Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 35 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6L2 VrpWvedtziptzr Wpchrnfchrist Nr. 35 beruft sich nämüch auf die pragmatische Sanction und auf die Thronbesteigung der Kaiserin Maria Theresia. Aus dieser großen historischen Thatsache aber ergibt sich, daß Kaiser- Carl VI. rechtzeitig darauf bedacht war, den Erbländern und Ungarn Schutz gegen die bedenklichsten Erschütterungen zu gewähren. Das Erbrecht in Oesterreich und Ungarn wurde in dem Sinne fcstgestellt, sanctionirt und durch Europa anerkannt, daß die Tochter des Kaisers selbstständig regieren und mit allen Rechten der Souveränität sich bekleiden konnte. Dadurch wurden die Pforten des Staates dem Regenten aus einem fremden Staate geöffnet und die Völker Oesterreichs und Ungarns hatten das Glück, einer Fürstin huldigen zu können, die sie liebten und verehrten. Man nahm bei der Durchführung des Erbrechtes Rücksicht auf die natürlichen Gefühle der Treue, das Erbrecht wurde aufgerichtet, rm Einklang mit patriotischen und nationalen Empfindungen. Zn Coburg aber gelangte ein englischer Prinz auf den Thron. Das „Deutsche VolWblatt" beweist somit das Gegentheil von dem, was es beweisen wollte. Kaiserin Maria Theresia erklärte selber es als das größte Unglück der Völker Oesterreichs, wenn-ein ftemder Fürst zur Regierung gelangt wäre. Wir benützen die Gelegenheit, um uns über die Schimpf- und Schlagworte „Judenzeitungen" und „Judenblätter" nochmals auszusprechen. Dadurch, daß einige Juden oder viele Juden in dem Redactionsbureau einer Zeitung beschäftigt sind, erhält das Blatt noch keinen bestimmten Charakter. Vielmehr wird der Charakter eines Journals bestimmt durch die Ueberzeugungen oder durch das Interesse des Herausgebers und wesentlich auch durch die Anforderungen, Interessen und Anschauungen des Leserkreises. Sind die Publikationen des Herrn Pfarrers Dr. Deckert, wenn Paulus Mayer Mitarbeiten sollte, etwa eine Judenzeitung? Das „Deutsche Volksblatt" erscheint uns als ein unchristliches, sogar antichristliches Organ, obwohl wahrscheinlich viele Christen bei demselben beschäftigt sind. Die liberalen Blätter Wiens sind keine Organe für Interessen der Juden und viele Mitarbeiter jüdischer Abstammung besitzen nicht einmal eine genaue Kenntniß des Judenthums. Wir kannten die Redaction eines vielgelesenen großen Wiener Blattes, wo ein einziger Mitarbeiter correct hebräisch zu lesen verstand und dieser Mitarbeiter war Protestant aus eineralten protestantischen Familie, der allerdings in Tübingen studirte. Im Burgtheater versteht Herr Krastel mehr hebräisch, als alle seine Collegen, und Herr Krastel stammt auch aus alter christlicher Familie. Was soll also die Bezeichnung „Judenblatt" und „Judenzeitung"? Damit wollte man zunächst den moralischen Credit der Zeitungen zerstören. Das Volk sollte alle in den Zeitungen mögliche Belehrung verachten, weil es doch eine Judenzeitung sei. Dann wollte man sich auch ein Monopol verschaffen, um allein den Zeitungsmarkt beherrschen zu können. Was ist denn die Eigenart der sogenannten Judenzeitungen? Daß sie Sinn haben für Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit, daß sie Aufklärungen zu verbreiten suchen, daß sie auch für die Juden eintreten, wo Wahrheit und Gerechtigkeit es verlangen. Was ist die Eigenart der antisemitischen Zeitungen? Daß sie den pöbelhaften Instinkten entgegenkommen, daß sie die Scandalsucht nähren und pflegen, daß sie fälschen und verleumden und in der Bäckerei des Teufels das Brot für das Volk Herstellen. Die Pöbelzeitungen haben den liberalen Zeitungen weit mehr gegeben, als sie ihnen genommen haben. Denn die liberalen Zeitungen haben die hohe Mission der Bekämpfung des Antisemitismus und der Reactwn empfangen. Die Abwehr der Unwissenheit und des Aberglaubens ist wiederum ihre Mission geworden; sie vollführen diese Aufgabe mit großem Talente, aber auch mit ernster Pflichttreue, und darin liegt das Geheimniß ihres Erfolges. Daran wird das „Deutsche Volksblatt" mit seinen jämmerlichen Denunciationen nichts ändern. Sind die liberalen Zeitungen Judenzeitungen, dann mutz man sagen, daß die Juden da schöne und solide Arbeit liefern und das Publicum sich dabei nicht betrogen findet. Aber fort mit der Lüge, die in der Beschimpfung „Judenzeitungen" liegt. Die liberalen Zeitungen stehen in gar keiner Berührung zum Judenthum; sie feiern in ihren Artikeln das christliche Neujahr und die christlichen Feste, nicht aber das jüdische Neujahr und die jüdischen Feste. Die Juden selber aber sind treue Bürger des Staates und haben ihre patriotischen Gefühle niemals verleugnet; die Juden haben keine Anknüpfungspunkte mit dem Panslavismus oder Pangermanismus. Die Juden können nicht die Blicke nach Außen richten. Die Antisemiten wagen es, die patriotischen Gefühle Anderer zu verdächtigen; jene Partei, deren Mitglieder beim Maria Theresien-Denkmal am Abend vor der Einweihung „Die Wacht am Rhein" gesungen, die durch staatsfeindliche Aeußerungen das Abgeordnetenhaus zu einem Proteste gezwungen haben. In der antisemitischen Bude ist Alles zu haben, Landespreisgebung und Denunciationen, patriotische Heuchelei und die frechsten Angriffe auf den Patriotismus. Erst vor wenigen Wochen feierte Ernst Vergani die deutschnationalen Programme als einen großen Triumph, heute trägt er die patriotische Cocarde, aber er entschuldigt sich bei seinen Gesinnungsgenossen, es geschieht ja nur der Denunciation wegen .... * Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! In der Abend-Ausgabe des „Deutschen Bolksblatt" vom 29. August 1893 findet sich auf Seite 1 ein Artikel mit der Ueberschrift: „Von der goldenen Internationale"'(richtig deutsch wäre wohl: Internationalen), worin gesagt wird: „Das erinnert an den famosen Ausspruch des Rabbiners Güdemann: „In Israel lebt das echte Weltbürgerthum, es heißt überall ein Fremdling, es hat kein Vaterland und ist doch nirgends heimatlos." Diese geschäftlich so angenehme Doppelstellung wird das internationale Volk über kurz oder lang aufzugeben genöthigt werden u. s. w." Ob ich den erwähnten Ausspruch irgendwo gethan habe, kann ich in diesem Augenblicke weder behaupten, noch bestreiten. Aber wenn das „Deutsche Bolksblatt" ihn als unpatriotisch denunciren will, so erkläre ich ihm zum Trotze, daß der Satz ganz und gar meiner Ueberzeugung entspricht und daß ich mich zu seinem Inhalt bekenne. Allerdings „lebt in Israel das echte Weltbürgerthum", nämlich dasjenige, welches in den prophetischen Sätzen, wie die folgenden sind, bezeichnet ist: „Der Herr wird König sein über die ganze Erde, an diesem Tage wird der Herr einzig und sein Name einzig sein", oder: „Es wird ein Volk gegen das andere nicht das Schwert erheben und sie werden fortan nicht Krieg lernen" u. s. w. Wenn diese Sätze mit den: Patriotismus sich nicht vertragen, dann muß Herr Vergani auch die Propheten des alten Testamentes denunciren, unb sie dürften nicht gedruckt, geschweige in Kirchen und Synagogen gepredigt werden. Was rede ich aber blos vom alten Testament, das Neue hat das Weltbürgerthum der Propheten vollständig in seine Lehre ausgenommen. Hat nicht Jesus gesagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt?" Und lautet nicht Paulus' bekannter Ausspruch: „Da ist nicht Grieche, nicht Jude u. s. w.?" Wenn Herr Vergani sich nicht zu diesem Weltbürgerthum Jesus' und der Apostel bekennt, dann bin ich mehr Christ als er. Soll denn die Verhetzerei der Völker, Classen und Stände, welche das '„Deutsche Bolksblatt" betreibt, in Ewigkeit so fort gehen? Vorläufig glaube ich den Propheten mehr, als dem „Deutschen Boltsblatt", und ich meine, daß es Israels heiligster Beruf ist, dieses prophetische Weltbürgerthum zu bekennen und zu pflegen. Wie die Christen ihrerseits mit dem Weltbürgerthum der Apostel sich abfinden, ist zu entscheiden nicht meine Sache. Israel läßt sich in seinem Berufe nicht beirren, obgleich es „überall ein Fremdling heißt, ist es doch überall zu Hause". Der jüdische Wohlthäter ist derselbe in Oesterreich, wie in Deutschland, Frankreich und England. Der Jude gibt Jedem, welchen Glaubens und welcher Nation er sei. Er hält es mit Paulus: „Da ist nicht Grieche, nicht Jude u. s. w." Herr Vergani nennt dieses Weltbürgerthum eine „geschäftlich so angenehme Doppelstellung". Darüber kann ich nichts sagen, weil ich keine Geschäfte mache, aber ich meine, Herr Vergani sollte auch davon schweigen und' zwar aus dem ent-