Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 36 (8.9.1893)
- Date
- 1893-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Vrsterrrtchifche Wochrnfchrist ©eite 669 ifo. 36 war doch auch fromm, aber er hatte auch Talent. Wir wiederholen es, selbst aus Talmudschulen sind Männer hervorgegangen, deren geistige Ueberlegenheit nicht bestritten werben konnte und sogar die Kirche im Mittelalter verdankt diesen Talmudschulen einige hervorragende Kirchenfürsten. Dabei wollen wir nicht von den Schülern des Gamaliels sprechen und anderer berühmter Rabbiner. Aber die Schüler konnten reden und. sie hatten Macht über die Gemüther. Gendarmen, wenn es auch päpstliche Gendarmen sind, eignen sich doch nicht recht dazu, Apostel zu schaffen und sind für geistige Zwecke überhaupt ziemlich unbrauchbare Medien. Mortara ist mit einem Worte ein ganz anständiger regulirter Chorherr, aber ein ganz mittelmäßiger Apostel geworden. Die Beredtsamkeit des Mortara ist keine biblische, und man merkt, daß Mortara derartige Erinnerungen an das Judenthum, wie das Bibelstudium sie erweckt, nach Möglichkeit vermieden hat. Allein seine Beredtsamkeit ist auch nicht griechisch oder römisch, ist nicht classisch oder modern und mancher Arbeiterführer, der sich keiner päpstlichen Fürsorge erfreute, spricht besser als Mortara, als dieses Kind klösterlicher Pädagogik. Die Beredtsamkeit Mortara's hat etwas Süßliches, er bemühte sich, nur so zu sprechen, wie es den Hörern auf den Katholikentag angenehm war. Die Rede verräth die größte Aengstlichkeit, Mortara will nirgends anstoßen. Wäre Mortara nicht so unzweifelhaft kirchlich gesinnt, man müßte die Aufrichtigkeit der Rede bezweifeln. Aber man merkt es der Rede an, daß man mit größtem Erfolge bemüht war, dem Knaben und Jüngling Mortara aus geistigem Gebiete alle Freiheit der Bewegung zu entziehen. Mortara schloß seine Rede mit den Worten: „denn ich bin ein Kind". Ganz richtig, als Kind-sagt er das wieder her, was ihm eingesagt worden ist, kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig, der Hofmeister ist in der Nähe. Es ist ein zweifelhaftes Glück, wenn man als sechsjähriges Kind schon dazu ausersehen ist, auf der Weltbühne zu . figuriren. Was vermag den Frieden der Kindheit aufzuwiegen, der auf diese Weise gestört wird: „In meiner bescheidenen Person — sagte Mortara auf dem Katholikentag — machte sich das Recht der Kirche geltend; ich bin Augustiner und regulirter Chorherr trotz Napoleon und Lord Palmerston." Er hat als Kind sein Größtes vollbracht; aber er ist darüber nicht hinausgekommen, er ist Kind geblieben. Nun wissen wir von allen großen Männern der Vergangenheit, daß in ihrer Jugendgeschichte die Wunder nicht fehlten. Allein erst ist der Mann groß und berühmt geworden und dann wurde nachträglich das Wunder erzählt. Bei Mortara aber ist das Wunder sofort an die Oeffentlichkeit getreten und Größe und Ruhm sind ausgeblieben. Bon jüdischen Eltern geboren und am achten Tage nach seiner Geburt in den Bund des Judenthums ausgenommen, wurde das Kind im Alter von elf Monaten durch eine christliche Magd getauft. Das Kind war damals todtkrank, aber wie durch ein Wunder wurde das Kind nach der Taufe wieder gesund. Nach Jahren macht die Magd die Anzeige, daß sie das Kind getauft habe und darauf hin — betreten am 20. Juni 1858 Abends 8 Uhr, fünf päpstliche Gendarmen, geführt von einem Mönche der Inquisition, das Haus der jüdischen Familie Mortara in Bologna und entriffen ihr gewaltsam den Knaben, der jetzt bereits das Alter von sechs oder sieben Jahren erreicht hatte. Der Fall erregte selbstverständlich ungeheueres Aufsehen und-erzeugte eine ungewöhnliche Aufregung. Man war damals noch liberal in Europa. Frankreich und England bemühten sich, das Recht der Eltern zu schützen. Ist eine christliche Magd berechtigt, geheimer Weise eine Taufe an einem jüdischen Kinde v.orzunehmen? Gibt diese Nothtaufe der Kirche das Recht, sich des Kindes zu bemächtigen und es den Eltern gewaltsam zu entreißen? Auf den Katholikentagen wird viel über das natürliche und göttliche Recht gesprochen, welches die Eltern bezüglich der Erziehung ihrer Kinder haben. Man bekämpft damit die Schulgesetze des Staates, welche die Erziehung beeinflussen. Aber wo gibt es denn ein Schulgesetze welches die Kinder gewaltsam der angeborenen Religion entfremden würde. Bon gewaltsamen Bekehrungen ist doch in modernen Schulen nirgends die Rede, auch werden kindlicher Unverstand und kindliche Neigungen nicht mißbraucht, um das Kind einer anderen Religion in die Arme zu führen. Und auf einer solchen Katholikenversammlung, wo man im Namen des göttlichen und natürlichen Rechts der Familie gegen Schulzwang und Schulgesetze protestirt, hat man mit Beifall den Augustiner Mortara begrüßt, obwohl er die verkörperte Mißachtung des göttlichen und natürlichen Rechts der Familie und der Eltern ist. Das ist n e b e n s ä ch l i ch, ob die Magd aus dem Hause Mortara die Wahrheit sagte oder nicht. — Niemals kann es dem Rechte und niemals dem Geiste wahrer Religion entsprechen, daß man in die Häuser einfalle, um Kinder gewaltsam für eine neue Religion mit Beschlag zu belegen. Und gerade eine Katholikenversammlung, welche für die Freiheit der Kirche streitet, müßte auch die Freiheit der anderen Religionen achten. Der Fall ereignete sich zum zweiten Male in Rom, im Jahre 1864. Damals wurde ein jüdischer Schuhmacherlehrling namens Fortunato Coen im Alter von zehn Jahren von einem Priester gewaltsam getauft. Das Kind Mortara hat heute das vierzigste Lebensjahr bereits überschritten. Die Hoffnungen, die an den Gewaltact sich geknüpft haben mochten, haben sich in keiner Weise erfüllt. Als im Jahre 1858 eine Deputation der jüdischen Gemeinde in Rom bei dem Papste Pius IX. die Vorstellung machte, daß die Magd aus Rache die ganze Taufgeschichte erfunden habe, da antwortete der Papst, daß der Knabe freiwillig zum Christenthum übertreten wolle. „Ich lache über die ganze Welt," sagte damals der Papst, und um die Juden zu demüthigen, wurde der Knabe Mortara in den Straßen des Ghetto spazieren geführt. Und heute wird das vierzigjährige Kind Mortara durch den Fürsten Löwenstein spazieren geführt und trägt das Habit eines regulirten Chorherrn der Augustiner. Würzburg liegt in einer schönen Gegend. Weinberge, Wiesenabhänge und unten der Main mit seinem klaren Wasser. Zuweilen war das Wasser roth, und das war vom Blute der Juden. Auch befinden sich dort einige hochragende Bauten, die wurden mit dem Gelde gebaut, das man den Juden geraubt hat. Dafür daß man ihnen die Kinder nicht entführte, dafür haben die Juden selber Sorge getragen. An dem vierzigjährigen Kinde Mortara haben die Einen nicht viel erworben und die Andern nicht viel verloren. Es lag wohl kaum in der Absicht des Fürsten zu Löwenftein, durch die Vorführung des „Kindes" zu illustriren, wie man auf Katholikentagen über die Freiheit der religiösen Ueberzeugung und über das natürliche Recht der Andern denkt. Auch das lag kaum in seiner Absicht, uns über die Früchte, klösterlicher Erziehung Aufschluß zu bieten. Das Erscheinen Mortara's war allerdings ein sensationelles Ereigniß. Aber ist es die Aufgabe der Katholikentage, Sensation zu machen. Arische und semitische Aerzte. Mit gewohnter Geistesschärfe weist die „Oesterreichische Wochenschrift" Nr. 34 Psenner's Anwürfe gegen Talmud und jüdische Aerzte zurück. Ein Versuch, zu den erbrachten Widerlegungen noch etwas Theoretisches nachzutragen, gliche dem Unternehmen, offene Thüre einrennen zu wollen, zumal es allgemein bekannt ist, daß unsere berufsmäßigen Antisemiten von ihrer eigenen Verlogenheit selber überzeugt sind. Was aber Theorie nicht vermag, dürsten vielleicht packende Thatsachen zuwege bringen. Und wenn ich auch die Wahrscheinlichkeit für, unausgeschloffen halte, daß durch das dicke Fell eines Antisemiten irgend eine beffere Einsicht sich Eingang verschaffen könnte, so gebe ich dennoch die Hoffnung nicht auf, daß die ärztlichen Mandanten des Herrn Psenner zu der Erkenntniß gelangen dürften, daß jeder Versuch, das Vertrauen der arischen Welt zu jüdischen Aerzten durch antisemitische Verdächtigungen zu erschüttern, ein kostspieliges Experimentiren ist, das nie einen Erfolg haben wird. Denn am Triebe der Selbsterhaltung prellen alle boshaften Verdächtigungen wirkungslos ab. Herr Psenner wird seinen ärztlichen. Auftraggebern sicherlich einen großen Dienst erweisen, wenn er im dritten Bezirke Wiens, Ungargaffe, einen gewiffen Dr. Arnold Knödl, deffen Wiege in Lomnitz gestanden, aussuchen, von ihm sich eine Episode aus seiner ärztlichen Praxis mittheilen laffen und sie in seinem Blatte veröffentlichen wollte. Als Secundararzt im Rudolssspital wurde Herr Dr. Knödl im Jahre 1888 wiederholt an das Krankenbett seines greisen Vaters hieher berufen. Daß ihn bei seinem jedesmaligen Hiersein unsere arische Bevölkerung. Vornehm wie Gering, Arm und Reich im Bedarfsfalls mit Uebergehung ihres connationalen christlichen Arztes zu Rathe gezogen, sei nebenbei bemerkt. Das eigentlich Belehrende für Herrn Psenner trug sich an einem grimmig kalten Decembertage desselben Jahres zu.