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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-15 · 37 (15.9.1893) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 690 Orsterreichifche Wochrirschrift Nr. 37 am Meisten. Der Kauf wird vor den Augen des Fürsten abgeschlossen und der Jude mit seltener Liebenswürdigkeit bewirthet. Der Fürst schreibt mit vieler Laune in sein Tagebuch : „Der Getreidewucher der Juden und seine Consequenzen. Sch and- und Leitartikel für das Sudelblatt. Trinkgeld: zwei Rebhühner." Ein Bergwerksbeamter bringt die Bittschrift einiger anner Bergleute. Der Fürst entscheidet. Die Bergleute sind zu entlassen und mit ihren Familien auf den Schub zu schicken. Unmittelbar darauf läßt ein christlich-socialer Agitator sich anmelden. Gespräch über die Unbarmherzigkeit des mobilen Capitals, über die Ausbeutung der Arbeiter w. s. w. Es wird dafür Sorge getragen, daß der Agitator noch vor dem Diner das Schloß verläßt. Nach dem Diner Whistpartie; Partner, ein Zuckerraffineur jüdischer Confession aus der Nachbarschaft. Mit einem Worte, der Kampf gegen das mobile Capital als Maske des Antisemitismus ist die jämmerlichste und unwürdigste Heuchelei, die erfunden werden kann. Die Hoffnung, auf diese Art die Reaction anzubahnen, ist eine aussichtslose. Die Gutsherren, welche den Brand des Antisemitismus nähren, schüren die Flamme, welche ihre eigenen Schlösser verzehren wird. Drchterstimmrn Wer Juden und Iudenthum. Vor ungefähr dreiviertel Jahren habe ich in diesen Blättern (am 2. December 1892) daraus hingewiesen, daß man unter den wirklich großen und genialen Männern aller Zeiten und Völker sehr viele Judensreunde, aber kaum einen oder zwei Judenfeinde findet, und wie besonders die großen Dichter sehr viel zur Vertheidigung oder Verherrlichung des Judenthums beigetragen haben. Zu den damals beispielsweise angeführten Namen kann ich jetzt noch zwei hinzufügen, einen Engländer und einen Franzosen. Es wird wohl vielen Lesern dieser Blätter bekannt sein, daß zwei der wichtigsten und interessantesten Personen in Walter Scott's Roman „Jvanhoe" ein Jude und seine Tochter find, aber die, welche den Roman nicht kennen, werden mir dankbar sein, wenn ich sie aus diese in jetziger antisemitischer Zeit so erhebende und erfreuende Lectüre aufmerksam mache. Es ist wunderbar, wie gut Scott den jüdischen Charakter mit allen seinen Vorzügen und Schwächen kannte und zu schildern wußte. Sein Isaak von Aork ist nicht gerade das Ideal eines edlen Menschen und mit köstlichem Humor ist sein Geist und seine Erwerbslust geschildert. Aber ihn zieren die Tugenden der Familienlicbe, der Dankbarkeit und der Ehrlichkeit. Und wie gut werden seine Schwächen und Fehler als Folgen der Bedrückung und Verfolgung seitens der Christen geschildert und wie verzeihlich erscheint sein Geiz neben der Habsucht und Grausamkeit des christlichen Ritters Front de Boeuf, wie verehrungswürdig seine Religiosität neben der Gottlosigkeit des Templers! Das Ideal einer Frau ist seine Tochter Rebekka, die für ihre Ehre und Religion in den Tod zu gehen bereit ist und Allem entsagt, was ein Mädchenherz beglücken kann, um ihrer Religion treu bleibend, ihrem alten Vater in die Fremde zu folgen. Wie wahrhaft vornehm und edel erscheint diese Tochter des verachteten Inden neben der zwar gutmüthigen aber stolzen und egoistischen christlichen Prinzessin Rovena. Ungefähr zwei Jahrzehnte später als Scott seinen „Jvanhoe", dichtete der um zwanzig Jahre jüngere Alphons von Lamartine seinen „Jocelyn", eines der schönsten, ja vielleicht das schönste seiner Werke. Daß Lamartine, der College von Cremieur und Goudchaux in der provisorischen Regierung Frankreichs im Jahre 1848, kein Judenfeind sein konnte, ist leicht begreiflich; wie kam er aber dazu, wird man fragen, in seiner epischen Erzählung, welche die Schicksale eines katholischen Geistlichen, der seiner Jugendliebe, einem christlichen Mädchen, entsagen mußte, zum Inhalte hat, wie kam er dazu, in dieser durchaus christlichen Dichtung sich mit den Juden zu beschäftigen? Mir scheint, daß Lamartine, der ja ein frommer und gläubiger Christ war, in diesem „Jocelyn" das Ideal eines christlichen Priesters aufstellen wollte und als unumgänglicher Bestandtheil dieses Ideals galt ihm die Toleranz gegen Andersgläubige. Und wie konnte er diese Toleranz deutlicher und weitherziger erweisen, als an einem Juden. Wenn zur En'eichung des dichterischen Zweckes Shakespeare einen bösen, Lessing einen edlen Juden schildert, so bringt Lamartine, dem es nur um die weitgehendste Toleranz zu thun ist, einen Juden schlechtweg in seine Dichtung, ohne uns das Geringste über seinen Charakter zu sagen. Doch lassen wir ihn selbst durch den Mund seines „Jocelyn", des armen Pfarrers eines Gebirgsdorfes, reden*): „Gestern ist der arme Hausirer gestorben und Niemand wollte Bretter zu seinem Sarge geben, selbst einen Nagel verweigerte der Schmidt. Es ist ein Jude, wer wnß von woher gekommen, ein Feind unseres Gottes, sein Leichnam würde die christlichen Leichen verunreinigen, werfen wir ihn in irgend ein Loch wie einen Hund. Vergebens baten die Witwe und die kleinen Kinder des Juden um Erbarmen und vertheidigten den Leichnam gegen die rohe Volksmenge. — Durch Zufall erfuhr ich von dem unmenschlichen Scandal, eilte zur Stelle und reichte der Frau und ihren Kindern die Hand. „Begrabet ihn sogleich, befahl ich, und nehmt dazu die Bretter meines Bettes." — Dann, um dem Volke ein wenig Toleranz zu lehren erzählte ich den Umstehenden folgende Parabel: „Einst, in uralter Zeit hatte sich ein Volk am User des Nils niedergelassen und dankbar für dessen Wohlthaten betete es den Fluß als Gott an. „Das ist unser Gott und nur, uns gehört sein Wasser", sagten diese Menschen. Kamen dann fremde Karawanen und wollten aus dem Flusse schöpfen, da jagten sie sie fort, denn „nur uns gehört das himmlische Wasser, diese Fremden dürfen nicht trinken, sie sind keine Menschen." Da hörte der Engel des Herrn diese Reden und sagte sich: „Wie beschränkt sind doch die Gedanken dieses Volkes!" Und um sie eines Bessern zu belehren, führte er eine zahlreiche Karawane mit vielen Kameelen herbei, die alle — Menschen und Vieh — aus dem Nil trinken wollten. Als die dummen Vertheidiger dieses Gottes es ihnen wehrten, da ließ der Engel das Wasser in Strömen vom Himmel regnen und die fremde Karawane löschte ihren Durst mit dem himmlischen Wasser. Der Engel aber sprach zu den Nilanbetern: „Unsinnige! Eine Welle tränkt die, denen ihr kein Wasser gönnen wolltet und ihre Quelle ist viel höher als die, aus der ihr schöpft. Seht euch in der Welt um, da hat jedes Volk stinen Strom aus dein es trinkt, aber alle diese tausend Ströme kommen aus derselben Quelle und alle entspringen aus der Gnade Gottes, bald hier, bald dort, bald reiner, bald trüber. Wenn euer Wasser klarer und süßer ist, so seid deshalb nicht stolz und nicht mißgünstig. Wisset, daß ihr Brüder auf Erden habet und wenn sie nicht euren Fluß haben, so gibt ihnen Gott dafür seinen Regen im Winter, seinen Thau im Sommer (5. B. M. 12, 28), den er selbst aus dem See seiner Güte schöpft, um die ganze Welt zu tränken, denn jedes Volk ist sein Volk und jedes Wasser sein Wasser." . . . fQue Dieu lui-meme puise au lac de sa bonte, Et qu’il donne ici-bas sa goutte ä tout le monde: Car tout peuple est son peuple et toute onde son onde.) „Ihr glaubt allein das wahre Licht zu besitzen und daß hinter euren Bergen Finsterniß herrscht, aber ihr sollt wissen, daß Gott sein Licht allen Menschen leuchten läßt, jedes Geschlecht hat sein Tageslicht und jeder Strahl von oben seinen Theil an der Wahrheit. Gott allein weiß, wie viel Licht und wie viel Dunkel jeder einzelne Strahl enthält. Euch dünkt euer Strahl Heller und milder, nun so wandelt in seinem Licht und danket dem Himmel; aber drängt nicht zwischen dem Gestirn und euren Brüdern den Schatten eures Hochmuths, die Hand *) Ich möchte dem Leser rathen, sich mit meiner abgekürzten, prosaischen Uebeisetzung nicht zu begnügen, sondern die herrlichen Berse Larmartinc's im Original zn lesen, er wird reichen Genuß davon haben. iuLVTWwrh.

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