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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-22 · 38 (22.9.1893) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 Vestrrreichifchr Wochenschrift Seite 717 in den Spalten des „Vaterland" hat hinlänglich gezeigt, was wir von der Loyalität des „Vaterland" zu erwarten haben. Daß wir im Rechte waren mit unserem Vorgehen, dafür citiren wir das Urtheil der „Neuen Freien Presse" am Schlüsse des Leitartikels vom 17. September: „Es darf als ein Glück gepriesen werden, daß die furchtbare Beschuldigung und die Männer, von denen sie ausgestreut wurde, so rasch ans Licht des Gerichtssaales gebracht werden konnten, denn es hätte sonst namenloses Uicheil entstehenkönnen." „Daß es in dem.einem Falle so rasch und so gründlich gelungen ist, die Lüge als Lüge zu brandmarken, das mahnt nur daran, daß es tausend andere gibt, die nicht so einfach liegen." „Nur das gewährt einige Hoffnung, daß das Charakterbild derer, die den Antisemitismus machen, sowie es auf dem Hintergründe dieses Processes sich abzeichnete, nicht sobald aus dem Gedächtnisse der Zeitgenossen verschwinden wird. Soviel wird vielleicht auch Mancher aus der minder scharfsichtigen Menge aus dem Processe mitnehmen, daß Leute, welche solche Auffassungen von Moral, Pflicht, Wahrheit und - Ueberzeugung bekunden, wie sie in diesem Straffalle zu Tage ü'aten, keinen Beruf haben, Lehrmeister der Massen zu sein. Im klebrigen ist nur zu wünschen, daß sich jedesmal, wie in diesem, alle rechtschaffene Männer finden mögen, welche es sich nicht verdrießen lassen, der Verleumdung und absichtlichen Irreführung auf allen krummen Wegen, die sie einschlägt, nachzugehen, sie in alle Schlupfwinkel zu verfolgen und sie womöglich dorthin zu bringen, -wo sie sich nicht mehr verkriechen kann: in den Geri ch lssaa l." Ein Altenheim in Prrtzburg. Das unzweifelhafteste Kennzeichen der Civilisation ein:s Volkes ist die Ehre, die man den Alten erweist, das Verhalten Denjenigen gegenüber, die wohl über die Erfahrungen des Lebens, nicht mehr aber über die volle Kraft des Lebens verfügen. Man unterschätze es nicht, daß in den Geschlechts- und Völkerregistern der Bibel die Lebensjahre angegeben sind. Das beweist, daß das Volk der Juden in einer uralten Culturgeschichte wurzelt und daß in der semitischen Welt frühzeitig das Alter geehrt wurde. Ein Methusalem ist nur möglich, wo eine bestimmte Civilisationsstufe erreicht wurde, wo nuloe Sitte herrscht und die Ehrfurcht vor den höheren Mächten zu einer Religion mit geistigem Gehalte sich verklärt hat. Das bekannte Gebot der Bibel, welches den Weisen des Volkes, den Patriarchen der Familie und des Stammes einen ehrgebietenden Rang anweift, ist ein glänzenderes Denkmal der im Judenthum lebenden Cultur, als stolze Bauten und weitläufige Ruinen es zu sein vermöchten. Demnach mag die Stiftung beurtheilt werden, die jetzt in Preßburg ins Leben treten soll. Es ist ein schöner Gedanke, der warme Sympathien und thalkräfti^e Unterstützung verdient, eine Anstalt zu gründen, in welcher die Alten und Siechen ein Asyl finden, ein gemächliches und sorgenfreies Heim in den letzten trüben Tagen des Erdenwallens. In der Bibel fehlt es nicht an pessimistischen Aeußerungen über den Inhalt des Menschenlebens, auch nicht an Schilderungen des Alters. Wir erinnern an die durch geistreiche Selbstironie gemilderte Schilderung in Koholeth und an die tiefempfundenen Worte: „Wirs uns nicht weg in der Zeit des Alters, wenn unsere Kräfte verschwinden, verlaß uns nicht." Daran erinnerte sich der edle Phtlantrop Joel Wolf, der Präses der israelit. orthodoxen Gemeinde in Preßburg, und er gründete eine Stiftung mit der namhaften Spende von 8000 Gulden, eine Stiftung für die Alten und Siechen der Preßburger Judengemeinde. Unter dem Protectorate Sr. Ehrwürden des Preßburger Oberrabbiners B. Schreiber hat sich ein Actionscomits gebildet, um diese Stiftung in's Leben zu setzen, die weiteren Mittel zu deren Activtz-Upg zu beschaffen, und an Alle ergeht nun der Ruf, dazu beizutragen an Alle ergeht das: „Wirf uns nicht weg in der Zeit des Alters, wenn unsere Kräfte schwinden, v.rlaß uns nicht." Preßburg ist nach vielfacher Richtung hin eine merkwürdige Stadt. Es fehlt der alten Krönungsstadt nicht das Diadem einer glänzenden historischen Vergangenheit. Die Donau scheint sie von der einen Seite, ein hochragender Berg sie von der anderen Seite zu beschützen. In den Tagen, wo in Ungarn noch die Ursilten herrschten, konnte sie als die Eingangspforte des Orients angesehen werden. Aber auch in anderem Sinne war sie die Eingangspforte des Orients geworden. Die weltberühmte Jeschiba, die Tatmud-Hochschule, sie lehrte die Weisheit des Orients und die Schüler strömten herbei aus allen Weltgegenden. Ueber die Jeschibas und über ihre Rectoren, die Großrabbinen, läßt sich sehr viel sagen. Wenn Anstalten dazu dienten, um eine Religion, die Gebräuche und Traditionen eines alten Volksthums, um die Erbschaft der Bibel zu erhalten und zu beschützen, um die Weislhümcr der Vergangenheit zu retten, um Tausenden von Gemeinden jene Führer zu geben, die dafür sorgten, daß der Sinn für- Sittlichkeit und kräftiges religiöses Leben nicht entschwinde, so haben diese Anstalten einen welthistorischen Beruf, und im Sinne des Judenthums sogar den höchsten Zweck erfüllt. Preßburg war und ist der Sitz einer solchen Jeschiba und als dort der berühmte Rabbi Moscheh Sofer residirte, da entwickelte sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft, überstrahlte an Glanz alle anderen Jeschibas und war ein Centrum wie einstens die Hochschulen in Babylon und Palästina. Aus ihr sind bis auf die neueste'ZeitFührer und Lehrer hervorgegangen. Wir appelliren nicht an die streng orthodoxen Juden und auch nicht an die Reformjuden, das heißt wir kehren uns nicht an solche Unterscheidungen; wir tuenden uns vielmehr an Alle, welche in gerechter Objectivität die verschiedenen Erscheinungen des Judenihums nach ihrer historischen Bedeutung würdigen und die vom Geiste des Judenthums sich erfüllt wissen, wie frei auch sonst ihr Denken und ihr Urtheil sich bewegt. Das Judenthum ist der Stadt Preßburg zu Dank verpflichtet und wie ließe sich dieser Dank besser abstatten, als durch Beiträge zu der wohllhätigen Stiftung, die jetzt ins Leben treten soll. Diejenigen, die einst» ns als Schüler in Preßburg ihre Jugendzeit durchlebten, sich einer gastfreundlichen Aufnahme, oft auch einer werklhätigen Unterstützung erfreuten, heute an der Spitze von Gemeinden stehen oder einflußreiche Persönlichkeiten iu den Gemeinden sind, sie mögen in Wort und That sich bemühen, damit Diejenigen einen Zufluchtsort für ihr Alter finden, die ihnen vielleicht in der Jugend die jüdische Hand dargeboten haben, die die Gabe niemals verweigert, die dem Dürftigen die Thüre öffnet und ihn zum Ehrenplätze am reichgedeckten Tische führt. Und die Kinder der heiligen Gemeinde Preßburg, die Söhne dieser Stadt, die in den verschiedensten Arten, in den verschiedensten Weltgegenden durch Fleiß, Begabung und Glück sich eine bedeutende Lebensstellung errungen haben, mögen sie der fröhlichen Kinderzeit gedenken und der Heimat durch einen Wohlthätigkeitsact den Gruß der Liebe entbieten. Durch den Beitrag von viertausend Kronen (zweitausend Gulden) wird man Gründer der edlen humanen Stiftung; aber auch der kleinste Beitrag ist willkommen, um das Werk zu fördern. Die Wandlungen in der Cultur, die Fortschritte in der Erkenntniß der Dinge bringen es mit sich, daß die Weisheit der Alten nicht mehr die Autorität besitzt wie in früheren Tagen. So gewähren wir ihnen wenigstens die Genugthuung, daß ein dankbares Geschlecht die Gegenwart in Liebe und Ehrfurcht ihnen das Alter zu verschönen sucht. „Du sollst Dir Zufluchtsstädte bauen" heißt es in der Bibel; jetzt ergeht das Gebot: „Baue Dir ein Zufluchtshaus", damit der von Unfällen Verfolgte und von Kräften Verlassene in seinem Alter Schutz finde." Auf den höchsten Bergen an der Grenze von Schnee und Eis bauen sie Schutzhäuser. Laßt uns ein Schutzhaus bauen an der Grenze Ungarns, damit die müden Wanderer eine Zu-

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