Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 33 (18.8.1893)
- Date
- 1893-08-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 33 Orsterredhiptze Wochenschrift Seite 619 trauen unter freiem Himmel und sind Orthodoxe. Meint Ihr damit Gott zu dienen? Ihr, die Ihr für die Erziehung Eurer Jugend in der Euch so heiligen Sache der Religion gar nichts thut, denen nichts daran gelegen ist, daß die Religionslehrer unwissende Geschöpfe mitunter sind, Ihr, Ihr errichtet in Preßburg eine Jeschiba und unterstützet sie. Womit? — Mit Euren Kindern. . Ihr fraget nie: Was machen die dort? . Worauf wenden sie ihre Zeit an? Was wird aus ihnen werden? Rabbiner? Seit wann habet Ihr denn so viele Rabbinatsposten, die geraden Weges von der Zeschiba besetzt werden? Von dem Lose Euerer Rabbinen schweige ich. Ist es Euch noch nie eingefallen, daß ja der Preßburger Oberrabbi bei all seiner Gelehrsamkeit immer doch nur eine Person bilde und nicht die gesammte Zeit von 300 Leuten mit seinem Unterrichte ausfüllen könne? Habet Ihr Euch nie gesagt, daß Preßburg Lehrkräfte, daß überhaupt das Judenthum eine Schule braucht? Habt Ihr Euch das Alles nie gesagt? — Rein! — Warum? Nun? Weil es dann an Eure Geldbeutel geht. Und — das Herz — Gott, die Tasche — mir. Ferner, habet Ihr Euch niegesagt, da ihr ja das Lehrerseminar in Budapest vor Euch sehet, daß Ihr auch ein solches Institut braucht? Nein, warum? Es kostet Geld. Habet Ihr je gefragt, wovon wird eigentlich die Preßburger Jeschiba erhalten? Wovon leben unsere Kinder, die dort Gaonim werden sollen? Von Lectionen? Nun, da müßten auch die Preßburger Pflastersteine unterrichtsbedürftig sein, um so viele Schüler zu beschäftigen. Oder von den Chewraß? Wißt Ihr was diese sind? Ganz gewöhnliche Betteleien, wo der sein sollende künftige orthodoxe Stern allmonatlich int Schweiße seines Angesichtes, Trepp' auf Trepp' ab, von den braven opferwilligen Preßburgern die einzelnen Kreuzer zusammenbettelt? Gehen die Pester Seminaristen auch betteln? Denen kommet Ihr mit der größten Hochachtung entgegen, während an Euren Bachurim Euch nichts gelegen ist. Mit der großen Trompete seid Ihr gleich hinterher, wenn einer Eurer Zöglinge ins Pester Seminar Übertritt. Zeter und Mordio könnt Ihr schreien, aber ohne auch nur das Mindeste, für den letzten Anker Eurer Existenz, für die Jeschiba, zu thun. Ihr seid der profanen Bildung nicht feindlich gesinnt und stolz bläht sich manch „chassidischcx" Papa, der seinen „Jaikev" nach Preßburg schickt, und seinen „Jakob" zurück bekommt. Er hat sich „ausgemenscht". Was thut Ihr aber hierzu? Tragt Ihr Sorge, daß Eure Kinder in ihrer wichtigsten Lebensperiode den entsprechenden Unterricht im Hebräischen lind Profanen erhalten? Alles, alles nein. Die 26jährige Lehrzeit der Trennung ist spurlos an Euch vorüber gegangen, Ihr seid beruhigt, wenn der Papa trägt den Namen „Orthodoxe" und der Sohn den Namen Bachur". Beides eitler Schall, leerer Hauch! Beide sind gleich unverdient. Daher hört auf die wohlmeinenden Worte eines aus Eurer eigenen Mitte, der Euch in Ermangelung jedes Andern die kühne Mahnung zuruft: Entweder Ihr erhebet Euch aus Eurer 26jährigen Nichtsthuerei, und scheut keine Opfer für Euren Gott und Euren Glauben, oder ich werde beginnen, Euch eine Eurer würdige Leichenrede auszuarbeiten. Eure Zukunft liegt in Eurer Jugend, die nach jeder Richtung hin wissenschaftlich ausgebildet werden muß, und daher braucht Ihr eine Schule mit strenger Disciplin und mehrer en geeigneten Lehrern, die ihre ganze Zeit dieser ihrer Aufgabe widmen. Ferner darf diese Schule nicht die Zufluchtsstätte aller ihren Vätern überflüssiger Söhne, und diese letzteren dürfen nicht auf die Bettelei angewiesen sein. Um alledem abzuhelfen, gehört die Bildung e.ines großen Fond s, die Zusammenlegung eines großen Capitals, aus dem alle diese Ausgaben gedeckt werden müssen. Daher greift tief in Eure Taschen und thut das, was das Judenthum, Eure Söhne von Euch zu fordern berechtigt sind. Jedoch wollet Ihr nicht, liebt Ihr Euer Geld zu sehr, dann seid Ihr nicht nur keine Orthodoxen, sonderir überhaupt keine Juden. Könnet Ihr aber nicht und habet Ihr kein Geld, dann opfert Eure Kinder nicht zwecklos und machet diese nicht unglücklich. Wollet Ihr eine Jeschiba erhalten, dann sorget für deren genügende geistige und körperliche Nahrung, könnet Ihr dies aber nicht, dann löset sie überhaupt auf. „Wenn Du aber gar nichts hast, Lump, lasse Dich begraben." ttim, ich denke keines von beiden ist der Fall, und es braucht nur eines kräftigen Anstoßes, daß Ihr aus Eurer 26jährigen Lethargie erwacht. Vielleicht ist die Seminarsgründung in Wien ein solcher, dessen Erfolge auch Euch die Augen öffnen mögen. Die Zukunft wird es lehren. „Eventus stultorum magister est.“ EorreMnäenrm. Wien. (S ch u l z u st ä n d e der Bukowina.) Man schreibt uns aus Czernowitz: Seitdem das österreichische Volksschulgesetz in Kraft besteht, hat der Kampf um die Schule nicht aufgehört. — Und um was handelt es sich bei diesem Kampfe? — Hauptsächlich um die Gründung von Schulen, in denen die Kinder jüdischer Eltern keine Aufnahme finden und die Lehrer mosaischer Confession trotz der bestehenden Staatsgrundgesetze nicht angestellt werden sollen. Jnsolange aber der Kampf nur aus diesem Grunde geführt wird, ist er wenigstens für uns in der Bukowina unnütz und nicht von Nöthen. In diesem Herzogthume finden die Kinder mosaischer Confession in den Schulen wohl Aufnahme, allein Lehrer dieser Confession an den öffentlichen Volksschulen „kann man mit dem Lichte suchen". An sämmtlichen öffentlichen Volksschulen der Bukowina sind 3 (sage drei) Lehrpersonen in definitiver Eigenschaft angestellt, und zwar: 1 Lehrer und 1 Unterlehrer in der Landeshauptstadt Czernowitz und 1 Lehrer in Sadagora. Aber nicht genug dessen, daß man die Lehrer mosaischer Confession nicht anstellen will, so umgeht man das Gesetz, welches gerade für dieselben spricht, in einer Weise, die in einem civilisirten Staate nicht geduldet werden soll. Bekanntlich hat die Schulnovelle vom Jahre 1883 den $ 48 geschaffen, dessen Schlnßabsatz nachstehend lautet: „Als verantwortlicher Schulleiter können nur solche Lehrpersonen bestellt werden, welche auch die Befähigung zum Religionsunterrichte jenes Glaubensbekenntnisses Nachweisen, welchem die Mehrzahl der Schüler der betreffenden Schule nach dem Durchschnitte der vorausgegangenen fünf Schuljahre angehört." Nun will es der unglückliche Zufall, daß in mehreren Marktgemeinden der Bukowina die Zahl der schulbesuchenden Kinder in der erdrückenden Majorität der jüdischen Religion angehört und daher der besagte Paragraph den Juden, d. h. den jüdischen Lehrern zu Gunsten spricht. Eben aber aus diesem Grunde wird dieser Paragraph nicht beachtet und von den Schulbehörden umgangen. In der Bezirksstadt Sereth ist seit Jahr und Tag an der dortigen Mädchen-Volksschule die Majorität der schulbesuchenden Kinder mosaisch. Um jedoch keine jüdische Lehrerin als Leiterin anstellen zu müssen, betraute man die dienstälteste Lehrerin dieser Mädchenschule (Frl. Tarabanowicz) provisorisch mit der Leitung. — Dieses Provisorium dauert schon mehrere Jahre; die Bezirks- Schulbehörde schreitet nicht zur Ausschreibung des Concnrses für diesen Posten, weil sie von der Landesschulbehörde aller Wahrscheinlichkeit nach „einen Wink" bekommen hatte, den Concurs aus leichtbegreiflichen Gründen nicht auszuschreiben. Ein analoger Fall ist jetzt in der eine Stunde von Czernowitz entfernten Marktgemeinde Sadagora zu verzeichnen. In dieser Gemeinde hat ein Wunderrabbi seit vielen Jahren seinen Sitz; die Einwohner sind zum größten Theile Juden und auch die schulbesuchenden Kinder mosaischer Confession stellen das größte Schulcontingent. An dieser Volksschule (in Sadagora) wirkt als Leiter ein alter, siecher Mann, der sich kaum von einer Classe in die andere fortzubewegen im Stande ist. und dieser Leiter, der schon vor 5 Jahren hätte in den Ruhestand versetzt werden sollen, fungirt noch gegenwärtig bis zum Beginne des nächsten Schuljahres.— Man pensionirte diesen Oberlehrer nicht, weil man eben nicht