Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-15 · 37 (15.9.1893) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020991--02747-3026852
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 37 Vefierreichijche Wochenschrift Seite 891 e--- ures Zorns; wollt ihr vor ihren Augen die Wahrheit Leuchten lassen, dann läßt sie in eurer Menschenliebe wiederstrahlen... Die Rede Jocelyn's traf seine Zuhörer bis ins Herz und sie rißen sich um die Frau und die Kinder des Juden. Wie man sieht, ist die Parabel Laimntine's der von den drei Ringen verwandt, aber die Lehre ist nicht ganz dieselbe. Es ist nicht mehr die Frage, welcher Ring von den dreien echt ist, sondern unzählige Ringe rühren alle von demselben großen Meister her. Welcher enthält reineres Gold? — Das möge sein Besitzer durch die Liebe zeigen: Eeflechissez son jour (laus votre charite, Car Fangequi de Dien viendre faire l’epreuve Joge le cnlte an coeur, comme ä Tonde le flenre! Larc-en-ciel que Dieu peint est de toute conleur, Mois l’eclat du rayon se juge ä sa chaleur! Bedeutsamer noch ist es, daß die Parabel nicht einem Juden, sondern einem katholischen Geistlichen in den Mund gelegt wird. Auf die Moral und Religiosität der Juden haben christliche Geistliche wohl wenig Einfluß, aber sollten wir nicht aus Menschenliebe den Christen wünschen: Mehr Jocelyn's und weniger Stöckers und Deckerts! L. Die Einweihung der Synagoge für den polnisch-jüdischen Ritus in Wien. Von den prächtigen maurischen Kuppeln der neuerbauteu Synagoge nach polnisch-jüdischem Ritus in der Leopoldsgasse im zweiten Bezirke, um dessen Errichtung GR. und Baurath W. Stiaßny und Obmann Zolles sich unvergängliche Verdienste erworben haben, wehten zur Feier der Eröffnung und Weihe des neuen Gotteshauses Fahnen in den Landesfarben. Die neue Synagoge war von Andächtigen und den geladenen Festgästen dicht gefüllt und gewährte einen überaus freundlichen Anblick. Durch den kleinen Vorhof, in welchen man von der Straße aus durch ein vergoldetes Gitter gelangt, tritt man in die Vorhalle, die mit Palmen, exotischen Gewächsen und den Büsten des Kaiserpaares geschmückt war. Daselbst sind zwei Gedenktafeln mit den Namen des Baucomites und der beim Bau beschäftigt gewesenen Architekten und Gewerbetreibenden angebracht, lieber dem Haupteingang in das Gotteshaus prangt in Goldlettern die Inschrift: „Unter der Regierung des Kaisers Franz Josef I. erbaut im Jahre 1893." Das Gotteshaus selbst ist dreischiffig, im schönen, rein mauriscken Bogenstyl gehalten. Der ganze Bau gewährt ein überaus schönes harmonisches Bild und ist durch das einsallende Oberlicht von Lichtwellen durchfluthet. Die künstliche Beleuchtung besteht aus Glühlichteru in Kerzenform und wurde von der Internationalen Elektricitäts-Gesellschaft beigestellt. Der Raum faßt 750 Sitzplätze. Zur Eröffnungsfeier, welche um 10 Uhr Vormittags stattfand, hatten sich als Vertreter des Statthalters Statthaltereirath Freiherr v. Marx, als Vertreterder Stadt Wien Vicebürgenneister Dr. Grub!, von der israelitischen Cultusgemcinde Vicepräsident Simon, David Ritter v. Gutmann, Architekt M. Fleischer, ferner Polizeirath Wachler, Reichsrathsabgeordneter Dr. Bloch, die Gemeinderäthe Djörup, Lang, C. I. Müller, Seiler, Tagleicht, Bezirksamtsleiter Magistratsraih Wiener, Bezirksvorsteher Mumb, die Bezirksausschüsse Leopold Mayer und Ferdinand Csolnay, ferner die Vorstände der türkischen Cnltusgemeinde Russo und Adult und der Rabbiner Popo Chacham, Delegirte-' der Cnltusvorstehungen von Baden, Wiener-Neustadt und Floridsdorf eingefunden. Ferner sah man den Oberbaurath Tanssig, Regierungsrath Schön, Kammerrath Vogel, die Architekten Zifferer und Modern, Obercantor Goldstein, Commercialrctth Stiaßny, eine Deputation des kaufmännischen Unterstützungsvereines „Osten", den Secretär der Wiener israelitischen Cultnsgemeinde Dr. Lieben, sowie die Mitglieder des Baucomites und des Vereines „Beth Israel". Die Weihe wurde mit einem Chore der Tempelsänger unter Leitung des Obercantors M. Scharr eröffnet. Sein trefflicher Gesang und die ' mächtige wohlgeschulte Stimme erregte allgemeine Bewunderung. Hierauf begrüßte der Obmann des Baucomites, Herr Ignaz Zolles, die Gäste. Das neue Gotteshaus — sagte Herr Zolles — haben wir nicht als Denkmal des finsteren Zclotismus erbaut, sondern als freundliche Heimstätte unserer Glaubenslehre. Er gedenkt der Förderung des Tempelbaues durch den Kaiser, der durch seine huldvolle Spende bewiesen habe, daß er alle seine Unterthanen, ohne Unterschied der Confession, mit gleicher Liebe umschließt. (Lebhafte Hochrufe.) „Glänzend hat sich auch bei dieser Gelegenheit der Gemeinsinn und die Zusammengehörigkeit aller unserer Stammesbrüder bethätigt, und das Zusammenströmen so vieler Hilfsquellen hat cs endlich unserer Gemeinde ermöglicht, ein langersehntes Ziel zur gleise zu bringen und eine Stätte des Herrn zu erbauen, in welche Fromme und Gläubige aus der steten Unrast des Lebens flüchten können, in den wahren Gottesfrieden, um Herz und Gemüth in dem ewig unerschöpflichen Jungbrunnen zu erquicken, der aus der göttlichen Lehre quillt." „Und da wir dieses stattlicheHaus in seiner Vollendung vor uns erschauen, drängt es uns, auch an dieser Stelle, dem altbewährten Meister der Baukunst, Herrn Baurath Wilhelm Stiaßny, der in uneigennützigster Weise weder Zeit noch Mühe sparend, diesen Bau ersonnen und zu Ende geführt hat, unseren unauslöschlichen Dank auszusprechen, ebenso allen Künstlern, Meistern, Handwerkern und Arbeitern, die ohne Unterschied der Confession und in friedlicher Eintracht mit handhaster That an diesem Baue milgewirkt haben. Mit dem Danke an die Förderer des Baues und an den Bauleiter Baurath Stiaßny übergibt Herr Zolles den Bau in die Hut des Tempelvereines „Beth Israel", dessen Obmann Hecr S. Meisels den Tempel übernahm. Auch seine schöne Ansprache klang in ein Hock) auf den Kaiser aus." Hierauf hielt Dr. Felix Hönistsmann eine längere Ansprache, in welcher er eine Geschichte des Baues gab. Hierauf verlas Dr. Hönigsmann die Schlußstein-Urkunde und gedachte der Förderung des B.mes durch Minister Dr. Steinbach und Statthalter Grafen Kielmansegg durch Bewilligung der Lotterie zu Gunsten des Baues. Die Schlußstein- Urkunde wurde nun in eine Blechkapsel gelegt und durch zwei Maurergehilfen in altdeutscher Tracht in den Schlußstein gelegt. Der Bauleiter Baurath Stiaßny nahm nun die Ceremonie der Harnmerschläge vor und hielt" eine längere Ansprache, in der er hervorhob, daß an diesem Baue Künstler und Handwerker ohne Unterschied der Nationalität und Confession im brüderlichen Vereine mitgewirkt haben, um ihn zu so schnellen Abschluß zu bringen. Redner fährt fort: „Die Formen dieses Baues und seine Farben, sie sollen uns an längst vergangene Jahrhunderte gemahnen, an eine Zeit, in welcher unsere Glaubensgenossen als freie Bürger inmitten ihrer nichtjüdischen Mitbürger in Eintracht und Frieden mit denselben gelebt und als nützliche, angesehene Bürger des Staates gewirkt haben. An eine Zeit, in welcher es den Juden vergönnt war, als gleichberechtigte Streiter in dem _ edlen Wettkampfe auf den Feldern der K u n st und Wissenschaft hervorragende Plätze einnehmen zu können. An eine Zeit, in welcher sich die Juden unvergängliche Verdienste auf den Gebieten der Mathematik und der A st r o n v m i e, der P h y f i k und der Naturwissenschaften, der Me di ein und der Völkerkunde, der Poesie und der schönen K ü n ste erworben haben Und jetzt!- , „Mit der Erinnerung an vergangene Zeiten lebt aber die freudige Hoffnung auf schönere bessere Tage, die uns die Zukunft schenken möge, in uns. Diese Hoffnung wird zur Zuversicht, wenn wir ausblicken zu dem weisen und gütigen Monarchen, der alle Bürger seines Staates ohne Unterschied, wie ein Vater seine Kinder, mit gleicher Liebe umfaßt." „Und dieses Haus! möge der allmächtige Baumeister aller Welten, der Ehrwürdige aller Zeiten, Attik Jomim, es in seinen göttlichen Scbutz nehmen, es schirmen und erhalten» auf daß es noch in späten Zeiten den frommen Sinn seiner Begründer verkünde." Hierauf lud Baurath Stiaßny die Ehrengäste zur Ceremonie der Hammerschäge ein. Freiherr v. Marx sagte hiebei: „Der Ehre Gottes sei dieses Gebäude geweiht!" Dr» Grübl bemerkte in seiner Ansprache: „Die Vollendung des Baues in so kurzer Zeit ist nur der Opferwilligkeit Ihrer Glaubensgenossen und der Thätigkeit und Rührigkeit des Baucomites und seines Präsidenten zu danken. Nun ist das Werk vollendet und wird einer Gruppe von gläubigen Bürgern zur Stätte dienen, wo sie sich zuni Gottesdienste versammeln. Es bedeutet so einen wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete der Cultur. Ich wünsche, daß dieser Bau den Iluglücklichen und Schwachen jederzeit eine Stätte des Trostes, der Emunterung und Aufrichtung, den Starken und Klugen eine Stätte der Sammlung, Erkenntniß und Selbstbeherrschung, Allen aber eine Stätte der Erbauung und des Friedens fei." Vicepräsident der Cnltusgemeinde, Gemeinderath Gustav Simon beglückwünscht den Verein, vor Allem aber den unermüdlichen und genialen Erbauer des Tempels, den Ehren-Präsidenten des Baucomites k. k. Baurath Wilhelm Stiaßny zu dem Gelingen des herrlichen Werkes. (Lebhafter Beifall). Er spricht den Wunsch und die Hoffnung aus, daß die conservative Richtung des Vereines kein Hinderniß sein wird, daß zwischen ihr und der Muttergemeinde stets Frieden und Eintracht walte. Aus der Erfahrung jener 30 Jahre, die er im Dienste der Wiener israel. Cnltusgemeinde verlebte, constatirt der Redner, daß zwischen diesem Vereine und der Gemeinde stets das beste Einvernehmen geherrscht und daß dieses friedliche Verhältnis; nie getrübt war. Möge es auch in Zukunft so bleiben. (Lebhafter Beifall). Hierauf nahmen der Bezirksvorstand Mumb und Polizeirath Wachler die symbolischen Hammerschläge vor. Herr Brod dankte im Namen der am Baue betheiligten Gewerbetreibenden dem Banrath Stiaßny für kessen thatkräftige Unterstützung. Nun begann die religiöse Weihe des Hauses. Nach dem Anzüllden des „ewigen Lichtes" und einem deutschen Gebet des Rabbiners Schnur wurde unter der Absingung des Psalm 24 das Haus durch das Einziehen der Thorarolleu in das Heiligste geweiht. Hieraus hielt der Rabbiner eine Festpredigt und sprach ein Gebet für den Kaiser, die Kaiserin und die Kronprinzessin-Witwe, sowie die Mitglieder des Herrscherhauses, worauf der Tempelchor die Volkshymne sang, zu deren Schluß brausende Hochrufe erschallten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.