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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-08-25 · 34 (25.8.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
34 (25.8.1893)
Date
1893-08-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 632 Vrsterredhische Wochrnschrifi Nr. 34 tausendjährige historische Recht ihrer Heimat so gut wie die Andern und sie haben es dort am(meisten mit ihrem Blute besiegelt, wo man es ihnen mit dem hartnäckigsten Fanatismus bestreitet. Erst Soldat sein, erst auf dem Schlachtfelde die Vaterlandsliebe documentiren, dann als Fremder verfolgt zu werden, das geht gegen jede Gerechtigkeit! Nun wieder zurück zu unserem Auswandererschiff. Nicht ein einzelner teutonischer Jüngling hat dort Unterkunft; nur eine ganze Studentenverbindung scheint sich dort eingemiethet zu haben. Nicht umsonst hat Professor Gneist mit einer Anzahl deutscher Männer einen Aufruf au die Deutschen im Auslande erlassen, dahin zu wirken, daß akademisch gebildete Deutsche im Auslande Stellung finden mögen. In einer Berliner Correspondenz des „Vaterland" wird dieser Aufruf einer äußerst interessanten Kritik unterzogen. In dieser, wie man anerkennen mutz, sehr vernünftigen Kritik wird auf die Juden keine Rücksicht genommen. Gerade aber beiden deutschen Juden ini Auslande wird der Aufruf des Professors Gneist einigen Erfolg haben; die Anderen werden sich aber blutwenig um den Professor Gneist und seine akademischen Schützlinge kümmern. In der Berliner Correspondenz des „Vaterland" wird eingeräumt, daß die Deutschen seit dreißig Jahren im Auslande mehr und mehr der Zielpunkt des Hasses sind. Die ganz besonderen Tugenden der Deutschen und daneben auch die Concurrenz werden als Gmnd des Haffes angegeben. Die vorzüglichen Eigenschaften der Deutschen sind unbestreitbar. Daneben muß auch erwähnt werden, daß sie oft ein übermäßiges Selbstgefühl bekunden, sich an der Bismarck'schen Rücksichtslosigkeit ein Muster genommen, überall belehrend und meisternd eingreifen wollen und durch ihre Engherzigkeit und durch ihr Allesbesserwissen sich nicht gerade beliebt machen. Die Bismarck'sche Politik mar fortwährend darnach angethan, alle natürlichen Gefühle zu verletzen. Die Kämpfe gegen die Königin Victoria und den Kaiser Friedrich koünten kein angenehmes Licht über Deutschland verbreiten. Es war höchste Zeit, daß der gegenwärtige deutsche Kaiser Deutschland wieder mit der civilisirten Welt in sympathischer Weise in Berührung brachte. Dazu kam der Antisemitismus, der brutale Fremdenhaß, die Unterdrückung der Polen, die Ausweisung der russischen Juden, die empörendste Verletzung der primitivsten Rechte der Gastfreundschaft. Das deutsche Volk ist vorangegangen in der Verletzung des Gastrechtes, mit dem bösen Beispiele des Fremdenhasses. Welche Achtung, welche Sympathien sollte man einer Nation entgegenbringen, die ihre größte Stellung dazu benützt, um Alles das zu dulden, theilweise zu beschützen, was unter dem Namen Antisemitismus an die Oeffentlichkeit getreten ist? Hat man denn in Deutschland gar kein Bewußtsein von der grenzenlosen Erniedrigung, der man sich dadurch ausgesetzt hat? Man hatte mit einem Schlage die ganze Atmosphäre der Civilisation in eine Atmosphäre der Barbarei verwandelt. Das hatte man gethan auf dem Gipfelpunkte des Ruhmes; will man da noch Anerkennung und Sympathie bei anderen Nationen erwarten? Man zahlte den Deutschen mit der von ihnen neu geprägten Münze. „Akademisch gebildete Deutsche. ..", der Berliner Correspondent des „Vaterland" sagt mit Recht: „Die akademische Bildung in Deutschland ist so einseitig deutsch-chinesisch wie nur möglich und hinter dem äußern Formalismus ist oft außerordentlich wenig Geist. Man kann sagen: Keiner ist so anmaßend, keiner so arm am Geiste, wie so ein deutscher Akademiker." Wir unsererseits fügen hinzu : Diese „akademisch gebildeten Deutschen" sind die Träger des Antisemitismus, und diese antisemitischen Studenten haben kein Recht, an die Gastfreundschaft des Auslandes zu appelliren. Wir brauchen keine Missionäre des Antisemitismus; denn der Antisemitismus ist kein Bekenntniß, sondern ein Verbrechen. Der Berliner Corresponde.nt des „Vaterland" erinnert an die-Behauptung des Afrikaforschers Stanley, daß die Deutschen die CH inesenEuropas seien. „Wie die Chinesen, so überschwemmen die Deutschen jedes Land, wo sie einmal Fuß gefaßt haben. Davon machen selbst das feindliche Frankreich und Rußland keine Ausnahme. Wenn in Deutschland selbst so viel Franzosen arbeiteten wie Deutsche allein in Paris, so würden die deutschen Chauvinisten das Vaterland in Gefahr erklären. Was würde Professor Gneist sagen, wenn eine Invasion französischer oder englischer Akademiker in Deutschland bevorstünde?" Die hier nach der Correspondenz des „Vaterland" citirten Thaisachen beweisen hinreichend, daß die Deutschen am wenigsten Grund hätten, den Antisemitismus zu pflegen. Allein selber auf Duldsamkeit angewiesen, predigen sie gerade die Unduldsamkeit und man muß weit herumsuchen, uni einen barbarischen Volksstamm zu finden, der in seinen: Fanatismus es den Deutschen gleich thun würde. Das ist der Rühm deutscher Wissenschaft, der Stolz/deutscher Philosophie, das ist deutsch nach Dühring, deutsch in Steiermark, germanisch in Kärnten. Wie hoch stehen doch die chinesischen Mandarinen über den akademisch gebildeten Deutschen! Und die Deutschen, die in aller Herren Länder wohnen, die Deutschen mit ihrem unbezwingbaren Answanderungstrieb, sie wagen es, die Juden als „Nomaden" zu bezeichnen. Die aus der pyrenäischen Halbinsel vertriebenen Juden sind noch heute im Besitze ihrer spanischen Muttersprache; durch die Juden hat die deutsche Sprache im Osten Verbreitung gefunden, namentlich in den slavischen Ländern. Der deutsche Antisemitismus war gleichbedeutend mit einer Preisgebung des Deutschthums in allen nichtdeutschen Ländern, des Deutschthüms in der Fremde. Man hat Diejenigen weggestoßen, die am treuesten und festesten am Deutschthum hingen, und wundert sich jetzt darüber, daß das Slaventhum in die Höhe wächst. Selten hat ein Volk sich so schwer gegen seine Lebensbedingungen versündigt, wie das Volk der Deutschen. Wäre echte, nationale Gesinnung vorhanden gewesen, so hätte man das nationale Interesse nicht in so unheilvoller Weise compromittirt. Das in Wien erscheinende „Deutsche Volksblatt", das in seiner Existenz für die Deutschen eine weit größere Beleidigung ist, als für die Juden, macht die Juden für den Rückgang des DeUtschthums in Böhmen und zwar mit Hinweis auf die Thatsache, daß die Juden auf's Eifrigste darauf bedacht sind, daß ihre Kinder akademische Bildung erlangen, verantwortlich. Das Ganze ist haarsträubender Unsinn, eine jener wunderlichen Blödsinnsäußerungen, welche den Befähigungsnachweis für Herrn Vergani bilden. Es werden daher für jüdische Schüler in Böhmen ähnliche Beschränkungen in Vorschlag gebracht, wie sie in Rußland bestehen, und das „Deutsche Volksblatt" theilt ganz ruhig mit, ein Deutscher aus Nordböhmen schreibe, die Deutschen in Böhmen würden es mit Freude begrüßen, wenn in dieser Frage Rußland vorbildlich würde. Wenn das ein Deutscher aus Nordböhmen geschrieben hat, dann hat er deutsch-antisemitisch gelogen. Der Kryptoantisemitismus mag in deutschen Theilen Böhmens viele Anhänger haben, aber das verlangen die Deutschen in Böhmen denn doch nicht, daß man den Juden die Quellen der Bildung und des Wissens verschließe. Die Deutschen in Böhmen haben noch nicht ihren Verstand verloren, daß man ihnen solche Ideen zumuthet. Eher möchte man glauben, ein Czeche benütze das „Deutsche Volksblatt" zur Compromittirung des Deutschthums, und das ist ja des „Deutschen Volksblatt" hauptsächlichste Aufgabe. Das wackere „Deutsche Volksblatt", im Morgenblatte bellt es freudig auf beim Anblicke der russischen Knute, im Abendblatt (noch an demselben Tage) winselt es, weil die deutsche Sprache aus den deutschen Knabenlehranstalten in Petersburg verschwinden soll. Daß man jüdischen Knaben die Mittelschule versperre — das ist Vorbild; daß man aber für Lehranstalten in Petersburg die russische Unterrichtssprache verlangt — das erzeugt ein Jammergeschrei. Sind denn die Deutschen in Deutschböhmen oder anderwärts so tolerant gegen fremde Sprachen? Sieht man denn nicht ein, daß der Antisemitismus vorbildlich jede Ungerechtigkeit, jede despotische Laune, jede barbarische Aus- / schreitung rechtfertigt. Nur vorwärts auf diesem Wege, ihr /

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