Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 33 (18.8.1893)
- Date
- 1893-08-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 626 Orsterreichifche Wochenschrift Nr. 33 ersten Briefe ersehen können, daß es nicht ernst gemeint sei. was ich Ihnen darin sagte. Hat je ein Mädchen einem Manne solche Elogen gemacht? Aber Ihr Dünkel hat Sie diesmal in - eine Falle geführt. Schon aus Ihren ersten kurzen prosaischen Zeilen, mit denen Sie sich mir auf mein Inserat hin vorstellten, erkannte ich Ihre thörichte Selbstüberhebung und vermuthete sofort daraus, daß Sie ein deutschnationaler Antisemit, so ein Früchtel des modernen Universitätslebens sein müssen, das, verlottert vom Pauken und Raufen, zu den Musen überging und weil es einmal ein Sauflied fabricirt, sich ein Anakreon zu sein dünkt. Ich holte Erkundigungen über Sie ein und hörte, daß Sie in der Thal bei einem antisemitischen Blatte bedienstet sind. Auf das hin beschloß ich, den Spaß mit meinem übermüthigen Heiratsgesuch bei Ihnen sortzusetzen, denn bei Keinem von allen den mir zugekommcnen Anträgen sah so viel Stoff zum Lachen heraus, wie bei Ihnen. Wie viel heitere Stunden verursachten Sie mir und meinen Freundinnen mit Ihren Reimen, die Sie gewiß für erhabene Poesien halten. Aber daß ein Antisemit kein Dichter sein kann, das wußte ich; glaubte jedoch, daß er deswegen doch ein ehrlicher überzeuqungstreuer Mensch sein könne, m d dann hätte ich nur Mitleid mit Ihnen gehabt. In meinem zweiten Briefe lüftete ich daher mein Jncognito und unterschrieb mich „Lilie von Sarau", in der festen Meinung, Sie werden daraus sicher entnehmen, daß ich Jüdin bin und mir nicht mehr antworten. Ich täuschte mich jedoch in Ihnen. Sie schrieben mir wieder und Ihre Bestrebungen um meine Hand waren noch „glühender", ja Sie wollten sogar Ihre Religion und Ihr Deutschthum für mich hingeben und mir zu Liebe Jude werden, der von den Antisemiten so verachtete Jude. Und diese Opfer wären vielleicht doch auch noch begreiflich, wenn ich Sie durch meine Schönheit und Liebenswürdigkeit angezogen hätte; aber Sie kennen mich gar nicht und nur das Geld, welches ich in meinem Scherz-Inserate meinem Zukünftigen in Aussicht stellte, konnte Sie zur Verleugnung der theuersten Güter des Menschen treiben. So ohne Talent und ohne Charakter zu sein. Ich verachte Sie und halte Sie nicht einmal für würdig, noch weiter den Spaß mit Ihnen fortmsetzen. Einen Gewinn habe ich jedoch von diesem ganzen Scherz mit meinem Inserate. Ich bewahre Ihren letzten Brief auf und sollte ich einst hören, daß Sie sich in überschwänglichen Haß gegen meinen Glauben und meine Stammesgenossen auslassen, so wird dieser Brief zur Veröffentlichung kommen, in dem Sie Ihre Religion und Ihren Stamm zu Füßen legen einer Tochter aus dem Stamme Juda." Herr Lorenz Dummreich, der Dichter und Schriftsteller und Prachtjunge berstetc vor Wuth; aber die letzte Drohung des verdammten Judenmädchens hing wie ein Damoklesschwert über seinem Haupte, so daß er sich von nun an in Acht nahm, seine Artikel mit den ihm gewöhnlichen Krastausdrücken zu würzen. Seine materiellen Verhältnisse sind dadurch noch kläglicher geworden und eifriger denn je liest er jetzt den kleinen Anzeiger im „Tagblatt", um eine alleinstehende Dame zu finden, die ihn für seine Ritterdienste zu belohnen im Stande wäre. Fürstengunst. Roma», von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". »„befugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uedersetzungs- 20) rechte Vorbehalten.) Elftes K ap i t e l. Samson Wertheimer saß an einem Nachmittage in seiner Bibliothek. Ein Foliant lag vor ihm aufgeschlagen und er hatte sich in dem Studium desselben so vertieft, daß er ein leises Klopfen an derThüre überhörte, und erst als ein zweitesmal stärkerangepocht wurde, „herein" ries. , «Herr Rafael Levi läßt ergebenst bitten, eine Mittheilung in wichtiger und dringender Angelegenheit erstatten zu dürfen", meldete der Diener. „Soll eintreten", erwiderte der Oberhoffaktor. Rafael Levi befand sich in großer Aufregung, und ohne jede Einleitung, zu dem Zwecke der erbetcuen Unterredung übergehend, begann er sofort: „Hier lebt ein Mann, dem ich vor langer Zeit einen Dienst erwiesen, der sich mir hierdurch zu ewigem Danke verpflichtet hält und unbeschränktes Vertrauen zu mir besitzt. Ich habe seine Anwesenheit in Wien durch eine zufällige Begegnung auf der Straße erfahren. Bei dieser theilte ich ihm mit, wo ich zu treffen wäre. Derselbe ließ mich brieflich um eine Unterredung an einem dritten Orte bitten, von welcher ich soeben komme". „Wer ist dieser Mann?" unterbrach ihn Wertheimer. „Der Kammerdiener des Reichshofrathes und Kammerherrn, Grafen Johann Friedrich Nimptsch". Wertheimer blickte betroffen auf und Levi fuhr fort. „Er sagte mir, daß ihm die unaufhörliche Aufregung und Bewegung in welcher sich sein Herr befindet, ausgefallen. Jeden Augenblick kommen Menschen zu ihm, die er — der Kammerdiener — früher nie bei ihm gesehen, besonders häufig aber der italienische Abbate Tedeschi, mit dem er sich stets mehrere Stunden in seinem Zimmer erschließt". „Abbate Giovanni Prosper Tedeschi kenne ich", meinte Wertheimer. „Er scheint ein Abenteuerer der gefährlichsten Art zu sein, einer jener unverschämten Glücksjäger, wie sie jetzt in allen Residenzen auftauchen, gewissenlose Menschen, die ifjr Talent den Meistbietenden verkaufen und vor keinem Mittel zurückschrecken, Geld, Einfluß und Macht zu erringen. Ich halte ihn für keinen Priester, ich glaube, daß er das geistliche Gewand nur als Deckmantel für seine geheimen Zwecke benützt. Auf mich hatte er schon bei seinem ersten Besuche, den er mir abstattete, einen höchst unangenehmen Eindruck hervorgerufen. Ich habe mir ihn bald vom Halse geschafft. Ich habe ihm ein Darlehen von fünfhundert Gulden, um das er mich anging, bewilligt und habe ihn seit dieser Zeit nicht mehr gesehen, obwohl es ihm jetzt glänzend zu gehen scheint und es ihm leicht fiele, mir diesen Betrag zurückzuzahlen. Auch mag der schlaue Mann erkannt haben, daß ich ihn durchschaue und nicht geneigt, bin, seinen Zwecken zu dienen. Er kam in elendem Zustande nach Wien; als er mich das erstemal besuchte, war er bettlerhast gekleidet, jetzt fährt er in seiner eigenen, eleganten Equipage und hält eine zahlreiche fein livrirte Dienerschaft. Ich glaube, er steht im Solde einer fremden Regierung, deren geheimer Agent und Spion er ist. — Auch dieser Nimptsch erscheint mir schon seit langer Zeit verdächtig, er ist des Grafen Althan, des Kaisers Günstling, Schwestermann. Ich halte Nimptsch nicht für das, für was er gelten will und für das ihn alle Welt hält, nämlich blos für einen harmlosen Spaßmacher .Doch fahren Sie in Ihrem Berichte fort." „Seit längerer Zeit schien jeder Verkehr zwischen dem Abbate und dem Grafen abgebrochen, jener ließ sich bei diesem nicht mehr sehen, dagegen hatte der aufmerksame Kammerdiener es erspäht, daß sein Herr des Nachts verkleidet heimlich das Haus verlasse. Er folgte seinem Herrn gleichfalls verkleidet auf seinen nächtlichen Gängen und da entdeckte er, daß sein Herr das erstemal in einer öden Allee in der Leopoldstadt, nachdem er sich ängstlich umgesehen, ob ihn nicht Jemand beobachten könne, aus einem hohlen Baume einen Brief hervorgeholt, das zweitemal einen Brief hineingeworfen, das drittemal in einem alleinstehenden, unbewohnten Hause verschwunden, wo er, so vermuthet der Kammerdiener, Zusammenkünfte mit Tedeschi habe. Der Kammerdiener, der in seiner früheren dienstlichen Stellung traurige Erfahrungen machte, befürchtet, wenn seines Herrn lichtscheue Pläne mißlängen, in gefährliche Mitleidenschaft gezogen zu werden und glaubt auch mir seine Dankbarkeit dadurch zu beweisen, daß er mir es ermöglicht, in einem fremden Lande dadurch zu Ansehen und Geltung zu gelangen, daß ich eine Verschwörung — um eine solche handelt es sich nach seinerAnschauung — zur Kenntnis; der Behörden brächte. Er ist ein sehr kluger Mensch und seitdem der Gras viel außerhalb des Hauses verkehrt, fast ganz unbeschäftigt. Da er nun unablässig spionirt, ist es ihm gelungen, die Schlüssel zu dem abgelegenen Häuschen in derLeopoldstadt zu finden. Er war an einem Nachmittage dort, wo er es ganz leer fand und Zeit hatte, sich mit der Öertlichkeit vertraut zu machen. Der praktische Mann war so klug, sich, als Bürgersmann verkleidet, in einem anderen Theile der Stadt ganz gleiche Schlüssel anfertigen, zu lassen, um die Verschwörer ungesehen behorchen zu können. Der Kammerdiener wollte mir nicht eher Mittheilungen über das Complott machen, als bis er in der Lage war, mich thatsächlich von der Existenz eines solchen zu überzeugen. In der letzten Zeit verdoppelte er seine Aufmerksamkeit, ließ auch