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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-08-25 · 34 (25.8.1893) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
34 (25.8.1893)
Date
1893-08-25
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 646 Vesterreichische Wochrnschrifi Nr. 34 ich Rebekka hier zum letzten Male gesehen. Es war ein schöner Frühlingsvormittag. Alle Fenster der Gasse waren offen und au einem derselben stand eine junge Frau mit einem Kinde auf dem Arme. Ich erkannte in ihr sofort mein Modell. Dieselbe Keuschheit und Heiligkeit im Gesichte auch als Mutter, nur ndt einem schmerzhaften Zug, der von seelischen Leiden zeugte — eine Maria mit dem Jesukindlein aus dem Arme. Wie viel hätte ich dafür gegeben, wenn sie mir jetzt zu Modell gesessen wäre! Ich fürchtete, sie zu compromittiren, wagte nicht, meinen Blick an ihr haften zu lassen und ging, ohne sie zu grüßen, vorbei. Ein Jahr darauf begegnete ich ihr auf einem der einsamen Touristenwege einer Gebirgspartie bei einer der Sommerfrischen in der Nähe Wiens. Sie war allein und weit und breit keine Menschenfeele, ich konnte mir's daher diesmal nicht versagen, sie zu grüßen. Sie reichte mir die Hand und schien nichts dagegen zu haben, mich mit ihr in ein Gespräch einzulassen. Noch immer war sie wunderschön, wenn auch unverkennbar abgehärmt. Auf meine Frage, wie es ihr gehe, seufzte sie und wie um ihrem gepreßten Herzen Luft zu machen, fing sie nach einer Weile von selbst an, mich über ihre Verhältnisse auszuklären. „Es ist ein Unglück", sagte sie, „wenn ein armes Mädchen wegen ihrer Schönheit an einen reichen Mann kommt. Er glaubt erstens ein Recht zu haben, die Frau mit seiner Eifersucht quälen zu dürfen. Hat er sie doch erworben, wie ein Pascha eine Sclavin erwirbt, und zweitens ist ja der Reichthum, für den das arme Mädchen sich an so einen Mann hängt, um ihre Existenz zu sichern, ja oft nur Schein und am Ende ist das arme Wesen gekettet an einen Tyrannen, der noch dazu nicht einmal im Stande ist, sie vor materiellen Sorgen zu schützen." Sie unterließ es, diese allgemeine Bemerkung speciell auf sich anzuwenden; aber ich verstand sie. Ich erkannte es übrigens an ihrem Aeußeren, sie war nichts weniger als fein gekleidet, obwohl sie trotzdem vornehm aussah. aber sie wäre dies ja auch in Lumpen gehüllt gewesen. Wir gingen eine Strecke Weges nebeneinander. „Mein Mann", sagte sie, „hat jetzt wirklich einen Anhaltspunkt gefunden, meine Ehre zu verdächtigen. Jüngst kam er eines Abends nach Hause und stürzte wie rofeub in mein Zimmer." „Weib", schrie er mir zu, „Du warst, ehe ich Dich heiratete oder vielleicht gar während der Ehe eine nichtsnutzige Person. Ich war heute in der ... Kirche bei dem Leichenbegängnisse eines christlichen Freundes und habe dort Dein Bild gesehen, als die heilige Maria. Du mußt einem Maler als Modell gesessen sein und man weiß ja, was Modelle sind." — Und dabei lachte er so grausam, daß mir das Blut erstarrte. Es war das erste Mal, daß ich log und falsch schwur, um des Friedens willen. Ich betheuerte, daß ich nie als Modell gesessen, konnte aber den Wurm in seinem Herzen doch nicht beschwichtigen, und ich habe seitdem mehrmals schon Anspielungen darauf zu hören bekommen." Ich sprach mein Bedauern aus, daß mittelbar auch ich an ihrem Unglücke schuld sei. Sie wies aber mein Bedauern sofort zurück. „Nein," sagte sie, „mein Mann thut mir weniger weh mit diesem Vorwurfe, als wenn er mich mit grundlosen Eifersüchteleien quält." Bald erreichten wir die ersten Häuser des Dorfes, wo sie ihren Sommeraufenthalt hatte. Hier trennten wir uns und ich sah ihr lange nach, mit welcher Würde sie durch das Dorf ging. Wieder kamen inir dabei Entwürfe für biblische Bilder in den Sinn. So z. B. das der Naemi in ihrer Trübsal nach ihrer Rückkehr nach Bethlehem. Bon nun an interessirte mich Rebekka ihres Unglückes wegen. Ich ließ von Zeit zu Zeit unauffälliger Weise Erkundigungen über sie einziehen und vernahm jedesmal zu meinem tiefsten Leidwesen, daß die materiellen Verhältnisse ihres Mannes immer mehr bergab gehen. Einmal fuhr ich durch die Wipplingerstraße und bemerkte aus meinem Wagen eine weibliche Gestalt, die an den Häusern dahin eilte — es war Rebekka. Unter dem Arm hielt sie ein Bündel, das sie mit ihren Shawl zu verhüllen suchte. Es ivaren wohl die letzten Werthobjecte, die sic in eine Psandleihanstalt trug. Ich fürchtete, sie zu beschämen, wenn ich ihr nacheilte und meine Hilfe anböte und unterließ es daher. Dann kam das Jahr des großen Krachs. Bei demselben mußte der Mann Rebekkas ganz zusammengebrochen sein, daß er selbst nicht mehr den Schein der Wohlhabenheit wahren konnte. Als ich einmal tvieder Erkundigung über sie einziehen wollte, wohnte sie nicht mehr in derselben Gasse und alle meine Recherchen nach ihr waren vergebens. Sie verschwand auch allmälig ans meinem Gedächtnisse, bis mir sie der Zufall wieder nach einigen Jahren vor Augen führte. Es war im Bereiche eines der äußersten Bororte. Um Volkstypen zu studiren, besuchte ich eines Tages eines der großen Gasthäuser daselbst, wo nur die untersten Claffen ihr Rendezvous haben. Da trat eine Hausirerin mit ihrem Tabnlett an den Tisch, wo ich saß. Ich erkannte jRebekka. Ihre Züge waren noch immer schön, aber es war die Schönheit einer älteren Frau, die wie die Abendsonne nicht mehr erwärmt. Und doch war sie noch nicht dreißig Jahre alt! Auch sie erkannte mich, der einst ihre Jugend verewigt hatte. Lächelnd unter einer zerdrückten Thräne sagte sie: „Nicht wahr, jetzt könnte ich Ihnen nicht mehr Modell sitzen? Mit uns ist es so weit gekonimen, daß i ch Mann und Kinder ernähren muß." Ich war vor Rührung fast keines Wortes mächtig. Dann stotterte ich einige nichtssagende Phrasen von Trost und Hoffnung auf bessere Zeiten und öffnete meine Brieftasche im Begriffe, eine alte Dankesschuld abzutragen. Als sie dies bemerkte, wandte sie sich mit einer schroffen Wendung von mir ab, dem nächsten Tische zu, und bald darauf verschwand sie im Menschengewühle meinen Augen. Sie hatte wahrscheinlich schnell dieses Local verlassen, um mir nicht wieder zu begegnen. Ich habe sie seitdem auch nicht mehr gesehen und wollte sie auch nicht inehr sehen, um nicht neuerdings ihr Zartgefühl zu verletzen. Wenn ihre Kinder sie nicht schon versorgten, wie es ja bei den Juden fast immer der Fall ist, geht sie gewiß noch heute mit ihrem Tabulett von Gasthaus zu Gasthaus hausiren. Der Maler konnte bei Erzählung der Geschichte dieses Modelles eine tiefe Bewegung nicht verbergen. „So ehrbar bleibt selten ein Modell," schloß er seine Erzählung, „die Meisten enden im Spital, im Gefängniß oder im Winkel einer verrufenen Gasse, auf dem Pflaster eingetreten, nur die Frauen Ihres Stummes sind so stark, selbst die Pforten des Lasters zu überschreiten und rein zu bleiben." Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Jeder «»befugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs- 21) rechte Vorbehalten.) Zwölftes Capitel. Vor dem Stadtthore wurde der Oberhoffaktor und dessen Commis von dem Kammerdiener des Grasen Nimptsch erwartet. Derselbe schloß sich ihnen schweigend an und auch auf dem weiteren Wege gingen die drei' Männer ohne ein Wort zu sprechen nebeneinander. Der starke Regen und das stürmische Wetter begünstigten ihr Unternehinen insoferne, als es nicht auffallen konnte, daß sie in Mäntel gehüllt waren und die Hüte tief in die Stirne gedrückt trugen, so daß weder ihr Gesicht noch ihre Figur erkennbar war. Sie begegneten Niemanden, und wenn sie auch Jemand von der Ferne oder von den Fenstern der einschichtigen, weit von einander an der Straße liegenden Häuser gesehen hätte, mochte er glauben, drei Handwerker, welche der Billigkeit wegen in dem ehemaligen Judenquartier, der gegenwärtigen Leopoldsladt, wohnten und sich in der Stadt im Wirthshause verspätet hatten, gingen nach Hause. Es schlug eben von dem Thurme der Leopoldskirche zehn Uhr, als die drei Männer an dem Ziel ihrer Wanderung angelangt waren. Es war dies ein ehemaliges Judenhans, das, an verödetem, unwirthlichem Orte liegend, weder einen Käufer noch einen Miether gefunden zu haben schien. Die Lage desselben machte es für geheime Zusammenkünfte sehr geeignet. Die Hinterseite desselben war nur durch wildes Gebüsch von dem Fluß getrennt, und so konnten die drei Männer, ohne daß es Jemand zu bemerken vermocht hätte, durch die Hinterthüre in dasselbe treten.

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