Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 38 Orfirrreichlfchr Wochrnschrifk Seüe 71S Beschuldigung des Ritualmordes involvirt also wirklich eine Ehrenbeleidigung? Diese Rechtsanschauung ist zum Siege gelangt, darüber gibt es jetzt natürlich keine Kritik mehr. Vorher hätte ich wohl gedacht, daß nur hyperempfindliche, mimosenhafte, übertrieben sensitirte Naturen sich durch die schalkhaft hingeworfene Bemerkung, sie hätten ein Kindesmördchen auf dem verehrten Gewissen, verletzt fühlen könnten.... Paulus Meyer, Du hast Deinen Blutritualfreund schmählich im Stiche gelassen. Der Schmerz, daß Du nicht doch die tausend Gulden für den Widerruf genommen, durchzitterte jedes Deiner vielen Worte. Welche Seelenpein, das gratis und gänzlich unentgeltlich widerrufen zu müssen, wofür man eine verflucht runde Summe in die abgrundtiefe Tasche des geistlich zugeschnittenen Leibrockes hätte verschwinden lassen können. Ich begreife das gramerfüllte Gemüth des Trefflichen vollkommen. Dieser Umstand hat wohl seinen klaren Geist zerrüttet, seine Gesundheit untergraben. Er möge daran Genüge finden, daß Rohling, der es doch wissen muß, ihn für einen Ehrenmann erklärt hat. Wenn er es ihm beeidet hätte, ja dann wäre allerdings daran zu zweifeln gewesen — aber so kann er sich unbedingt darauf verlassen. — Eine schwere „Mießion" hatte Paulus, der sich durch Dauer-Reden und Schnell-Schwätzen herausarbeiten wollte. Die Geläufigkeit seiner Zunge ist wirklich erstaunlich, Pumpo. Dem flinksten Plauscher kann er ganz gut drei Stiefel vorgeben und er schwätzt ihn doch sicher ein. Er ist der geborene „Mießionär". Erkann drei Leute zugleich zu vier verschiedenen Religionen bekehren und gleichzeitig seiner Braut oder seinem-sagen wir „Bräutigam" eine Blutnovelle in die Feder dictiren. Ob die Unterschrift echt oder gefälscht war auf dem Original-Manuscript ist nicht entschieden worden. Man hätte doch den Ernst Schneider als Schmachverständigen im Fälschungsfache befragen können. Er hätte am Ende die Unterschrift für „echt gefälscht" erklärt. . . Eine interessante Persönlichkeit ist und bleibt doch der Paulus. Er kann sich nach Ablauf von einigen Monaten für Geld sehen lassen, in einer Bude und einer muß ausrufen: „Hier ist lebend zu sehen der berühmte Paulus Meyer, der einzige Mensch von dem Bergani nichts annimmt. Herrreinspaziert! Antisemiten vom Pfarrer abwärts zahlen die Hälfte!" Auch die Geschichte mit der Wohnung ist mir im Verlaufe der Verhandlung, so aufmerksam ich ihr auch zu folgen versuchte, nicht ganz klar geworden. Haben Paulus Meyer und Braut im Pfarrhofe zu Weinhaus gewohnt oder logirt oder sich häuslich niedergelassen oder Gastrecht genossen, — oderblos wiederholt übernachtet. Das ist nicht so leicht entschieden. Das hat seine Feinheiten, die mit juristischem Scharfsinne interpretirt werden wollen. Ich,. Tentobold zum Beispiel habe eine Wohnung, für die ich meinen Zins regelmäßig und pünktlich schuldig bleibe. Diese Wohnung ist auch höchst standesgemäß möblirt mit einem Stiefelknecht, verschiedenen zerfetzten Nummern „Unverfälschte Deutsche Worte", einer porzellanernen Schönerer-Pfeife, einer schwedischen' Zündholzschachtel und zwei festen Schlägern. Bett brauche ich keines, weil ich brautlos durch das Leben walle und andererseits nie zu Hause schlafe — überhaupt nicht nach Hause komme. Ich bin eben im Kaffeehause wohnhaft und zuständig in meiner Stamm-Ecke — dort w ohne ich eigentlich. So ähnlich wird es sich wohl auch mit Paulus nebst Braut verhalten haben, die, obwohl sie eine Wohnung hatten, es dennoch vorzogen, zeitweilig im Hotel Deckert in Weinhaus zu übernachten. Doch das ist ja gleichgiltig, wo man gewohnt hat, maßgebend und weitaus wichtiger ist, wo man wohnt und wohnen wird. Und das ist ziemlich bestimmt. Ich bin gewiß kein Jurist. Aber die Klagelegitimation schien mir doch lückenhaft. Wer weiß, ob nicht die höheren Instanzen daran Anstoß nehmen werden, daß das geschächtete Christenkind sie nicht mit unterfertigt hat, welches doch die Hauptperson von der ganzen Geschichte ist. Du wirst sehen Pumpo, das ist ein Haken. Mein Jnstinct täuscht mich nicht. Ich habe diesen meinen Einwand einem scharfsichtigen Rechtskenner vorgetragen. Der hat mich ausgelacht: „In Ostrowo und zwanzig Meilen in der Runde gebe es überhaupt keine Christenkinder und schon deshalb sei der Ritualmord Blödsinn." Thut nichts. Ich und Deckert wir haben eben andere wissenschaftliche Anschauungen darüber, ganz andere. Deckert hat es gesagt, so offen heraus als ihm nur möglich: Dies seien wissenschaftliche Forschungen, gelehrteUntersuchungenund damit hatte er meiner Ansicht nach auch vollkommen recht. Ein „Schoichet" ist ein Mann der Wissenschaft und zu bedauern ist blos, daß keiner dieser Gelehrten der Akademie als schächtendes Mitglied noch beigetreten ist. Und was halten Sie von der ganzen Geschichte, liebreizendste aller Sitzcassierinnen, holdselig lächelnde Mila? Sie bedauern die arme Braut? Sie weiches Zuckerherzchen, Sie mitfühlendes Seelchen. Vier Monate find ja nicht allzulange. Sie wird es schon aushalten. Sie muß sich eben gedulden, so gut es geht. Sehen Sie mich an, der ich vier Jahre schon in hoffnungsloser, unerwiderter Leidenschaft dahinsieche und verschmachte. Johannes, was schleichen Sie denn mit eifersüchtigen Othelloblicken um mich herum? Wollen Sie mich etwa schächten? Unterstehen Sie sich. Ich weiß schon lange, daß Sie eines Ihrer Kalbsaugen auf Mila, die Reizende, geworfen haben. Mit so einem schäbigen Nebenbuhler muß ich Teutobold der Judenfresser und Cognactrinker vorlieb nehmen. Trolle Dich Knecht, sogenannter Zählkellner, dorthin wo gezahlt wird, aber mich lass' in Ruh — bei meinem und meiner Schwarzen. Mila, wollen Sie meine Braut werden?? Es ziehet mich zu Ihnen — eine geeignete Wohnung ist zwar nicht so bald gefunden — aber wir können ja unterdkssen bei irgend einem gastfreundlichen geistlichen Herrn absteigen — nicht „wohnen", Gott bewahre, sondern nur übernachten — Sie erröthen Mila—Sie erheben die Hand — zum Schwur? — Nein, leider nicht zum Treuschwur... Ei das war ja eine veritable Ohrfeige, wie ich sie Ihren zarten Händchen gar nicht zugetraut. „Ich soll mich anständig benehmen?" Ist denn das nicht anständig, wenn ich Sie, die Erkorene meines Herzens, gleich zum Priester führen will? Anständiger, man kann nicht. Haben Sie einen guten Styl, Mila? Eine Braut muß das haben! Ich dictire Ihnen dann meine Schreibebriefe an Pumpo. Sie corrigiren sie, das kann nicht schaden. Wollen Sie? He? Sie schütteln wiederum verneinend das schönfrisirte Köpfchen — ich weiche aber diesmal drei Schritt zurück, um nicht in der Schlagweite Ihres holden Patschhändchens zu weilen. Und warum verschmähen Sie mich denn eigentlich, „Weil ich ein Narr bin?" Und woher wissen Sie denn das, wenn ich fragen darf? Das muß Ihnen Johannes der Geldereinnehmer verrathen haben. Wo ist er? Ich schneide ihm beide Ohren ab. Bis dahin verbleibe ich Dein alter Freund Teutobold. Aus unserer Ferienrolonie. Bei der allgemeinen Sympathie, welcher sich dermalen Feriencolonien erfreuen, ist es begreiflich, daß man in den verschiedensten Kreisen dieser Institution großes Interesse entgegen bringt. Kein Wunder, daß Einzelne, sowie Corporationen in dem Bestreben wetteifern, die Zahl der zum Landaufenthalte zu entsendenden armen Kinder zu vergrößern. Neue Colonien entstehen, die gesündesten Gegenden, einsame Ortschaften werden ausfindig gemacht, welche durch das Eintreffen der kleinen Gäste belebt werden. Das stille Schattmannsdorf oder Petrau, von denen früher nie die Rede war, sind jetzt in Mer Munde, seitdem die israelitischen Feriencolonieen dort untergebracht sind. Bei meinen vielfachen Beziehungen zu diesen Colonien hatte ich selbstverständlich ein begreifliches Interesse, die praktische Ausführung jener Pläne zu sehen, die in meiner Anwesenheit theils am grünen Tisch, theils im Familienkreise gefaßt wurden. Ich wollte das Leben und Treiben der Kleinen sehen, welche nach sorgfältiger Untersuchung der Vermögens-