Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 34 (25.8.1893)
- Date
- 1893-08-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 638 Oestrrreichische Wochenschrift Nr. 34 im Auge behalten werden, daß dem Staatsgrundgesetze gemäß der Zutritt zu den öffentlichen Aemtern allen Confessionen gleichmäßig zugänglich sein soll und da die Juden zu diesen Stellen die Befähigung besitzen, so werden sie nur einzig und allein ihres Glaubens wegen präterirt. Es ist wohl noch ein tieferes Motiv dahinter zu suchen, daß Psenner's „Bolksfreund" — sit venio verba — eben jetzt die arische Meute auf die jüdischen Aerzte hetzt. Zur tiefen Betrübniß jedes Patrioten hat es den Anschein, daß die österr.- ungarische Monarchie Heuer wieder von der Cholera-Epidemie heimgesucht werden soll, und man wird sich noch des widerlichen Schauspieles erinnern, welches sich im Vorjahre unter gleichen Anzeichen zutrug, in Folge welcher der Mob gegen jüdische Aerzte und Juden revoltirte; derartige Scenen will man offenbar wieder heraufbeschwören, und dies soll tiefer gehängt werden, damit die maßgebenden Factoren in die Lage versetzt werden, rechtzeitig Maßregeln zu ergreifen, damit dem Unheil vorgebeugt werde. Tröstend und beruhigend ist nur der Umstand, daß der Arzt eine Vertrauensperson ist und daß bei der Wahl des Arztes nicht auf die Confeffion gesehen wird. Und wenn das vdx populi wirklich das vox dei bedeutet, dann spricht das Urtheil der breiten Volksschichten, ob arisch oder semitisch, zu Gunsten der jüdischen Aerzte, welche, wo sie ihren beschwerlichen, humanen Beruf ausüben, sich allgemeiner Sympathien und unbestrittener Beliebtheit erfreuen, eine durchwegs geachtete sociale Stellung in der Bevölkerung einnehmen und nicht nur als ärztliche, sondern auch als Familienrathgeber fungiren, Thatsachen die am besten Zeugniß geben, daß die jüdischen Aerzte auf der Höhe ihres Berufes stehen und denselben in humanster Weise zum Heile ihrer Mitbürger ausüben. Es zeigt daher von der tiefsten Niedertracht der Gesinnung, wenn Psenner in seinem „Volksfreund" sagt, „was der Talmud einem Juden rücksichtlich der Heilung eines Christen gebietet", habe er in seinem Blatte schon oft genug erörtert und bewiesen. Dies ist eine von jenen tausenden lügenhaften Beschuldigungen, Verdächtigungen und Verleumdungen, wie sie in diesem Sudelblatte und ähnlichen Organen tagtäglich verbreitet werden, einzig und allein zu dem Zwecke, um das Volk gegen die Juden zu hetzen und Haß und Zwietracht zu säen. Allein nicht nur diesen Zweck verfolgt Psenner mit seiner Hetze, dies ist aus dem Schlußpaffus des Artikels ersichtlich, welcher lautet: „Lesen, abonniren und verbreiten Sie den „Oesterreich ischen Bolksfreund". Das ist wohl des Pudels Kern, eine ganz gemeine Abonnentenfängerei ist beabsichtigt, ein „Geschäft" will man machen und bedient sich hiezu der perfidesten Mittel, die auzuwenden Barbaren und Cannibalen gewiß Anstand nehmen würden, die zu benützen nur der antisemitischen Sippe allein Vorbehalten ist. Ed. Beer. (fjrmsptttem. Wien. Vor einigen- Tagen stand ich am Landungsplätze beim Donau-Dampfschifffahrtsgebäude. Auf dem von Budapest aukommenden Schiffe befand sich eine gemischte Gesellschaft von Paffagieren, Reiche und Arme und einige der unglücklichsten Geschöpfe auf Gottes Erdboden — aus Rußland vertriebene Juden. Es waren zwei Familien, die eine bestand aus einer Mutter mit sechs Kindern, deren Vater, ein Bäckergeselle, schon vor längerer Zeit aus Odessa ausgewiesen wurde und jetzt in New-Iork in Condition steht, und trotz aller Bitten der Mutter bei der Behörde, nur noch einen Brief von ihm abwarten zu dürfen, mußte sie Odessa verlassen. Die zweite Familie bestand aus neun Personen. Ihr Ziel ist Argentinien. Der Mann war stark und kräftig und vom Unglücke ungebeugt, die Frau hingegen dem Wahnsinne nahe. Beim Aussteigen aus dem Schiffe wurden die Kinder von der dort postirten Oebstlerin mit Obst beschenkt und zwei Dienstmänner, ein Arier und ein Jude, übernahmen gratis die Ueberführung des armseligen Gepäckes der Unglücklichen in die Schiffgaffe im zweiten Bezirke. Wäre es nicht angezeigt, daß auch hier solche Unglückliche von jüdischer Seite, wie z. B. von der „Allianz", bei ihrer Ankunft in Empfang genommen und ihnen ein Asyl für zwei, drei Tage angewiesen werde, wo sie ausruhen und sich in dem Glauben an die Menschheit stärken könnten für die Leiden, die ihnen noch bevorstehen? Ein jüdischer Proletarier. Wien. Die Wahlen in Frankreich haben auf's Neue einen Beweis für den gesunden politischen Sinn des französischen Volkes erbracht. Der Boulangismus und der aus ihm hervorgegangene Antisemitismus ist in seinen hervorragendsten Vertretern, in dem Marquis de Mores, in Drnmont und Delahaye zerschmettert worden. Jenes nichtswürdige System, der schamlosen Lüge und Verleumdung, der Fälschung und des Betruges, der hinterrücks betriebenen Ehrabschneiderei, welches in Deutschland durch Ahlw ardt, in Oesterreich durch den Mechaniker Schneider repräsentirt wird und welches in Frankreich soeben in dem Fälscherprocesse Norton vor der Welt an den Pranger gestellt worden ist, wurde von dem französischen Volke mit Entrüstung und Verachtung zurückgewiesen. Man hat spöttisch auf den Panama-Scandal hingewiesen, wenn von dem allgemeinen Stimmrechte in Frankreich die Rede war. Aber, abgesehen davon, daß ähnliche Scandale auch anderwärts Vorkommen, wo das Wahlrecht beschränkt ist, zeigt es sich jetzt, daß das allgemeine Stimmrecht ein Reinigungsmittel für die bürgerliche Gesellschaft ist, wie es radicaler kaum gedacht werden kann. Die Antisemiten sind unterlegen und mit ihnen die Clericalen, die früher oder später mit den erstereu gemeinsame Sache gemacht hätten, wie dies bei uns längst der Fall ist. Das freie Menschenthum triumphirt wieder in Frankreich und die Wirkungen dieser Thatsache werden wohl auch in Mitteleuropa früher oder später wahrzunehmen sein. Wien. (Wieder eine Einbrecherbande von arischen Schulkindern) Die traurige Chronik über „jugendliche Verbrecher" fand gestern abermals eine Bereicherung, und zwar diesmal vor dem Bezirksgerichte Landstraße. In diesem Bezirke trieb sich eine Bande von Kindern schulpflichtigen Alters herum, deren Mitglieder Greißlerläden, Böden, Verkaufsstände rc. unsicher machten, ja sogar erwiesenermaßen es verstanden, sich Betrunkenen zu nähern und ihnen Uhr und K e t t e z u st e h l e n. DreiTheilnehmerdieses Consortiums versuchten sich auch in Einbruchsdiebstählen und wurden dabei betreten, als sie des Nachts in ein Waaghaus eindrangen und eben ein Bicycle entwenden wollten. Sie wurden verhaftet und dem Commissariate Landstraße zugeführt, woselbst man sie bereits kannte, da sie vielfach wegen Vagabondage beanständet worden waren. Es sind dies der dreizehnjährige Johann Eib ensteine r und die beiden zwölfjährigen Karl I a n c i und Karl Will im e tz. Sie wurden mit Rücksicht auf ihr unmündiges Alter zu je sechs Wochen abgesonderte Verschließung verurtheilt. Ein ähnlicher Fall beschäftigte gestern das Bezirksgericbt Alsergrund. Einige jugendliche Gauner hatten sich beim „Künstler" in Meidling kennen gelernt und beschlossen, sich , im Stehlen zu versuchen. Einer trat in das Gasthaus des Herrn Josef Gehring und kaufte Brot, ein zweiter benutzte den Moment, da sich die Schankcassierin um wandte, dazu, um die Geldlade zu plündern, und der dritte hielt vor der Thüre Wacht. Dann entflohen sie über den Wienfluß und theilten die Beute, doch bemerkte dies ein Wachmann und es gelang ihm, einen von ihnen, den Lehrling Karl Scherer festzunehmen. Er gab gestern dem Strafrichter, Adjnncten Dr. Kurzweil, an, daß die Andern schon öfters in Geschäftslocalen Diebstähle unternahmen, er aber nur dieses einemal betheiligt gewesen war. Er wurde zu vier Tagen strengen Arrests verurtheilt. Wien. (Lueger's Ehrenjungfraue n.) In den „Unverfälschten deutschen Worten" findet sich folgende pikante Notiz: „Auf den in Hernals allerorts angeschlagenen Ankündigungszetteln', betreffend das unter Leitung Hoheuauer's stattfiudende Freudenfest zu Ehren L u e g e r's, ist auch eine Ausführung des Ringkämpfers Canal verzeichnet. Dieser Canal ist der Besitzer und Betreiber des für „ch r i st I i ch e F a mi l i e n'^ recht einladenden NachteafeHäuschens in . . . ." (Folgt die nähere Adresse.) Man weiß, was mit dieser zarten Andeutung gesagt werden soll. Der Antisemitismus hat bekanntlich seine eigene Moral, und es wäre inconsequent, dieselbe nicht auch auf die „christliche Familie" zu übertragen. Niemand wird sich darüber wundern, wenn das Freudenfest zu Ehren Lueger's schließlich im Nachtcafe des Herrn Canal endet. Des Weiteren berichtet das Organ Schöne re r's vom 15. August 1893 aus Bosnien: