Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 33 (18.8.1893)
- Date
- 1893-08-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Vrflerreichifchr Wortzenfchrtfi Seite 625 Nr. 33 Equipagen folgte dem Leichenwagen nach dem 1*/* Stunden von hier entfernten Ort Zbrastarich, wo die Beerdigung stattfand. In allen Ortschaften, die der Conduct Passirte, bildeten die Feuerwehren Spalier und schloß sich die Bevölkerung dem Zuge an bis zum weit außerhalb der Stadt gelegenen jüdischen Friedhofe. Beim Senken der Leiche ins Grab blieb kein Auge thränenleer. Sofia, 2. August. Herr Dr. G. Belkowskh in Odessa ist vom Unterrichtsminister zum Professor des römischen Rechts an der hiesigen Hochschule ernannt worden. Gin Inserat. Aus mädchenhaft jugendlicher Lachlust las sie täglich die letzte Seite des „Kleinen Anzeigers" im „Tagblatt" und um auch einmal ihren Spaß zu haben, inserirte sie darin eines Tages: „Ein junges, nicht häßliches und nicht armes Mädchen wünscht behufs Ehe mit einem literarisch gebildeten, geistreichen Manne in Correspondenz zu treten. Adresse: Lilie, postlagernd 2/5. Mit nicht geringer Spannung sah sie dem Erfolg dieses Scherzes entgegen. Unter den Vielen, die diese Annonce am Tage ihres Erscheinens lasen, war auch der verbummelte Student und gegenwärtige Redacteur eines antisemitischen Blattes Herr Lorenz Dummreich. Bon den verschiedenen Blättern, die in seiner Redaction auflagen, nahm er immer zuerst dieses Tagblatt mit dem großen kleinen Anzeiger zur Hand und durchflog die linke Spalte der letzten Seite. Er suchte seit langer Zeit schon für sein liebebedürftiges Herz und sein vor Leere gähnendes Portemonnaie eifrig nach einer alleinstehenden Dame, an der er seine nach Bethätigung drängenden ritterlichen Tugenden erproben könnte. In dieser Annonce glaubte er nun die Gesuchte endlich gefunden zu haben. Reich an Gemüth, wie er als echter Deutscher war. gab er viel auf Ahnungen und eine Ahnung sagte ihm: d i e ist's! Noch ehe er sich an die dumme Politik des Tages machte, die so sehr den Charakter verderbt, wollte er auf diese Annonce mit einigen Zeilen reflectiren, nahm aus der Lade seines Bureautisches gewöhnliches Briefpapier und ein Couvert ohne die Redactionsmarke und schrieb: „Hochgeehrtes Fräulein! Ich bin Dichter und Schrissteller, beides nicht ohne Rainen in dem geistigen Wien und körperlich ein Prachtjunge. Als höchsten Preis meines Strebens würde ich es aber betrachten, Ihr Herz und Ihre Hand zu erobern. Falls Sie mich des Glückes würdigen, mich mit einigen freundlichen Worten für die Erreichbarkeit dieses Zieles zu ermuthigen, will ich mich zu diesem Kampfe rüsten, mit offenem Bisir. Ihr Ergebener Lorenz Dummreich, Hl., Rechte Bahnstraße 7a." Er vertraute diesen Brief nicht dem Redactiousdiener an. sondern schlüpfte in den Rock — in der Redaction saß er in Hemdärmeln — nahm den Hut und lief zur Thür hinaus zum nächsten Briefkasten an der Straßenecke. Am nächsten Tage schon erhielt er mit der eisten Post, die ihn noch aus den süßesten Träumen wecken mußte, folgenden Brief: ..Geehrter Herr! Ein Dichter! Das übersteigt ja alle meine Erwartungen. Kann es für ein Mädchen eine größere Wonne geben, als die Geliebte eines Dichters, der Gegenstand seiner Phantasie, die von ihm besungene Leda, Meta, Molly oder welch süßen Namen immer er ihr geben mag, zu sein? Und kann es ein größeres Glück für eine Frau geben, als theilzunehmen an dem Ruhme ihres Gatten, dessen Namen in jedem Salon genannt wird? Ich besitze des schnöden Goldes genug, um ihn über niedrige Sorgen zu erheben und ihm volle Muße für sein geistiges Schaffen zu gestatten, damit sein Genie sich ganz entwickeln kann und die Welt von ihm das Vollkommenste erwarten darf. Ich habe daher von der Menge Briefe, die mir auf meine Annonce zugekommen, nur den Ihrigen berücksichtigungswerth gefunden und sage Ihnen hiemit, daß unserem Ziele nichts im Wege steht. Nur will ich mich vorerst im Geiste für mein Glück vorbereiten und bitte daher, mir noch kurze Zeit meine Anonymität zu gestatten. Hoffentlich bald ganz die Ihrige Lilie". So verheißungsvoll hatte er die Antwort nicht erwartet. Er nahm all' sein geistiges Capital zusammen und plünderte noch dazu Heinrich Heine, um in Versen zu erwidern. Er wollte den Dichter zeigen. Mit Sehnsucht erwartete er eine Antwort, aber Tage verrannen, ohne ihm die erhoffte Befriedigung zu bringen. Die Geister des Zweifels, ob sein Brief überhaupt eine Antwort verdiene, begannen sich bereits in ihm zu regen und raubten ihm die Ruhe und das Selbstvertrauen. Er brachte keinen Artikel mehr zusammen und sein Chef drohte ihm schon mehrmals mit dem Hinausschmeißen. Da kam endlich doch der Tag, der ihm die Antwort und die Gewißheit brachte, daß sein Brief die beste Aufnahme gefunden. Aber eine — nein, nicht Enttäuschung, nur Ueberraschung mußte ihm diese Antwort doch auch gebracht haben, denn er rief ein um das andere Mal: „Liegt nichts daran! So oder So! Und wenn ste der Teufel selbst wäre! Die Moneten, die Moneten, die sind das Wichtigste!" Er las und las wieder was sie schrieb. „Geehrter Herr! Ich bin nahe drei Wochen bei einer Tante auf dem Lande gewesen, um materielle Augelegenheiten für meine Zukunft zu ordnen und erst gestern hieher zurückgekehrt, daher meine scheinbare Unart, die verspätete Antwort. Ich habe Ihre schönen Verse wieder und immer wieder gelesen, sie haben mich mit Stolz und Freude erfüllt und doch zitterte ich dabei für meine Hoffnungen. Ich sagte mir: Ein Dichter, hoffnungsvoll in die Zukunft schauend, ein Dichter dem schon der erste Lorbeerzweig des Ruhmes die junge Stirn kränzt, braucht der erst zu suchen? Lächelt ihm nicht Liebesglück allerwegen, fliegen ihm nicht junge Herzen zu, unaufgefordert, mühelos? Das Räthsel bleibt mir noch ungelöst. Doch ich glaube, es gehört zu den vielen Unerklärlichkeiten des Genies. Wie sollen gewöhnliche Menschenkinder, wie ich, sich vermessen, dieses ergründen zu wollen! Senden Sie mehr, mehr Strahlen der Poesie in die Prosa meines Alltagslebens, das ich von Kindheit an führe und in dem ich nichts als Satzungen und Bräuche kennen lernte Ihre Lilie von Sarau." „Eine Jüdin ist's! Die kleine Hexe! Ihre geängstete Seele vermag jene Schönheiten, welche der arische Genius ihr glückverkündend vorgezaubert, wohl zu ahnen, aber sie verzweifelt daran, sie zu besitzen. Wart Jüdin, ich will dich erlösen aus den Banden deines Glaubens und wenn nicht, bei allen Heiligen so werd' ich Jude. Ich kann, ich will! Sein Schicksal schafft sich selbst der Mann! Ich darf nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Die Jüdin hat Maxen und schmachtet nach einer Dichterseele. Ich glaube, es gibt keinen, der dies mehr ist und jenes mehr braucht, als ich und darum ist das Mädel mir beschieden, ob s ie Christin oder ich Jude werde. Alles eins!" Das war sein Selbstgespräch nach wiederholtem Lesen des Briefes und ganz in demselben Sinne schrieb er noch an demselben Tage eine Antwort auf diesen Brief, natürlich wieder in Versen, um die Jüdin ganz zu bezaubern. Ob noch eine Antwort kommen würde? Er zweifelte gar nicht daran. Er hielt seine letzte Epistel durch den Schwung der Poesie, der sie durchwehte, für so hypnotisirend auf die Jüdin, daß er fest glaubte, sie müsse nun die Gassen und Straßen der Stadt durchlaufen, um ihn zu suchen und sich an ihn zu hängen. In der That kam es ihm beständig vor, als ob er seinen Namen rufen hörte, und lief jeden Augenblick von der Arbeit weg und schaute zum Fenster hinaus. Endlich kam ein Brief. Seine Hand zitterte vor Aufregung, als er ihn in Empfang nahm. Die wohlbekannten Schriftzüge, die sich ihm so tief in's Gedächtniß gegraben, waren auf dem Couvert dieselben. Er erbrach es schnell, die Zeilen schwammen ihm vor den Augen, er rang nach Sammlung, um sie lesen zu können. Es gelang ihm endlich und er las, wurde aber dabei roth und blaß vor Aerger. Sie schrieb: „Mein Herr! Verzeihen Sie, ich habe den Scherz zu weit getrieben, aber Sie selbst sind schuld, daß ich dies konnte. Wenn Sie! etwas bescheidenerer Natur wären, hätten Sie ja aus meinen!