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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-22 · 38 (22.9.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 716 Oestrrreichtsche Wochenschrift Nr. 38 Wir unsererseits waren von der Verantwortung des Paulus Meyer keinesfalls überrajcht, wenn wir auch das Actenmaterial für den entgegengesetzten Fall vorbereitet hatten. Die Erfahrung, welche die Proceßgeschichte aller Zeiten bestätigt, hat es uns ahnen lassen, daß in der entscheidenden Stunde, im Angesicht des Gerichtshofes die verbündeten Ehrenmänner gegen einander auftreten werden, um die Hauptschuld von sich auf die Schultern des Anderen zu wälzen. So wenig waren wir von dieser Wendung überrascht, daß wir vielmehr sofort nach dem Erscheinen des mit der Unterschrift des Paulus Meyer erschienenen Pasquills in den Spalten des „Vaterland" an dieser Stelle der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, nicht Paulus Meyer, sondern der Pfarrer Dr. Deck er t ist der cigent-- liche geistige Urheber desselben. Dieofficiöse „Montagsrevue" erklärt: „Wir gestehen ganz offen, daß das „Vaterland", indem es den Brief in seine Spalten aufnahm, der ganzen österreichischen Presse ohne Unterschied der Parteistellung einen schweren Schaden zufügte und für sich selbst den Anspruch, ein Blatt gebildeter Leute zu sein, verwirkte." „Ein so hervorragendes Organ der öffentlichen Presse, das noch dazu einem Leserkreise dient, irr welchem die Begriffe von Wahrheit und Ehre auf die Degenspitze geschrieben sind, durfte sich nicht zu einer Veröffentlichung hergeben, welche den Stempel der böswilligsten Ersindnng und niederträchtigsten Verleumdung deutlich an der Stirn trug, dafür war weder die Lust am Skandale, noch das priesterliche Kleid des Herrin Dr. D eckert eine ausreichende Deckung." In seiner Rechtfertigung gegenüber den Lesern bemerkt das „Vaterland": „Wir haben es für unsere Pflicht gehalien, dem von dem Ex- Rabbi Bloch in unwürdiger Weise angegriffenen Pfarrer Dr. Deckert behufs nothgedrungener Berthcidigung die Publicität unseres Blattes zur Verfügung zu stellen. Der Ex-Rabbi Bloch erzwang die Fortsetzung auf Grund des § 19 des Preßgesetzes und auch Dr. Deckert sah sich gcnöthigt, diesen Brief, dessen Inhalt er für wahr hielt, zu publrciren." Wir unsererseits hielten es als Pflicht der Ehre und des Gewissens, die Hetzschrift des biedern Pfarrers, die nichts als eine große Lüge war, vor aller Welt bloß zu legen; wir waren in Kenntnis; des famosen Vertrages, welchen die beiden Geschaftsgenoffen Deckert und Paulus Meyer am 1. April mit einander wegen Lieferung von „Bluttexten" vereinbart haben. Die Vorkommnisse in Kolin und Holleschau zeigten deutlich, daß die Antisemitenbande auf einen gemeinsamen Befehl und einheitliche Leitung arbeitet und daß ein großer Schlag vorbereitet wird: Da war es unsere Pflicht Herrn Deckert und den Biedermännern des „Vaterland" gründlich ins Gesicht zu leuchten. In dem Morgenblatt vom Samstag entschuldigt sich das „Vaterland" seinen Lesern gegenüber wegen des unglücklichen Proceßausga nges. Da wird vor Allem an der Zusammensetzung der Geschwornenbank gemäkelt, weil — man höre und staune — die Vertheidiger der Herren Pfarrer Deckert und Doll sechs Geschworne, also die Hälfte der Jury, Doctor Griez de R o n z e aber keinen einzigen abgelehnt haben. Pfarrer Deckert und Doll hätten ja auch mit sechs Stimmen Nein fteigesprochen werden können, wenn ein Freispruch möglich gewesen wäre. Sodann spricht das „Vaterland" von den Wohlthaten, mit denen Pfarrer Deckert den Paulus Meyer bedacht. Diese Wohlthaten sind dem Meyer erwiesen worden, damit er ein Verbrechen begehe. „Und Meyer — wir citiren wörtlich — gefiel sich heute in der Ablehnung der Behauptung des Blutrituale und des Antisemitismus, den er so oft in deutschen Blättern bethätigt hatte". „Also für jene Wohlthaten" hätte Meyer noch vor Gericht die Blutlüge vertreten sollen! Sodann heißt cs wörtlich: „Dr. Deckert, der seinerzeit diesen Unwürdigen mit Wohlthaten bedacht hatte, erntete auch jenen Dank, den seinerzeit, wie wir es leider zu spat (??) erfuhren, auch die protestantischen Pastoren Norddeutsche lands empfangen hatten, und welcher den Herrn v. Bodelschwingh veraulaßte, in einem deutschen conservaiiven Blatte, gestützt auf das Attest von einer Anzahl anderer Pastoren, vor diesem seltsamen Convertiten mit Bemerkungen zu warnen, , welche vernichtender nicht gedacht werden können." , . „Leider zu spät erfuhren" — das ist eine plumpe Unwahrheit. Die Redacteure des „Vaterland" brauchen sich nur an das zu erinnern, was im „Vaterland" selber abgedruckt war. D.n „verhängnißvollen" Brief des Paulus Meyer- Hat das „Vaterland", in der Nummer vom 11. Mai abgedruckt. Allein in der Nummer vom 7. Mai war im „Vaterland" ein Brief des Abgeordneten Dr. Bloch erschienen, dessen Abdruck dieser auf Grund des § 19 des Preßgesetzes erzwang. Und am Schluffe dieses Briefes hieß es wörtlich: „lieber den aus Preußen ausgewiesenen Paulus Meyer, welcher mit eigenen Augen Alles gesehen haben will, mag sich Herr Dr. Deckert bei dem gewesenen Hofprediger Stöcker und den Berliner Antisemiten, die öffentlich vor ihm warnten, erkundigen." Das war eine loyale Warnung, eine Mahnung zur Vorsicht. Und als Herr Deckert darauf höhnisch bemerkte, daß diese-Warnung ganz „unnöthig" war, mußte das „Vaterland" am 10. Mai auf Grund des Preßgesetzes eine weitere Zuschrift des Abgeordneten Dr. Bloch abdrucken, in w.lcher nochmals hervorgehoben wird, „daß es nöthig scheint. Herrn Dr. Deckert auf die Natur nnd ans die Vergangenheit des Mannes aufmerksam zu machen, auf dessen Vertrauenswürdigkeit hin er seine schweren Anklagen gegen die gesummte Judenschaft in einem Journal wie das „Vaterland" wagen zu dürfen glaubt". Hern Dr. Bloch begnügte sich damit nicht, sondern citirte in dieser selben Zuschrift alle protestantischen Pastoren mit Namen, welche vor Paulus Meyer warnten, und fügte hinzu, „daß laut Mittheilung des Herrn Pastor v. Bodelschwingh („Berliner Tagblatt" vom 1. Oktober 1892 und des „Wächter" („Bielefelder Zeitung"! vom 27. September 1892), dieser es war, welcher „an das Polizeipräsidium in Berlin geschrieben, um demselben über den Menschen (Paulus Meyer) klaren Wein einzuschenken" und „unter polizeilicher Bedeckung über die Grenze" schaffen ließ". Die Antwort darauf war eine neue Verhöhnung und in derselben erwähnten Nummer publicirte das „Vaterland" eine Zuschrift des Herrn Pfarrer D eck e r t als Antwort mit nachstehender Stylblüthe über Paulus Meyer: „Wer übrigens dessen interessante Broschüre „Wölfe im Schassfell" gelesen hat, wird begreifen, warum ein v. Bodelschwingh und Cohn sorten, einschließlich D. Strack und Hirsch Hildesheimer sich seiner in Berlin zu entledigen suchten. M. wurde ihnen durch seine unerschrockenen Enthüllungen ans dem Gebiete der evangelisch-jüdischen Mission eben unbequem." Damals also zählte Pastor v. Bodelschwingh zu den „C o h n sorten". Heute will das „Vaterland" glauben machen, es habe „zu spät" davon erfahren. In Wahrheit waren die Antecedentien des Paulus M e y e v den Redacteuren des „Vaterland" und Herrn Deckert wohlbekannt, sie brauchten gerade ein solch verworfenes Individuum und haben auf seilte Schlechtigkeit gebaut, nun sehen sie leider, daß sie seine Verderbtheit überschätzt haben, daß er nicht jenen Grad der Verkommenheit besitzt, welchen sie bei ihren Werkzeugen voraussetzen mußten und auch bei Paulus AL eye r vorausgesetzt haben. Scheinheilig bemerkt das „Vaterland": „Durch eine einfache Zuschrift an unser Bureau, durch eine Berichtigung konnte der wahre Sachverhalt vor die Oeffentlichkeit gebracht werden, daß der Inhalt des Briefes des Convertiten eine schamlose Erfindung des Herrn Paulus Mey er war. Wir wären die Ersten gewesen, Ziesen Manu gebührend zu brandmarken, und die in ihrer Ehre gekränkten russischen Juden, die man erst vonhier aus mit vieler Mühe und noch größeren Kosten entdecken mußte, hätten schon im Monate Mai jede wünschenswerthe Satisfaction gehabt. Was „die größeren Kosten" anbelangt, so wird hoffentlich Dr. Deckert und „Vaterland" sie noch erschwingen, die haben Geld genug! Im Uebrigen erbieten wir uns zum gerichtlichen Beweis, daß das „Vaterland" nie Anstand genommen hat, wiederholt dementnte Lügen immer neu aufzutischen und aufzufrischen. Mit der Ritualmordgeschichte aus Ostrow wäre es nicht anders gewesen. Unsere mit Hilfe des Berichtigungsparagraphen geführte Polemik gegen Pfarrer Decker,

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