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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-08-25 · 34 (25.8.1893) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
34 (25.8.1893)
Date
1893-08-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 34 VeLerreiMIche WochrntchrM Seite 639 „Ein vor wenigen Tagen aus Bosnien zurückgekehrter Gesinnungsgenosse, der zur Zeit, als sich diese Vorsälle in Serasevo zutrugen, eben zu kurzem Aufenthalte in dieser Stadt weilte, berichtet uns nämlich: „Ein blühend junges Mädchen von auffälliger Schönheit, die Tochter eines Apothekers, wurde in ihrem Bette von den Eltern tobt ausgefunden. Wie ein zurückgelassener Abschiedsbrief kundgab. hatte sie sich ans Verzweiflung über die eingetreteuen, ihrer nächsten Umgebung aber noch unkenntlich gebliebenen Folgen ihres heimlichen Umganges mit dem Pfarrherrn mit Strychnin vergiftet. „Noch hatte sich die furchtbare Aufregung, in welche die Stadt bei dem Bekanntwerden dieser Nachricht gerieth, und das Gefühl der beängstigenden Unsicherheit, das jene Eltern ergriff, die von ihren Töchtern wußten, daß auch sie bei diesem Pfarrer die Beichte gehört hatten, nicht gemildert, als bekannt wurde, daß die Familie eines hohen Landesbeamten, der dem Staate als Lfsicier und im Civildienste in Ehren diente, von einem ähnlichen Schicksalsschlage bis ins Mark getroffen wurde. Es scheint uns nöthig, vorauszuschicken, daß der Vater ein wahrhaft frommer, gemüthstiefer Mann ist. der mit seiner Gemalin bestrebt war, seinen Kindern eine wirklich gute Erziehung zu geben. „Es war noch keine Woche seit dem Bekanntwerden dieser beiden traurigen Vorfälle, die rasch hintereinander erfolgt waren, vergangen, als das Gerücht von dem Morde des neugeborenen Kindes der Haushälterin eines in der Nähe Serajevos wohnhaften Geistlichen verbreitet wurde. Wir enthalten uns, den von dem Volksmunde als Urheber dieses Verbrechens Bezeichneten anzudeuten, da ein näherer Bericht über dasselbe noch nicht vorliegt." Klagenfurt. (Ein übel a n g e k o m m e n e r Anti s e m i t.) An einem der letzten Tage, da die Wörtherseedampfer stark gefüllt waren, saßen einmal zwei Herren, die sich nicht kannten, hart neben einander. Der eine, offenbar gesprächigen Wesens, vielleicht auch ein wenig agitatorisch veranlagt, versuchte mit seinem Nachbar ein Gespräch anzuknüpfen, wozu ihm die Schönheit der Seelandschaft und der eben stattfindende allgemeine Bergmannstag leicht gefundenen Anlaß boten. Vielleicht in der Meinung, einen „Eingeborenen" vor, oder vielmehr neben sich zu haben, lobte er Kärntner Land und Leute über den grünen Klee und meinte, es sei doch eine Freude, hieher zu kommen, wo einem Jedermann alle Freundlichkeit erweise. Leider sei es nicht überall so. So sei er vor Kurzem mit etwa 500 Antisemiten irgendwo hingekommen und es sei nicht möglich gewesen, auch nur die Hälfte davon unter* znbringen. Der also Angesprochene that einen langen Blick über die große und breite Figur seines Nachbars und sagte dann trocken nichts weiter, als: ,,AH, das war aber gescheidt!" — Tableau! Der ans solche Weise abgelehnte Antisemit soll alsbald trotz der Raumenge ans Deck sich — verzogen haben, vielleicht um eine gleicher gestimmte Seele, die seinen Schmerz besser mitfühle, zu finden. — Diese mit gesundem Sarkasmus und beißender Satyre geschriebene Notiz lasen wir jüngst im kärntnerischen Amtsblatte „Klagenfurter Zeitung". Znaim. (Antisemitische C u l t u r b l ü t h e n.j In den letzten Tagen hat sich vor den Znnimel Geschwornen ein sehr bernerkenswerther Preßproceß abgespielt. Der Redacteur des dortigen deutschliberalen Blattes war von dem Herausgeber eines antisemitischen Hetzblättchens wegen Ehrenbeleidigung geklagtworden, weil er dem Letzteren gründlich die Wahrheit gesagt hatte. Die Znaimer Geschwornen haben den angeklagten Redacteur freigesprochen und damit entschieden, daß der Wahrheitsbeweis für alles das, was über die Verlogenheit und Gemeinheit des antisemitischen Wisches gesagt worden war,thatsächlich erbracht wurde. Unter den Zeugen, welche vernommen wurden, befanden sich die angesehensten Bürger Znaims. Die Aussagen derselben waren geradezu vernichtend für den Kläger. Er mußte es sich ins Gesicht folgen lassen, daß sein Blatt ein Schimpf- Lexikon sei, welches für jene Christen, die sich nicht zum Antisemitismus bekennen wollen, nur unfläthige Schimpfworte kenne, daß Ausdrücke, wie „Schufte", „Schurken" und „Judenknechte" die stereotypen Lieblingsausdrücke seiner Schriftleiter seien. Dem geistigen Leiter dieses „christlich-socialen" Blattes wurde vor aller Welt der Anwurf zugeschleudert, daß er ein Tartusfe sei, der vor nicht langer Zeit erst in einer Weise von christlichen Glaubenssachen gesprochen, welche das religiöse Gesühl liberaler Katholiken verletztedaß die Wandlung seines Blattes, das plötzlich für Religion und Kirche schwärme, Heuchelei sei, die auf rein geschäftlichen Erwägungen basirte. Welche Früchte das Blatt zeitigte — ein christlicher Zeuge schilderte sie mit den Worten: „Bis vor Gründung des Blattes herrschte Ruhe und Frieden in der Stadt. Ob Deutscher, ob Czeche, Christ oder Jude, die Bevölkerung kannte keinen nationalen, keinen confessionellen Unterschied, sie lebte in Eintracht. Nach dem Erscheinen des Blattes änderte sich das Bild, Haß und Rachsucht traten an Stelle von Frieden und Eintracht. Heute weicht Einer dem Andern scheu aus, die Bürgerschaft ist entzweit und im öfs entlichenLeben herrsch tVerb itterun g." Was sich in Znaim in engerem Rahmen abgespielt hat, das wird in Wien im Großen betrieben. Das Bild des öffentlichen Lebens, wie es durch die antisemitische Propaganda umgestaltet wurde, ist hier wie dort ein trostloses — Heuchelei, Lüge, Betrug und Corrnption, Unfriede und Gehässigkeit sind überall in gleicher Weise die Begleiterscheinungen der christlich-socialen Bewegung. Und ebenso sind die Führer derselben überall einander würdig — mögen sie nun Rawratil, V e r g a n i oder Schneider heißen! Oswiecim, 15. August. (Besuch des Cardinal Fürstbischofs Dunajewski.) Gestern Abends traf Cardinal Dunajewski in unserer Stadt ein. Unter den zahlreichen^ Deputationen, die sich zur Begrüßung des Kirchensürsten eingesunden hatten, befand sich auch eine Abordnung der israelitischen Cultusgenieinde, geführt von dem Cultusvorsteher Bernhard Pilzer und dem Öberrabbiner A. Schnur. Aus die Ansprache des Letzteren, der aus das harmonische Verhaltnitz zwischen den zwei Consessionen in unserer Stadt hinwies und den Cardinal bat, diesem friedlichen Zusammenleben auch fernerhin seinen Schutz angedeihen zu lassen, erwiderte Cardinal Dunajewski, daß es ihn sehr freue, Frieden und Eintracht unter der Bevölkerung beiderlei Consessionen bestehen zu sehen: er werde stets sein Möglichstes dazu beitragen, daß dieses Verhältniß erhalten bleibe, da dies auch den Intentionen unseres erhabenen Monarchen entspricht, der alle Consessionen vollkommen gleichgestellt hat. Mähr.-Schönberg. Der vor Kurzem hier gegründete antisemitische Bolksverein, dessen Obmann Dr. Anton L ö b l ist, hielt am 15. d. eine Versammlung ab, in welcher aus Einladung Dr. Getzmann aus Wien über die wirtschaftliche Lage in Oesterreich sprach. Er rührte den alten Brei aus, daß der österreichische Lloyd und die Donau-Dampsschifssahrtsgesellschaft wegen ihrer jüdischen Actionäre Millionen von Suventionen erhalten, während für das Gewerbe nichts geschieht. Mit der naivsten Unwissenheit erklärte er seinem Publicum die Nachtheile der Valuta-Regulirnng und schlug aus die Börse und aus die Oesterr.-Ungar. Bank. Dann schilderte er das Elend des Kleingewerbes, des Bauernstandes und des Arbeiters und tischte die Lüge aus, daß er in den Arbeiterblättern gelesen habe, daß die Mehrzahl der capitalistischen Ausbeuter Juden seien. Einige anwesende Socialdemokraten widersprachen dem Redner und wiesen aus Prinz Liechtenstein hin, der seine Arbeiter schlechter bezahle als die Juden. Aber Geßmann leierte sein Concepr weiter ab, in welchen er den Socialisten vorwars, daß sie sich von Juden leiten lassen, die kein Herz für die Arbeiter, wie sie keine Nationalität haben, und dabei erzählte er wieder eine Lüge, daß in einer niederösterreichischen Stadt swo?) ein Jude eine Fabrik kaufte, sein Erstes war, daß er eine Filiale des deutschen Schulvereines gründete, dann sich aber die Arbeitskräfte aus der Slowakei kommen ließ. Mit einem Worte, der ganze Bortrag bestand aus altem Kohl und neuen Lügen. Er erzeugte aber auch nicht den geringsten Enthusiasmus und viele Antisemiten sagten, daß der Mann der Auslagen nicht werth sei, die er kostete. Pilsen. (Eingesendet.) Berehrl. Schriftleitung der„Oest. Wochenschrift", Wien! Ersuche höflichst um Aufnahme folgender Zeilen: Sonntag den 13. August l. I. traf ich mit dem Vergnügungszuge von Pilsen in Eisenstein ein, ging in das Gasthaus „z u r P o st" des Josef Seidl im Markt Eisenst ein, wo ich durch viele Jahre verkehre, verlangte etwas zum Esten, worauf mir Herr Josef Seidl, der mich persönlich kennt, schroff antwortete: „Ich habe nichts", worauf ich eine kalte Speise verlangte, hierauf erwiderte er noch schroffer: „Ich bin seit neue st erZeitAntisemit, werde keinem Juden etwas verabreichen". Ich faßte dies als Scherz auf und fragte ihn, ob er es ernst meine, darauf antwortete er: „Jetzt schauens aber daß Sie fortkomme n". 4 | % '4 S l i 4 3 *

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