Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 37 (15.9.1893)
- Date
- 1893-09-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 37 Oesterreichische Wochenschrift Seite 697 fuhr, wo der Vater seine obscme Existenz fristete, verschmähend die Geldanträge der Tochter, da begegnete sie keinem stolz strahlenden Vaterauge; ernst und vorwurfsvoll blickte sie der Greis an, sie hatte die sabbathliche Ruhe verletzt und beschämt winkte sie dem ehrerbietig wartenden Kutscher ab, sie legte den Rückweg zu Fuß zurück. Das war der letzte Kummer, den sie ihrem Vater bereitete. Er starb einige Jahre daraus, halb vergessen von seiner Tochter; denn diese schwamm gerade in einem Meere von Seligkeit, das Große, Unverhoffte, kauni Erträumte war zur schönen Wirklichkeit geworden. Graf N., der bekannte und geachtete Sportsinan, hatte, nachdem er ihr lange zuvor in discreter Weise gehuldigt, ihr sein Herz, die Grafenkrone und die wohlgefüllte Börse angetragen und sie hatte frohlockend acceptirt. Der alte Glaube wurde nun gänzlich'abgestreift, wie der bunte Tand und Flitter, die -Papierkrone, gegen eine echte vertauscht, die geschmeidige Schauspielerin verwandelte sich in die grande dame. Ein glanzvolles Leben begann. — Geliebt von ihrem gräflichen Gatten, umworben und geachtet von Allen, die ihr nahten, umgeben von raffinirtestem Luxus, verbrachte sie eine Reihe von beneidenswerthen Jahren. Nach -dem kurzen Wahn folgte eine lange Reue. Zu spät sah der Graf ein, welch einen Mißgriff er bei seiner Wahl gethan; der glühenden blinden Liebe folgte die Ernüchterung, die früher angebeteten reizenden Launen erschienen der kalten, kritischen Betrachtung als unausstehliche Laster; eine eisige Zurückhaltung seinerseits, Thränen, Vorwürfe und heftige Scenen ihrerseits machten die Sache nur noch ärger, bis vor Jahresfrist die völlige Lösung des Bundes durch die Scheidung erfolgte. Großmüthig versehen mit einer bedeutenden Jahresrente vergrub sie sich in dieses kleine Gäßchen, von den Menschen vergessen und ungekannt, allein mit der furchtbaren Leere und der qualvollen Reue. Nun war sie bei dem jüngsten und traurigsten Ereignisse ihres Lebens angelangt, schon war eine Reihe von Tagen seither vergangen, eine öde, furchtbar schwere Zeit . . . Das Bild ihrer tobten Mutter tauchte vor ihr auf, mild, ernst schien sie herabzusehen und mit bebenden Lippen flüsterte die schöne Frau: „Zu spät, Mutter, kehrt Dein schuldbeladenes Kind zurück ..." Drüben waren sie Alle längst heimgekehrt, sie saßen friedlich beisammen, die Mutter hielt das Kleinste auf ihrem Schoße und erklärte ihm die Bedeutung des morgigen Tages. Klar tönten durch die nächtliche Stille ihre Worte herüber. Allen Menschen, wie gesündigt sie auch haben, wird verziehen werden, rein und makellos sollen sie vor Gott stehen, denn ausgelöscht und getilgt aus dem Schuldenbuche wird jegliches Vergehen. Athemlos lauschte das junge Weib „auch mir wird verziehen werden, getilgt und ausgelöscht jegliches Vergehen, o Gott, nimm mich gnädig auf!" Jetzt faltete die Mutter drüben die kleinen Händchen des Kindes zum Abendgebet und in innigem Tone sprach sie dem Kleinen vor: „Schema Israel Adonai elauhenu.“ Thränen, heiße erlösende Thränen, stürzten der reuigen Frau aus den Augen, auch sie faltete die Hände und das seit ihren Kinderjahren vergessene Gebet löste sich von ihren Lippen: „Höre Israel der Ewige, unser Gott, ist ein einziges, einiges Wesen." Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Jeder «»befugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs- 24) rechte Vorbehalten.) Vierzehntes Capitel. In dem Antichambre des Oberhosfactors Samson Wertheimer befanden sich wieder, wie so oft, zahlreiche Audienzwerber, welche nach der Reihe ihrer Ankunft in das Sprechzimmer eingelassen wurden. Unter den Wartenden befand sich auch Perez Markbreiter, welcher, da er den Oberhosfactor längere Zeit in Anspruch nehmen wollte, allen Anderen den Vortritt ließ und als der letzte das Sprechzimmer betrat. Wertheimer nahm den jungen Mann wohlwollend auf und dieser, sofort zu dem Zwecke seiner Unterredung übergehend, berichtete über den Besuch seines Vaters bei Eva und Dina Leidensdorf und deren plötzliches Verschwinden ans Schönhof: „Im ersten Momente", schloß er, „hatten wir gefürchtet; die Unglücklichen wären, der Ueberlast ihres heimlichen Leides erliegend, verzweifelnd, freiwillig aus dem Leben geschieden, aber bei näherem Bedenken schien uns dies aus dem Grunde unwahrscheinlich, weil Evas große Frömmigkeit sie gewiß von einem Schritte zurückgehalten, den sie, selbst in der härtesten Bedrängniß, als strafbar verurtheilt hatte. Ich habe ganz Mähren von einem Ende zum andern durchstreift, in allen fünfundfünfzig Gemeinden des Landes persönlich nachgefragt und keine Spur von ihnen gefunden. Mutter und Tochter müssen Mähren schon lange verlassen haben und der Gedanke, daß die unglücklichen Frauen nun von Neuem schutzlos herumirren, quält meine Eltern nicht weniger als mich selbst. Ich stelle daher die ergebenste Bitte, Sie hochverehrter Herr Oberhoffactor, der Sie zugleich Oberrabbiner der österreichischen und deutschen Judenheit sind und überdies Verbindungen in ganz Europa besitzen, mögen die Gnade haben, Alles was zur Auffindung der Unglücklichen dienen könnte, zu veranlassen." „Sie fordern von mir nichts Anderes als die Erfüllung meiner Pflicht, der ich sofort nach bestem Können Nachkommen will." Der Oberhoffactor zog an einer Glockenschnur, die wohl in das Zimmer, in welchem Rafael Levi beschäftigt war, gehen mußte, denn dieser erschien sofort. „Ich hatte schon Gelegenheit", wandte sich Wertheimer an ihn, „michvon Ihren großen Sprachkenntnissen zu überzeugen. Sie beherrschen die italienische, französische und die heilige Sprache ebenso, wie die deutsche und Sie sind mir als vollkommen vertrauenswürdig empfohlen worden. Es ist an alle jüdischen Gemeinden des Continentes ein vertrauliches Schreiben zu richten. Ich will Ihnen die Abfassung desselben übertragen und rechne um so sicherer auf Ihre Verschwiegenheit, als ich hinzufügen muß, daß eine Verletzung des Geheimnisses möglicherweise ein großes Unglück herbeiführen könnte. Die Angelegenheit, um die es sich handelt, ist folgende: Unser geschätzter Geschäftsfreund, Herr Perez Markbreiter hat vor einigen Monaten in einer stürmischen Winternacht, zwei Frauen, Mutter und Tochter, auf offener Straße in einem erbarmungswürdigen Zustande und in so hochgradiger Verzweiflung gefunden, daß die Mutter sich in den vorbeifließenden Strom stürzen wollte und es Herrn Markbreiter nur dadurch möglich wurde, im letzten entscheidenden Momente rettend einzugreifen, daß die von Mühsal und weiter Wanderung völlig erschöpfte Tochter, halb durch frommen, trostreichen Zuspruch, halb durch sanfte Gewalt, die Mutter eine Zeit lang von der Ausführung ihres Vorhabens abhielt." Rafael Levi, welcher den Oberhoffactor stehend angehört hatte, sank plötzlich mit den Worten: „Ich bitte um Entschuldigung, ein Schwindelanfall!" auf den Stuhl, fügte aber, sich rasch erholend, nach kurzer Pause hinzu: „Es ist schon vorüber, Herr Oberhoffactor, ich bin ganz Ohr!" „Herr Perez Markbreiter brachte die beiden Frauen, in das nächste Dorf Schönhof, wo sie bei dem Verwalter des dortigen Branntweinhauses, welches die Herren Markbreiter, als Generalarrendatoren des Fürsten Liechtenstein in Pacht haben, untergebracht wurden. Da Frau Deborah die Mutter des Herrn Perez Markbreiter den Frauen, die nicht nur außergewöhnliche Bildung, sondern auch große Fertigkeit in den kunstreichsten Handarbeiten besitzen, Aufträge auf Perlenstickereien verschaffte, konnten sie, ohne durch Unterstützung gedemüthigt zu werden, von dem Ertrage ihres Fleißes leben. Nun sind die beiden Frauen plötzlich verschwunden und die Hoffnung, sie irgendwo in Mähren aufzufinden, hat sich nicht erfüllt. Die verehrte Familie Markbreiter verzehrt sich in Sorge um die hilflos Herumirrenden und wünscht ebenso wie ich selbst, zu erfahren, ob sie, wie wir hoffen, noch am Leben, in diesem Falle wo sie zu finden wären. Ich will nun an die Häupter aller jüdischen Gemeinden auf dem europäischen Continente die An-