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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-15 · 37 (15.9.1893) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 688 Oesterrrichischr Wochenschrift Nr. 37 Erst suchte man sich auf Kosten der Kirche zu bereichern und dann auf Kosten der Ketzer. Sie wütheten gegen Josef II., weil er das Glück des Volkes höher stellte, als die extravaganten Ansprüche der Adeligen. Sie verkörperten die finsterste Reaction, als die Freiheit zum ersten Male die Schwingen regte. Jetzt aber gehen sie mit dem Zeitgeist, jetzt sind sie socialistisch, dabei ultramontan und hauptsächlich antisemitisch. Versuchen wir es, diese Werkstätte der Fälschungen uns des Näheren anzusehen. Im Mittelalter gab es wenig Geld, wenig bewegliches Capital; glückliches Mittelalter. Man konnte die Juden nach Belieben plündern; höchste Vollkommenheit der Gesellschaft. Das sind die grundlegenden Thesen bei den Reden in Volks- und Katholikenversammlungen, auch auf Vereinstagen. Sie dienen dazu, den Neid und die Habgier Derjenigen zu wecken, die vom Socialismus nichts verstehen und für die socialistische Bewegung keine Sympathie haben. Grau, Freund, ist alle Theorie; das Plündern ist die Hauptsache. Aber man will ja auch die Arbeiter gewinnen und die Anhänger socialdemokratischer Ideen. Und der Redner grübelt nach, als ob er in Kalksburg auf der Schulbank säße. Fundamentalthese: Gegensatz zwischen Arbeit und Capital, unantastbare socialistische Wahrheit. Nun beginnt der Fälschungsproceß in folgender Ausstufung. Erste Fälschung: Der Gegensatz zwischen Arbeit und Capital wird umgestempelt in den Gegensatz zwischen Arbeit und beweglichem Capital. Die kleine Veränderung wird von Niemandem bemerkt und die Schutzmarke ist umgangen. Zweite Fälschung: Das bewegliche Capital befindet sich ausschließlich in den Händen der Juden. Dritte Fälschung: Die Juden sind fremd. Es ist schrecklich, die Fremden sind die Herren und die Anderen sind ihre Sclaven. Vierte Fälschung: Der Kampf gegen das bewegliche Capital ist die Befreiung der Arbeit. Und nun ist der Redner auch schon am Ziele. „Die Juden haben das bewegliche Capital"; es bleibt nichts Anderes übrig, als der Kampf gegen das bewegliche Capital, als der Antisemitismus. Die Taschenspieler galten früher als Zauberer; es ist eine Schande, daß solche Taschenspielerkünste noch möglich sind. Der Gegensatz zwischen Capital und Arbeit ist ein falscher Ausdruck für den natürlichen Gegensatz der Interessen, der zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer besteht. In Wahrheit ist Arbeit in einigem Umfange und in der volkswtrthschaftlichen Bedeutung des Wortes undenkbar ohne Capital, wie Capital undenkbar ohne productive Arbeit. Capital und Arbeit gehören zusammen wie Leib und Seele; in ihrer Wechselwirkung liegt das Geheimniß ihrer Lebenskraft. Diejenigen, welche etwas Andres sagen, sind entweder Narren oder Betrüger. Der Gegensatz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer besteht bei der Feldwirthschaft auf dem Dorfe gerade so gut wie bei der Industrie der Städte und in den Zuckerfabriken und Branntweinbrennereien nicht weniger als dort, wo Baumwolle gesponnen und Wolle gewebt wird. Die Unterscheidung zwischen beweglichemund unbeweglichem Capital zu dem Zwecke, um die Volksgemüther aufzustacheln und um die Vorstellung zu erzeugen, als ob nur vom beweglichen Capital die Unterdrückung ausginge, ist daher eine bewußte Fälschung. Es ist ferner eine Lüge, daß gerade die Juden die Herren des beweglichen Capitals seien oder auch durch besonders großen Reichthum sich auszeichnen. Eine Lüge ist es, wenn man die Juden als Fremde hinstellen will. Damit fällt aber auch die ganze wirthschaftliche Begründung des Antisemitismus in Nichts zusammen. Vor Allem sei es unsere Aufgabe, die Fabel vom Reichthum der Juden auf ihren wahren Werth zurückzuführen. Die Juden sind nicht reich und können nicht reich sein, weil bei aller Lebhaftigkeit der Fluctuationen in der wirthschaftlichen Welt denn doch ererbter Besitz nicht als ganz bedeutungslos betrachtet werden kann. Ihren Erwerbssinn, der ja auch einen Gegenstand der Anklage bildet, haben die Juden den Christen und Mohammedanern zu verdanken. Dieser Erwerbssinn, den wir ungemein hoch schätzen, ist eine Frucht des Exils. Man denke nur nach, wie die Dinge sich entwickeln mußten. Die erste Bedingung eines wirthschaftlichen Gedeihens ist die Sicherheit des Besitzes. Der Orient mußte verarmen, weil Reichthum der sichere Vorbote des Unterganges war. Sultan, Pascha und Kadi fanden Vorwände genug, um den reichen Mann zu ermorden und zu berauben. Man hatte keine Lust mehr, zu erwerben; Armuth gewährte wenigstens Sicherheit des Lebens. Wie ist es nun zu erklären, daß die Juden des Mittelalters, obwohl sie aller Sicherheit des Besitzes entbehrten, obwohl sie jeden Tag das Schlimmste fürchteten, dennoch ihren Erwerbssinn und Erwerbsbetrieb zu entwickeln und vor den Augen des Feindes und umdroht von tausend Gefahren Reichthümer zu sammeln vermochten? Das ist ein Wunder, sagte jener Erlanger Professor zu seinen Hörern, ein größeres Wunder, als Moses je eines vollbracht hat, indem er ihnen den Repräsentanten des mobilen Capitals, des Ungeheuern jüdischen Reichthums in Gestalt eines hausircnden Juden zeigte, der in der kleinen Universitätsstadt von Haus zu Haus wanderte. Das Wunder kann aufgeschlossen werden. Man ließ den Juden keine Wahl; trotz allen Verfolgungen, zu denen der Reichthum herausforderte, mußten sie dennoch Reichthümer sammeln. Der Schiffer fährt trotz des drohenden Sturmes auf das Meer hinaus; denn ohne das Meer würde er verhungern. Der reiche Jude sah sich großeir Gefahren ausgesetzt; das waren eben die Stürme, die Cyclone. Der arme Jude aber war ausschließlich auf die Hilfe der reichen Juden angewiesen, denn vor den Thüren der Christen und Mohammedaner hätte er niemals Barmherzigkeit gefunden. Der Jude mußte erwerben, mußte sammeln, um überhaupt leben zu können. So errang er als Geldgeber dennoch Bedeutung und es wurden ihm sogar Privilegien und Gnaden verliehen. Die Juden wurden zu providentiellen Schatzmeistern gestempelt. Die Juden hätten allerdings zu Zigeunern herabsinken können. Aber das warihnen unmöglich gemacht durch die heiligen Bücher, die sie mit sich führten. Man kann nicht Talmud studiren und die heiligen Rollen lesen und dabei am offenen Feuer im Walde campiren. Eine die Blößen bedeckende Kleidung war Vorschrift, eine strenge Sittlichkeit bedingte einen geordneten Haushalt, Sabbath und Feiertage mußten gehalten werden. Daß Alles kostet Geld und es mußte Geld verdient werden. Durch ihre Religion wurden die Juden gegen die Demoralisation geschützt. Die Sabbathfeier und die koschere Küche sind Dinge von großer cultureller Bedeutung. Jenes alte Lied ist im Rechte, Gott bezahlt das, was der Sabbath kostet. Aberreich, übermäßig reich sollte daher dies Volk sein, das 2 Jahrtausende hindurch ein Schicksal getragen hat, das kein anderes Volk zu tragen vermocht hätte. Die Plünderungen wiederholten sich regelmäßig, wie Schemittah und Jubeljahr. Jeder Ort war den Juden verschlossen, die meisten Haudwerke waren ihnen versperrt, liegender Besitz verwehrt und dennoch sollten sie reich sein, unmäßig reich gegen die Andern? Es ist wahr, die Reichthümer, die unser Jahrhundert erzeugt hat, mögen die Erbschaft der Vergangenheit überbieten. Aber die landwirthschafllichen Industrien waren doch dort am leichtesten anzulegen, wo man Latifundien besaß und die Eisenbahnen konnten nur dort reiche Entschädigung zahlen, wo Grund und Boden angekauft werden mußte. Wie viel haben beispielsweise die Juden von der Entschädigung erhalten, die für die österreichische Grundentlastung gezahlt wurde? Man berechne den Werth, den Grund und Boden in Europa einschließlich Englands haben, das geht nämlich in die Hunderte von Milliarden, und erkundige sich dann, wie viel davon die Juden besitzen. Sie haben davon nicht einmal einen der Bevölkerungsziffer entsprechenden Percentsatz. Die Juden sind reich, waren reich, sind und waren übermäßig reich. Man denke doch an die Pracht der christlichen

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