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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-08 · 36 (8.9.1893) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
36 (8.9.1893)
Date
1893-09-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 670 Oefierreichlschr Wochenschrtfl Nr. 36 Ein eisiger Wind verwehte dazumal die Fahrstraße Tischnowitz-Lomnitz und jagte große Schneeflocken den Passanten in's Gesicht. Langsam trabten die Postgäule dahin. Einer der Passagiere, die mit halbstündiger Postverspätung hier eintrafen, war der Med. Dr. Kuödl. Kaum aber, daß er die Schwelle des Elternhauses übertreten, wurde er auch schon von einem christlichen Bürger angegangen, seinem an Diphtheritis darniederliegenden Kinde ärztlichen Beistand zu leisten. Selbst die christliche Nächstenliebe eines Antisemiten vom Schlage eines Psenners wird es der Zärtlichkeit einer Mutter zu Gute halten, wemr Dr. Knödl's Mutter den Wunsch geäußert, ihr Sohn möge sich vorerst an einem Teller Suppe „erwärmen". Ihr Sohn aber belehrte sie, daß bei Diphtheritis die Lebensgefahr mit jeder Minute Versäumniß eine erhöhte sei. So folgte Herr Dr. Knödl ungesäumt dem Vater an das Bett des kranken christlichen Kindes. Dieses fand er aber schon in einem hoffnungslosen Zustande. Auf seine Frage, warum man nicht schon früher den hiesigen Arzt zu Rathe gezogen, erhielt er die lakonische Antwort: „Der darf mir nicht mehr in's Haus kommen!" Wohl gemerkt, Herr Psenner, der hiesige Arzt ist Christ! Hierauf erklärte Herr Dr. Knödl dem Vater des kranken Kindes, daß er jetzt in diesem Stadium der Krankheit nichts mehr durch Medicamente auszurichten vermöge, daß nur noch eine Möglichkeit zur Rettung des Kindes vorhanden sei. Diese bestehe in einem operativen Einschnitte, wozu er aber die Assistenz eines zweiten Arztes benöthige. Man möge ihm darum sofort den hiesigen Arzt herbeiholen. Darauf gaben Vater und Mutter des kranken Kindes die übereinstimmende Erklärung ab, lieber auch dieses Kind sterben zu lassen, bevor sie den hiesigen Arzt rufen. „Denn", sagten sie, „zwei Kinder sind uns hintereinander an Diphtheritis gestorben, wenn wir nach dem Arzt geschickt, war er, der einzige Arzt des Ortes, auf der Jagd." Nutzanwendung. Der jüdische Arzt, der Früh mit der Staatsbahn aus Wien fortfuhr und um 31/2 Uhr in Lomnitz eintraf, eilte, ohne auf die unverjährbaren Rechte seines Magens zu achten, zähneklappernd an das Krankenbett eines christlichen Kindes. Der einzige Ortsarzt christlicher Confession aber geht.in einer Zeit, wo die Diphtheritts grassirte — Kirschen. Sollte Herrn Psenner dieses Factum nicht von der Erfolglosigkeit seiner Hetze gegen jüdische^ Aerzte belehren, schlage ich ihm deinen Versuch vor. Die hiesige ärztliche Praxis trägt wohl einschließlich der Bezüge als Districts- und Todtenbeschauarzt 3000 fl. pro auuo. Möge Herr Psenner einen jüdischen Arzt veranlassen, sich hier ansässig zu machen, und sein Hetzblatt gratts der hiesigen Bevölkerung zusenden. Wenn er dann erfahren wird, daß die ganze arische Bevölkerung ausnahmslos dem Juden ihr Vertrauen schenkt und feine Hetzartikel für das Ergebniß eines bezahlten Agitators bezeichnet, dürfte er hoffentlich von dem Wahne geheilt werden, das wohlbegründete Vertrauen zu jüdischen Aerzten durch Verdächtigungen erschüttern zu können. Dann dürfte er selber ausrufen: Ueberzeugung macht wahr. 'Lomnitz den 1. September 1893. Dr. Simon Wolffsohn. Ein Wort an uns selber! Wieder naht ein Tag der Sammlung, der Einkehr und der Selbstprüfung für die jüdische Glaubensgemeinschaft. Doppelt bedeutsam ist dreser Tag in einer Zeit, wo eine Welt in Waffen gegen uns steht, wo selbst jener Schimmer von Freiheit, den wir errungen haben, wieder gefährdet erscheint und aus jedem Fehler, jeder Unterlassung des Einzelnen Anklagen gegen die Gesammtheit geschmiedet werden. Jene Solidarität, jener innige Zusammenhalt, den unsere Feinde uns zum Vorwurfe machen, war der eherne Schutzwall, hinter welchem wir uns vor den Verfolgungen der Jahrtausende flüchteten. Diese Solidarität hat uns sittlicherhoben, geistig und physisch gestärkt, sie hat aber auch das Maß der Verantwortlichkeit jedes Einzelnen für sein Thun -und Lassen erhöht. Denn jede Ehre, die der einzelne Jude für sich erwarb, und jede Schmach, die er auf sein Haupt lud, fiel auf die Gesammtheit unserer Glaubensgenossen zurück. Und so ist es noch heute. Jede Wunde, die einem entfernten Gliede geschlagen wird, fühlt der ganze. Volkskörper nach, jede Bosheit und jede Wohlthat an Juden geübt, trifft das Judenthum. Aus dieser innigen Verbindung,. aus dieser Durchdringung und Verschlingung aller Einzelinteressen aber erwächst uns eine ernste Pflicht. Die Selbstprüfung, zu welcher wir in diesen Tagen schreiten, darf nicht blos eine individuelle sein, sie muß sich auf die Allgemeinheit erstrecken, sie muß auf das ganze sociale Leben ausgedehnt werden. Schimpf und Unglimpf werden in Fülle auf uns gehäuft, Lüge und Verleumdung werden aufgeboten, um den Haß der Gesellschaft, in deren Mitte wir leben und wirken, gegen uns zu erregen. Die Abwehr der ungerechten Angriffe nimmt unsere volle geistige und körperliche Spannkraft in Anspruch. Aber trotzdem müssen wir noch ein Uebriges thun, müssen wir den Muth haben, unsere eigenen Erzieher zu sein und dort, wo sich in unseren eigenen Reihen Schäden und Uebelstände ergeben, rücksichtslos den Finger in die Wunde legen. Wiederholt ist von dem nachtheiligen Einflüsse gesprochen worden, den das Leben und Treiben der Großstadt auf die Vererbung der altjüdischen Tradition, auf die Erhaltung altjüdischer Sitte übt. Auf dem Sumpfboden der Großstadt gedeiht eine lockere Moral, welche den zwei herrlichsten jüdischen Tugenden, den Familiensinn und der Arbeitsamkeit, gefährlich wird. Vor nicht gar langer Zeit hat uns ein sensationeller Proceß Anlaß gegeben, an die jüdischen Eltern den ernsten Mahnruf zu richten, ihre Söhne in der Sitteneinfalt und Einfachheit unserer Altvordern zu erziehen, statt in ihnen den Hang zu Wohlleben und Genuß großzuziehen. Der catilinarischen Existenzen, welche als Kaffeehausbummler und Nichtsthuer ihr Dasein verbringen und sich die Mittel hiezu aus dunklen und anrüchigen Quellen verschaffen, gibt es — leider muß es gesagt werden — just unter unseren Glaubensgenossen nicht wenige. Wir.wollen dabei der Wahrheit die Ehre'geben und hinzufügen, daß es zum Geringsten eingeborene Wiener sind, welche die öffentlichen Locale bei Tag und Nacht bevölkern und als deren Vorbilder der „Gig erl-Go ld st ein", die Compagnie A du tt- Benvenisti-W eiß und der in den letzten Tagen dingfest gemachte „Geldagent" Rudolf Hand gelten können. Solche Giftblüthen des Großstadtlebens athmen einen Pesthauch' aus, unter welchem die gesammte Judenschaft Wiens zu leiden hat. Es sind Glücksjäger, Professionsspieler und Faullenzer, die hart an der Schwelle des Criminals stehen. , Man durchwandere einmal die Cafes der Inneren Stadt und der Leopoldstadt. Das Gros, der Besucher an Wochentagen stellen Juden, welche die Spielzimmer füllen, an Sonn- und Feiertagen aber jüdische Frauen, welche grell geputzt und mit blitzenden Steinen beladen hinter der hohen Spiegelscheibe sitzen und sich lächelnd von den Vorübergehenden begaffen lassen. Die Kinder werden irgend einem Dienstboten überlassen, während Vater und Mutter dem Götzen der Eitelkeit und der Genußsucht stöhnen. Unter solchen Umständen vermindert sich mehr und mehr der Sinn und die Liebe für das stille, trauliche Familienleben, das von unseren Vorfahren als kostbarstes Juwel gehütet und gepflegt wurde. Putz- und Vergnügungssucht, Großthuerei und Leichtfertigkeit greifen immer weiter um sich, die Kinder überbieten die Eltern in all diesen schlimmen Eigenschaften, und die Folge davon ist, daß zahlreiche junge Leute zu arbeitsscheuen Gecken heranwachsen und schließlich auf Abwege gerathen. , Sagen wir mit all dem zu viel? 'Rein, wir sind uns bewußt, daß wir in dieser Schilderung noch Maß gehalten haben. Nicht der arme Hausirer, der im Schweiße seines Angesichtes sein armselig Brot verdient, macht das Judenthum zum Gespötte und fordert den Haß unserer Freunde heraus. Er ist ein ehrlicher Mann, er darbt und arbeitet, damit seinen Kindern einst ein besseres Los zutheil werde. Aber jene liederlichen, durch und durch corrumpirten Elemente, jene Spieler und Abenteurer, jene Wucherer und Zutreiber, welche protzig und arrogant ein Zufallsleben führen, jene dunklen Ehrenmänner, von denen man nie weiß, ob sie schon aus dem

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