Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 35 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 35 OeüerreichNhr WochrnschrM Seite 653 gegengesetzten Grunde. In geschäftlicher Hinsicht ist Herr Bergani ein Weltbürger, wie es keinen zweiten gibt. Er nimmt Geld von jüdischen Banken, ich weder von jüdischen noch christlichen, er macht mit dem Judenthume Geschäfte und will an seiner Bekämpfung verdienen, ich beute aber weder das Judenthum, noch das Christenthum aus. Ich glaube demnach, Herr Bergani thäte besser, wenn er sein Blatt nicht mit Citaten aus meinen Predigten füllte. Auf keinen Fall werde ich meine Predigten mit Citaten aus seinem Blatte füllen. Dazu ist mir das „Deutsche Volksblatt" nicht deutsch genug. Wien, 29. August 1893. Dr. Güdemann. „Vor dieser Behörde fürchte ich mich nicht!" Vor dem Währinger Bezirksgerichte stand dieser Tage ein junger Mensch der boshaften Beschädigung fremden Eigenthums angeklagt. Der Bolksschullehrer Ludwig Küttner hatte einen Nachbar in der Sommerfrische, den er irrthümlich für einen Juden hielt, mit den saftigsten antisemitischen Schimpfworten tractirt und in seiner Wuth einen demselben gehörigen Gegenstand Zertrümmert. Dem edlen Jugendbildner wurde für diese Heldenthat eine Geldstrafe von 5 fl. zuerkannt. Als ihm bei Verkündigung des Urtheils mitgetheilt wurde, daß dasselbe auch der betreffenden Schulbehörde bekanntgegeben werden müsse, rief der wackere Jüngling triumphirend aus: „Bor dieser Behörde fürchte ich mich nicht!" Der Ausruf ist ein classisches Zeugniß für den Geist, von welchem der Währinger Orts- und der Wiener Bezirksschulrath beseelt sind. Der Lehrer Küttner weiß, was er spricht; er weiß, daß in diesen Körperschaften die antisemitische Gesinnung geradezu eine Empfehlung ist und daß Diejenigen auf das Wohlwollen dieser Behörden rechnen können, welche die christliche Liebe und Duldung' im Sinne der modernen „Gesellschaftsretter" auffassen. Im Wiener Bezirksschulrath sind in jüngster Zeit Erscheinungen zu Tage getreten, welche alle Freunde der Schule und der sittlichen Bildung des Volkes mit ernstester Sorge erfüllen müssen. Die jahrelang schamlos und straflos betriebene Rassen- und Classenhetze, die Corrumpirung des öffentlichen Gewissens, die systematische Untergrabung des Rechtsbewußtseins und die maulwurfartige Unterminirung aller bürgerlichen Freiheiten äußern nunmehr ihre erschreckende Wirkung in der geistigen und sittlichen Verrohung all jener autonomen Körperschaften, welche die Aufgabe hätten, über die Rechte und Freiheiten des Bürgerthums zu wachen. Die autonomen Schulbehörden sind zu Satel- Uten des Clericalismus und Antisemitismus geworden, sie scheinen jedes Berständniß für die furchtbare Thatsache verloren zu haben, daß ein großer Theil Derjenigen, die sich dem hohen Amte der Jugenderziehung gewidmet haben, in die Herzen der Kinder das Gift des Hasses und der Heuchelei träufelt, statt alle guten und edlen Keime der Kinderseele zu wecken. Der Lehrer Küttner ist keine vereinzelte Erscheinung. Der Antisemitismus findet unter der Lehrerschaft Hunderte von Bekennern. Noch als Judenhaß und Vaterlandsverrath congruente Begriffe waren, die durch den Namen Schönerer gedeckt wurden, war es der Bolksschullehrer Krautmann, der von Versammlung zu Versammlung zog und in Wort und Schrift die Hetze gegen Andersgläubige und die Mißachtung aller staatlichen Institutionen predigte. Dieses nichtswürdige Treiben wäre in keinem anderen Staate auch nur einen Augenblick geduldet worden, bei uns aber ist Herr Krautmann heute noch nicht nur in Amt und Würden, sondern man hat auch ruhig zugesehen, wie er sich in der Lehrerschaft eine große Partei schuf, deren Anhänger nunmehr frech erklären dürfen, daß sie sich vor unseren Schulbehörden nicht fürchten. Und in der That, zu fürchten haben sich nur jene Lehrer, welche an den liberalen Principien, an den Gesetzen und an ihren idealen Anschauungen über die Jugend und Volksbildung festhalten. Sie. sind vom gemeinsten, niedrigsten Denunciantenthum bedroht, sie sind fortwährend in Gefahr, von dem reactionären Bezirksschulrath gemaßregelt zu werden. Der Fall ist vorgekommen, daß fünf Lehrerinnen, welche in öffentlicher Versammlung für die Aufrechthaltung der Staatsgrundgesetze und des Reichsvolksschulgesetzes eingetreten sind, in Disciplinar-Unterfuchung gezogen wurden. So weit sind wir heute schon in Oesterreich, daß die Befolgung der Gesetze und die Aufforderung hiezu als ein Verbrechen angesehen, Diejenigen aber, welche das Gesetz mit Füßen treten, belohnt und gehätschelt werden. Das sind die Früchte einer Politik, welche durch administrative Verfügungen die Schule in das Gegentheil dessen verkehrt, als sie sein sollte, welche aus ihr statt einer Pflanzstätte der Geistes- und Herzensbildung eine Pflanzstätte der Rohheit, des Hasses und der augenverdrehenden Heuchelei macht. Grauen erfaßt uns bei dem Gedanken, welch' ein Geschlecht aus einer solchen Schule und aus solchen Händen hervorgehen muß! Feinde der Gesellschaft und Feinde des Staates werden heranzogen, denen nichts von alledem mehr heilig ist, was uns und unseren Altvordern als das erstrebenswertheste Ziel der Menschheit gegolten hat. Es gibt traurige Verirrungen der Geister, welche sich auf ganze Perioden und ganze Völker erstrecken. Eine solche Verirrung hat gegenwärtig alle Begriffe darüber, was der Ge-- sellschaft frommt, auf den Kopf gestellt. Was aber unter allen Wandlungen der Zeit und allen Trübungen des Sittlichkeitsbewußtseins unerschüttert bleiben sollte, das sind die Grundlagen, auf denen die staatliche Gemeinschaft aufgebaut ist. Wenn der Staat nicht sich selbst vernichten will, dann muß er mit unbeugsamer Strenge über die Befolgung und Durchführung der Gesetze wachen. Und das ist es, was wir den obersten Lenkern dieses Reiches zu bedenken geben möchten. Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob die Menschheit glücklicher wäre im Autoritätsglauben oder im Freiheitsgesühle, in der Unwissenheit oder in der Aufklärung. Aber darüber ist kein Zweifel möglich, daß die Auflehnung und Widersetzlichkeit gegen die Anordnungen des Staates, wenn sie geduldet oder gar gefördert wird, diesem selbst den Untergang bereiten muß. Und auf diesem Punkte stehen wir! Die Mißachtung. ja Verhöhnung der Gesetze gilt als Tugend und Verdienst. Das Wort: „Vor dieser Behörde fürchte ich mich nicht", beleuchtet wie ein greller Blitz die Trostlosigkeit unserer öffentlichen Zustände. Eine Behörde, die man nicht respectirt, ist keine Behörde mehr. Die fünf Lehrerinnen, welche die Gesetze verteidigten, sind in Disciplinar-Untersuchung, der Lehrer Küttner, welcher der Schulbehörde ein Schnippchen schlägt, geht straflos aus — das sagt genug! Die Juden im Handwerk. Wir haben in der Vorwoche die schmähliche, unqualificirbare Hetze besprochen, welche das Radau-Organ des antisemitischen Oberbonzen Psenner, der „Volksfreund", gegen die jüdischen Aerzte Wiens in Scene setzte. In der jüngsten Nummer des „Volksfreund" wählt sich Psenner, der ohne continuirliche Judenhetze nicht einmal auf das Prädicat des „d u'kn m e n Kerls v o n W i e n" Anspruch zu erheben berechtigt wäre, die jüdischen Handwerker zum Angriffsobjecte. Ech-ist noch nicht so lange her, da wurde seitens der Antisemiten gegen die Juden der Borwurf erhoben, daß sich die Letzteren nur den mühelosen Erwerb wählen, dagegen das mit manueller Thätigkeit verbundene Handwerk meiden. Seitdem wir wiederholt und gestützt auf statistische Daten dargethan haben, wie ungerecht dieser Vorwurf die Juden trifft, seitdem wir in unanfechtbarer Weise den Nachweis erbrachten, daß Juden in allen Handwerken anzutreffen sind und dies dazu noch in einem weit größeren Percentsatze der Bevölkerungsziffer, wird mit der Methode des Angriffes ein Frontwechsel vollzogen. Nun heißt es wieder, die Gewerbe sind verjudet und die Juden strecken die Hand nach dem Handwerke aus und verdrängen die Arier. Inwieweit dieser Vorwurf gerechtfertigt erscheint, soll an der Hand der statistischen, auch von Psenner's „Volksfreund" benützten amtlichen Daten dargethan werden. Die Glossen, die Psenner hiezu macht, und die Schlußfolgerungen, die er aus den Daten zieht, zeigen so deutlich die Niedertracht der Gesinnung, wie sie zu äußern nur ein Vollblutarier fähig ist. Im Nachstehenden lassen wir den „Volkssreund" selbst reden: „In den gewerblichen Fortbildungscursen für Knaben finden sich neben 6849 christlichen 342 jüdische Schüler, also 5 Percent Juden. In den gewerblichen Fortbildungscursen für Mädchen genießen neben 839 christlichen 212 jüdische Mädchen, also 25 Procent Jüdinnen den Unterricht. Wenn wir jene Bezirke vornehmen, in welchen die jüdischen Schüler an den Fortbildungscursen vorherrschend sind, so finden wir: