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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-08 · 36 (8.9.1893) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
36 (8.9.1893)
Date
1893-09-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 674 Vrprrrektzische Wochenschrifl Nr. 36 wiesen, den er aucb alsbald beschritt. Im heutigen Termin! kennzeichnete der Vertheidiger des Beklagten. Rechtsanwalt Urdach, mit treffenden Worten das Gebühren des Privatklägers, dem die schöne Jüdin als Liebesspielzeug gut genug und begehrenswert erschienen sei. der aber, von ihr in unzweideutiger Werse zurückgewiesen. sich nicht entblödet habe, ihr mit entwürdigenden Schimpfworten zu begegnen. Wer dies Verfahren nicht verabscheue und der empfangenen Züchtigung für würdig erachte, dem müsse noch nie die Zornesader angeschwollen sein und noch nie die Faust in der Erregung sich geballt haben. Der Beklagte sei einer erheblichen Ehrenkränkung mit einer leichten Mißhandlung begegnet; in einem solchen Falle müsse die beiderseitige That aufgerechnet werden. Der Privatkläger habe daher keinen Grund, noch den Strafrichter um eine besondere Sühne anzugehen. Der Gerichtshof schloß sich diesen Ausführungen an, erkannte den Beklagten der körperlichen Mißhandlung zwar für schuldig, aber unter Compensation der ihm vom Kläger angethanen Beleidigung für straffrei und legte die Kosten des Verfahrens jeder der beiden Parteien zur Hälfte aus. Berlin, 29. August. Vor einigen Wochen brachte der hiesige antisemitische Moniteur ein Schauermärchen aus Volos in Thessalien, wonach ein Jude aus angesehener Familie einen Knaben geraubt und ihn 5 Tage lang in einem unterirdischen Gesängniß eingesperrt gehalten habe, bis es dem Knaben gelungen sei, zu entfliehen und bei der Polizei Anzeige von dem Vorfall zu machen. Selbstverständlich ist die ganze Geschichte erlogen. Eine Correspondenz der in Athen erscheinenden „Akropolis". die aus Volos vom 10. August datirt ist, berichtet über das Vorkommniß folgendermaßen: „Beinahe hätten sich die antisemitischen Scenen in Corsu auch hier wiederholt. Ein 12jähriger Knabe aus Janina, der als Gamin sich Herumtrieb, erschien gestern ans der Polizei und gab an, daß er mit Gewalt von Juden fortgeschleppt und 5 Tage in einem jüdischen Hause eingesperrt worden sei; es sei ihm aber gelungen, durch die Gitter des einzigen Fensters seines Gefängnisses zu entweichen. Er fügte noch hinzu, daß ihm als Nahrung mit Blut befeuchtetes Brot u. A. gegeben worden sei. Sogleich begaben sich der Polizeicommissär und der Staatsanwalt mit dem Knaben nach dem bezeichneten Hause, dessen oberer Stock von einer christlichen Familie bewohnt wird. Ihre erste Aufgabe war natürlich, zu untersuchen, ob das Entweichen des Knaben aus dem Fenster möglich wäre. Der Junge machte nun verschiedene Versuche und bemühte sich vergeblich, seine Behauptung, von der zum größten Theil die weiteren Folgen seiner niederträchtigen Verleumdung abhingen, praktisch zu erweisen. Sobald sich die Grundlage der Erzählung des Knaben als Lüge heraüsgestellt hatte, ging die Behörde zu eingehenderen Nachforschungen über, und dicse ergaben, daß der Bursche in den Tagen seiner angeblichen Gefangenschaft ungestört auf den verschiedenen Trottoirs der Stadt und in dem Hause des Hüters vom Tempel „der Verwcndelnng" geschlafen hatte. Seine einzige Begegnung mit der jüdischen Familie war nach der bestimmten Erklärung der jüdischen Frau folgende: Sie bemerkte eines Tages den Knaben, wie er zerlumpt auf dem ihrem Hause gegenüber liegenden Trottoir ausgestreckt lag, und redete ihn an' „Mein Kind, warum gehst Du nicht arbeiten?" — „Ich habe keine Arbeit gesunden". — „Soll ich Dich wegen Arbeit nach dem Hutgcschäst von Abraham schicken?" — „Ich gehe zu keinem Juden, denn sie trinken Menschenblut!" Mit diesen Worten verließ er das Trottoir, eilte zu der Mutter des Tempeldieners, einer alten, gottesfürchtigen Frau, und erzählte ihr obige Geschichte. In derselben Nacht erfolgte auch die oben erwähnte Anzeige bei der Polizei. Die Behörde nahm die Sache mit lobenswerther Energie und Sorgfalt in die Hand und machte unmittelbar darauf der erbitterten und aufgeregten Bürgerschaft die von ihr gemachten Entdeckungen bekannt, in Folge derer: kein Zweifel bestehen kann, daß der Knabe das Werkzeug niederträchtiger Gesinnungen oder geistiger Krankheit war, und daß auf diese Weise die Erbitterung der Christen gegen ihre zahlreichen jüdischen Mitbürger, mit denen wir hier in brüderlicher Einigkeit leben, erregt werden sollte." Schärfer und zugleich vernichtender, so bemerkt treffend das „Berliner Tageblatt", kann man das nichtswürdige Treiben gewisser Kreise nicht brandmarken. Dieser Vorgang zeigt recht deutlich, mit welchen Mitteln man anlisemitischerseits arbeitet, und aus welchen Veranlassungen zumeist jene gehässigen und wahnwitzigen Beschuldigungen Herkommen, die man gegen Juden und Judenthum zu schleudern nicht müde wird. Leider gelingt es nicht immer, so klar und gründlich, jenen Bestrebungen einen festen Damm entgegenzusetzen. Berlin, 29. August. In der „Saale-Ztg." lesen wir: „Infolge mehrerer in antisemitischen Zeitungen veröffentlichten Artikel hatte der preußische Justizminister vor einigen Wochen auf unmittelbare allerhöchste Anregung an den Oberstaatsanwalt des Berliner Kammergerichtes das Ersuchen gerichtet, durch Umfrage bei sämmtlichen Staatsanwaltschaften die Fälle aus letzten: Jahre festzustellen, in welchen Geschäftsleute jüdischen Glaubens sich gegen Einkäufe besorgenden Kundinnen in sittlicher Beziehung vergangen hatten, und die diesbezüglichen Acten ihm zur persönlichen Einsichtnahme umgehend zu übersenden. Als Resultat der nunmehr abgeschlossenen Untersuchung konnte nur ein Fall namhaft gemacht werden, der genugsam erörterte Fall Joseph. Selbst der Fall Aberger, der den oben erwähnten antisemitischer: Artikeln zu Grunde gelegen, mußte ausscheiden, da der verurtheilte Albert Aberger evangelischer Religion ist." New-Iork« Üeber die Znkunftspläne und Absichten des Baron Hirsch berichtet ein hervorragender Mitarbeiter der „Menorah" (das Organ des Ordens Bne: Brith in Amerika), der den Baron zu diesem Zwecke „interviewte", Folgendes: Als mir die hohe Ehre zu theil wurde, von dem edlen Baron empfangen zu werden, trug ich ihm ohne Umschweife meine Bitte vor. Der Baron hörte aufmerksam zu und antwortete darauf: Die Hauptangriffe seitens unserer Feinde und Widersacher werden stets und in erster Reihe gegen die Vornehmen und Reichen in Israel gerichtet-, denen es gelungen ist. ein enormes Vermögen zu erwerben und einen berühmten Namen tragen oder eine' achtunggebietende Stellung in der Welt sich errungen, — in dieser erleuchteten, aufgeklärten Welt, die kein Auge, kein Herz und kein Mitgefühl habe für den endlosen Jammer unserer verfolgten und tiefgebeugten Glaubensgenossen in Rußland und den übrigen uncivilisirten Ländern. Auf die Judenfrage im Allgemeinen will ich nicht weiter eingehen; mein höchster und heiligster Wunsch ist es, der Welt zu beweisen, daß nur die barbarischen Verfolgungen und Auspressungen die Inden zu dem gemacht haben, was sie dort sind. Ich will daher, soweit es mir möglich, ihr trauriges Los besser zu gestalten suchen, indem ich zahlreichen Juden ein neues und unermeßliches Arbeitsfeld eröffne, wo sie als Bauern und Landwirthe ihre Kräfte zun: Segen der Menschheit entfalten können und ein menschenwürdiges Dasein führen sollen; ich muß jedoch offen gestehen, daß es mir sehr schwer wird, eine geeignete Auswahl zu treffen. Montefiore war oft glücklicher in seinen Unternehmungen, da er sie selbst beaufsichtigte, was mir leider nicht vergönnt ist, weshalb ich Anderen die Vollmacht ertheilen mußte. Die größte Schwierigkeit liegt aber darin, hochbegabte, gewissenhafte und verständige Männer zu finden, die als Verwalter mit voller Hingebung und Aufopferung sich der heiligen Sache widmen. Doch hoffe ich unter unserm Volke auch solche ausgezeichnete Männer erstehen zu sehen. Schon jetzt haben einige junge tatkräftige, sehr tüchtige geistvolle amerikanische Juden mir ihre uneigennützigen Dienste angeboten. So wird denn mit der Zeit eine gewaltige Umwälzung sich vollziehen. Bauern und Viehzüchter werden erstehen, Feldarbeiter und Schafhirten werden miteinander wetteifern in den neuen, Segen verheißenden Erwerbszweigen, wie einst in der Vorzeit im heiligen Lande, welches ja nur ganz klein und eng begrenzt war in: Vergleich mit den unermeßlichen amerikanischen Staaten und Neichen. Allniählich werden unsere Brüder sich dann ungehindert weit und breit ausdehnen und viele unbewohnte ungeheure Landstrecken, die gegenwärtig noch öde und wüst daliegen, im Norden wie im Süden, werden dann bevölkert sein von kräftigen, fleißigen und arbeitslustigen Menschen, geläutert durch die Feldarbeit, gehoben und veredelt in der Sonne der Freiheit, Gleichheit und Unbeschränktheit. Ein neues Geschlecht, ein neuer Stamm wird dann dem Judenthum erblühen, wo man das Schachern und Wuchern nur noch vom Hörensagen kennen wird und die guten und herrlichen Eigenschaften jene Wackern nicht nur dem Himmel, sondern auch Dir, Allmächtiger, näher bringen werden!" Nach diesen Worten, so schließt der Berichterstatter seinen Artikel, stand der Baron von seinem Sitz auf und reichte mir zum Abschied die Hand. Mit innigstem Danke für die Güte und Freundlichkeit, mit der er mich empfangen und meinen Wunsch erfüllt hatte, verließ ich das Palais. Aus Buenos Aiyres wird dem „Woschod" Folgendes über die Kolonisation in Argentinien berichtet: Am 2. Mai a. e. entsandte das Comite der zukünftigen Auswanderer aus Südrußland drei seiner Mitglieder von Buenos Ayres nach Paris, um sich dem Baron Hirsch persönlich vorzustellen und ihm die Wünsche und Absichten der Commission vorzutragen und um seinen Rath zu bitten. Die übrigen Mitglieder des Comites aber zogen inzwischen nach Entre Rios, um in der Colonie „Clara" daselbst so lange zu verweilen, bis die Antwort des Barons eintreffen wird. In dieser stillen Zeit der Ruhe und Erholung bevollmächtigte die Cenlralverwaltung des „Jüdischen Colonisationsvereins" den Abgeordneten Agro-

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