Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 35 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 35 Vrflerreichifchr Wochenfchrifi besserer Qualität, als die autonomen Trafiken." — Wir nehmen dieses zur Kenntniß und fragen, warum also zahllosen, armen Juden ihre Existenz untergraben und sie auf den Bettelstab bringen? — Es bleibt leider eine traurige Wahrheit, wir Juden können es unseren Mitbürgern niemals recht machen. Der Wucher wird verdammt, einverstanden,- wobei wir den Begriff Wucher auch auf die Ausbeutung landwirthschaftlicher Arbeiter iä est Bauern vite „Porcqe1' des Grafen Tarnowski ausgedehnt wissen wollen. — Will der Jude Beamter werden, so wird ob der Invasion der Juden zum Zwecke der Verdrängung der Christen gewettert, als ob 10 Perzent im Stande wären, 90 Perzent zu verdrängen. — Wollen die Juden Landwirthe werden und kaufen Güter, werden Krokodilsthränen vergossen; der Boden geht an ein „fremdes Element" über (vbee ziwioty. — Kauft eine Firma erster Qualität eine Fabrik, welche selbst um 20.000 fl. weniger keinen „katholischen" Abnehmer gefunden, so wird ebenfalls lamentirt — selbst von Blättern, die sich so gerne mit Hilfe — jüdischer Abonnenten aufrichten möchten. Im nächsten Jahre werden wir eine Ausstellung hier haben. Die Juden betheiligen sich an derselben hervorragend, sowohl als Aussteller, als durch namhafte Geldspenden. — Wir billigen Beides, denn selbstverständlich als treue Landeskinder, wünschen wir der Ausstellung, welche unter dem Protectorate des geliebten Kaisers steht, das beste Gedeihen. — Juden melden sich zur Arbeit. — Der Direktor der Ausstellung Dr. Marchwicki, zugleich Vice-Präsident der Stadt, ein humaner, gerechter und vorurtheilsfreier Mann versprach deren Placirung. Leider vergebens. Selbst der einflußreiche Director konnte den Widerstand eines kleinen Ingenieurs nicht brechen unddie jüdischen hungernden Arbeiter zogen unverrichteter Dinge heim. In der „Gazeta Narodowa" veröffentlicht der berüchtigte Teofil Merunovich einen Artikel über die jüdische „National- Partei". Selbstverständlich zeigen die Artikel eine crasse Unkenntniß der Verhältnisse oder mala üäes; und der Raum eines ganzen Blattes würde nicht ausreichen, alle in den Artikeln aufgehäuften Widerfinnigkeiten zu widerlegen. Ehren-Merunovich wirft den Juden Mangel an Idealen vor. Uns sind bis jetzt die Ideale des Herrn Merunovich nicht bekannt, vielleicht soll das ein Ideal sein, Secretär der Bezirksvertretung zu sein, aber wie böse Zungen behaupten, niemals im Bureau anwesend zu sein, demgemäß wahrscheinlich nichts zu arbeiten, auf seinen Gehalt jedoch, zu dem auch der jüdische Steuergulden herangezogen wird, — nicht zu verzichten. Die Herren „Nationalen" können aber hieraus die Lehre ziehen, daß sie durch ihre verfehlte und nebenbei ziemlich wirkungslose Agitation der heiligen jüdischen Sache, wir geben zu, unbewußt, nur Schaden bringen. Norderney, 25. August. Löbliche Redaction! Die Leser Ihres geschätzten Blattes dürften Ihnen vielleicht Dank wissen, wenn Sie dem nachstehenden Berichte Ihre Spalten öffnen, denn es können öffentliche Mißstände, von welchen insbesondere in Badeorten ganze Gesellschaftsclassen getroffen werden, nicht genug öffentlich gerügt und publicistisch ans Tageslicht gezogen werden, damit hiedurch möglicherweise eine Remedur geschaffen werde. Seit einigen Jahren suche ich die Bäder der Nordsee zum Curgebrauche auf und so wollte ich auch dieses Jahr, nachdem ich mehrere Wochen bereits auf Helgoland und Norderney verbracht hatte, den Rest meines Urlaubes noch zu einem kurzen Aufenthalte auf der in allen Tonarten so viel gepriesenen Insel Borkum benützen. Um die Mittagsstunde daselbst angelangt, suchte ich Köhler's „Strand-Hotel" und „Giftbude" auf, um daselbst zu speisen. Kaum daß ich in dieser „Giftbude" — nomen est omen — Platz genommen, bettelte mich auch schon ein kleiner Colporteur um den Ankauf eines giftgeschwollenen Pasquills, eines Schmutzgedichtes, an, das den anziehenden und verlockenden Titel führt: „Die Zerstörung Jerusalems oder Jtzig u. s. w." Selbstverständlich wird darin in gemeinster Weise zum Haß und zur Verachtung gegen die Juden gehetzt. Doch damit schlossen meine Erlebnisse auf Borkum noch lange nicht. Eine sehr distinguirte jüdische Dame, welche erst den zweiten Tag auf dieser Insel weilte, wo die von aller Sitte abgeschiedenen Geister der bier- und weinseligen Antisemiten wohnen, wollte im Hotel an der Tabie d’höte theilnehmen und das Unglaublichste geschah! Der Wirth verwies der Dame den Speisesaal mit den Worten, daß er nur christliche Gäste habe und sie durch ihre Anwesenheit sein Geschäft schädigen könne. Noch am selben Tage ergriff die Dame die Flucht und reiste nach Norderney, wo der Rassenhaß sich in keiner Weise geltend Seite 659 macht. Aber auch damit war's noch nicht alle mit meinen Erlebnissen auf Borkunl. Zu meinem Entsetzen fand ich da an allen Straßenecken gedruckte Gedichte und „Aufrufe" verschiedenster Art, gereimt und ungereimt, affichirt, alle von gleich schmutziger Sudelei, in denen ganz direct alle „christlich Denkenden" aufge fordert werden, die Juden „hinauszuschlagen", „hinauszuzujagen", „wie es ihnen schon einst geschah." Wir Oesterreicher sind zwar von unseren blutrünstigen Antisemitenhäuptlingen Schneider und Consorten an derlei schon gewöhnt, dies aber doch nur aus den bei uns bei geschlossenen Thüren und unter Aufsicht eines Regierungsvertreters abgehaltinen Wirthshausversammlungen, wo die Faust noch immer in der Tasche bleibt — auf die Straße aber mittels gedruckter Placate wurde die Aufwiegelung bei uns noch nicht getragen — schon von wegen unseres Preßgesetzes nicht. Es erscheint also gewiß im öffentlichen Interesse gelegen, wenn die publicistische Bekanntmachung solcher Zustände als abschreckendes Beispiel recht hoch angenagelt wird, damit mancher nicht nur „christlich" sondern auch anständig denkende Mensch vor dem Besuche dieser Insel Borkum, auf der nur Möven und Antisemiten Hausen wollen, gewarnt werde, iiabeaot sibi! Dr. H. Berlin. Als „Beitragzudenreligiös-moralis che n An s ch auu n g en gewi sser „g eb i lde t er" Kreise" registrirt die fromme „Germania" folgende Anzeige, die sich im zweiten Morgenblatte der „Köln. Ztg." vom 17. August 1893 findet: „Heirats-Partie. Eine israel. Dame, 23 Jahre alt, bildschön, aus hochachtbarer Familie, mit 8 Mill. Mark Mitgift, hegt den Wunsch, einen vorurrheilsfreien Herrn, Grafen oder Baron, gut situirt, kennen zu lernen, und wird die Einführung in einem Badeorte in taktvollster Weise stattfinden können. Die Dame ist gesonnen, sich so taufen zu lassen, wie die Religion des Herrn ist. Strengste Discretion. Offerten unter . .. an . . . Die heiratslustige israelitische Millionärin entwickelt allerdings einen beinahe unheimlichen praktischen Sinn. Aber zu ihrer Entschuldigung möge die unbegrenzte Zahl allerchristlichster Prinzessinnen aus großen und kleinen Häusern dienen, die sich, seitdem es in der christlichen Kirche mehrere verschiedene Confessionen gibt, ihrer angeborenen Confession um ihrer Verheiratung willen wie eines alten Kleides entäußern und in ihrem Glauben so „umgelernt" haben, „wie die Religion des Herrn war." Es sind dabei auch „gebildete" katholische Fürstentöchter gewesen! (Stöcker in Amerika.) Nun endlich wissen wir's, zu welchem Zwecke eigentlich die Weltausstellung in Chicago veranstaltet und das fünfhundertjährige Andenken an Columbus gefeiert wurde. Chicago ist eine vorwiegend deutsche Stadt und die Deutschen in Chicago haben sich als „great attraction“ als ein „Wunder der alten Welt", den ehemaligen Hosprediger Stöcker über den Ocean kommen lassen. Herr Stöcker geht über das große Wasser, um deutsche Eultur nach dem Westen zu tragen, und die christliche Liebe und Duldung nach seinem Sinne — nach Amerika zu verbreiten. Der Antisemitismus soll dem Reiche Kaiser Karl v. gleich werden, in seinen Grenzen soll die Sonne nicht untergehen. Die Deutschen in Chicago bleiben der germanischen Tradition getreu, indem sie sich den Apostel des Fremdenhasses verschreiben. Es ist eine traurige geschichtliche Wahrheit, daß die Deutschen überall und jederzeit die Träger des Fremdenhasses sind und waren. In Europa richtet sich dieser Haß gegen Juden, Slaven, Rumänen, in Amerika kann es Herr Stöcker zuwege bringen, daß das bisherige friedliche Einvernehmen zwischen den anglo-amerikanischen Miethsvolke und dem deutschen Gastvolke eine böse Störung erfährt. Das Schand- und Brandmal, welches durch die Berufung Stöcker's der columbianischen Weltausstellung aufgedrückt wurde, wird nicht mehr verwischt werden können, es ist ein Stigma für das gesammte Deutschthum in Amerika. Bukarest. Jammervolle Berichte in den rumänischen Zeitungen über die Ausweisungen der Juden in den Gebieten der oberen Moldau liegen vor uns. Die Behörden gehen mit einer Grausamkeit vor, die einer jeden Beschreibung spottet. Eine glänzende Ausnahme bildet der Unter-Präfect von Muntelni, Bezirk Suczawa, welches in den vergangenen Wochen der Schauplatz der entsetzlichsten Judenverfolgungen war. Der Unter-Präfect hat auf das Entschiedenste in seiner Gemeinde die Ausweisung der Juden verboten, da sie fleißig, bescheiden und ehrlich sind. Im Anschluß an diese menschenwürdige, edle Handlungsweise sei erwähnt, daß der Unter-Präfekt selbst einst Antisemit gewesen und daß er einige Schmähschriften gegen die Juden veröffentlicht hatte, zu deren Autorschaft er sich heute