Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 37 (15.9.1893)
- Date
- 1893-09-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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©eile 696 Orsterreichische Wochenschrift Nr. 37 der Weingroßhändler nicht E. Lyroka, sondern E. Syroka, Weingroßhandlung, Prag-Karolinenthal, Havlicekgasse 10, heißt. Pilsen. Tempeleinweihung. In den westlichen Anlagen erhebt sich, durch seine zwei Kuppelthürme emporragend, der neue Tempel der israelitischen Cultusgemeinde in Pilsen, ein Prachtbau, welcher der Stadt'zur Zierde, seinem Erbauer zur Ehre gereicht. Mit dem Bau wurde am 1. März 1890 begonnen und nach den Plänen des Baumeisters Herrn E m. Klotz vom Architekten Herrn Rudolf Stech mit einem Kostenaufwande von 300.000 fl. durchgeführt. Der Tempel ist im romanischen Style erbaut, im Rohbau gehalten und hat eine reiche Giebelfassade, die von je 50 Meter hohen Kuppelthürmen flankirt und durch eine Kuppel mit den Gesetzestafeln gekrönt ist. Drei große Portale führen in das Vestibüle, aus diesem mehrere Corridore in das Innere des Tempels. Einen ganz bedeutenden Eindruck macht das Innere dieses schönen Gotteshauses, die Decorationsmalerei, künstlerisch durch geführt, vervollständigt das Ganze in harmonischer Weise zu einem Prachtbau, wie einen solchen wohl wenige Provinzstädte aufzuweisen haben werden. Am 7. September fand die feierliche Einweihung durch den dortigen Rabbiner Herrn Dr. Pornlenski statt. Zu diesem Acte fanden sich die Spitzen der Behörden, viele Officiere der Garnison, die Stadtvertretuug mit dem Herrn Bürgermeister Dr. Petak an der Spitze, viele Deputirte von Cultusgemeinden Böhmens ein, der mit einem Gebete für unser Kaiserhaus und Absingung der Volkshymne schloß. Berlin, 28. August. Herr Privatdocent Dr. Hermann Oppenheim, früherer Assistent der Station für Nervenkrankheiten in der Charite, hat den Prosessortitel erhalten. Breslau, 1. September. Am 23. d. M. begeht Herr Rabbiner Dr. P. Neustadt seinen 70. Geburtstag. Schüler, Freunde und Verehrer des verdienstvollen Mannes rüsten sich, den Jubeltag festlich zu begehen. Der Versöhnungskag. Von Mathilde Klein. Angenehm wirkte nach des Tages Hitze ein kühler Septemberabend. Leise bewegte der frische Wind die kostbaren Spitzenvorhänge des eleganten Boudoirs und spielten mit den breiten Blättem einer Palme, die auf ihrem schlanken Postamente in der Nähe des geöffneten Fensters stand. Er vergnügte sich auch damit, der lose Gesell, der schönen Frau, die am Fenster lehnte, die schwarzen Löckchen zu zerzause« und riß sogar in seinem Uebermuth an einem locker befestigten Zopfe der geschmackvollen Frisur. Die schöne Dame achtete aber seiner nicht; theilnahmslos ließ sie sich seine Streiche gefallen und fand sogar unbewußt Vergnügen daran, wenn er ihr kühl über das schmale, blasse Gesicht fuhr. Traumverloren schweifte ihr großes tiefdunkles Auge über die öde Gasse und erschrocken fuhr sie in die Höhe, als einige laute Stimmen, die aus der gegenüberliegenden Wohnung kamen, an ihr Ohr schlugen. Aufmerksam blickte sie hinüber. Ein geschäftiges Hin und Her, ein aufgeregtes Auf- und Zuschlägen der Thüren, einige laute Befehle der Hausfrau an das Dienstmädchen ertheilt, Alles das intriguirte die junge Frau auf's Höchste. Verwundert fragte sie sich, was wohl diese ungewöhnliche Bewegung Hervorrufen konnte, in der sonst bescheiden und still dahinlebenden kleinen Familie? Welches große Ereigniß vermochte die fleißigen Leute zu bewegen, ihren kleinen Laden zu so früher Stunde zu schließen? Die eingetretene Dämmer-ung erlaubte ihr nicht mehr, die Beobachtungen fortzusetzen, die schon seit einem Jahre — welche Zeit sie nun diese Wohnung inne hat — ihre müssigen Stunden, deren sie leider allzuviele zählt, ausfüllen und die von Natur waren, ihre Sympathie und Theilnahme für die simple jüdische Familie zu erwecken. Endlich blitzte drüben die kleine weiße Petroleumlampe auf und bei ihrem trüben Lichte konnte die junge Frau dtzn festlich mit einem weißen Tuche bedeckten Tisch unterscheiden und auf demselben vier Kerzen in blankgeputzten Silberleuchtern — vermuthlich der einzige Silberschatz der Familie — und die in den Staat gekleidete Hausfrau, welche eben die Kerzen anzündete. Wie diese das kleine einfache Zimmer verklärten, wie weihevoll und festlich sah es mit einem Male aus und wie anheimelnd erschien der schönen Frau dasselbe Stübchen, welches sonst von ihrem verwöhnten, künstlerisch geläuterten Geschmack für kahl, nüchtern und unschön erklärt wurde. Und verklärt, wie von innen beleuchtet waren die schlichten Gesichter der Familienglieder, bis herab auf den jüngsten Sprößling, der mit den großen, dunklen Kinderaugen scheu-ehrfürchtig das kleine Oellämpchen betrachtete, angezündet zum Seelenheil Verstorbener. Doch was bedeutet dies Alles?! Die junge Frau senkte nachdenklich den Kopf. Und plötzlich durchfuhr es sie, daß ja heute die Juden das höchste Fest feiern, den Tag der Versöhnung mit Gott und den Menschen, das Fest, wo die Seelen völlig losgelöst von allem sie bindenden Erdenballast, auf den Flügeln eines heißen Gebetessich in die reinsten Regionen emporschwingen und so hienieden schon einen Vorgeschmack vom Jenseits erhalten. Warum sie das gerade heute so unangenehm berührte? Heute, wo vor Jahresfrist all ihr märchenhaftes Glück wie ein Luftschloß in ein Nichts zerrann, wo sie der ihr durch den neuen Gott für's Leben angetraute Gemal erbarmungslos von sich stieß, wie ein unnützes Möbelstück. Früher, als sie noch an der Seite des sie anbetenden vornehmen Gatten, von Glanz und Pracht umgeben, von Genuß zu Genuß taumelte, sich fragend, ob das Alles Wirklichkeit ist oder nur die Ausgeburt ihrer überreizten Phantasie, hatte sie stets an diesem Feiertage der Juden in rauschenden Festen das aufsteigende Unbehagen zu vergessen gesucht und mit dem schäumenden Glase in der Hand in toller Champagnerlaune sich angemaßt, den alten vergessenen Gott Jakobs verwegen herauszufordern, wie einst Velsezar: „Jehova, Dir küud' ich auf ewig Hohn." und wie ihn, hat auch sie die rächende Nemesis ereilt. Drüben rüstete sich die Familie zum Gang in die Synagoge; sie umarmten sich gegenseitig unter Thränen und wechselten heiße Segenssprüche. Die Mutter hob das Jüngste auf und küßte es in überströmender Mutterliebe. Dann gingen sie. So, gerade so, hatte auch ihre tobte Mutter an diesem Tage sie geküßt und an ihre arme kranke Brust gedrückt, mit demselben verklärten Blick sahen sie die großen leidenden Augen an und noch jetzt glaubt sie die frommen feierlichen Gefühle nachzuempfinden, die damals ihr Kinderherz durchschauerten. Jahre zogen an ihr vorüber; das Heranwachsende Mädchen empfand nicht mehr das, was das Kind in seiner Unschuld und Reinheit empfunden; mit der verderblichen Halbbildung nistete sich ein giftiger Zweifel ein, der auch die reinsten, heiligsten Gefühle nicht schonte. Und wiederum waren Jahre vergangen, die kühle Erde deckte heilend die fromme, kranke, 'müde Mutter und lange noch verfolgten die Tochter ihre bittenden Worte, begleitet vom flehenden Blick der verlöschenden Augen, sie möge doch von der verderblichen Bahn abgehen, sie solle es verlassen das glänzende Bühnenleben, welches sie gegen den Willen der Eltern eingeschlagen, sie möge es thun, ihr der Sterbenden zu Liebe. Zu sehr gleißte und schillerte das Verderben und lockte mit prächtigen Versprechungen und zu schwach waren die Bitten des frühzeitig gebrochenen Vaters, dessen starker Glaube nicht vermochte, die Tochter zu bekehren. Und so kam mit dem Abfall vom Glauben die Entfremdung vom Vaterhause. Die gesellschaftlichen Pflichten der Künstlerin mußten beobachtet werden. Die bescheidene Wohnung des Vaters wurde gegen ein prunkvolles Künstlerheim vertauscht, der gottvergessene Lebenswandel dem strengen Richterblick des Vaters entzogen. Als dann das glänzende Engagement an die Hofbühne einer kunstsinnigen Residenz kam und sie, die Vielumworbene, Vielbeneidete, in dem eleganten Wagen in das kleine Gäßchen