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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-08-25 · 34 (25.8.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
34 (25.8.1893)
Date
1893-08-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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iScrasM&JMuauinoHc % 34. Wie«, 85. Anguß 1893. Iahrgang^X. Crntralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. Eigrnlhümer: Nerchsralhs-Avgeordnrler vr. Klsch -- Man Lbonnirt bei allen Postanflaürn de» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. vnzetgrn: Die 4mal gespaltete Petttzeile 12 kr. K. k. Postsxmi-alstnamt Clearingverkehr Nr. 810.1)76. Dedarlion mid Adniinistrallon: Franr Josefs-Nrrai Nr. 8. Te!ephon-Nr. 6535. Inhalt: Leitartikel: Germanische Selbstkritik. — Rumänen, Ungarn und die Juden. — Zur Schächtfrage in der Schweiz. — Eine Neminiscenz. — Verein zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen. — Zur Charakterisirung des verhafteten Paulus Mayer. — r-f-' "• - •,»«.?.-«•--- ani~ -r—-L n-,-Schön- Znaim, Lemberg, Neubydzow, HoUeschau, Gleichenberg, Milec, Hlinik, Hermannestec, Bvdenbach a. E., Baja, Sniatyn, Bucovar, Berlin, Coburg, Bern, Frankfurt a. M., Paris, Petersburg, Warschau, Biala, Belgrad, London, New-Pork. — Die Geschichte eines Modells. — Fürstengunst XXI. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Germanische Selbstkritik. „Der Herr Abgeordnete nannte uns Juden heimatslose Nomaden. Meine Herren! Das deutsche Volk zählt zu jeneu in Europa, welche mehr Gastfreundschaft genießen als gewähren." „In Frankreich gibt es dreimal soviel Deutsche als Juden, in Italien zweimal soviel Deutsche als Inden, in England dreimal soviel Deutsche als Juden. Und in Nordamerika und Rußland! Rußland, das der Abgeordnete so hoch gepriesen hat, ist voller deutscher Colonien, die heute durch den angefachten Fremdenhaß gefährdet sind." „Wer also sind die Nomaden Europas? So viel unter anderen Völkern zerstreut als die Deutschen sind die Juden nicht. Und die Deutschen, die ans das Gastrecht so sehr angewiesen, die Deutschen, deren nationale Interessen mit dem Gastrechte unlöslich verknüpft sind, gehen voran, das Gastrecht zu kündigen! „Welches Geschick harrt dann der Deutschen in Frankreich, England, Italien? Denken Sie sich einmal beim Ausbruch eines Krieges mit Rußland, wenn die wilde Wnth, der entfesselte Haß des Volkes ohne Hemmung losbricht über die russischen Deutschen!" „Deswegen sage ich, meine Herren, der nationale Antisemitismus ist ein Wahnwitz, denn er kehrt sich gegen das vornehmste deutsch-nationale Interesse. Es gibt für das nationale Lebens-Interesse der Deutschen absolut nichts so Heiliges, als das Gastrecht und die Deutschen sollten die Letzten sein, andere Volksstämme, weil sie fremd sind, zu bedrängen und zu bedrücken." Dr. Bloch in seiner Rede vom 11. Februar 1890 im österreichischen Reichsrathe. Der mächtige Dampfer heißt Bismarck und schon dieser Name inacht die Begeisterung aufflammen in den Herzen. Ein blondgelockter Germane, das Ideal eines echten Ariers, fährt hinüber nach der großen Republik; er überläßt dem undankbaren Vaterlande seine Schulden und die Ueberfahrt will er benützen, um einige antisemitische Reden für die neue Welt vorzubereiten. Denn Sem muß bekämpft werden diesseits und jenseits des Oceans. Mit dem national getauften Schiffe fährt auch ein schwarzgelockter Jüngling, ein echter Abkömmling Judäas, auch ein Ideal an Schönheit und Kraft — aber Jude. Wir wissen es, der teutonische Jüngling bringt ein schmerzliches Opfer, denn er ist kein Nomade, er wurzelt im Boden, er hat ein Vaterland; der Jude lebt aber immer in der Fremde und es kann ihm ja gleichgiltig sein, wo sein Zelt steht, ob in Deutschland oder in Nordamerika. Der teutonische Jüngling ist das Opfer einer verfrühten Seekrankheit, welche ein übernächtiges Abfchiedstrinken erzeugt, und es sind ihm für den Augenblick die germanischen Götter so gleichgiltig, wie die jüdischen Heiligtümer, die Edda so gleichgiltig wie die Bibel. Der Jude hat die Thränen im Auge, man sieht es chm an, der Schmerz des Abschieds durchzieht sein Gemüth;. aber das hat gar nichts zu bedeuten, der Jude hat kein Vaterland, darf keines haben. Nehmen wir an, die beiden Jünglinge seien vom Glücke begleitet. Der Jude wird, wenn er die ersten Hundert Dollars sein eigen nennt, Geld nach der Heimat schicken, wird mit wachsendem Vermögen diese Geldsendungen fortsetzen und steigern und es auch zur Bedingung machen, daß er über alle Vorgänge in der Heimat genau unterrichtet wird. Der teutonische Jüngling wird alle Beziehungen mit der Heimat abbrechen, wird, wenn er Geld hat, allen Landsleuten ausweichen. Aber das hat nichts zu bedeuten. Der Teutone hat ein Vaterland, der Jude hat keines. Nach zwanzig, dreißig Jahren wird der Teutone Alles aufbieten, um amerikanische Sitten zu heucheln und er wird seine deutsche Vergangenheit in Vergessenheit zu hüllen suchen; das Haus des Juden aber wird eine Heimstätte deutscher Bildung sein und Deutsche werden dort unbegrenzte Gastfreundschaft finden. Aber das hat keine Bedeutung; der Jude hat kein Vaterland, hat kein deutsches Gefühl. So einfach die Geschichte klingt, so führt sie doch hinüber zu Betrachtungen, welche uns das gotterbärmliche Wesen des Antisemitismus in seiner scheußlichen Nacktheit enthüllen. Wir müssen vor Allem bitten, uns die Nation namhaft zu machen, die ihre Söhne nicht in die Fremde schickt, die nicht an die Gerechtigkeit, Gastfreundschaft und Menschlichkeit fremder Nationen appelliren würde. Amerika wurde von Columbus in dem Jahre entdeckt, in welchem die Juden aus Spanien vertrieben wurden. Die Juden hatten damals in Spanien eine tausendjährige Geschichte; lange vor den Westgothen, lange vor den Arabern waren sie im Lande, aber sie wurden dennoch vertrieben. » Die Juden hatten in Deutschland lange vor Karl dem Großen sich angesiedelt, vielleicht fallen ihre ersten Ansiedelungen -auf deutschem Boden überhaupt mit der Periode zusammen, wo manche deutsche Stämme erst in voller Ruhe zu festen Wohnsitzen gelangten. In Amerika leben selbst die Spanier erst seit vierhundert Jahren. Mit welchem Rechte kann man die Juden in Deutschland als Fremde betrachten? Würde man die Geschichte der Völkerwanderungen und die. Geschichte der Colonisationen studiren, dann würde man von Nationalität und Vaterland richtige Vorstellungen erlangen, dann würde man wissen, daß das biblische Gebot: „Und Ihr sollt den Fremdling lieben, Denn Fremdlinge wäret Ihr im Lande der Mizrim" für alle Nationen geschrieben ist. Ihr sollt den Fremden lieben, Ihr Deutschen, denn fremd seid Ihr in Rußland, in Ungarn, in Amerika, fremd in allen Zonen der Erde. Dasselbe kann man, wenn auch, nicht im gleichen Umfange, den Italienern sagen, den Franzosen, den Engländern. Und die Juden sind keine Fremden, sie haben das hundert-, unter Umständen auch i Z i 5

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