Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 35 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 662 Destemeichifitzr Wochrnschrist Nr. 35 daß er selbst ihn zum Generalissimus seiner Armee ernannt habe, daß Prinz Eugen diese von Sieg zu Sieg geführt, ihren und Oesterreichs Ruhm in allen Theilen Europas verbreitet habe und daß es daher begreiflich sei, wenn das ganze Heer mit großer Liebe an ihm hänge; aber Prinz Eugen habe als Feldherr steis seine Pflicht gegen seinen obersten Kriegsherrn erfüllt; dafür, daß er beabsichtige, am Ende eines ruhmreichen Lebens ein Berräther zu werden, lägen nicht die geringsten Anzeichen vor . . Graf Nimptsch unterbrach sich, sein feines Ohr hatte ein leichtes, durch eine unwillkürliche Bewegung eines der Horchenden entstandenes Geräusch gehört, er lauschte einen Augenblick: „Es kam mir vor, als wenn ein Laut an mein Ohr schlüge. . . , haben Sie nichts bemerkt?" frug er ängstlich. „Seien Sie ruhig, Graf", erwiderte der Italiener. „Sie sind zu furchtsam, ich habe nichts gehört und bin auch nicht taub; und wenn auch eine Ratte in dem alten Baue herum raschelt, bringt mich das nicht aus meiner Ruhe; wenn wir nur nicht von Menschen behorcht werden, und das ist gewiß nicht der Fall; aber Herr Graf, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß Sie ein feiner diplomatischer Kopf sind, könnte ich zu dem Jrrthum veranlaßt werden, zu glauben, daß Sie die Rolle eines Hohlkopfes so lange so meisterhaft gespielt haben, bis Sie in der That ein solcher geworden! — Sie wollten offenbar die großen Verdienste, welche Sie sich um unsere Sache erworben, die Feinheit Ihrer diplomatischen Schachzüge, Ihren Einfluß auf Kaiser Karl beweisen und gelangen nach einer langathmigen Rede zu dem kläglichen Resultate, gestehen zu müssen, daß Sie nicht das Allergeringste erreicht haben und auch nie etwas erzielen würden, wenn nicht ich mit energischen Mitteln in die Action eingreifen würde." „Ich wurde nur in meinen Auseinandersetzungen durch ein vermeintliches Geräusch unterbrochen, ich ging eben daran, über die „energischen Mittel", wie Sie sie bezeichnen und für die Sie sich wahrhaftig unverdientes Lob vindiciren, zu sprechen. Sie riethen und der Marquis St. Thomas stimmte Ihnen zu, ich solle dem Kaiser versichern, Prinz Eugen beabsichtige die pragmatische Sanction umzustoßen, nach dessen Ableben dessen Nichte Maria Josefa auf den Thron zu setzen, daß er diesbezüglich mit fremden Höfen conspirire, für jene einen Gatten suche, der über die nöthigen militärischen Mittel verfüge und mächtige Alliirte besitze. Ich habe sofort zugestanden, daß das ein glücklicher, wenn auch ziemlich naheliegender Gedanke sei, daß der Kaiser in seiner unbegrenzten Liebe für seine Tochter, dieser — wir sind ja unter uns und können offen sprechen — bodenlosen Verleumdung leichter als allem Anderen zugänglich sein würde und dies auch durch die offene Weise, in welcherder Prinz seine Liebe für die Tochter des verstorbenen Kaisers zur Schau trägt. Allein ich erklärte sofort, daß ich überzeugt bin, daß, sobald wir mit unseren Anklagen das Gebiet der Thatsachen betreten, der Kaiser die Vorlage von Schuldbeweisen fordern wird. Darauf versicherten Sie, Herr Abbate, daß das für Sie eine affaire de rien wäre, daß Sie in solchen Angelegenheiten große Uebung besäßen und in der Lage wären, von geschickter Hand Falsificate anfertigen zu lassen, deren Inhalt in einer Weise abgesaßt sein würde, daß sich der beim Kaiser geweckte Verdacht zur vollen moralisch en Ueberzeugung verstärken, aber sich aus diesem nicht ein Jndicium, das ein gerichtliches Einschreiten veranlassen könnte, ergeben würde, da eine Untersuchung ohne jeden Zweifel die Unechtheit unserer Beweismittel ans Licht gebracht, Sie und mich in bodenloses Unglück gestürzt und sogar dem sardinischen Gesandten, wenn dessen Theilnahme an unserem Complotte erweislich gewesen wäre, große Unannehmlichkeiten bereitet hätte. Wir beabsichtigen ja nur, dem Prinzen des Kaisers Vertrauen zu entziehen, gelingt dies, dann sind alle unsere Zwecke erreicht, der Prinz wird aus seiner gegenwärtigen hohen Stellung verdrängt, mein Schwager, Graf Althan, wird erster Minister, und wenn Eugens Einfluß auf den Kaiser gebrochen, Maria Josefa die Gemalin des Erbprinzen Carlo Alberto. — Im Vertrauen auf Ihr Versprechen versicherte ich dem Kaiser, daß ich thatsächliche Beweise für des Prinzen hochverratherische Pläne vorlegen würde, — und nun bin ich in dem Kreisgange meiner Auseinandersetzung bei dem Ausgangspunkte meiner gerechten Vorwürfe gegen Sie, Abbate, angelangt. Sie haben mir diese Falsificate noch immer nicht übergeben, Sie vertrösten mich von Tag zu Tag und ich muß annehmen, daß unsere heutige Zusammenkunft Ihrerseits nur den Zweck hat, meine steigende Ungeduld zu beschwichtigen; — allein diesmal wird es Ihnen nicht gelingen. Ich kann es nicht riskiren, beim Kaiser in Ungnade zu fallen. Ich stelle Ihnen hiermit mein Ultimatum, Abbate: Wenn ich "nicht binnen dreimal vierundzwanzig Stunden die von Ihnen fabricirten Beweise in Händen habe, werfe ich mich dem Kaiser zu Füßen, erkläre ohne mein Verschulden von Ihnen dupirt worden zu sein und überlasse Sie Ihrem Schicksale." „Herr Graf", entgegnete der Italiener, „Ihre Drohungen schrecken mich nicht. Ich würde nicht allein in den Kerker wandern, ich hätte mich in demselben Ihrer angenehmen Gesellschaft zu erfreuen. Ich bin ein vorsichtiger und ordnungsliebender Mensch, ich habe alle Ihre Briefe vorsichtig in einem geheimen Fache aufbewahrt; — also zu fürchten hätte ich Sie nicht, Herr Graf; allein wir haben es gar nicht nöthig, uns über einen Fall, der gar nicht eintreten wird, zu echauffiren. Hätten Sie mich nicht gleich beim Beginne unserer Unterredung mit völlig grundlosen Vorwürfen überhäuft, hätte ich Ihnen sofort die angenehme Mittheilung gemacht, daß ich mich schon im Besitze der vortrefflich fabricirten Falsificate befinde. „Haben Sie sie mitgebracht?" frug Nimptsch hastig. „Nein, sie liegen vorläufig neben den Sie compromittirenden Briefen in meinem geheimen Fache; es fehlt nur Eines, um ihnen die volle Wirksamkeit zu verleihen, und das erwarte ich mit vollster Bestimmtheit im Laufe der nächsten drei Tage. Ich verbürge es Ihnen mit meinem Worte als Edelmann und Priester, daß ich Ihnen in dreimal vierundzwanzig Stunden die Briefe, in allergeeignetster Weise ihrem Zwecke entsprechend, übergeben werde." „Sie können überzeugt sein," erwiderte Nimptsch, „daß mir dies zur höchsten Befriedigung gereichen wird; aber Sie würden mich verbinden, wenn Sie sich gefälligst deutlicher ausdrücken wollten." „Ich will Ihnen den leitenden Gedanken, den ich hierbei verfolgte, auseinandersetzen und Sie werden hiernach gefälligst Ihr Verhalten dem Kaiser gegenüber einrichten. Es erschien mir nicht zweckmäßig, die Handschrift des Prinzen nachahmen und dessen vermeintliche Briefe hochverräterischen Inhaltes dem Kaiser vorlegen zu lassen. Er hätte sie dem Prinzen vorgewiesen und dieser hätte sie ganz einfach als Fälschungen erklärt. Es erschien mir nicht nur gefahrloser, sondern auch weit zweckentsprechender, Falsificate von Briefen einer fremden Persönlichkeit anfertigen zu lassen, welche an den Prinzen gerichtet sind und in welchen jene angeblich von Eugen empfangene Schreiben beantwortet. Eine solche Persönlichkeit konnte, der Natur der Sache nach, vom Kaiser nicht zur Verantwortung gezogen werden, denn wenn ein fremder Diplomat im Aufträge seines Monarchen mit einem österreichischen Minister zu Gunsten seiner eigenen Regierung conspirirt, kann jenem kein Vorwurf daraus gemacht, noch weniger er dieser Handlung wegen bei irgend einem Gerichtshöfe der Welt angeklagt werden. Als die geeignetste Persönlichkeit hierfür erschien mir Feldmarschall Graf Flemming, der Günstling August des Starken, welcher derzeit eine dominirende Stellung am Dresdner Hose einnimmt, als rechte Hand des Königs gilt". „Das war eine sehr glückliche Idee", mußte Graf Nimptsch einräumen. „Ich verschrieb mir zu diesem Behufe einen Menschen, der nicht nur zu derartigen Jntriguen das gewandteste Subjert, ist, sondern im Nachahmen von Handschriften eine so vollendete Meisterschaft besitzt, daß ich selbst, als er zur Probe seiner Kunstfertigkeit meine eigene Handschrift nachahmte und mir dann beide Blätter zum Vergleiche vorlegte, auch bei der genauesten Prüfung nicht erkannte, was Copie und was Original war. Ich ließ drei Briefe anfertigen, die so fein stylisirt sind, daß sie nicht gerade etwas Hochverrätherisches enthalten, aber aus denen der Kaiser, bei gehöriger-Anleitung, Alles herauslesen wird, was wir wünschen. Er wird an der Echtheit der Briefe um so weniger zweifeln, als es bekannt ist, daß Flemming mit dem Prinzen im Briefwechsel steht". „Magnifique!" rief Nimptsch; „aber", fügte er nach kurzer Pause hinzu, „wenn der Kaiser fragt, auf welche Weise diese Briefe in meine Hände gelangten, was kann ich Glaubwürdiges antworten?" „Der Marquis St. Thomas, der mit dem Kaiser oft verkehrt, ein sehr kluger Mann und ein großer Menschenkenner ist, behauptet, daß er diese Frage nicht stellen wird. Kaiser Karl ist ein edler Mensch, es würde seinen Stolz verletzen, wenn er einem Berräther irgend etwas und sei es auch die Entdeckung eines staatsgefährlichen Geheimnisses danken sollte. Es würde seinen Hochsinn verletzen, wenn er den Berräther für seinen Ber-