser Weltruine, genannt Palästina, ein neues Leben hervorzurufen, lehren nicht nur die Rothschildstchen Colonien, sondern auch das glückliche Schicksal einzelner unserer Glaubensbrüder, welche es verstanden haben, durch Fleiß und Umsicht sich hierzulande eine neue Existenz zu gründen. Vor ungefähr einem Jahre kam ein Wiener Kaufmann, namens Wilhelm Groß, nach Jaffa, um hier in Vertretung des österreichisch-ungarischen Exportvereines ein Commiffionsgeschüst unter der Firma: „Oesterreichischungarische Handels-Agentie" zu gründen. Er hatte das Land vorher bereist und sich über alle Verhältnisse gründlich orientirt. Das Unternehmen stieß anfangs auf große Hindernisse und hatte unter der böswilligen Concunenz schwer zu leiden. Allein der immer regere Verkehr, der sich zwischen unserer Hafenstadt und den jüdischen Colonien entwickelt, kam Herrn Groß sehr zu statten und heute darf man mit lebhafter Freude constatiren, daß seine Arbeit von Erfolg gekrönt ist. Dies erkennen auch mit rühmenden Worten die Berichte des Generalconsulates an das österreichische Handelsministerium, sowie der Jahresbericht des Exportvereines an, in welchem es heißt: „Unsere auswärtigen Agenturen erfuhren im letzten Jahre einen Zuwachs von drei neuen Vertretungen, die älteste in Jaffa besteht seit circa zehn Monaten und hat sichtlich zunehmende Resultate im Gefolge. Herr Wilhelm Groß, mit der Geschäftsführung betraut, macht den Eindruck eines durchaus strebsamen, tüchtigen, sowie ehrenhaften Kaufmannes und rechtfertigt vollkommen das in ihn gesetzte Vertrauen. Ist das Gebiet seiner Thätigkeit kein bedeutendes, so erbringt er doch den Beweis, daß für die österreichische Industrie bei entsprechender Thatkraft überall Erfolge zu erzielen sind." „Dadurch, daß Herr Groß bei kleinen Lieferungen das Vereinsbureau als Zahlstelle benützt, gewinnen wir einen ziemlichen Einblick in die von ihm erzielten Anfangsresultate und bestätigen mit Vergnügen, daß sie zu den schönsten Hoffnungen berechtigen." Ich freue mich sehnsüchtig, Ihnen über diesen Erfolg berichten zu können, der nicht nur der österreichischen Kaufmannswelt,, sondern auch dem Judenthum zur Ehre gereicht. Wochenschrift Nr. 38 EomsMäenren. . Wien, 16. September. (DieAffaire des Pfarrers Eichhorn.) Bekanntlich wurde vor Kurzem gegen den bekannten christlich-socialen Kampfhahn Pfarrer Rudolf Eichhorn in Höflein an der Donau, gewesenen Reichsraths- Abgeordneten von Zwettl, eine Anzeige erstattet, daß er beim Religionsunterrichte in der Schule unanständige Aeußerungen gemacht, habe, und aus diesem Grunde seine - Entfernung verlangt. Die diesbezüglich eiugeleitete Disciplinaruntersuchung hat nun die Richtigkeit der Anzeige bestätigt. Seitens des Bezirksschulrathes in Tulln wurde. nach den gepflogenen Erhebungen über diese Angelegenheit dem niederösterreichischen Landesschulrath der Antrag vorgelegt: Die sofortige Entfernung des Pfarrers Rudolf Eichhorn vom Amte eines Religionslehrers zu veranlassen. Der niederösterreichische Landesschulrath erstattete an das fürsterzbischöfliche Ordinariat einen entsprechenden Bericht, in welchem das Ersuchen gestellt wird, dem Pfarrer Rudolf Eichhorn die in den beiliegenden Aufzeichnungen mehrerer Kinder enthaltenen, von einer überwiegenden Anzahl von Schulkindern bekräftigten Aeußerungen, welche geradezu als unanständig und roh bezeichnet werden müssen, nachdrücklichst auszustellen. Der Landesschulrath stellt an das hochwürdige fürsterzbischöfliche Ordinariat das dringende Ansuchen, im Interesse dieser Schule einen Wechsel in der Person des Religionslehrers vornehmen zu wollen. Wie wir erfahren, hat das fürsterzbischöfliche Ordinariat an den Probst des Stiftes Klosterneuburg, p. Ubald Kosters i tz, in dieser Angelegenheit folgende Zuschrift gerichtet: „Das fürsterzbischöfliche Ordinariat übersendet die beiliegenden Acten des niederösterreichischen Landesschulrathes und ersucht den Hochwürden Herrn Prälaten, bei dem aus den Acten hervorgehenden Sachverhalt den Pfarrverweser von Höflein, Rudolf Eichhorn, im Sinne des Ersuchens des niederösterreichischen Landesschulrathes zu entfernen und denselben nicht mehr in eine solche Verwendung zu nehmen, in welcher er Religionsunterricht in einer Schule zu ertheilen hat. Ueber das Verfügte wollen der Hochwürden Herr Prälat recht bald hieher berichten." Bisher ist seitens des Probstes K o st e r s i tz dem Verlangen des fürsterzbischöflichen Ordinariats noch nicht Folge geleistet worden. Wien. (Zwei Schwindler.) Vor einigen Wochen wurden ein enragirter Anhänger der antisemitischen Fraction, der Herausgeber und geistige Leiter des „Detailhändlers" Herr H e n t l, sowie dessen Complice der Drucker dieses Blattes Herr S ch m i d hinter Schloß und Riegel gesteckt. Sie betrieben den Cautionsschwindel mit einer Frechheit und Unverschämtheit, die alles Maß übersteigt. Sie engagirten Beamte für die Genossenschaft der Gemischtwaarenverschleißer, nahmen denselben Cautionen in der Höhe bis zu fl. 1000 ab. Die Beschädigten meldeten sich bei der Genossenschaftsvorstehung, um ihre Stellen - anzutreten, und hier wurden sie belehrt, daß sie Schwindlern zum Opfer gefallen sind. DerDetailhändler" wardas Organ der Opposition unter den Gemischtwaarenverschleißern und wurde von demselben stets gegen die liberale Borstehung der Genossenschaft in ganz unerhörter Weise losgezogen und dieselbe beschimpft. Mit welcher Frechheit diese Beiden vorgingen, beweist folgender Brief, den die Redaction des „Detailhändlers" an die Borstehung der Gemischtwaarenverschleißer richtete, als sich dieselbe entschieden gegen das Treiben des Herrn H e n t l verwahrte und der zu einer Zeit an die Genossenschaft gerichtet wurde, wo Hentl und Schmid schon ein Dutzend Leute um ihr saures Erspartes betrogen hatten. Der Brief lautet: „Löbliche Borstehung der Gemischtwaarenverschleißer in Wien! Die ergebenst gefertigte Redäction bittet Sie, Jeden, der bei Ihnen wegen eines Postens anfragt, bei der Thüre hinauszuwerfen! Die Redaction beschäftigt wohl einige Agenten, hat aber nie Cassiere mit Caution ausgenommen und hat überhaupt keine Leute mit Caution beschäftigt. Die Redaction hat auch nie irgend Jemanden gesagt, daß sie mit der Genossenschaft in irgend einer Verbindung steht, und ist diese niederträchtige Machination auf einen Gegner zurückzuführen, der Leute zu Ihnen schickt, um uns bei Ihnen in irgend einer Weise zu verunglimpfen.