Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 720 Orsterreichifche Wochenschrift Nr. 38 Verhältnisse ihrer Angehörigen, nach gründlicher ärztlicher Auswahl aus Der großen Zahl der Bewerber in die Colonien entsendet wurden. " Im Nachfolgenden habe ich versucht, ein kleines, wenn auch nicht vollständiges Bild der von mir besuchten Colonien zu liefern. Eine ermüdende Postfahrt aus schlechter Straße führt von der Bahnstation Modor-Schenkwitz nach Schattmannsdorf in Ungarn. Der s lovakische Postillon, bemüht um das Amüsement seiner Passagiere, macht dieselben aus die allerdings nur spärlich vorhandenen Sehenswürdigkeiten der Gegend, wie Straßentafeln in zwei Sprachen, die auf imposanter Höhe befindliche Bibersburg, von verschiedenen Seiten gesehen, eine Abzweigung nach der schönen Pilla rc. aufmerksam. In Schattmannsdorf, einem unregelmäßigen, am Fuße eines Berges sich anlehnenden, slovakischen Dorfe, angelangt, sahen wir einige Knaben in Tricots und Defregger-Hüten, und der Postillon, glücklich, mir eine ganz moderne Specialität Schattmannsdorfs zeigen zu können, rief mir begeistert zu: „Das ist die Colonie". Die Kinder, deren einige mich alsbald erkannten, empfingen mich sehr herzlich, ebenso die Pflegepartei und der Lehrer, Herr- Mautner, in dem ich einen tüchtigen Pädagogen erkannt». In dem großen Wirthschaftshofe fällt ein langgestrecktes Gebäude auf, das die Aufschrift „Wiener israelitische Feriencolonie" in großen schönen Lettern trägt. Der Flügel enthält drei miteinander verbundene Schlafsäle und eine Veranda, die als Speisesaal dient. Die einfachen, aber reinlichen und nett gehalten-n Betten sind in zwei Reihen aufgestellt und numerirt. Vor jedem Bette befinden sich kleine Bänke mit dem Rucksack und, dein Gewehr des kleinen Besitzers, sowie in jedem Zimmer Hausordnung, Stundeneintheilung und die Namensliste der Bewohner. All das gewährt einen schönen Anblick und zeigt den Charakter der vollendeten O.dnung. Hierauf zeigten mir die 55 Knaben, welche als zweite Serie der Knabencolonie Schattmannsdorf im August in der Colonie wellten, ihre Künste, die sie unter der Leitung eines tüchtigen Militärs erlernt hatten. Die sonst schwächlichen un.d kränklichen Knaben entpuppten sich nämlich alsbald als regelrechte Soldaten. Auf das Commando „Antreten" stellten sie sich in Front auf, empfingen die mit der Post eingelangten Briefe von Eltern und Geschwistern, erhielten den Tagesbefehl für den nächsten Tag und ordneten sich hinauf nach Zügen. All das geschah unter strengster Ruhe, in strammster Haltung, und man fühlte ordentlich die Hand des disciplinhaltenden Lehrers heraus. Die Knaben find nach der Größe in acht Züge eingetheilt, die acht tüchtigsten sind Unterofficiere und stolziren mit einem rothen Bändchen am Arme im Hochgefühl ihrer Würde umher. Sämmtliche Knaben erhielten geschnitzte Holzgewehre und executircn die militärischen Gewehrgriffe und Marschübungen mit Lust und Liebe, daher auch mit Fleiß und Aufmerksamkeit. Oben im Garten ist eine große schattige Wiese, die wie geschaffen erscheint für soldatische-Uebungen. Selbst die Friedensfreunde, die heftigsten Gegner des schrecklichen Krieges, hätten ihre helle Freude an den strammen Bewegungen der uniformirten Kinderschaar. Die Kinder erhielten nämlich alle blaue Leinwandblousen. wie sie die Aufspritzer oder manche Arbeiter bei socialistischen Versammlungen in Wien tragen, und Defregger-Strohhüte. Diese Gleichheit in der Kleidung ist nicht nur praktisch, sondern auch wohlthuend fürs Auge. Am Morgen um 6 Uhr steht der Schwarm auf, die Barmizwahbuben gehen in den Tempel. Der Herr Rabbiner Frankl-hat oft Freude an den frommen Jungen, wie zur Ehre der Wiener sei's gesagt, die meisten, sehr schön mitbeten und andächtig auf die Worte des Heran Rabbiners lauschen, die er allsabbathlich an sie hält. Ich war gerade an unseres Kaisers Geburtstag an gekommen und der Herr Rabbiner feierte in seiner Predigt auch den Monarchen in formvollendeter und geistvoller Rede. Die Knaken hatten anläßlich dieses patriotischen Festes ihren Speisesaal mit den Bildnissen des Kaisers und der Kaiserin decorirt und die Bilder mit Blumen geschmückt. In schönster Ordnung geht die Ausspeisung der fünfundfünfzig Knaben bei ihren regelmäßigen fünf Mahlzeiten vor sich. Jedes Kind hat seinen numerirten Platz, den es geräuschlos einnimmt, sobald das Zeichen gegeben ist. Das Essen mundet den Kindern sehr und scheint ihnen gut zu bekommen, denn alle haben erheblich an Körpergewicht zugenommen, und selten läßt einer etwas stehen. Nach dem Essen spricht regelmäßig einer der Knaben das Tischgebet vor. Nachmittag unterhalten die Jungen sich mit Spiel, lesen Bücher, einige turnen und andere strecken sich im grünen Gras aus. Hierauf wird exercirt oder ein kleiner Spaziergang unternommen. Diese Spaziergänge scheiden sich in solche „mit" und „ohne", nämlich Gewehr. Bei ersteren ordnen sich die Knaben nach Viererreihen, die Unterofficiere treten vor ihren Zug, und der wackere General, ein ausgedienter Einjährig-Freiwilliger, an der Spitze. Einer der Knaben meldete sich als Trommler und bewährt sich vortrefflich, indem er den Schlägel geradezu „mit Gefühl" schwingt und sich gleichzeitig als „taktvoller" Junge erweist. Im schattigen Walde macht man Rast, die „Bagage", so heißt der Train, bringt die Fdurage, und hierauf „wird gespeist nach Belieben". In der That sind die Spaziergänge in die Umgebung äußerst lohnend. Die Kinder unternehmen natürlich nur kurze, da ihnen ja nur ein halber Tag zur Verfügung steht. So ist der Ausflug nach der hohen Bibersburg, die, in einem prachtvollen Parke liegend, eine werthvolle Schatzkammer birgt, dem alten jüdischen Friedhof, hoch im Gebirge romantisch gelegen, dem Hirschensprung, einem 15 Meter hohen Felsen, den Thal der Pilla sehr bequem. Für größere Excursionen eignet sich der Soliron, ein Jagdschloß des Grafen Palffy, das ganz einsam gelegen ist, wie geschaffen erscheint für eine Feriencolonie, obwohl ein Ziegel zum Baue 5 ft. kostet«-, die Fischteiche ander Barina u. a. m. Selten begegnet man einen: einsamen Wanderer, und die Waldgeister nicken ordentlich ganz erfreut beim Empfang eines Besuches. Sonntag, den 20. August, war der Namenstag des Grafen Stefan Palffy, des Schloßheran der Bibersburg und Besitzers der umliegenden Gegenden. Derselbe hatte die Colonie einige Tage vorher mit seinem Besuche beehrt und war so wie andere Honoratioren, welche öfters die muntere Schaar besuchen. von dem Gesehenen befriedigt. Die Colonie erwiderte jenen Besuch bei dieser paffenden Gelegenheit. In strammer Haltung und Ordnung wurde in den Schloßhof einmarschirt, die Knab n machten Front, und Herr Mautner ließ die Colonie beim Grafen anmelden. Als dieser in den Hof kam, hielt der Lehrer an ihn eine Ansprache, in welcher er einerseits für seinen Besuch dankte, anderseits anläßlich des Namenstages die Gratulationen der Colonie übermittelte. Nach dreimaligem Hoch erwiderte der Graf, sichtlich erfreut, Folgendes: „Ich danke Ihnen be-siens für Ihre Gratulation. Obwohl ich strenger Katholik bin, so freut es mich doch, zu sehen, wie die anderen Confessionen die arme Jugend pflegen. Seien Sie überzeugt, daß ich diese wohlthätige Institution stets nach meinen Kräften fördern werde." Er erkundigte sich hierauf in liebenswürdiger Weise nach der Leitung, fragte, wer an der Spitze stehe und als ich ihm hierauf als Sohn der Präsidentin vorgestellt wurde, erinnerte er sich an deren vorjährigen Besuch, den diese in Begleitung der Frau Graf dortselbst gemacht hatte. Unter brausenden Hochrufen erfolgte der Abmarsch. Die einzige Arbeit, welche die Colonisten zu leisten haben, ist das Tagebuchschreiben. Täglich nach dem Frühstück schreibt jedes Kind ein oder zwei Seiten, die Erlebnisse und Eindrücke des vergangenen Tages. Das Tagebuch muß von den Kindern selbst verfaßt werden und sind die manchmal recht gelungenen Stylblüthen der beste Beweis für die Originalität der Verfasser. Während ein Mädchen in Petrau schrieb, „sie habe schon Vieles über die Schönheit der Tropen gelesen, so schön I aber wie der Wald bei Petrau könne es dort unmöglich sein",