Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 37 (15.9.1893)
- Date
- 1893-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 31?* Wien. 13. Septemder 1893. Jahrgang X. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. *= K. k. Posttz>sii:ajstnamt Clearingverkehr Llr. 610.076. Vedsrlion und Adniinistratton: Wien Franx Josrfs-Nnsi Nr. 9. Telephon-Nr. 6535. 3K m Eigenthümer: Rerchsraths-Abgeordneter Dr. Kisch. Lrscheint jeden Freitag. M«n «dvmnrr bei allen Posttlnstslien de» In- »nd Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fi. Einzelexemplare 2S fr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Die Kaiserworte vom 10. September. — Der Tag des Gerichtes. — Difficile est satiram non scribere. — Die Verjudung von Wien. — Die Fälscher des Socialismus. — Dichterstimmeu über Juden und Judenthum. — Die Einweihung der Synagoge für den polnisch-jüdischen Ritus in Wien. — Cor re» pondenzen: Wien, Lembergs Przemysl, Jaroslan, Nachod, Berlin, Jarotschin, Warschau. — Vermischtes: Wien, Prag, Budapest, Böhm.-Leipa, Salzburg, Temesvar, Kremsier, Skotschau, Tereschan, Pancsova, Prag, Pilsen, Berlin, Breslau. — Der Bersvhnnngstag. — Fnrstengunst XXIV. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Statut der israelitischen Cnltusgemeinde in Wien. — Inserate. Den geehrten Gönnern und Freunden, welche anlässlich des Jahreswechsels freundlichst unser gedacht Aaben, erwidern wir vom Herzen die frohen (jjfesse und wünschen denselben % nnvo n^nn 1-2.1 Die Redaction der „©esterreichischen LÄTschenscHrifH. DR- BLOCH Rsich.srath.s-Abgeordneter. Dir Kaifertoorte vom lO.Sepkemder. Die jüngsten Kaiserworte, auf ungarischem Boden zu Führern des katholischen, griechisch-katholischen und des rumänischen Clerus gesprochen und die in einem mächtigen Appell zur Friedensliebe und Duldung ausklingen, haben in allen Gauen dieses weiten Reiches und weit über dessen Grenzen hinaus einen mächtigen Widerhall gefunden. ' Dem Namen des größten und populärsten Königs, der jemals auf dem Throne Ungarns gesessen, dem des Königs Mathias Corvinus, wurde das ehrende Epitheton des „Gerechten" beigefügt. Wenn wir der verschiedenen Acte und Worte des Kaisers Franz Josef I. gedenken, so haben wir die Empfindung, daß die dankbare Nachwelt unserem Kaiser diesen Ehrentitel — den höchsten, welchen die Völker zu vergeben haben — verleihen wird. Nicht anders als mit dem Ausdrucke tiefempfundenen Dankes können wir der Worte gedenken, welche Se. Majestät an die ihm ihre Huldigung aussprechenden Deputationen in Borossebes gerichtet hat. Der Kaiser hat gesprochen, wie der Nachfolger Slefan's des Heiligen nicht anders sprechen konnte. Er sprach als oberster Hüter der Verfassung, als der berufene Beschützer der Grundgesetze des ungarischen Staates. Ueber die engen Schranken des Ortes, in dem es ausgesprochen wurde, wird cs hinausfluthen durch ganz Ungarn nicht nur, sondern durch das ganze Reich. Der Kaiser hat es dem römisch-katholischen Bischof von Csanad dringend ans Herz gelegt, für „die confessionelle Ruhe und die friedliche Eintracht ohne Unterschied der Confession und der Nationalitär" zu wirken. Viele Meilen ist Borossebes von Wien entfernt, aber über den weiten Raum hinweg tönt das Wort des Fürsten, der ein apostolischer ist, nach seiner Residenz, ins Lager der Friedensstörer und Unruhestifter, in die Hauptquartiere des Hasses, von welchen aus Priester, die sich rühmen, katholisch zu sein, einst die Losung ausgaben: „Die Nächstenliebe fängt bei sich selber an". Einer dieser Priester steht morgen vor Wiener Volksrichtern neben dem Redacteur jenes clericalen Organes, welches zu dem Kaisermort vom 10. September Comentare und Erläuterungen bietet, die den Sinn der apostolischen Worte in das Gegentheil umkehren. Deshalb werden doch die Worte des Kaisers in allen Theilen des Landes eine tiefe Wirkung üben, man wird sie überall verstehen, weil sie klar und deutlich lauten und weder mißverstanden noch mißdeutet werden können. Die Kaiserworte sind auf ungarischem Boden gefallen, aber-es ist der österreichische Kaiser, der sie gesprochen, der den Forderungen des Menschenthums und der Duldung den Glanz seiner kaiserlichen Autorität lieh, der die „Betonung leerer Schlagworte und den übertriebenen Chauvinismus" in den schärfsten Worten verurtheilte, weil sein wohlwollender kaiserlicher Schutz „sich auf jeden Unterthan ohne Unterschied der Confession und der Nationalität gleichmäßig erstreckt". Die Worte des Kaisers waren zum Theil an die rumänischen I r r e d e n t i st e n gerichtet, allein die Wiener Antisemiten sind ihre getreuen Bundesgenossen, die Hetzer und Schlagworthelden, welche das eine Mal Aufreizungsfahrten zum Koliner Strnßenmob unternehmen und ein andermal wieder rumänifch-irredentistischen Reichsfeinden Schmollis zutrinken. Und sie gleichen sich in allen Ländern in ihrem Charakter und in ihrer Verlogenheit jenseits der Leitha oder an den Ufern des Rheins; Terrorismus. Auflehnung gegen Recht und Gerechtigkeit, Verdächtigung und Verleumdung bilden ihre Waffen in Ungarn, in Wien oder Berlin. Welch ehrlichen Menschen empört nicht das internationale Haberfeldtreiben gegen den unglücklichen Metzger Buschhof in C ö l n? Die preußische Regierung entsendet zwei höhere Polizeibeamte, um das Dunkel, welches noch immer über dem Xantener Knabenmord schwebt, zu lüften. In welcher Richtung dre Untersuchung sich bewegt und bewegen muß, ist ein offenes Geheimniß; alle Welt weiß, daß gewisse Antisemiten hier ihre blutbefleckte Hand im Spiele hatten. Flugs wird die Lüge in die Welt telegraphirt, daß die preußische Staatsanwaltschaft auf die Ergreifung des B u s ch h o f einen Preis ausgesetzt hat. Der zuständige Staatsanwalt weiß davon nichts. Buschhof weilt in Cöln und wird nicht einmal gerichtlich vorgeladen. Allein es gilt, die öffentliche Meinung zu ver-