Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 36 (8.9.1893)
- Date
- 1893-09-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 668 Oestrrreichifchr Wochenschrift Nr. 36 auch feinen Anstoß daran, daß die Namen der Monate Völkern entlehnt sind, welche die Beobachtung der Steme bereits zur Wiffenschaft entwickelt hatten. Feste und Festgebräuche sind so eingerichtet, wie es unsere Zone bedingt, wie es den ^Bewohnern der Gebiete natürlich ist, welche die Sonne im Süden wandeln sehen. Wacht im Frühling nicht die Hoffnung Ms, regt der Geist da nicht freier seine Schwingen, darf ein " anderes Fest da gefeiert werden, als das der Freiheit? Und im Herbste, erinnert die Natur da nicht an die Vergänglichkett, ladet sie nicht zur Buße und Sühne? Allein wenn wir hinüber wandern nach den Gebieten jenseits des Aequators, nach den Ländern der südlichen Halbkugel, dann verändert sich die ganze Ordnung und Tischri ist dort der Vorbote des Frühjahrs und Nisan verkündigt das Erstarren der Natur. Aber sie feiern doch unsere Feste und beten die alten Gebete nach den alten Melodien. Versetzen wir uns in eine orthodoxe Judengemeinde, gehen wir um fünfzig Jahre zurück, damit wir die Gemeinde in der vollen Stärke des Glaubens finden. Mit dem ersten Tage des Elul wurde man bereits synagogal daran erinnert, daß der Neujahrstag im Anzuge sei. Langsam stellte sich jene Stimmung ein, welche sich zur höchsten Andacht steigern sollte. Und nun erst die Selichoth. Die Nächte sind schon kühl, als schmale Scheibe leuchtet der Mond vom Sternenhimmel. Die Häuser, in denen Juden wohnen, sind erleuchtet, die Thüren öffnen sich, die Bewohner eilen zur Synagoge. Und man hört die Worte volltönend und kräftig: „Die Seele ist dein, der Körper ist dein, Herr schone deines Werkes; die Seele ist dein, der Kölner ist dein, Herr schone deiner Creatur." Das hat denselben Sinn, wie das „Wir sind wie Thon in des Töpfers Hand", ein Wort, das Spinoza mit Vorliebe anwendete, weil auch ihn die Erinnerungen der Jugend beherrschten. Mit dem Rüsttage des Neujahrs steigert sich die Andacht. Diejenigen, welche sonst eine entschiedene Abneigung gegen das Frühaufstehen hatten, beim „Sechor Brith" durften sie nicht fehlen; da mußten auch sie vor dem Morgengrauen in der Synagoge erscheinen. Und dann kam der Neujahrstag, dessen Gebetsordnung, wenn man sie verdeutlichen, schildern und historisch zergliedern wollte, allein ein umfangreiches Buch erttagen würde. Konnte man verlangen, daß die Mehrzahl der Gemeinde diese Gebete verstehe, nach ihrer ganzen Bedeutung erfaffe. Nicht einmal die Übersetzungen reichen aus und sie nehmen oft mehr als sie geben. Aber wie sieht es selbst bei den Religionen aus, welche sich der größten Deutlichkeit befleißigen und aus deren Andachtsbüchern jedes fremde Idiom verwiesen ist? Wird die Lehre Luther's wirklich von allen Protestanten verstanden? Das kann man mit ruhigem Gewissen behaupten, die Neujahrs-Zeit brachte eine geistige Erhebung mit sich, welche läuternd auf das ganze Jahr hinaus wirkte und welche für das ganze Leben des Judenthums von höchster Bedeutung war. Ein weißer Vorhang deckte die heilige Lade und der Borbeter und Sänger stand unten, angethan mit den weiten Gewändern des Orients in weißen Linnen. Sie hatten den alten Glauben bewahrt und das Kleid des Morgenlandes. Volksgebrauch, aber gerade so hellig wie die heilige Schrift selber. Eisiger Wind des Nordens, schneebedeckte Fluren, keine Palmen, fern ist der Sinai und das Meer trennt von Jerusalem. Mit den Tannen und Eichen des Nordens wird der Scheiterhaufen aufgebaut, auf dem man die Juden verbrennt. Und sie ließen sich hinausführen in den weißen Linnengewändern des Orients und sie bezeugten bis zu ihrem,, letzten Athemzuge den Glauben an den einzigen Gott. Ehre diesen Gewändern, denn sie sind die Gewänder heiliger Märtyrer. Ahntest Du das, Moses, als Du die Tafeln zerbrachst, ahntest Du die Kraft und die Ausdauer dieses Volkes? Der Rabbi, der in der Nähe seinen Betpult hatte, blickte im Gefühle seiner Gelehrsamkeit stolz hinab' auf den Chasen und auch auf die stimm- und sangbegabten Gemeindemitglieder, welche als Baals TeMah (Männer des Gebets) den ofstciellen Gebetsrepräsentanten ablösen. Aber sie wurden verstanden, was der Rabbi nicht immer von sich rühmen konnte, und die Pejutim waren ein immenser Fortschritt, was der Rabbi ebenfalls nicht.einzusehen vermochte. Gott hört die Dichter und Sänger, und wenn man das Wort des Dichters nicht verstand, so verstand man doch die Melodie des Sängers. Und gerade im Gefühle offenbart sich das Unfaßbare auch dem Unwissenden; im Gefühle ' offenbart sich das größte Geheimniß, die wahre Kabbalah. Gewaltig und erschütternd wie die Donner, die im Libanon widerhallen,. ist bie (Einleitung Kallirs zur Keduschah, zur unerreichten Vision des Propheten, wo er den Thron Gottes schaut, umgeben von den himmlischen Heerschaaren. „Kein Raum umfaßt den Raum des Thrones." So saßt Kallir die Euklidische Unendlichkeit und Kant'sche Idealität des Raumes poetisch in eins zusammen. Aber sollten das die Juden aus der Gasse verstehen, welche im Kampfe um die Existenz'die .härtesten Proben zu bestehen hatten? Aber um so größere Wirkung äußert eine andere Einleitung, das furchtbare Lied von der Vorbestimmung und vom menschlichen Schicksal, der schön erwähnte Hn8LU6li Tokef Das verstanden sie, denn es war das Lied ihrer Noch und Qual, ihrer Leiden und Schmerzen; das bewegte die Hrrzen und in lautem Schluchzen offenbarte sich die innere Erregung. „Und wir wollen eine Darstellung geben von der Heiligkeit des Tages." So beginnt der Dichter; er aber hat Größeres geleistet, denn er hat einen Begriff gegeben/von der Heiligkeit des Judenthums, von seiner unerschütterlichen Gottestreue, von seiner -grenzenlosen Opferfähigkeit. - Und was das Wort nicht bewirkt, das bewirkt die Melodie, aus der Volksseele hervorgegangen, zur Volksseele sprechend. Halachah und Minhag, sie^ sind für Viele ein überwundener Standpunkt; das Machsor mit seinem Pejutimschatz konnte der Fluch der Zeit keinen Widerstand leisten. Aber deswegen braucht man die Hoffnung nicht fahren zu lassen; es ist merkwürdig, der Glaube oder besser gesagt der Glaube an den Glauben lebt oft dort aus, wo man es am wenigsten vermuthen sollte. Und. am Neujahrstage finden sich doch die Gemeinden wieder zusammen und Manches Herz wird von den Erinnerungen der Kindheit ugd von den alten Melodien bewegt. Und wenn auch nur an wenigen Tagen, im Jahre der Jude sich sein Judenthum zum Bewußtsein bringt, so ist das immerhin von größtem Werthe und man kann den Jubelvers wiederholen: „Blast am Neumond die Posaune, bei der Volksversammlung an'' unserem Festtage, denn ein Gesetz ist eS Israels und ein Recht dem Gotte Jakobs." Allen wünschen wir Ketibah (Jchetimah tob ah mit dem Spruche Gottes: „Du bist das Volk, das ich erwählt habe-und an. dem ich mein Gefallen finde." — Das „Kind" auf dem Würzburger Katholikentag. Die aufgeklärte und gebildete Gesellschaft unserer Zeit hat Ursache, dem Fürsten zü Löwenstein dafür dankbar zu sein, daß er den regulirten Chorherrn aus dem Orden der Augustiner Pius Maria Mortara bei dem Würzburger.Katholikentag ein- und vorführte. Man mußte darauf gespannt sein, was aus dem Judenknaben Mortära geworden, dessen' Erziehung zum Mönch ein wenig gewaltsam durchgeführt worden war. Hat die geistliche Erziehung sich an ihm bewährt, hat sie Wunder geleistet? Wir sind überzeugt, daß die Mitglieder des Katholikentages selber, trotz ihrer unbestreitbaren Frömmigkeit, von der Redekunst des regulirten Chorherrn aus dem Orden der Augustiner Pius Maria Mortara nicht besonders entzückt waren. Wir wagen es zu behaupten, daß unter den - ungetansten Vorfahren Mortara's sich Männer befanden, die viel chesser reden konnten'als er, daß es ferner in der Vergangenheit und in der Gegenwart unter Heiden, Juden, Christen und'Mohammedanern viele Männer von geistlicher und nicht geistlicher Erziehung gegeben hat, welche den Augustiner Mörtara an Talent, Wissen Und Kraft der Persönlichkeit hoch überragen. Kalidasa, der indische Dramatiker, der in seiner ,,Sekuntala" Brahminenthum und, Buddhismus zu versöhnen sucht,