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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-08-18 · 33 (18.8.1893) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
33 (18.8.1893)
Date
1893-08-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 618 Oesterretchifche Wochrnschrifl Nr. 33 von dessen großem Schmähwerke, das sich noch handschriftlich in der Göttstiger Bibliothek befindet, nur einzelne Fragmente im Nachlasse Lefiings *) das Tageslicht erblickten, war vorerst ein ebenso strenger Katholik und Anbeter des todten Bibelbuchstaben, als er nach seinem Umschwung seine berühmte Rohrspatzen-Kritik der Bibel zusammenstellte. Sehr richtig beurtheilt diese Nachwehen eines solchen Umschwunges Anton Theodor Hoffmann in feinen „Historischkritischen Forschungen über die 5 Bücher Mosis" **) Seite 23. „Sind die Fesseln abgestreift, dann werden die bisher zur Vertheidigung der Bibel geführten Waffen gegen dieselbe gekehrt und mit einer Voltair'schen Zügellosigkeit geführt." Wenn der „asiatische" Ehrenpreis in dem Talmud Alles erblickte, dann ist es eine psychologisch vollauf berechtigte Folge, daß der „moderne" Ehrenpreis gar nichts in ihm fand. Er hat eben den Talmud mit einem bestimmt ausgesprochenen Vorurtheile aufgefaßt, die Menge der Einzelheiten und Details gekannt, ohne auch nur im Entferntesten das Ganze und das Wesen des Ganzen jemals erkannt zu haben. Er sah eben vor Bäumen den Wald nicht, wie er vor großen Talmudfolianten Theater, Bälle und hübsche Damen nicht genug sehen konnte. Möge sich der „moderne" Ehrenpreis durch doppelten Genuß für die Fasten des „asiatischen" zu entschädigen suchen. Für mich ist nur ein Satz seiner langen Herzensergüsse von Bedeutung und dies ist sein erster. Er beginnt: „Talmudschule" ist eigentlich ein Euphemismus. Denn nichts war uns so fremd wie schulgemäße Disciplin". Die äußerst wichtige Bedeutung einer geschulten Grundlage für das ganze, fernere Leben braucht wohl nicht näher erörtert zu werden und ganz richtig hat Herr Ehrenpreis in dem Mangel derselben ein großes Uebel seiner Jugend erblickt. Doch er spricht vom Osten und einer vergangenen Zeit. Beleuchten wir unsere Talmudschulen in Mitteleuropa und in der Gegenwart. Ist das sich unseren Blicken bietende Bild befriedigend? Wir werden sehen. ... Die Geschichte der unseligen Spaltung innerhalb des Judenthums ist bekannt. In den meisten Staaten trägt diese Kluft einen privaten Charakter, während sie in Ungarn durch das Staatsgesetz enveitert und schier unüberbrückbar gemacht wird. In Deutschland haben sowohl die orthodoxen als modernen Juden ihre Hochschulen für die Wissenschaft des Judenthums, Wien errichtet ebenfalls eine solche Anstalt. Institute, die an Organisation und Disciplin den Anforderungen der Pädagogik vollkommen entsprechen, denn sie liefern dcmJndenthume nützliche, thatkrästige Männer. Die modernen, unter dem Namen „Neologen" bekannten ungarischen Juden haben gleich bei Gründung ihrer Religionsgenossenschaft einer solchen Anstalt die ihr mit vollem Rechte zukommende Wichtigkeit beigemesscn und ein solches Institut in Budapest geschaffen,. die das rasche Aufblühen der kleinen Gemeinde zur Folge hatte. Große und wichtige Rabbinate haben sie den Orthodoxen entrissen und mit Zöglingen ihrer Anstalt besetzt, wie sich -auch ihr richtiger Blick in der Gründung ihres Lehrer-Seminars zeigte, eines Instituts, das in Anbetracht des ganz verschiedenen Religionsuntcn'ichtes für die orthodoxen Juden in Ungarn so nothwendig wäre, das sie aber entbehren. Warum? Darauf komme ich weiter zurück. Die Orthodoxen hatten ihre altberühmte Jeschiba in Preßburg, die anerkannte rabbinische Autoritäten gegründet hatten und eine solche noch heute leitet. Der Geist, der diese Jeschiba und ihre Leiter beherrscht, ist der rein jüdische, gotteseifrige. Preßburg ist die einzige Stätte des ausschließlichen, emsigen Talmudstudiums und in jeder Hinsicht geeignet, eine Stütze des Judenthums zu sein. Und dennoch — so bitter diese Pille auch schmecken mag, eingenommen muß sie werden — Preßburg, die altehrwürdige Jeschiba kränkelt, doch eben in dem Sinne, wie der mitleidige Arzt die verzweifelnde Gattin über den Zustand ihres schwer kranken Gatten unterrichtet. Ich künde die Wahrheit offen, helfen *) Herausgegeben von C. A. Schmidt 1787. **) Rostock und Güstrow 1831. mögen Jene, in deren Macht cs liegt. Die Wurzel der Krankheit liegt in den Orthodoxen Ungarns, die Krankheit selb st aber in der Organisation der Jeschiba. Heute steht der ehrwürdige Oberrabbiner Preßburgs an der Spitze der Orthodoxie und der Jeschiba selbst als Lehrer und Leiter. 300—400 Zöglinge zählt dieselbe, zwischen denen mitunter eine stattliche Anzahl talentirter Kräfte sich befinden, zu deren Entfaltung das folgende geleistet wird. Sage — oder vielmehr sage und schreibe — 3 Stunden wöchentlich wird ein sehr gediegenerSchiurvortrag ertheilt, über den dann wöchentlich ein 1—2stündiges Examen abgehalten wird. Jetzt bedenke man 300—400 junge Leute, die größtentheils schon in ihrem-14. Lebensjahre in die Jeschiba — d. h. nach Etymologie des Wortes „in den Ruhestand" — treten, die Woche hat bei täglich 8 Arbeitsstunden 48 Arbeitsstunden und denen leisten drei Schiurstunden Genüge. Was macht man in den nach Abzug der Lernzeit jedenfalls noch übrigen 30 Stunden? Als Autodidact ans stummen Büchern weiterarbeiten? Man denke sich eine solche Erwartung von jungen, über ihre Zeit frei verfügenden Leuten. Also das erste Uebel ist — indirect gefördertes Nichtsthun. — Doch will ich damit nicht sagen, daß in Preßburg außerhalb des Schiurs gefaullenzt werde, beileibe nicht, ich war selbst Zögling dieser Schule und gehöre ihr noch im Geiste an, aber besser ein offenes als entschuldigtes Nichsthun. Und ein solches ist entschieden das Arbeiten als Autodidact von 15—20jährigen Leuten, die nie Disciplin kannten. Und schließlich Hetzpeitschen einführen, hieße derselben den Todesstoß versetzen. Das zweite Uebel ist die vollständige Unkenntniß in den vielseitigen jüdisch-wissenschaftlichen Fächern, z. B. jüdische Geschichte, Literatur, Grammatik, u. s. w. Selbstredend meine ich nur, soweit es den Unterrichlsplan betrifft, und entschieden bin ich berechtigt, sobald ich mich einer Schule anvertraue und diese mich sofort aufnimmt, also die Verantwortung für meine Ausbildung auf sich bürdet, eben diese Schule für die Leere meines Wissens verantwortlich zu machen. Zum Privatstudium brauche ich keine Schule, und für den Namen, den sie mir gibt, muß ich ihr entschieden bei Verstandesreife undankbar sein, denn damit täuschte sie mich, täuschte jene, die ihre Hoffnung in mich setzten, kurz täuschte die ganze Welt. Und so wie bei den jüdischen Wissenschaften heißt es auch bei den profanen: „Hilf Dir selbst" und Gott wird Dir weiter helfen. Und die Leistungen eines jedweder Disciplin ermangelnden Auwdidacten dürfte jeder denkende Mensch zu schätzen wissen. Nun, der Oberrabbi von Preßburg ist entschieden nicht so engherzig, daß er nicht bereit sein sollte, diesen ihm ebenfalls bekannten Uebeln abzuhelfen, aber ein Mann, wenn auch mit noch so großem Geist und Herzen, kann doch in keinem Falle genügen, die gesammte freie Zeit von 400 Personen durch seinen Unterricht auszusüllen, und ist daher mit Sicherheit anzunehmen, daß er sich gerne dazu entschließen werde, geeignete, thalkräftige Männer, die ihre ganze Zeit der Jeschiba widmen, an seine Seite zu berufen und mit deren Hilfe der alten „Jeschiba" zu einer neuen „Amida" zu verhelfen. Er hat sein Leben in den Dienst seines Volkes und seines Glaubens gestellt und besitzt Scharfsinn genug, zu erkennen, daß die einzige Arznei für die Jeschiba deren Umgestaltung zu einer Schule ist, die sowohl an Untenicht, wie an Disciplin den Anforderungen der Pädagogik entspricht. Also er will, die Jeschiba will auch, oder vielmehr hat nichts zu wollen, und doch diese Krankheit. Wo haperts? Wo der Haken im Werke? Ganz einfach in der ungarischen orthodoxen Judenschaft selbst. Sie sehen mit offenen Augen ruhig ihrem Untergange zu, sie sehen die stets zunehmende Uebermacht ihrer Widersacher, und sie thun nichts als in ihren Zeitungsorganen über jedes neu entrissene Rabbinat pflichtschuldigst berichten und in den Tag hineinleben. Sie haben ihren Alemmer in der Mitte der Synagoge, beten mit Chor, doch nicht mit Orgel,

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