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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-15 · 37 (15.9.1893) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 698 Orsterreichifche Wochenschrift Nr. 37 frage richten, ob ihnen der Aufenthaltsort der Frauen bekannt ist; in diesem Falle sie auffordern, mir denselben mit thunlichster Beschleunigung anzugeben und bis zum Anlangeu meiner diesbezüglichen Bestimmungen für sie in ausreichendster und zartester Weise zu sorgen. Ich ersuche Sie daher hier in meinem Cabinete den Entwurf dieser Anfrage für die verschiedenen Gemeindehäupter in der diesen verständlichen Sprache abzufassen und nachdem ich denselben durchgesehen und genehmigt haben werde, rasch in möglichst vielen Exemplaren abzuschreiben. Ich werde bei jeder einzelnen Gemeinde angeben, ob sie an den Rabbiner oder Gemeindevorsteher eingesendet werden soll. — Allein hierzu ist es nothwendig, daß Sie, Herr Perez Markbreiter, eine Personsbeschreibung der beiden Frauen geben, welche dm Anfragen beigelegt werden muß. — Levi, bringen Sie gefälligst die Angaben zu Papier." Levi setzte sich an den Schreibtisch, ergriff die Feder und erwartete das Dictat. Markbreiter berichtete. „Die beiden Frauen nennen sich Dina und Eva Leidensdorf, doch ist anzunehmen, daß der Familienname nur ein angwommener ist. Mutter und Tochter sind hochgewachsen und die letztere muß schon beim ersten Anblick durch die völlig unschilderbare Schönheit ihrer Züge und ihrer herrlichen Figur auffallen. Sie ist auch in Bettlerkleidung, eine wahrhaft königliche Erscheinung. Die Tochter besitzt langes, glänzendes, rabenschwarzes Haar und große Augen gleicher Farbe. Die Mutter trägt nach altjüdischer frommer Sitte das Haar verhüllt, allein als ich sie das erste Mal im Walde beim Mondschein erblickte, war ihr bei einer heftigen Bewegung die Kopfbedeckung herabgesunken und ich sah, daß ihr Haupt schneeweiß war, was, wie ich mich deutlich erinnere, gegen ihr noch immer schönes, wenn auch gramzerwühltes Gesicht eigenthümlich abstach." „Allbarmherziger Gott!" schrie Levi auf. Die Feder entsank seinen zitternden Händen, er brach in convulsivisches Schluchzen aus. Wertheimer's klarer, überdies durch die Erfahrungen eines bewegten, inhaltsreichen, weise benützten Lebens geschärfter Geistesblick hatte schon früher erkannt, welchen tiefen Eindruck seine und Markbreiter'sMittheilungen auf Levi hervorriefen, er war darauf vorbereitet, daß die Scene einen erschütternden, die ganze Situation erhellenden Abschluß finden könnte, und war deshalb .weniger überrascht als Markbreiter, der, erschreckt zusammenzuckend, rief: „Was haben Sie? Weshalb schreien sie wie ein zu Tod getroffenes Waldthier auf?" Rafael Levi war mit einem Male ein völlig Anderer geworden. Seine lange mühsam bekämpften Gefühle brachen mit wilder Heftigkeit hervor, sein sonst ruhiges Wesen ging plötzlich in maßlose Leidenschaftlichkeit über, sein leichenblasses Gesicht zuckte eigenthümlich, seine Pupillen vergrößerten sich, ein convulsivisches Beben durchflog seinen Körper. „Ich muß wie ein zu Tod gettoffenes Waldthier aufschreien — weil Sie von meiner Mutter und Schwester sprechen! Ich muß wie ein zu Tode gettoffenes Waldthier aufschreien, weil ich höre, daß die edelsten Frauen, die je diese Welt durch ihr Dasein geschmückt, in so namenloses Elend gerathen! Ich muß wie ein zu Tod getroffenes Waldthier aufschreien, weil ich erfahren, daß meine Mutter so unschilderbar Hartes erlitten, daß die beispiellos fromme, gottverttauende Frau dazu gedrängt werden konnte, die zermalmende Last des Lebens von sich abwerfen zu wollen und ihr Kind, meine herrliche Schwester Eva, hier allein zurückzulassen.-Wie sollte ich nicht aufschreien vor heißem Weh, wenn ich erfahre, daß die beiden mir unendlich theueren Wesen von grimmen Schreck, von namenloser Angst und Furcht verfolgt, von Neuem eine ziellose Wanderung anttaten, auf der sie, wenn Gott ihnen nicht ein zweites Mal einen Retter sendet, in Leid und Qual verkommen müssen!" „Fassen Sie sich!" sprach Wertheimer an Levi heranttetend und seine Hand erfassend, „vertrauen Sie auf Gott, der, wenn er will, in dem kleinsten Zeittheil das schwerste Leid urplötzlich in Glückesüberfülle zu verwandeln vermag! Gott hat den Ihren schon einmal in fast wunderbarer Weise geholfen, vielleicht wird sich durch seine Huld von nun ab für Sie und die Ihren alles zum Guten wenden!" Perez Markbreiter aber, der einen Moment wie versteinert dagestanden, stürzte auf Levi zu, ergriff dessen freie Hand und rief: „So sind Sie Evas Bruder? — O, jetzt erkenne ich erst Ihre große Aehnlichkeit mit Ihrer Schwester in Wuchs, Haltung, Gesichtsbildung, in der Klangfarbe der Stimme, in ihrem ganzen Wesen und Gehaben. Deshalb erschienen Sie mir schon beim ersten Anblick so sympathisch, deshalb schien es mir, als wenn wir uns schon einmal im Leben begegnet wären!" Schon als Markbreiter zu sprechen begonnen hatte, ertönte von der Schildwache vor des Oberhoffactors Palais ein dreimaliges „Gewehr heraus!" und Trommelwirbel; jetzt riß ein Diener die Thüre des Cabinetes auf und meldete: „Seine Durchlaucht der Herr Generalissimus Prinz von Savoyen ist soeben Vorgefahren", und noch bevor der Oberhoffactor seinem illustren Besucher entgegeneilen konnte, übertrat dieser die Schwelle. Rafael Levi, der sich mittlerweile etwas gefaßt hatte und Perez Markbreiter wollten daß Cabinet verlassen, aber der Prinz sprach: „Es braucht sich Niemand zu entfernen. Ich habe heute mit dem Herrn Oberkriegsfactor keine Geheimnisse zu besprechen, im Gegentheil, ich wünschte, ganz Europa könnte mich hören!-Herr Oberkriegsfactör, ich komme, Ihnen meinen herzlichsten Dank für den großen Dienst abzustatten, den Sie mir neuerlichst dadurch erwiesen, daß Sie mich in Ihrer oftbewährten Freundschaft und mit Ihrer gewohnten Klugheit und Energie noch rechtzeitig von dem gegen mich geschmiedeten Complotte, bevor sich diese affreuse Affaire zur vollen Unentwirrbarkeit verketten konnte, in Kenntniß setzten. Die Angelegenheit hätte eine sehr ernste Wendung nehmen, mir den Abend meines Lebens verbittern, mich zwingen können, Oesterreich für immer zu verlassen, mehr als das, es hätte eine totale Zerrüttung des österreichischen Staatswesens zur Folge haben können. Auch Seine Majestät der Kaiser anerkennt das hohe Verdienst, das Sie sich von Neuem erworben und hat sich, wie schon so oft in günstigster Weise über Sie ausgesprochen. Ich habe mich auch noch eines Auftrages an Sie zu entledigen, Herr Oberhoffactor. Ihre kaiserliche Hoheit, die Frau Erzherzogin Maria Josefa läßt Ihnen ihren herzlichsten Dank für die Entdeckung des Camplottes aussprechen und Sie versichern, daß es sie herzlich freuen würde, wenn sie Ihnen je nützlich werden könnte und daß, wenn Sie, Herr Oberkriegsfactor je m die Lage kämen, eine erfüllbare Bitte an sie zu richten. Sie im Vorhinein von deren Gewährung überzeugt sein können", und als Wertheimer befremdet aufblickte, fuhr Eugen fort: „Die Erzherzogin, welche bis über ihre beiden kleinen, rosigen Ohren in den Prinzen August von Sachsen- Polen verliebt ist und von ihm rasend wieder geliebt wird, glaubt mit vollem Rechte, daß mit meinem Sturze die italienische Partei diese Verbindung hintertrieben hätte, um ihre Hand an den sardinischen Kronprinzen zu vergeben. Die anmuthige, huldvolle, aber turbulente Prinzessin, die sich in ewiger Fehde mit den strengen Gesetzen der Etikette und "mit ihrer Obersthofmeisterin befindet, hatte beabsichtigt, bei Ihnen vorzufahren und Ihnen persönlich ihren Dank abzustatten. (Fortsetzung folgt.) Wochenkalender. Tischri 6654. — September 1893. Freitag 5 15 E. d. N. 6h 36'lm Samstag 6 16 Sabbath Schuiva Sonntag 7 17 Montag 8 18 Dienstag 9 Vorabend des 19 Mittwoch 10 Jom Kippur 20 Seelenfeier Donnerstag 11 21 Freitag 12 22 Briefkasten. Für den bedürftigen Neligionslehrer sind uns weiters zugegegangen: Von Adolf Weiner in Brod a. S. fl. 2.—.

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