Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 37 (15.9.1893)
- Date
- 1893-09-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 686 Oesterreichische Wochenschrift Nr. 37 oder „6üo8en-Lli8pLt" hat höchstens Interesse für einen verbissenen Antisemiten. Nur in der Absicht, diesen fast unglaublichen Schwindel vollständig aufzudecken und andere P. T. Herren noch rechtzeitig vor Schaden zu wahren, bringt dies an die Oeffentlichkeit Franz S ch in i d , Pfarrprovisor in Woltersdorf. Der Pfarrprovisor Franz Schmid in Wölkersdorf hat vollständig Recht, wenn er sich über den plumpen Schwindel entrüstet, der da mit ihm getrieben wurde. Die Broschüre „6tl08en-Nispat" oder „Civil- und Strafrecht des Judenthums" ist eine antisemitische Hetz- und Schmähschrift der elendesten Sorte, welche die „Oesterreichische Wochenschrift" seinerzeit gebührend gekennzeichnet hat. Das Merkwürdige an der „Warnung" des Pfarrprovisors Schmid ist nur der Umstand, daß dieselbe im „Vaterland" veröffentlicht lvird. Denn eben dieses „Vaterland" war es, welches jener Broschüre des Herrn Pavly kurz nach ihrem Erscheinen und auch weiterhin die lärmendste Reclame nrachte und sie zu antisenlitischen Hetzereien ausschrotete. Ebenso machten das „Deutsche Volksblatt", der „Oesterreichische Volkssreund" und sännntliche Antisemitenblätter des In- und Auslandes für das nichtsnutzige Machwerk mit vollen Backen Propaganda. Was gestern noch eine ruhmwürdige That im Interesse des christlichen Volkes tvar, das stellt sich jetzt als ein ganz erbärmlicher Schwindel, als ein schamloser Betrug heraus, von einem gewissenlosen christlichen Autor und einem gewissenlosen christlichen Verleger verübt, um die Antisemiten zu prellen. Dieser Herr Besserer in St. Ludwig iß eigentlich ein großer Humorist. Die Gaunerei, die er da in Scene setzt, indem er auf die Leichtgläubigkeit und den Fanatismus des antisemitischen Publikums speculir.t, hat einen urdrolligen Beigeschmack. Mit welch absonderlichen Mitteln das „Vaterland" und die gesinnnngsverwandten Blätter für diese literarische Gaunerbande jahrelang die Reclame-Trommel geschlagen, zeigen die nachstehenden Proben, welche wir den vergeßlichen Redacteuren des „Vaterland" in Erinnerung zurückrusen. Das „Vaterland" vom 16. Juni 1887 erzählte, daß die „Publication in jüdischcnKreisen gewaltiges Aufsehen (!!) ju erregen beginnt. Es handelt sich um die von mehreren deutschen Gelehrten (?) unternommene Ucbersetzuug des Schulchan-Aruch, jenes Buches, welches die Satzungen und das Rituale des sogenannten orthodoxen Judenthumes enthält. Der „Osservaiore Cattvlico" will nun erfahren haben, das; die Oberrabbiner von Berlin, A m st e r d a m. Kopenhagen, Hamburg, Lemberg und Krakau in den Synagogen verkündeten, es sei für Inden eine Sünde, diese Publication durch Abonnement zu unterstützen." Selbstverständlich war das ganze Märchen erlogen. Das ultramontane, römische Blatt brachte auch die unerhörte schamlose Insinuation, daß das jüdische Gesetz befehle, die Verfasser von solchen indiskreten „Uebersetzungen" einfach heimlich b ei Seite zu schaffen!' Um diesen haarsträubenden Blödsinn zu beglaubigen, citirte der Artikel eine Reche erdichteter und gefälschter Kraftworte, welche mit gesperrten Settern besonders hervorgehoben wurden. Darauf folgte die freche Behauptung, Dr. P i n n e r sei wegen seiner Talmudübersetzung — vergiftet und — risum teneatis! „Dr." Aron B r imanus aus demselben Grunde processualisch a b g e s ch l a ch t et worden! Als ob dieser Allerweltschwindler sich durch seine Verbrechen nicht selbst hingerichtet hatte! Ein ähnliches Märchen brachte der Artikel betreffs des Pfarrers Naabe, des Verfassers der bekannten Mischna-Uebersetzung. Am eifrigsten in der Propaganda für das geschäftliche Unternehmen des Herrn „P a v l y" waren in der That die von den Jesuiten inspirirten päpstlichen Organe in Nom, deren Artikel von den ultramontanen Blattern in ganz Europa nachgedruckt wurden, und man unterließ nicht, von Zeit zu Zell aus die Wichtigkeit des Baseler Unternehmens für die antijüdische Sache hinzuweisen. Man ließ deswegen nachstehende Notiz in der gesammten antisemitischen Presse circuliren: „Da in dem Circulare der rein wissenschaftliche Werth dieses Buches, welcher in der That sehr groß ist, in etwas enthusiastischer Weise hervorgehoben wird, so war dadurch nicht wenigen Lesern desselben der Gedanke nahe gelegt, daß der genannte Verein wohl aus Juden, getauften oder ungetausten, bestehe. Dies ist aber, wie von berufenster (!J) Seite versichert wird, durchaus nicht der Fall, wenn auch die Mithilfe rabbinisch geschulter Juden der Natur der Sache nach wohl nicht ausgeschlossen sein kann." „Mögen also jene Vorstände von Gerichtsstellen, sowie jene vermöglichen Privatpersonen (das Ganze kostet circa 100 Markj, welche eliva an eine philosemitische Richtung des Werkes geglaubt haben, sich durch diese unbegründete Bermuthung von der Snbscription nicht abhalten lassen, sie leist e n damit ihren ch r i stl i ch en Mitbürgern, um deren Schutz es sich handelt, e i n e n s e h r w e s en t l i ch en Dienst. Das Werk gehört zu den durch die antisemitische Bewegung und insbesondere durch d i e r a st l o s e n Bemühungen der hie und da selbst im antisemitischen Lager übelberufenen „T a l m u d - H u s a r en" gezeitigten guten F r ü ch t e n." Im Juli 1888 brachte das „Vaterland" neuerdings drc i gr o ße Ar tikel über dieses „literarische" Unternehmen, um es allen Gönnern und Freunden zur Pränumeration zu empfehlen. In dem Pränumerations-Verzeichnisse konnte man die Namen nicht blos hoher Kirchenfürsten lesen, sondern auch frommerDamcn der hohen österreichischen Aristokratie, welche sich für den „Schulchan-Aruch" eifrigst interessirten. Der „Schulchan-Aruch" ward das Lieblingsbuch im Boudoir jener Aristokratinnen, welche sich bereits bei Aron Briman eine ausgiebige Blamage holten. In der clericalen Monatsschrift „Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland", den sogenannten gelben Blättern, 7. Heft 1887, erschien eine Zuschrift des sattsam bekannten Dr. August Rohling an die Redaction „Wegen des Schulchan-Aruch", deren Schlußsätze wörtlich lauteten: „Bei der Bedeutung, welche das Judenthum sich verschafft hat, ist es gewiß, selbst rein wissenschaftlich betrachtet, von großer Wichtigkeit, eine vollständige und zusammenhängende Uebersetzung des Schulchau-Aruch herzustellen. Da sich nun Dank den Bemühungen wahrheitsliebender Männer eine Gesellschaft gebildet hat, welche den gekennzeichneten hochlehrreichen Religions-Codex Israels durch eine zuverlässige, getreue, durchaus objektive Verdeutschung Allen zugänglich machen will und das große Werk von etwa -50 Bogen zu dem für derartige Unternehmungen höchst geringen Preis von 125 Francs liefert, so bitte ich die wohlhabenden Leser, die baldige Drucklegung durch Abonnement gütigst fördern zu wollen. Um von sonstigen Gefahren, welche dem verdienstlichen Unternehmen ciltgegenstehen, zu schweigen, ist eine vorausgehende Subscription schon aus ähnlichen Gründen nöthig, wie sie Lethielleux für seine Aristoteles-Edition der PP. Jesuiten bestimmten. Da obendrein die Abonnenten berechtigt sind, fernere Lieferungen abzuweisen, wenn competente, unparteiische Kritiker in den bereits ausgegebenen wesentliche Unrichtigkeiten finden würden, welche das Werk unzuverlässig machen müßten (es erscheinen etwa 25 Lieferungen in etwa monatlichen Zwischenräumen) — so ist zugleich die vollste Garantie geboten, daß eine durchaus ernste, mustergiltige Arbeit in's Auge gefaßt wurde. Bestellungen nimmt jede Buchhandlung, sowie auch der Unterfertigte entgegen. Prag, 16./9. 87. Prof. Dr. A. R v h l i n g." Herr V e r g a n i konnte dem Schwindel nicht „unbetheiligt" zuschauen und beeilte sich, dem „Geschäft" als Compagnon beizutreten. Am 12. Juli 1889 publicirte er einen Mahnruf an seine Gesinnungsgenossen, den „Schulchan Aruch" des „Dr. von Pavly" anzukaufen". „Gesinnungsgenossen von Wien, den Vororten und der Provinz, die dieses Gesetzbuch für jüdische Moral und Lebensführung, insbesondere aber für das Vorgehen uns Christen gegenüber, dann auch andere ähnliche, über jüdische Sinnesart aufklärende Schriften kennen lernen wollen, mögen ihre genaue Adresse an die Expedition des „D e u t s ch e n V o l k s b a t t" unter „Schulchan- Aruch" einsenden. — Die nicht unbedeutenden Anschaffungskosten sollen von je sechs oder höchstens je zwölf bis fünfzehn Theilnehmern bestritten werden; der Beitrag eines jeden Einzelnen ist dann ein kaum nennenswerther." Der saubere Dr. Pavly verfiel inzwischen auf einen zweiten Schwindel. Wie man aus Verona vom 26. Juli 1889 meldete, erhielten die Vorsteher jüdischer Gemeinden in Italien ein Packet, als dessen Inhalt: „Schriften" bezeichnet waren, und auf welches der Bettag von 3 Lire 65 Centesimi mittelst Nachnahme erhobeir wurde. Die Meisten der Empfänger glaubten, daß es sich um wichtige Actenstücke handle, nahmen die Sendung an und fanden darin zu ihrer großen Ueberraschung zehn Exemplare einer antisemitischen