Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 35 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 656 Vestrrretchische Wochenfchrtst Nr. 38 bedingt und abgegrenzt. Unterscheiden sich die orthodoxen Juden von ihren übrigen Glaubensbrüdern dadurch, daß sie die unbedingte Verpflichtung der einmal überkommenen Gesetze aufrecht erhalten und die sowohl durch die bürgerliche Emancipation und die Theilnahme der Juden an allen socialen Bestrebungen hervorgerufene Umgestaltung der rabbinisch - cultuellen Gesetze, als auch die aus der veränderten Geistesrichtung entsprungene Modernisirung des Gottesdienstes verwerfen, also kurz sich in Allem als die Träger des alten Judenthums präsentiren, so sind sie es auch darin, daß sie von ihren Rabbinen billigerweise nichts mehr fordern, als die Alten forderten, den gewiegten, tüchtigen Gelehrten auf jüdisch-rabbinischem Gebiete. Sind unsere modernen Reformapostel entschuldigt, wenn sie sich zuweilen im Talmud — wie der Tourist auf den Bergen — ohne kundigen Führer nicht zurecht finden, weil fie eben den Forderungen ihrer Gemeinde Rechnung trugen und sich eine modern-wissenschaftliche Bildung aneigneten, so ist auch der orthodoxe Rabbi entschuldigt, wenn er Dante's „Göttliche Komödie" nicht im Urtext gelesen und dafür im Talmud daheim ist. Er will eben auch nur den Ansprüchen seiner Gemeinde genügen, und ganz richtig bemerkt daher Herr Dr. Jellinek, daß die orthodoxen Juden unmöglich ihre Rabbiner aus irgend einem der Rabbiner- Seminare holen können. Aber entspricht der sich herausbildende Rabbiner auch nur den Anforderungen, die man an ihn zu stellen berechtigt ist? Oder deutlicher gesprochen: Wird in der einzigen Anstalt, aus der die orthodoxen Rabbiner hervorgehen , das gelehrt, was ebenfalls unerläßlich ist: Bibel, hebräische Grammatik, Geschichte der Juden u. s. w.? Wie sollen jene einst eine Gemeinde erziehen, wenn sie selbst nicht erzogen worden sind? Wie sollen und können sie einst dex wichtigsten Aufgabe eines Rabbiners gerecht werden und die Leitung des Religionsunterrichtes führen, wenn sie selbst darin nie unterrichtet worden? Weder ihre talmudischen noch ihre sonstigen als Autodidakt etwa erworbenen Kenntnisse lassen sich hier segensreich entschieden nicht verwerthen. Wer Lehrer sein will, muß Schüler gewesen sein. DerLehrplan der Jeschiba muß daher nothgedrungen eine gründliche Umgestaltung erfahren. An der Jeschiba muß unbedingt eine um das 5—6fache verdoppelte Lehrzeit eingeführt werden, und in dieser müssen sämmtliche Fächer der jüdischen Wissenschaft von geeigneten Lehrkräften vorgetragen w erd en. Von nicht unbedeutendem Einfluß auf das ganze spätere Leben des Bachurs ist ferner die Art und Weise, wie er seinen Lebensbedarf auf der Jeschiba zu decken gezwungen ist. Leider ist es eine sehr betrübende Thatsache, daß es zumeist arme Väter sind, die ihre Kinder nach der Jeschiba senden und ihnen recht viele Segenswünsche, aber keinen Heller Geldes mitgeben. Dieser edle Vater beruhigt sich mit dem Gedanken, daß es ja in Preßburg Bachurim-Chewraß gibt und daß sich ein Bachur plagen muß. Nun ist aber eben diese Voraussetzung des Vaters von höchst schädlicher Wirkung für das Kind. Denn — diesen Chewraß liegt kein Heller Stammcapitals zu Grunde und die laufenden Ausgaben sollen immer von den jeweilig gesammelten Einnahmen gedeckt werden. Nun treten aber an diese Chewraß von Jahr zu Jahr immer mehr Ansprüche heran, und längst wäre der morsche Bau zusammengebrochen, wenn nicht der berühmte und ausgezeichnete Leiter der Jejchiba und die opferwilligen Preßburger mit Aufbietung aller Kräfte ihn gehalten hätten. In gleicher Weise wäre hier nur eine Disciplin möglich, wenn die Jeschiba vollständig zur Schule mit deren Machtbefugnissen umgestaltet wird, oder wenn die Abhängigkeit des Schülers von der Jeschiba also beschaffen ist, daß er sich etwaigen disciplinarischen Vewrdnungen zu beugen gezwungen ist. Heute ist dies aber nicht der Fall, weil ja die Chewraß bei den geringen, ihnen zu Gebote stehenden Mitteln dem Bachur nur eine kleine, sozusagen unbedeutende Unterstützung bieten können. Soll aber der Bachur sich plagen und beruht die Erziehungsanstalt von Bachurim auf einer solchen Basis, dann ist vollends jede Hoffnung geschwunden, daß diese Anstalt ihrer Aufgabe gerecht werde. Die frühe Jugend, noch ehe die eigene Willensstärke vorhanden ist, gehört nur dem Studium, doch nicht der Nahrungssorge und richtig lehrt die Mischna: „Wo kein Brod, da ist auch keine Gelehrsamkeit." Der Bachur, der sich von frühester Jugend auf geplagt hat, kann ja dann im vorgerückten Alter die Früchte seiner Plage einheimsen wollen, die aber bis zur Stunde noch gar nicht gepflanzt sind. Die bisherige Organisation selbst des finanziellen Theiles der Jeschiba, das des Bachurs unwürdige „Kassieren", die Unzulänglichkeit der Chewraß und das dadurch bedingte „Plagen" des Bachurs, das ihn in den Kinderschuhen zum selbstständigen Manne macht, leistet in jeder Hinsicht der einem Bachur so naheliegenden und von ihm doch so zu meidenden Frage Vorschub.'Wofür plage ich mich? Wie viele Väter sandten nicht schon hoffnungsvolle talentirte Kinder nach der Jeschiba und harrten daheim geduldig, bis einst ihr Sohn wie Rabbi Akiba mit 24.000 Schülern seinen Einzug halten wird und siche da, nach zehn Jahren erhält er die schlichte Anzeige, daß sein begabtes Kind verlobt und nunmehr Paprika in Düten für die Bauern irgend eines ungarischen Dorfes einpacken wird. Freilich setze ich voraus, daß der Vater dieses talentirten Kindes kein Rabbiner ist, denn sonst wird es von einer anderen Sonne beschienen. Aber so mancher Vater hat sich gefragt, wie es dahin gekommen, warum jetzt sein Sohn ein verfehltes Leben beweint, denn die Fähigkeit zu Höherem, als zum „Dorfgreisler" ging ihm gewiß nicht ab, sonst wäre ja sein Leben kein verfehltes? Es kommt einfach daher, daß in den ersten Jahren das Studium durch den Mangel an -Unterricht, Disciplin und Nahrungsmitteln gehemmt ward und in den letzteren schon der Verstand erwacht war, der die traurige Erkenntniß mit sich brachte, daß der Bachur, dem nicht besondere Umstände zur Seite stehen, ein Märtyrer seines Glaubens geworden, der dann ein langes Leben hindurch täglich bittere Thränen seinem verfehlten Lebenszwecke widmet. Vor mir liegt der jetzt erschienene Jahresausweis 1891 bis 1892 des Rabbinats zu Berlin, das auch in seinen Grundideen auf orthodoxen Anschauungen basirt und das heute ein Vermögen von Mark 407.10476 besitzt. Welcher Riesenunterschied ist zwischen den orthodoxen Juden Deutschlands und denen Ungarns, die eine Anstalt von nicht — wie die hiesige — 67, sondern von 300—400 Hörern haben und dabei keinen Heller Vermögen. Nun die Mischna lehrt weiter, „Wo keine Wissenschaft ist, da ist kein Brot", also hoffen wir, daß mit der Umgestaltung der Jeschiba zur Schule auch die Finanzen eine feste Grundlage in einem großen Fonds erhalten werden. Preßburg und ausschließlich Preßburg ist zum Sitze einer orthodoxen Rabbinerschule geeignet, weil Preßburg die ausschließliche Pflegestätte des Talmudstudiums seit alter Zeit her ist und noch heute in seinen Mauern eine stattliche Anzahl gewiegter Talmudgelehrter beherbergt. Ich bin von dieser Ansicht wie von der dringenden Nothwendigkeit einer Umgestaltung der Jeschiba zur Schule für die Wissenschaft des Judenthums vollständig durchdrungen und Euch allen, die Ihr mir den Vorwurf machet, daß ja bereits vor mir so viele „aus der Kutten" gesprungen wären, ohne gegen ihre frühere Erziehungsstätte loszuziehen, die Ihr mir ferner vorwerfet, daß ich an meiner streng orthodoxen Familie jetzt unwürdig gehandelt hätte, die Ihr behauptet, ich wäre viel zu jung und hätte aus jugendlicher Unüberlegtheit also gesprochen, Euch allen sage ich Folgendes: Ich bin wie Ihr strengorthodoxer Jude, und kenne genau die Pflichten und Rücksichten, die mir Jeschiba und meine Familie auferlegt, ich bin aus keiner Kutte gesprungen, weil ich erstens in keiner Kutte drin war, denn jedes in der Kutte stecken bedeutet Heuchelei — und zweitens als wahrer aufrichtiger