Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Veürrreichilrtze WochrnschrM Sette 721 Nr. 38 schrieb ein anderes: „Dann bekamen wir Lebergulyas und aßen uns gut an". Ein Knabe scheint sehr folgsam zu sein, denn „unter Leitung des Herrn Lehrers schöpft er sogar im angrenzenden Garten Lust". Dem Herrn Grafen „brachten sie ein Hoch bei und er war über diese Wohlthätigkeitsehr erfreut" u. A-m- Die besonders frommen Knaben reproduciren oft ganz gute Auszüge der jeweiligen Predigten des Herrn Rabbiners und so schreibt jeder über das, was ihn am meisten interessirt. Das allgemeine Interesse aber erregt sogar in den Tagebüchern das Essen. Das ist und bleibt doch die Hauptsache. Heiteres gibt's noch viel in der Colonie. Eines Tages kam ein wandernder Taschenspieler nach Schattmannsdorf und erklärte sich bereit, gegen mäßige Entlohnung den Knaben seine Künste zu zeigen. Vielen zeigte er auch die Kniffe und Griffe, so daß sie im Stande waren, die kleinen Stücke oft mit Geschick zu wiederholen. Eines Vormittags spielten die Kinder im Walde ein beliebtes Versteck- und Fangspiel, „Indianer und Trapper" genannt. Daß sich die Trapper in den Tagebüchern bei näherer Besichtigung als „Traber" Herausstellen, muß man verzeihen. Während der heftigsten Verfolgung geriethen mehrere der milchendsten Trapper in ein Wespennest und so Mancher trug schmerzliche Erinnerungen an seine Heldenthaten davon. Zum Schluffe kam es zu einer großen Debatte, da beide Parteien sich den Sieg zusprachen. Kurz und bündig entschied schließlich ein kleiner Schlaukopf die Frage mit den Worten: „Die Wespen haben gesiegt", und sofort wurde der Sieg diesem „unparteiischen Dritten" zugeschrieben. Ein Knabe spricht im Schlafe. Naturgemäß beschäftigten sich seine Gedanken auch zur nachtschlafenden Zeit mit Exercirübungen und dem edlen Kriegshandwerk. Er fühlt wie weiland Karl Moor eine Armee in seiner Faust und commandirt schlafend: „Habt Acht, Rechts schaut", u. s. w. Seine Schlafkameraden verliehen ihm daher taxfrei den Titel „Nachtcommandant". Selbstverständlich spielen derartige Ereignisse in den Tagebüchern eine große Rolle. Verlassen wir nun die Knaben in Schattmannsdorf und blicken wir nach den 35 Mädchen in P etr au in Mähren. Hier ist ein großer Schlafsaal und eine gedeckte Speiseveranda. Vor dem Hause befindet sich eine Wiese, in der Nähe ist ein Wald und der herrliche Straßnitzer Park. Einen großen Vorzug gegenüber den Knaben besitzen die Mädchen, nämlich ein herrliches Bad im Marchflusse. Eine rührige Comitödame besuchte beide Serien und hinterließ den Mädchen gewiß ein gutes Andenken, indem sie ihnen allerlei Eßbares sandte. Auch die Dame äußerte sich lobend über die Colonie. Außerdem wurde ihnen eine große Ehre zu Theil, indem sie der Besitzer der Rohatetzer Zuckerfabrik, Herr Reichsrathsabgeordneter A u s p i tz, zu einer Jause in seinem Fabriksgarten einlud. Die Fabrikseguipage holte die fünf schwächsten Mädchen nach R o h a t e tz ab, während die übrigen unter Führung des Fräuleins durch den Wald marschirten. Der Empfang war ein äußerst herzlicher. Die Kinder erhielten, von Kellnern servirt, Kaffee und Kuchen in wiederholten Portionen, spielten hierauf Kreisspiele im Fabriksparke in Anwesenheit der Rohatetzer Honoratioren, so auch des Stationschefs. Das Fräulein reihte beim Spiele hiezu auch die kleinen Söhne und Töchter der Beamten ein. Dann bekamen die Kinder Bier aus vollem Faße, und die Söhne der Beamten machten die Ganymede tinserer Kinder. Mit einem Korb süßen Backwerks, nachdem sich die Kinder mit Gesang und Declamation revanchirt und tausendmal gedankt hatten, kehrten alle auf zwei Leiterwagen nach Hause. Solche und ähnliche Episoden bilden für die Kinder eine sehr erwünschte Abwechslung. Die Kinder sind auch recht dankbar und bereiten oft ihrem Lehrer, ihrem Fräulein und ihrer Nährmutter spontane Ovationen. Auch sind sie bemüht, durch brave Aufführung und kleine Gefälligkeiten die Wohlthaten, die ihnen von Seiten ihrer Gönner und Vorgesetzten erwiesen werden, halbwegs wettzumachen. So bildet man in den jugendlichen Gemächern die Dankbarkeit aus und regt sie zugleich dazu an, in späteren Jahren der künftigen Generation vielleicht ähnliche Wohlthaten zu erweisen. _ Die Heimfahrt am 4. September machten die Mädchen, da die III. Classe überfüllt war', in einem Waggon II. Claffe, und ein Mädchen berichtete in Wien ihrer Mutter glückstrahlend: „Denk' Dir Mutter, ich bin in einem auswattirten Waggon gefahren". Bei der Ankunft der Colonien am Bahnhofe in Wien, zeigte sich der wohlrhätige Einfluß der Expedition augenscheinlich sowohl in dem prächtigen Aussehen der Kleinen als auch in dem wohldisciplinirten Verhalten derselben. In der That waren sowohl die anwesenden Mitglieder des Comitös als auch die ganz glücklicherr Eltern freudig überrascht von den Resultaten eines einmonatlichen Ferienaufenthaltes. Nahezrr 200 Kinder fanden ausgezeichnete Erholung, die sie für das bevorstehende Schuljahr kräftigen soll. Es nahm aber nicht nur die Zahl der Colonisten zu, die Erfahrungen des Vorjahres kamen ihnen in nicht zu unterschätzendem Grade zu Gute. Hoffentlich wird das nächste Jahr nach beiden Richtungen Fortschritte aufweisen, so daß die rührigen Comitedamen und herzensguten Wohl thäter an den immer glänzenderen Resultaten eine stetig gesteigerte Freude haben werden. Richard Grünfeld. Unsere Glaubensgenossen in Palästina. Jaffa, 3. September. (Orig.-Corr.) Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat bereits zu wiederholten Malen ihre Aufmerksamkeit den Zuständen in Palästina und den Schicksalen unserer hiesigen Glaubensbrüder zugewendet, und die Letzteren haben diese Fürsorge und Theilnahme mit herzlicher Freude und aufrichtiger Befriedigung wahrgenommen. Die vorangegangenen Berichte entheben mich der Nothwendigkeit, die örtlichen Verhältnisse vor dem Wiederbeginne der von den Juden ausgegangenen agriculturellen Thätigkeit zu schildern. Man weiß, welchen Antheil an dieser Thätigkeit 'Baron Edmund von Rothschild genommen, dessen Verdienste um die Anlage und Unterstützung der Privat- Colonien unermeßlich sind. Seine Wohlthaten und Opfer, seine Begeisterung, Liebe und Sorgfalt für das von ihm in Angriff genommene Werk sichern ihm dauernden Ruhm in der Geschichte des jüdischen Volkes. Er hat den Sinn für Arbeit, Religion und Sittlichkeit in Palästina wiedererweckt und es ist ihm die Freude beschieden, daß seine rnenschenfreundlichen Pläne auch thatsächlich Leben und Gestalt gewinnen. Es gibt bereits achtzehn neue jüdische Colonien in Palästina, von denen "insbesondere Rischon l'Zion in der Nähe von Jaffa und Sichron Jacob, sechs Stunden von Chaifa, blühende Gemeinwesen geworben sind. Sie verdanken ihr Gedeihen, ebenso wie Pessach Thikwah, fast ausschließlich der Fürsorge des Baron Edmund Rothschild. Es ist eine wahre Herzensfreude, zu sehen, wie auf jeder Arbeit, fast möchte ich sagen, auf jeden Spatenstich der sichtbare Segen Gottes ruht. Wenn auch die jetzige Generation noch mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, so muß man doch mit Befriedigung constatiren, daß die erzielten Resultate zu den schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigen. Die socialen Verhältnisse und allerdings im Allgemeinen noch sehr traurige. In den Städten herrscht Fanatismus und Trägheit. Die Intelligenz besteht fast ausschließlich aus geistlichen Missionären und Functionären verschiedener europäischer Wohlthätigkeitsanstalten. Letztere betreiben ihre Angelegenheiten ganz selbstständig, da fast jede einheitliche Leitung und Controle fehlt, und suchen einander zu verdrängen. Die christliche Bevölkerung ist zum größten Theile fanatisirt, zum kleineren Theile durchaus irreligiös. Unter den Letzteren gibt es viele moralisch verkommene Individuen, welche ein böses Beispiel geben. Ein normaler, arbeitsamer Mittelstand fehlt. Es ist kein Wunder, wenn auch hier die Juden vielfach auf Gehässigkeit und Feind-