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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-01 · 35 (1.9.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
35 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Iahrga«- X. Wien, 1. September 1893. Nr. 35, Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums EigrnLhümer: Rerchsralhs-Adgeordneter Dr. -- Man avonnirt brt allen Postanfiaüe» de» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 st. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. K. lr. Postsxmu'Kssrnamt Clearingverkehr 361c. 810.076, Nedarlion und Adulinistration: Franx Josrfs-Nnat Dr. S. Telephon-Nr. 6535. Inhalt: Leitartikel: Der Antisemitismus mit der Cocarde. — Bor dies er Behörde fürchte ich mich nicht! — Die Inden im Handwerk. — „Thut nichts, der Jude wird verbrannt." — Aus der Talmudschule. — Correspondenzen: Wien, Lemberg, Norderney, Berlin, . Bukarest, Rustschuk, Schweiz. — Vermischtes: Wien, Weidlingau, Proßnitz, Holleschau. Zwittau, Bisenz, Noworadomsk. New-York. — Fürstengunst XXII. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Der Antisemitismus mit der Corarde. In den Schlußscenen des zweiten Theiles des „Faust" wird Einer um eine Seele betrogen, auf deren Erwerb er Kosten und Mühe verwendet hatte. In den Grimassen, die er dabei schneidet, ist er beiweitem nicht so komisch, wie Ernst Vergani nach den Wahlen in Frankreich es war. Allerdings, Frankreich ist ein schönes Land, und wie jener Schnorrer die Provinz Posen seinem Schwiegersohn als. Mitgift seiner Tochter abtreten wollte, womit er das Ab sammeln in der genannten Provinz meinte, so stand Ernst Vergani im Begriffe, großherzig Frankreich an den Antisemitismus zu verschenken. Die Republik gehörte ihm, da zeigt es sich plötzlich, daß das eine arge Täuschung war, daß ein Unterschied besteht zwischen Frankreich und Steiermark, selbst zwischen Frankreich und Tirol und daß die Franzosen durch ihre Freiheitsliebe, durch ihre Ehre und Rechtsgesühl, durch den ihnen angebornen bon sens, durch den gesunden Menschenverstand geschützt sind gegen den Antisemitismus. Die Wahlen in Frankreich sind noch keineswegs nach ihrer ganzen Bedeutung gewürdigt worden. Diese Wahlen sind allerdings beschämend für gewisse Wahlbezirke in Oesterreich, beschämend auch für Deutschland und beschämend auch für die helvetische Republik. Allerdings die Eidgenossenschaft der Hoteliers steht unter dem Einflüsse des deutschen Antisemitismus und die antisemitische Agitation äußert ihre Wirkungen so weit „die deutsche Zunge klingt". Man hat Frankreich verloren, man fühlt sich beschämt, gedemüthigt. Um seinen Aerger zu beschwichtigen, fällt Vergani über die Wiener Blätter her, über die „Judenblätter" selbstverständlich. Sie haben drei schwere Sünden aus ihrem Register. Sie haben über die Wahlen in Frankreich so geschrieben, wie es die Wahrheit verlangt. Sie haben anläßlich der Affaire Rimler nicht das gehörige Maß von Entrüstung geäußert und endlich haben sie bei dem Thronwechsel in Coburg es nicht gebilligt, daß ein englischer Prinz in Deutschland regiert. Ernst Vergani, man kennt ihn doch, fühlt sich gekränkt in seinen patriotischen und monarchischen Empfindungen und in Denunciationen bringt er seinen Kummer zum Ausdruck. Was nun die Affaire Rimler-Pazmandy betrifft, so können wir dem „Deutschen Volksblatt" zu seiner Beruhigung Folgendes mittheilen. Her? von Pazmandy ist international; das heißt, er ist in Paris und Wien ebenso zu Hause wie in Budapest. Herr von Pazmandy gehörte politisch eine Zeit lang zu den Antisemiten, er war eben damals der Meinung, daß der Antisemitismus eine Zukunft in Ungarn habe. In seinen persönlichen Beziehungen ließ er sich jedoch durch diese Dinge nicht beeinflussen. Herr Rimler gehört nicht zu den Antisemiten, aber wenn man ihm die Betrüge baar auszahlen würde, die Herr Vergani schuldig ist, dann ließe sich vielleicht Herr Rimler für eine bessere Ueberzeugung gewinnen. Ernst Vergani wendet sich gegen Personen, die dem Antisemitismus noch große Dienste leisten können. Solche Leute wie Rimler und Pazmandy braucht man ja im antisemitischen Lager. Schaffen Sie sich eine Brille an, Herr Ernst Vergani, damit Sie Ihre wahren Freunde erkennen. Bezüglich der französischen Wahlen wollen wir nur daran erinnern, daß die republikanische Idee, wie sie m Frankreich verwirklicht wurde, auch nicht die geringste Gefahr bedeutet. Lediglich durch die Umsturzparteien wird die bestehende Ordnung bedroht, und der Antisemitismus bezeichnet-in dieser Richtung die größte Gefahr, weither Schuld trägk,' daß ein Theil der besitzenden Elasten, daß Bauern, Bürger und Großgrundbesitzer die Bahn für anarchistische Bewegungen frei machen. Der Antisemitismus ist dafür verantwortlich,' wenn Männer, welche ihrem Berufe nach im Dienste' des Staates und der Oeffentlichkeit stehen, wenn Officiere;'Beamte, Lehrer an Volks- und Mittelschulen und an den Universitäten, wenn Advocaten und Geistliche eine Agitation unterstützen, deren Consequenzen sich nicht bemessen lassen. So viel uns indessen bekannt ist, hat das „Deutsche Volksblatt" sich immer stür Rußland begeistert, obwohl die Freundschaft zwischen Rußland und Frankreich nicht ignorirt werden kann. Auch bestehen Beziehungen zwischen den Wiener Antisemiten und den Jungczechen, obwohl die Jungczechen sich einerseits für -Rußland begeisterten Und andererseits offen ihre Sympathien für Frankreich zum Ausdrucke brachten. Das „Deutsche Volksblatt" konnte das Alles ertragen, ohne sich in seinen monarchischen und patriotischen Empfindungen verletzt zu fühlen. Aber wenn Rimler und Pazmandy Rubel und Francs in ein politisches Marschtempo versetzen wollen, dann ist's aber anders, und im „Deutschen Volksblatt" kommen dann plötzlich ganz neue Ueberzeugungen zum Durchbruch. Der Coburger Thronwechsel war unbedingt geeignet, Stoff zu mehreren Leitartikeln zu bieten. Damit ist aber auch die Bedeutung des Ereignisses vollkommen erschöpft und es ist der britischen Nation gewiß höchst gleichgiltig, welcher Prinz in Coburg regiert. Das „Deutsche Volksblatt" macht jedoch die Entdeckung, daß die Liberalen Blätter vor dem monarchischen Erbrecht nicht die gehörige Achtung empfinden. Dabei wird das „Deutsche Volksblatt" von einem unerbittlichen Mißgeschick verfolgt, wie bei jeder Gelegenheit, wenn es wissenschaftlich zu stammeln versucht. Das liebenswürdige Journal ''1 ■:1 1 Vi;ij •:Ü

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