Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 36 (8.9.1893)
- Date
- 1893-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 36. Wien 8. September 1893. Jahrgang X. Centralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums. - K. ft. Postsxmi'kNsrnanü -#- \ c- - -.- Man adonnirt der allen Clearingverkehr Nr. 810.076. Dedaclion und Administration: Wien Eigrnthümer: Reichsraths-Abgeordnrter Dr. Stoch. -- Pofianstatten! dr» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 st. Einzelexemplare 2ü kr. Franx Iosefs-Nnak Nr. 3. Lnzeigru: Die 4mal gespaltete Telephon-Nr. 6535. &==■■-- ■■■ —===* Erscheint jeden Freitag. Petttzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel. Das Gemüth des Volkes. — Das „Kind" auf dem Würzburger Katholikentag. — Arische und semitische Aerzte. — Ein Wort an uns selber! — CorreiPondenzen: Wien. Jaroslau, Lomnitz, Prag, Troppau, Lemberg, Breslau, Berlin, New- Aork, Buenos Ayres. — B e r in i s ch t e s: Wien, Holleschau, Miskowitz, Prag, Karlsbad, Csaktornya, Berlin, Dessau, Paris, Essen, Amsterdam, Portsmouth. — Ein Tag bei den Karäern. — Fürstengunst XXIII. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Das Gemüth des Volkes. Eine Nenjahrsbetrachtung. Die neuere Literatur hat sich viel mit Volksgebräuchen beschäftigt und der Gebildete weiß davon eigentlich viel mehr, als im Volke selber bekannt ist. Auch die Volksgebräuche der Juden tvurden literarisch verwerthet, ohne daß man jedoch von derartigen Culturstudien sich übermäßig befriedigt fühlen dürste. Schließlich kann man es begreifen, daß die Phantasie lieber auf grünen Bergmatten und in malerischen Naturgefilden verweilt, als'in engen Judengassen und schmucklosen Synagogen. Aber man muß die Dinge auf ihren wahren Gehalt prüfen und dann würde man vielleicht Geist und Gemüth der Juden besser erkennen, als es jetzt der Fall ist. Den Einwand, daß die jüdischen Volksgebräuche durchaus religiöser Natur sind, tonnen wir nicht gelten lassen. Das Gesetz wiederholt sich nämlich bei allen Volksgebräuchen: sie stehen ohne Ausnahme mit religiösen Vorstellungen im Zusammenhänge. Entweder ist es der alte Götterglaube, der in ihnen arrflebt, oder sie verdanken ihre Entstehung biblischen Anregungen oder es vernrählen sich biblische Legenden mit heidnischen Traditionen in eigenthümlicher Weise. Die Götter erleiden eigenthümliche Verwandlungen, aber es sind doch die alten Götter. In den jüdischen Vollsgebräuchen offenbart sich ein tiefes und geläutertes religiöses Gefühl, frei von Wahngebilden und von dumpfem Aberglauben. In diesen Blättern hatten wir vor geraumer Zeit Gelegenheit, Dichtungen zu besprechen, welche aus der Hinterlassenschaft des Seligmann Heller herausgegeben wurden. Es waren das Uebersetzungen aus dem Machsor, Uebersetzungen von Pejutim, Pismonim, Bußgebeten und Elegien; aber diese Uebersetzungen sind von seltener Meisterschaft, mit dem Werth von Originaldichtungen. Der Geist des Judenthums strahlt aus diesen Dichtungen mit sounenhaftem Glanze entgegen. Der Herausgeber dieser Dichtungen theilt mit, daß Seligmann Heller, obwohl er jed:m positiven Glauben entsagt hatte, dennoch bei den Dichtungen aus dem Machsor Thränen vergießen konnte. War es nun die Macht der Poesie, die hier wirkte, oder waren es nicht vielmehr die Erinnerungen der Jugend, die hier ihren Zauber äußerten? Diese Pejutim oder Pyutim sind aber nicht biblischen Ursprungs, sind nicht durch den Talmud vorgeschrieben; das sind freie Dichtungen und aus freien Stücken -wurden sie mit dem Festgottesdienste verwebt. Eine Gemeinde nahm sich die andere zum Muster und zuletzt bildete sich die nothwendige Uebcreinstimmung heraus und sämmtliche Gemeinden in Nordsrankreich, Deutschland, Ungarn und Polen konnten eines und desselben Machsors sich bedienen. — Das hatte der Volksgeist geschaffen, das ward Minhag, Volksgebrauch. Aber nicht nur bei der Wahl der Texte fand sich ohne die Autorität der Schrift und ohne die Autorität der Halachah die nothwendige Uebereinstimmung, dieselbe wurde vielmehr auch in den Tonarten und Melodien, und zwar ohne schön gestochene Notenhefte erzielt, indem für die Pyutim nicht einmal jene Tonzeichen üblich sind, welche den Schrifttext begleiten. Wer hat die Namen der fahrenden Sänger bewahrt, welche die Melodien von Ort zu Ort trugen, welche bei festlichen Gelegenheiten erschienen, gleich den Gästen an unseren Opern, um zu entzücken und um gefeiert zu werden. Die Melodien, die sie zu Gehör brachten, bewegten die Herzen. Wenn der hochbegabte, gelehrte und freidenkende Seligmann Heller bei Dichtungen aus dem Machsor die Thränen nicht unterdrücken konnte, so mag die Erinnerung an die Melodie vielleicht das Ihrige dazu beigetragen haben. Allerdings der frühere Organist rin Tempel der Pester israelitischen Gemeinde war kein Jude, stammte vielmehr aus einer protestantischen Prosessorenfamitie in Halle und hatte sein Hebräisch aus dem Wege seiner theologischen Studien erlerne, und doch sahen wir, wie die Thränen ans seinen Augen strömten, wenn er die rituellen Vorträge auf der Orgel begleitete. Wir können ein Beispiel an führen, wie der freie Volksgeist sich mächtiger erweist, als Schrift und Tradition. Die heilige Schrift hat Dichtungen von unerreichter Kraft, der Talmud ist überreich an Sagen und Sprüchen und dennoch hat kein Psalm, kein Lied, kein Prophetenwort auch nur entfernt die Wirkung ausgeübt, wie „Unsaneh Tokef“; wer hat dieses Gedicht verfaßt, wer hat es von Synagoge zu Synagoge getragen? Um gewissen Belehrungen zuvorzukommen, bemerken wir, daß die in den Machsorim beigedruckte Legende auch uns von frühester Jugend aus bekannt ist. Der Nenjahrstag ist aber von einer ganz besonderen Weihe umgeben. Der jüdische Kalender an sich ist, wie übrigens jeder andere Kalender auch, ein interessantes Stück Culturgeschichte. Wir wollen kein Gewicht auf die Hypothese legen, wonach in den zwei Anfängen und Ordnungen des jüdischen Jahres, erster und siebenter Monat, Nisan und Tischri, sich zwei weit von einander liegende Zeitperioden wiederspiegeln und daß diese beiden Ordnungen den ersten astronomischen Veränderungen entsprechen .würden, die im Thierkreise sich vollzogen haben. Es muß da sorgfältig unterschieden werden zwischen dem ursprünglichen Entstehen dieser Ordnungen und zwischen den Umständen, welche die Gestaltung des jüdischen Kalendees herbeiführten. Die Sonne steht im Zeichen der Wage, Jahresanfang ist der erste Tag des siebenten Monats, daran ist nichts zu ändern. Man nahm