Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 35 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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% Nr. 35 trauensbruch belohnen sollte; das wird er Ihnen, Herr Graf, überlassen; allein kein Mensch kann die Gedanken und die oft zufälligen Stimmungen eines andern errathen und ich will Sie für alle Fälle instrniren. Wenn der Kaiser diese Frage an Sie richtet, so antworten Sie ohne zu zögern resolut: Majestät, wenn Allerhöchst dieselben es zu befehlen geruhen, werde ich antworten; — aber ich würde es mir als allerhöchste Gunst erbitten, mich allergnädigst von einer Antwort zu dispensiren. Der Bote des Feldmarschalls, von dem ich mit den größten Opfern diese Schriftstücke erhielt, konnte nur schwer hiezu überredet werden. Wenn er verrathen würde, hätte er die Rache des sächsischen Ministers zu fürchten und selbst allerhöchst Dero Macht könnte ihn nicht vor dieser schützen. Ich habe ihm mit meinem Ehrenworte versprechen müssen, seinen Namen nur im alleräußersten Falle zu nennen, — ich glaube, der Kaiser wird Sie von jeder Antwort dispensiren." „Möglich, ja sogar wahrscheinlich", mußte der Graf einräumen, „aber ich will für alle Fälle vorgesehen sein, wenn der Kaiser doch darauf besteht, den Namen zu erfahren . . ." „Dann nennen Sie unbedenklich den Namen Johann Michael Klement und fügen Sie sogleich hinzu, er wurde von Ihnen reichlich mit Reisegeld versehen und habe aus Furcht Vor Flemming's Rache Deutschland verlassen. Sollte sich dann der Kaiser bei seinem Gesandten in Dresden erkundigen, so wird man ihn der Wahrheit gemäß berichten, daß Klement sich oft in der Nähe des Feldmarschalls befunden, dessen Vertrauen besessen und vor Kurzem aus Dresden spurlos verschwunden sei. Das Alles wird vollkommen mit den von Ihnen behaupteten Thatsachen übereinstimmen." Es entstand eine Pause in dem Gespräche, endlich ergriff Nimptsch wieder das Wort. „Herr Abbate, ich sehe mich verpflichtet, Ihnen für die harten Worte, die mir im Beginne unserer Unterredung entschlüpften, recht herzlich Abbitte zu leisten. Sie müssen mich entschuldigen. Ich befinde mich fortwährend in fieberhafter Aufregung. Ich kann mich nicht des dumpfen Gefühles, der bangen Ahnung erwehren, unser Plan würde in der letzten Stunde durch einen tückischen Zufall verrathen werden. Ich kann, so lange nicht unsere Action bis zu Ende ausgeführt ist, keine Nacht ruhig schlafen." „Das kommt von schwachen Nerven, Herr Graf", meinte der Abbate. „Ja . . .", fuhr dieser fort, „Sie haben gesagt, daß noch etwas an den Falsificaten fehle, um ihnen volle Wirksamkeit zu verleihen; Sie werden meine Neugierde begreifen — um was handelt es sich noch?" „Ich habe es schon erwähnt, ich habe Klement hieher nach Wien berufen und er befand sich unter fremdem, italienisch klingenden Namen als ein durchreisender, an mich empfohlener Landsmann einige Tage in meinem Hause, wo er unter meiner Anleitung die Falsifikate fabricirte. Der schlaue, umsichtige^ nichts übersehende Mann machte mich darauf aufmerksam, daß jeder Zweifel an der Echtheit der Briefe behoben würde, wenn dieselben mit deni bekannten eigenthümlichen Siegel Flemming's geschlossen wären. Dasselbe ist ein ungewöhnliches und hier in den höchsten Kreisen nicht unbekannt. Flemming hat ja auch mit Starhemberg und Sinzendorf correspondirt, ja er hat in seiner Ueberhebung, wie auch Klement wußte und berichtete, sogar an Kaiser Karl geschrieben. Wenn der Kaiser, wie zu erwarten, die Angelegenheit selbst eingehend prüfen sollte, könnte das Fehlen des Siegels, noch mehr ein unrichtiges auffallen. Ich durfte es nicht wagen, ein Siegel mit dem Wappen des Grafen Flemming, das Jedem mit der Heraldik halbwegs Vertrauten bekannt ist, anfertigen zu lassen. Da ich bemüht bin, alle meine Operationen in möglichster Vollkommenheit auszuführen, habe ich mit Genehmigung des Marquis St. Thomas Klement nach Dresden geschickt". „Was soll er dort thun?" frug Nimptsch. „Ich habe es Ihnen ja ziemlich erkennbar angedeutet — das Jnsiegel Flemmings entwenden. Nun hat Klement, wie er in dem Briefe, den ich heute von ihm empfing, schreibt, seine Mission erfüllt und wird längstens in drei Tagen mit dem Jnsiegel hier anlangen. Da Flemming, der in allen Dingen das Absonderliche liebt, stets etwas Apartes haben will, auch eine eigene Sorte spanisches Wachs von eigenthümlicher Färbung und eigenthümlichem Odeur, das ausschließlich für ihn allein angefertigt wird, benützt, bringt Klement auch ein Stückchen desselben mit." Seite 663 „Das muß man dem Marquis St. Thomas und Ihnen, Herr Abbate, lassen", meinte Graf Nimptsch im Tone aufrichtiger Bewunderung, „Sie wissen die Werkzeuge für Ihre Zwecke vortrefflich zu wählen, — aber warum ist Klement nicht sofort an dem Tage, an welchem er den Brief geschrieben abgereist? Er hätte einige Tage Verzögerung erspart." „Seine plötzliche Abreise, unmittelbar nachdem das Siegel abhanden gekommen, hätte trotz des großen Vertrauens, das der Feldmarschall in ihn setzt, diesen doch stutzig machen können. Klement selbst hat den Grafen darauf aufmerksam gemacht, daß das Jnsiegel abhanden gekommen. Es ist auch sofort ein Diener, auf welchen Klement den Verdacht gelenkt, eingezogen worden; — vielleicht gesteht er auch unter der Folter den Diebstahl, den er nicht begangen." „Das thut mir leid", meinte Nimptsch, „ich möchte nicht, daß ein Unschuldiger in solch trauriger Weise in Mitleidenschaft gezogen werde. Ich wünsche allen Menschen alles Gute". „Herr Graf", erwiderte Tedeschi, „das ist sehr edel gedacht, aber wer allen Menschen Gutes wünscht, pflegt dieses nicht für sich selbst zu erringen. Sie sind für einen Staatsmann zu gemüthsweich; wer in der Politik ein Ziel erreichen Will, muß Alles, was ihm im Wege steht, erbarmungslos niedertreten. Herr Graf", fügte er nach kurzer Pause hinzu, „der Zweck unserer heutigen Unterredung ist vollkommen erreicht und so angenehm mir auch Ihre Gesellschaft unter allen andern Umständen ist, muß ich doch gestehen, daß mir in diesen unwirthlichen Räumen etwas unheimlich geworden ist, weshalb ich mir vorzuschlagen erlaube, daß wir uns für heute trennen, um in dreimal vierundzwanzig Stunden zum letztenmale hier zusammenzutreffen, tvo ich Ihnen das gewünschte Material übergeben und sagen werde: ich habe das Meinige gethan, thun Sie nun das Ihrige.a rivedersi!“ Nimptsch murmelte einige unverständliche Worte und Wertheimer hörte nun, wie sich die beiden Männer, Einer nach dem Andern, entfernten und der Zweite das Haus hinter sich schloß. Wertheimer hatte die wichtigen, überraschenden Enthüllungen mit bewundernswerther Ruhe angehört, nicht der leiseste Ausruf der Verwunderung oder der Entrüstung entfuhr seinen Lippen. Erst nachdem die beiden Verschwörer das Haus verlassen hatten, sprach er zu Levi und dem Kammerdiener. „Ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet. Sie haben nicht nur mir, Sie haben auch dem Kaiser, dem Prinzen Eugen, Sie haben Oesterreich, dem Deutschen Reiche, dem Rechte, einen Dienst von völlig unschätzbarem Werthe geleistet. Sie werden sich, sei's Gott gelobt, überzeugen, daß Sie nicht Undankbare verpflichtet haben. Wir haben jetzt keinen Augenblick zu verlieren. Es müssen sofort die nöthigen Maßregeln ergriffen werden, die boshaften niederträchtigen Verleumder zu entlarven. Ich glaube, Nimptsch und der Abbate haben schon einen so bedeutenden Vorsprung voraus, daß wir ihnen nicht mehr auf der Straße nach der Stadt begegnen werden. Gehen wir!" Es schlug eben vom Stefansthurm zwei Uhr, als der Oberhoffactor und Levi — der Kammerdiener hatte sich vor dem Stadtthore von ihnen getrennt — heimkamen. Der Erstere wurde von seinem Sohne Wolf erwartet. Dieser war schon über das lange Ausbleiben des Vaters besorgt gewesen und sprach: „Ich will Dich heute gar nicht fragen, was Du erfahren, es ist sehr spät, Du mußt sofort zu Bette gehen, um Dich von den Mühen des vergangenen Tages zu erholen, Dich für die Arbeit des kommenden Tages zu stärken. Du mußt Deine Gesundheit schonen, bedenk' es, welchen unschätzbaren Werth Dein kostbares Leben für Deine Familie, für die gesammte Judenheit, für Oesterreich besitzt." „Ich bin zur Kenntniß eines Complottes gelangt" erwiderte Wertheimer, „über das ich Dir morgen Näheres mittheilen werde und gegen welches unverzüglich energische Mittel ergriffen werden müssen. Es sind in dem Complotte höchst gestellte Personen verwickelt; wenn dem Kaiser nicht zweifellose Beweise ihrer Schuld vorgelegt werden, könnte möglicherweise ihren Aussagen nicht weniger Glauben beigemessen werden, als meinen. Es muß unverzüglich eine Hausuntersuchung anbefohlen und diese von absolut verläßlichen, unbestechlichen Personen sofort vorgenommen werden. Die ersten Urheber der Conspiration würden auch Millionen nicht scheuen, eine Entdeckung zu verhindern. Ich muß sofort zum Prinzen Eugen!" (Fortsetzung folgt.) Orfterreichftche Wochenschrift -1 1 ■i I i I ■ j I i ■f § 1 i 3 •I! i ■i i 1