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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-15 · 37 (15.9.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 684 Veprrreichische Wochenschrift Nr. 37 wirren, das Volk aufzurcizen und die behördlichen Maßnahmen zu beeinflussen oder ihre Autorität zu untergraben. Thut der Richter nicht ihren Willen, so ist er von.Juden bestochen, das Vertrauen zu einem gerechten Walten der Justiz und der Behörden wird systematisch erschüttert. So ist Deutschland angeblich „verjudet", so ist Oesterreich „verjudet", so ist Ungarn „verjudet". „Christlich" allein sind die Wiener Hetzaposteln und ihre Bundesgenossen, die rumänischenJrredentisten. An diese Adresse sind die Worte des Kaisers gerichtet, und sie werden überall im Lande verstanden und beherzigt werden. Der Monarch fordert von Allen, daß sie die religiöse Ruhe und das friedliche Einvernehmen der Consessionen und Nationalitäten fördern mögen und er verlangt die Achtung mnd Ehrung der Verfassung und der Gesetze. Wer das Eine oder das Andere unterläßt, wer gegen den Staat hetzt oder gegen eine Religion wühlt, wer das Land aufwiegelt oder um seine religiöse Ruhe bringt, der handelt nicht im Sinne des Monarchen, der wirkt nicht nach dem Wunsche des Königs. Drr Tag des Gerichtes. Freitag, am 15. September findet vor dem Wiener Schwurgerichte die Schlußverhandlung statt in dem Processi gegen Paulus Meyer, Pfarrer Deckert in Wernhaus und den Redacteur des „Vaterland" Herrn Franz Doll wegen des in dem letztgenannten Blatte publicirten Ritualmordbrieses mit dem Schauerroman der Juden in Ostrow, der mit dem Namen des Paulus Meyer gezeichnet war. Der Inhalt jenes Schauerbriefes ist unseren Lesern noch in Erinnerung. Die Klage geht von den Juden aus der russischen Stadt Ostrow aus, die sich verleumdet, in ihrem guten Rufe angegriffen, in ihrer Ehre beleidigt fühlen durch die Beschuldigung, einen Mord begangen zu haben, sie geht auch von Jenen aus, welche die Ehre ihrer Angehörigen wahrzunehmen haben, die bereits im Grabe liegen. Kläger sind also vor Allem der Rabbiner Jankel Rab inowicz in Biala (Russisch-Polen), Schwiegersohn des 1873 zu Warschau verstorbenen Ostrower Rabbiners Jehoschu a L ent sch n a, welch Letzterer den angeblichen Mord 1875 in Ostrow begangen haben soll, und Rachel Rabinowicz, die Tochter dieses Ostrower Rabbiners. Kläger sind ferner Moses Rosanker, genannt Mois che Berisches und Israel Frost, genannt Srul Partzewar, welche Beide als Schamossim derzeit beim Rabbiner in Biala leben und früher bei dessen Schwiegervater, dem Rabbiner in Ostrow, geweilt haben, — die beiden sogenannten Assistenten und Mithelfer bei dem angeblichen Kindesmorde in Ostrow. Endlich Samuel W a s s er str o m aus Tarlo, genannt S ch m u l Tarler, der sogenannte Kinderlieferant. Schon die Vorgeschichte des Processis läßt die Bedeutung desselben erkennen und macht es gewiß, daß demselben ein ungewöhnliches Interesse inne wohnen wird. In aller Erinnerung sind die Vorgänge in Kol in, wo ein ärztliches Gutachten das Blutmärchen vernichtete. Nun versuchte man es in Holle sch au mit dem Dienstmädchen Karoline Schnula und mit der Bettlerin Katharina Schön bäum, welche man angestiftet hat, gegen die beiden Tandler, Vater und Sohn, die Blutanklage zu erheben. Die Angeschuldigten wurden verhaftet und als Mörder behandelt. In Folge dieser Verleumdungen kam es auch zu Straßenexceffen und zu Bedrohungen der Juden in Holleschau. Nach drei Tagen mußten die Verhafteten als schuldlos entlassen, werden. Gegen die interessanten „Opfer" mußte der Staatsanwalt wegen Verleumdung die Anklage erheben. Bei der Schlußverhandlung gegen die beiden Frauenzimmer sagte der Staatsanwalt in seiner Rede: „Der Arrange" I;..u heute nicht ans Licht, er müsse aber eine mäch-! tige Persönlichkeit sein, weil sowohl die Schnula wie! die Schönbaum eher der Strafe sich unterziehen, als seinen Namen zu nennen." Wer ist nun diese wichtige Persönlichkeit? Derjenige, der die beiden Weiber bezahlte, kann ihnen als „mächtige Persönlichkeit" erscheinen; aber auch er ist nur ein Werkzeug und für hohen Sold, den er empfangen, wählte er Weiber aus, denen er am Wenigsten zu zahlen brauchte. Aber eine Schrift des Dr. Josef Deckert über den angeblichen Ritualmord der Juden in Trient spielte überall eine Rolle, wurde in der Bevölkerung gratis v erth eilt, um die Gemüther zu präpariren. Endlich sahen sich die Wiener und Prager Staatsanwaltschaft veranlaßt, diese angeblich wissenschaftliche Schrift des Pfarrers Deckert über den Knaben Simon, für welche die gesammte antisemitische Presse Oesterreichs und Deutschlands ausgiebige Reclame gemacht, zu consisciren. Ueber den Pfarrer Dr. Deckert erhalten wir eine Zuschrift mit einer interessanten Mittheilung, von deren Wahrheit wir uns durch eigene Informationen überzeugt haben. Die Zuschrift lautet wörtlich: „Geehrter Herr Redacteur! In seinem Artikel im „Vaterland", mit welchem Herr Dr. Deckert däs famose Schreiben des Paulus Meyer über den „Ritualmord zu Ostrow" einleitet, bemerkt der hochwürdige Pfarrer von Weinhaus: „Ich habe in meinem Leben seit nieiner Studentenzeit viele Juden kennen gelernt, habe aber, aufrichtig gestanden, nicht das Glück gehabt, unter denselben edle Charaktere zu finden. Im Gegentheile, meine Lebenserfahrung hat mich zum Antisesemiten gemacht, nicht zum Rassenantisemiten." „Die Wahrheit zu gestehen, ich habe nur schlimme Erfahrungen gemacht mit den Kindern Israels, die meinem Leben nahe kamen; selbst mit manchen getauften Juden habe ich Trauriges erlebt." Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen von einer Begegnung des Herrn Pfarrer Deckert mit einem armen Juden erzähle. Es war bei Gelegenheit der E i n w e i h u n g der neuen Kirche in Wein Haus, welche mit Hilfe jener „Luft-Villa- Lotterie" zu Stande kam, als Herr Dr. Deckert, welcher mit Juden jederzeit solch schlimme Erfahrungen geuracht haben will, sich an einen armen Zögling des isr. Blindeninstitutes der Cultusgemeinde Wien, also an einen armen blinden Juden Namens Josef Herz, mit dem Ersuchen wandte, bei der feierlichen Einweihung der Kirche die Orgel zu spielen. Man theilte dem Herrn Pfarrer mit, Josef Herz sei ein Jude und fragte ihn, ob es den geistlichen- Herrn nicht genire, daß bei dieser kirchlichen Einweihungsfeier , ein Iud e die Orgel spiele. Herr Dr. Deckert verneinte diese Frage und erklärte damals, daß er alle Ursache 'habe, die Juden zu achten. Und so hatte denn Josef Herz, der arme blinde Jude an der Einweihungsfeierlichkeit der neuen Kirche des Herrn Dr. Deckert als Orgelspieler activ theilger.ommen, und als ihm schließlich ein Honorar dafür angeboten wurde, erklärte der Blinde, für diese Ehrenfunction die Annahme irgend einer Entschädigung verweigern zu müssen. Die „schlimmen Erfahrungen", die Herr Pfarrer Deckert mit den Juden gemacht hat, können also nur jungen Datums sein." Neben dem katholischen Geistlichen und dem katholischen Redacteur sitzt auf der Anklagebank auch Paulus Meyer, alias Pawly, alias Kremenitzki, rsets Bar.uch Leib Aschkenasi, ein geborener Jude, der gegen seine ehemaligen Glaubensgenossen und Landsleute in Ostrow in Rußland die niederträchtige Verleumdung ersonnen hat, um dem Pfarrer von Weinhaus, der ihn mit monatlich 100 Gulden honorirte, gefällig zu sein. Er ist derzeit protestantischer Confession. Allein auch diese „Bekehrung" hat ihm kein Glück gebracht, denn es waren hervorragende Vertreter der protestantischen Orthodoxie, wie Pastor von V o d el s ch w i n g h in B i e l efeld und der gewesene Hofprediger Stöcker in Berlin, welche seine polizeiliche Ausweisung aus dem preußischen Staatsgebiet - veranlaßten. Und von Sachsen aus wird seine gerichtliche Auslieferung gefordert. Auch dort steht er unter Anklage der Ver?

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