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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-15 · 37 (15.9.1893) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 692 Orsterrrichifche Wochenschrift Nr. 37 Gorre.WMttlenLen. Wien. Der edle, allem Guten und Schönen zugswendete Sinn des eben verstorbenen Herzogs Ernst von Sachsen- Coburg-Gotha äußerte sich auch in der tiefen Entrüstung, mit welcher er die antisemitische Hetze in Deutschland und in aller Welt verurtheilte. Zu wiederholten Malen hat Herzog Ernst Veranlassung genommen, seinen Abscheu über das Treiben des Stöcker und Genossen Ausdruck zu geben. Aber nicht blos dem Judenthume, sondern auch einzelnen Juden gegenüber erwies sich der Herzog als ein vorurteilsloser, gerecht denkender Mann, als ein wohlwollender Freund und Förderer. Es ist bekannt, daß ihn mit dem Bankier Jacob Freiherrn v. Mayer in Coburg lange Jahre hindurch die herzlichsten Beziehungen verbanden. Dieses auf wahrhafte Hochachtung und Werthschätzung gegründete Berhältniß hat selbst den Tos überdauert. Baron und Baronin Mayer haben anläßlich des Hinscheidens des Herzogs Ernst an die Herzogin-Witwe nachstehendes Condolenz-Telegramm gerichtet: Ihrer Hoheit Frau Herzogin Alexandrine in Reinhardsbrunn. . Tieferschüttert und betrübt fühlen wir innig mit Ew. Hoheit den so herben Verlust. Ew. Hoheit verlieren in dem Dahingeschicdenen den innigstgeliebten Gatten, das Land den besten, theuersten Fürsten und wir den edelsten Freund und Gönner. Es gibt bei solch' schwerem Verluste keine Worte des Trostes, aber Theilnahme thut wohl und wir versichern Ew. Hoheit unserer allerherzlichsten Theilnähme. Gott erhalte und schütze Ew. Hoheit und verleihe Hochderselben Kraft, die schwere Prüfung zu bestehen. Ew. Hoheit stets treu ergebenste Freifrau Ernestine von Mayer, Jacob Freiherr von Mayer. Hierauf hat die schwergeprüfte Herzogin-Witwe mit nachstehendem Telegramme geantwortet: Reinhardsbrunn, 23. August 1893. Freiherr» Jacob von Mayer in Coburg. Für Ihre tief zu Herzen gehenden Worte warmen Dank. Was mir des Herrn unerforschlicher Rathfchluß genommen, erkennen Sie vollständig. Möge seine erbarmende Gnade uns bald wieder auf ewig vereinen. Alexandrine Herzogin von Coburg. Der verstorbene Herzog hat der Coburger israelitischen Gemeinde eine Capelle, welche früher zu gottesdienstlichen Zwecken anderen Culten gedient hatte, zum Geschenke gemacht, behufs Baues einer Synagoge. Die moderne Seuche fand in den Landen des verewigten Fürsten keinen Boden. Wenn Freiherr v. Mayer von dem Verluste des „edelsten Freundes und Gönners" spricht, so ist das nicht blos persönlich zu nehmen. Um Herzog Ernst trauern unsere Glaubensgenossen in ganz Deutschland, denn sein edles Beispiel wirkte erhebend in dieser Zeit schwerer Verfolgung und Demüthigung, und so hoch auch die Wogen des Antisemitismus im Deutschen Reiche gehen mochten, das kleine thüringische Herzogthum blieb von ihnen unberührt. Möge es auch unter dem Scepter des erlauchten englischen Prinzen, der nun den Herzogsthron bestiegen hat, so bleiben. Wien. Das Schönererthum in der deutschen Studentenschaft Oesterreichs steht bereits auf sehr schwachen Füßen. Welche rapiden Fortschritte der Verfall gemacht hat, geht in unzweideutigster Art aus den eigenen Geständnissen des Schönererfchen Leiborganes hervor. In demselben berichtet nämlich ein „unbedingter" Schönerianer, nämlich der „Schriftleiter" seines Organs, über einen Commers, den die dentschnationalen Hochschüler des Egerlandes am 20. v. M. in Frankenthal abhielten. Schon der erste Festredner, ein Prager Burschenschafter, erklärte rundweg: „Wir sind nicht die Anhänger einer bestimmten politischen Partei, nicht die fanatischen Anhänger eines bestimmten, iin politischen Leben hervorragenden Mannes, nicht die Anhänger eines bestimmten Programmes — wir sind deutsche Studenten." Eine noch ärgere Kränkung jedoch bot die Thatsache, daß der deutschliberale Abgeordnete Dr. Sch ü ck er— nicht zu verwechseln mit seinem Bruder, dem ftüheren Bürgermeister von Reichenberg — bei dem Commerse erschienen war und daselbst eine Ansprache hielt. Der verstimmte Berichterstatter des Schönerer'schen Organs bemerkt, dies sei derselbe Schücker, der kurz vorher an dem feierlichen Acte der Shnagogenweihe in Eger theilgenommen hatte, derselbe D r. S ch ücker, der drei Tage vor dem Commerse beim Plener-Banket einen Trinkspruch auf P l e n e r hielt — einem Banket, dessen sehr verfälschten deutschen Charakter die „Schriftleitung" durch die Mittheilung kennzeichnet, daß am Schluffe — Czardas getanzt wurde. .. Nach Herrn Dr. Schücker ergriff nun der Sendling Schön erer's das Wort, um hiebei eine Reihe sehr trüber Erfahrungen zu machen, die wir an der Hand seines Berichtes mittheilen. „Seien Sie mir," sagte er eingangs seiner Rede, „auch deßhalb gegrüßt, weil Sie offenbar in der wenngleich unausgesprochenen Absicht das Fest auf den heutigen Tag, den 20. August, anberaumt haben, um dadurch Ihre nationale Dankbarkeit zu bekunden, da es heute genau fünf Jahre sind, daß sich im k. k. Landesgerichte in Wien die Kerkerpfoiten hinter Georg Ritter v. Schönerer schlossen!" (Bewegung. Ein Angehöriger der Wiener akademischen Burschenschaft „Albia" ruft dazwischen: „A e h bäh, purer Zufall!") Und weiter sagte der Redner: „Als Georg Ritter v. Schönerer vor sechs Jahren in diese Stadt kam, da loderte und flammte es hell auf in den deutschen Herzen der Egerer, und der Empfang, der ihm hier geworden, glich einem Triumphe. Und heute? Wenige, ich betone es, wenige treuherzige Genossen arbeiten hier noch in aller Stille mit an dem Werke, das Schönerer begonnen." Als der Sendbote Schönerer's hierauf in spöttischer Weise daran erinnerte, daß Dr. Schücker ehrfurchtgebeugt an der Eröffnungsfeier des Judentempels theilgenommen habe, wurde er vom Vorsitzenden mit der Mahnung unterbrochen, nicht persönlich zu werden. Dasselbe Schicksal widerfuhr dem Herrn, als er gegen Plener loszuziehen begann. „Entweder", setzte er dann weiter fort, „ist man Schönerianer oder man ist es nicht. Zwitterdinge gibt es hiebei nicht. Und in dieser Richtung stehen die Verhältnisse in Böhmen traurig genug. (Unruhe.) Wenn ich zuerst die Burschenschaften ins Auge fasse, so kann ich es offen heraussagen, daß unbedingte Anhänger Schönerer's in den Reihen der Burschenschaften heute nur iit den Universitätsstädten Wien, Graz und Innsbruck gefunden werden dürsten. Unfaßbar ist es mir oft, welche Begriffe und Anschauungen hier herrschen. (Neuerliche Unruhe. Vorsitzender ersucht den Redner, sich zu mäßigen und Angriffe zu vermeiden.) . . . Als der Redner endlich sich über die Thatsache moquirte, daß ein Wiener Journalist, den er als einen „Judenfrcund" und „Franzosenverhimmler" bezeichnet^ noch immer alter Herr einer deutschnationalen Burschenschaft sein könne, trat die Katastrophe ein. Die Vertreter der „Albia" riefen: „Das lassen wir uns nicht bieten!" „Schluß! Schluß!" „Wort entziehen!" und schließlich mußte der seltsame Festredner die Rede einstellen und den Saal verlassen. Wien, 9. September. (Um 3 Uhr Morgens.) Die Marqueure Alois Grazer und Georg Grögler hatten sich heute vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Alsergrund wegen Uebertretung der vorsätzlichen Körperverletzung zu verantworten, weil sie kürzlich gegen 3 Uhr Morgens vor dem „Cafe Kaiserhof" in der Josefstädterstraße dem Ml. Dr. Leop. Ritter v. Tausch, Geologen der geologischen Reichsanstalt, im Raufhandel einige leichte Verletzungen beigebracht hatten. Die von Dr. Machatsch vertheidigten Angeklagten geben übereinstimmend an, sie hätten damals gegen 3 Uhr Morgens das bezeichnete Kaffeehaus verlassen und seien von dem ihnen nachfolgenden Dr. Ritter v. Tausch ohne jeden Grund mit den Worten: „Die Judenbuben gehen schon!" provocirt worden. Diese Beleidigung wollten sie sich nicht ruhig gefallen lassen, umsoweniger, da sie keine Juden seien. Wie der Angeklagte Alois G razer weiter angibt, habe er den Dr. Ritter v. Tausch wegen des Wortes „Judenbuben" zur Rede gestellt. Dr. Ritter v. Tausch habe jedoch mit einem Todtschläger zu einem Schlag gegen ihn ausgeholt, aber nicht ihn, sondern Grögler am Kopfe getroffen. Ein ärztliches Parere bestätigt, daß Letzterer thatsächlich eine Verletzung am Kopfe davontrug. Wie Grögler ferner angibt, fiel Dr. Ritter v. Tausch, der angeheitert war, zu Boden, riß ihn im Fallen mit und zog sich dabei Verletzungen zu. Es sei keineswegs au ihn Hand angelegt worden. Zwei Dr. Ritter v. Tausch begleitende Herren seien, da ein Wachmann hinzukam, eiligst davongelaufen. Da Dr. Ritter v. Tausch zur Verhandlung nicht erschienen war, mußte dieselbe zum Zwecke seiner neuerlichen Vorladung vertagt werden.

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