Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 36 (8.9.1893)
- Date
- 1893-09-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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mm!Myn™ffi^wifiiwnr>TrMi« -man;jim Nr. 36 Orsterrrdtzisrhr WochrnschE Sette 677 mal in der Nähe desselben war, ließ ich es mir nicht nehmen, > von Stanislau aus eigens einen Ausflug dahin zu machen. Am Bahnhofe angelangt, war meine erste Frage an den Fuhrmann nach der Wohnung des Chacham. Sei es, daß dieser in dem Glauben, wenn er mich wahrheitsgetreu informiren würde, um einen Verdienst kommen könnte, oder möglich, daß er — der Rabbanite, diesbezüglich selbst im Jrrthum war — er führte mich nicht zum Chacham, der das Wirthshaus in der Nähe des Bahnhofes bewohnte, sondern zum Factotum der Karäergemeinde, dem Schächter, Lehrer und Borbeter, der beim Tempel ein elendes Stübchen bewohnt. Nun fand ich denselben nicht zu Hause. Man sagte mir, er sei am Friedhofe mit einem Gemeindegenossen, der gerade „Jahrzeit" habe. Die Gelegenheit war mir erwünscht, auch den Friedhof der Karäer im Beisein des „Chacham" zu besichtigen; mein Fuhrmann war somit in der Lage, einen doppelten Verdienst einzuheimsen, indem er mich auf den Friedhof und zu dem vermeintlichen Chacham führte. Dort angelangt, war der „Chacham" eben im Begriffe heimzukehren, — ich stellte mich ihm vor, trug ihm mein Begehr vor, ihn und die Institutionen der Gemeinde kennen zu lernen, doch war der Empfang ein, der Herbstwitterung entsprechend, möglichst kühler. Vor Allem erklärte er, nicht der ..Chacham" zu sein, — ich hielt diese Erklärung mit Rücksicht auf die Bedeutung des Wortes für Bescheidenthuerei, zumal mir der Fuhrmann im Geheimen zuflüsterte: „Er sei es, ich möge mich nicht irreführen lassen." Er kehrte nichtsdestoweniger etwas unwillig zwar auf dem Friedhof zurück, ich ließ mir die ältesten Grabsteine zeigen, die aber schon stark verwittert waren und keine deutliche Jahreszahl erkennen ließen. Ich ließ mich an die Grabstätte des letztverstorbenen Chacham Josef Leonowicz (s. über ihn, Fürst, Gesch. desKaräerthums in, 139) geleiten, dessen mit dem sel. Jos. Löwy aus Gr.-Kanizsa geführte, gelehrte Correspondenz mir aus den Jahrgängen 1862—1865 der „Kochbe Jizchak" bekannt war. Nach Erwähnung dieser Correspondenz ward der „Chacham" etwas vertraulicher und fragte mich, ob ich vielleicht der Josef Löwy wäre? . Nachdem ich am Friedhofe nichts Bemerkenswerthes gefunden, fuhr ich ins Städtchen zurück; der „Chacham" war aber nicht zu bewegen, mit mir zu fahren und ging angeblich in den nahegelegenen Wald, wo er „zu thun hätte". In Wirklichkeit scheint er Bedenken gehabt zu haben, von mir unterwegs interviewt zu werden, während von ihm schwer etwas herauszubringen war. Ich konnte mir die Zugeknöpftheit gar nicht erklären und kann nur annehmen, sie sei in nichts Anderem begründet gewesen, als in der colossalen Unwissenheit des „Chacham". die er im Gespräche zu verrathen fürchtete. Im Städtchen angelangt, besichtigte ich den Tempel, der an allen Wänden wie am Plafond mit hebräischen Sprüchen aus der Bibel vollgeschrieben war, die in solcher Tendenz ausgewählt waren, die auf Sehnsucht nach Vereinigung der verschiedenen Stämme Israels, nach Verbrüderung schließen läßt, so z. B. die Stelle aus Ezech. 37, 15—22. Später fand ich denn auch den „Chacham" zu Hause, der zu Fuß gekommen war und den Gang in den Wald nur als Vorwand benützt zu haben scheint, damit ich inzwischen mit dem nächsten Zug Weiterreise. ■ . Daich mich aber nicht so leicht abspeisen ließ, nachdem ich nun einmal da war, kramte ich vor dem „Chacham" meine Kenntniß über Karäerthum und karäisches Schriftthum aus. um ihn gesprächiger zu machen, doch Alles vergebens. Nur mit Mühe war aus ihm etwas herauszubringen. Ich gab auch meiner Verwunderung über diese Verschlossenheit unverhohlen Ausdruck, — nun betheuerte er mir auf Ehre, er sei nicht der „Chacham", sondern ein gewöhnlicher Karat, Namens Simche Esowowicz. Dennoch bemerkte ich, daß man ihm Geflügel zum Spachten brachte und er einen karäischen Knaben in den Psalmen unterrichtete, (den er aber nach meiner Ankunft sofort hinausschickte, damit ich seine Unterrichtsmethode nicht beobachte). Ich durchstöberte seine Bibliothek, fand außer der Bibel und den karäischen Gebetbüchern (Sidur, erschienen bei Dela Torre, Wien 1854, Machsor in 4 Bänden), den „Ez Chaim" des Aron b. Eliahn aus dem 14. Jahrhundert (eä. Delitzsch 1841) „Michlal Jost" (eä. Leyden 1660) Commentar zur Bibel, — den „Mibchar" des Aron ben Josef aus dem 13. Jahrhundert, den „Eskol" des Jehuda Hadaffi aus dem 12. Jahrhundert und andere ähnliche Werke. Ich befragte ihn über eines und das Andere, worin ihr Ritus und ihre Gebräuche von den unserigen divergiren, und constatirte bei dieser Gelegenheit, daß die diesbezüglichen Behauptungen Jost's (Gesch. des Judenthums und seiner Secten II 301—325) nicht Alle richtig sind. So z. B. fasten sie nicht am 7. Tamus, wie I. behauptet, (Gesch. III 307) sondern am 9.; vor dem 10. ab nicht volle 3 Tage, sondern blos am 7.; den Fasttag Ester halten sie j a. Statt des 3. Tisri fasten sie am 24. mit Bezug auf Neh. 9,1*) da die Ermordung Gedaljahu's, als eines Einzelnen noch kein genügendes Motiv bildet, um deshalb einen allgemeinen Fasttag einzusetzen. Bgl. „Kochbe Jizchak" Heft 31 S. 80 u. Heft 30 S. 34. Löwy's Richtigstellung des Datums bei Jost ist — unrichtig. Der Fasttag wird am 24. Tisri nicht am 23. abgehalten. Der wirkliche Chacham sei R. S u r a ch Leonowicz, — erfuhr ich, wie auch, daß er eben in der „Gaffe" sei. (Die meisten Karäer wohnen nämlich in einer Gasse in Halicz, im Karäer-Biertel.) Auf der Suche nach ihm, ging ich daher in ein mir bezeichnetes Haus. Daselbst angelangt, machte fich aber der „Chacham" aus dem Staube, was mir nicht auffallen konnte, da er sich äußerlich in nichts von den andern Karäern, die ich daselbst geschäftlich gefunden hatte, unterschied. Es hatte sich nämlich die Kunde wie ein Lauffeuer verbreitet, ein deutscher Rabbanite sei hier, der sich für die Karäer interessire, und dies war dem „Chacham" Grund genug, die Begegnung mit mir zu vermeiden. Ich suchte ihn dann noch in einem anderen Hause, in das er gegangen war, doch war er auch hier nichtmehr zu finden. Es blieb mir daher nichts Anderes übrig, als wieder zu R. Simche zu gehen und ihm meine Verwunderung über ihre Geheimnißthuerei auszudrücken, ich sei doch für fie von deni besten Wohlwollen erfüllt und könnte ihnen sowohl moralisch wie materiell irgend welche Bortheile zuführen. Er entschuldigte sich damit, daß sie jetzt sehr verstimmt seien, da ihnen ein Unglück zugestoßen sei, das der Zerstörung des jerusalemischen Tempels gleichkäme. Vor einigen Wochen seien nämlich unbekannte Thäter in ihren Tempel eingebrochen, und hätten nicht nur die Sammelbüchsen entleert, sondern auch werthvolle Antiquitäten, diverse Silbergeräthe geraubt, sie fürchten daher jeden Fremden, und seien gegen Jeden mißtrauisch. Sie haben Angst vor den Gerichten, mit denen sie am liebsten gar nichts zu thun hätten, wenn sie auch die Beschädigten sind und wittern in jedem Fremden einen geheimen Untersuchungsrichter oder Spion, dem sie aus dem Wege gehen möchten. — In Wirklichkeit aber merkte ich, daß sie die Proselytcnmacherei seitens der Rabbaniten fürchten, sich daher im Gefühle ihrer Schwäche mit Niemandem in Retigionsgespräche einlaffen mögen und so meiden fie jede Begegnung mit Fremden. Mit den Rabbaniten im Orte verkehren sie sehr wenig, höchstens nur geschäftlich, wenn sie das Getreide eigener Fechsung verkaufen, — unter einander sprechen fie zumeist ruthenisch oder spagniolisch. Um Halicz nicht zu verlassen, ohne den wirklichen „Chacham" gesehen zu haben, fuhr ich Abends, einige Stunden vor Abgang des Zuges, ins Wirthshaus bei der Bahnstation, zur Wohnung Reb Surachs, um mit ihm über Manches zu sprechen. Kaum war ich jedoch angelangt, als er zur entgegengesetzten Thüre der großen Wirthsstube hinaushuschte — um nicht wieder zum Vorschein zu kommen. Frau, Tochter und Schwiegersohn schützten vor, er wäre in der Stadt; auf meine Versicherung, er wäre bereits längst zurückgekehrt, war ein gleichgiltiges Achselzucken die Antwort. Man gab vor, ihn zu suchen — und so sucht man ihn noch bis zur Stunde. Er hielt sich bis zu meiner Abreise förmlich versteckt, — während welcher Zeit ich mir die Langweile damit vertrieb, daß ich in dem karäischen Gebetbuche, das ich mir von den Hausleuten mit Mühe und Noth erbettelt hatte, herumblätterte. — Von den Hausleuten, die mich nur schwer zu verstehen Vorgaben und mich, den Zweck meiner Besuche, sowie meine Neugierde, die fich in verschiedenen Fragen kundgab, nicht begreifend mit verdächttgen Blicken maßen, erfuhr ich, daß sie sich mit Karäern aus Eupatoria (Goslow) in der Krim verschwägern, während die ärmeren Karäer sich im Orte untereinander verschwägern. Im Allgemeinen find sie brave, wenn auch beschränkte Leute, die sich zumeist mit Feldwirthschaft beschäftigen und gerichtlich nie beanständet werden. Da ihnen jede Waffe *) Maybaum's Hypothese (Entwicklung des Priesterth. S. 104) als wäre „dies der erste Jomkippur gewesen, der dann auf den 10. Tisri verlegt wurde" — ist ganz aus der Luft gegriffen.