Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 33 (18.8.1893)
- Date
- 1893-08-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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m r - -■ r ‘r r- ■! i I: : i< ■ Seite 616 Vesterrektzlfche Wochenschrift Nr. 33 Alker und neuer Adel Der Zinstag war in der Nahe. Aber der arme Taglöhner in der Vorstadt sah dem Schreckenstage des 1. August mit Zuversicht entgegen und sah sogar mit stolzem Mitleid auf seine Brüder in der Armuth herab, denn er hatte bare fünfzig Gulden beim „Hilfs- und Sparverein"; er konnte zahlen und ihm blieb noch Geld übrig. Er gönnte sich zum Feierabend einen stärkenden Trunk und nach dem Trünke kam der Schlaf in der dumpfen Atmosphäre der engen Kammer und kamen die Träume einer schwülen Sommernacht. Unser Taglöhner spazierte hochvergnügt über die Ringstraße. „Ich habe fünfzig Gulden und bin ein Arier. Die Stadt ist judenrein. Die Verwaltung ihrer Häuser haben sie un Dr. Lueger übertragen, damit die Parteien barmherzig behandelt werden. Alle großen Gesellschaften mit jüdischen Directoren, jüdischen Verwaltungsräthen oder jüdischen Actionären sind gesperrt. Für Wien genügt der „Hilfs- und Sparverein" und der ist judenrein. Endlich sind wir geschützt . . Bei diesem Jubelrufe erwachte der Taglöhner und sah durchs Fenster, wie der Hausmeister die Zeitung studirte. Nach einigen Stunden stand er in der Herrengasse und schaute verzweifelnd auf die gesperrte Casse des „Wiener Hilfs- und Sparvereins". Die ganze Geschichte machte einen deprimirenden Eindruck. Der Eiffelthurm ist eingestürzt; aber dieser Eiffelthurm hatte nicht drei Meter Höhe. Man sieht, wie klein und kleinlich Wien in vielen Stücken geworden ist. Ein antisemitisch gesinnter Cassier bereichert das goldene Buch seiner Partei durch Defraudationen in der Höhe von 66.000 Gulden. Jahre hindurch hat er seine Stellung mißbraucht, um das Geld der armen Leute zu stehlen. Er mißbrauchte seine Stellung, um den Armen und Hilflosen die ersparten Kreuzer wegzunehmen. Aber er war Antisemit und Arier. Der ganze Geldverkehr bei dem „Hilfs- und Sparverein" war auch unbedeutend genug. Ein kleines Gerinnsel neben den Milliardenströmen unserer Zeit. Aber durch die kleinen Figuren der Geometrie lernt man das Weltganze erkennen und an der Spitze des „Wiener Hilfs- und Sparvereines" stand doch der große Graf Hoyos von Sprinzenstein. Alter Adel und neuer Adel. Die Juden sind vom alten Adel; ihr Geschlechtsregister ist älter als das des Grafen Hoyos. Das Geschlecht des Letzteren stammt aus Spanien und es ist möglich, daß seine Vorfahren unter dem Cid kämpften oder bei der Inquisition als Officiere dienten. Aber was will das bedeuten gegen den alten Adel der Juden, die in der Bibel selber ihren Adelsbrief haben. Und da die Juden den alten Adel repräsentiren, so ist es natürlich, daß sie das „ Judaisme oblige" viel ernster nehmen als der neue Adel sein „Noblesse oblige". Ein Jude als Ehrenpräsident hätte seine erste Zusage nicht verdreht und widerrufen. Ein Jude als Ehrenpräsident hätte den Verlust aus Eigenem ersetzt. Der Jude hätte das gethan aus Mitleid und er hätte das als eine Ehrenpflicht angesehen. Aber der Jude ist eben von altem Adel und der Träger einer alten Cultur. Der Graf Hoyos-Sprinzenstein ist eben von neuem Adel und in Spanien soll es Gewohnheit sein, daß man dem Besmher sagt: „Mein ganzes Haus steht zu Diensten Euer Gnaden, ihm dann mit einer Tasse Chocolade aufwartet, beim zweiten Besuch ihm aber ein stnsteres Gesicht zeigt. Auch Graf Hoyos Sprinzenstein wußte seine edlen Regungen schnell zu beherrschen. „Wer hat zu zahlen?" lautet die Überschrift eines Leitartikels im „Deutschen Volksblatt" und durch dieses Judendeutsch entweihte Herr Vergant den schönsten Sonntagsmorgen. „Wer hat zu zahlen?" — vortrefflich, reines Hochdeutsch der Klabriaspartie, echteste antisemitische Stylkunst. „Wer hat zu zahlen?" zu deutsch: wer soll zahlen, wer ist verpflichtet, zu zahlen. Ja beim Verbum „Zahlen" findet Herr Vergani immer Schwierigkeiten. Um so großartiger ist Herr Vergani in seiner Dialektik. De» „Wiener Hilfs- und Sparverein" war judenrein; man hatte alle Juden aus der Verwaltung des Vereines hinausgedrängt, weil sie Manchen genirt haben. Dennoch versteht es Herr Vergani, bei dieser Gelegenheit gegen die Juden zu hetzen. In einer Branntweinstube raisonnirt man vernünftiger. Das sollte doch Herr Vergani wissen, daß ein Unterschied ist zwischen dem gewinnsüchtigen Spieler, der auf der Börse große Summen erobern will und dem armen Teufel, der seine paar Kreuzer zusammenspart; zwischen dem Actionär, der fette Dividenden verwerthet und den Proletariern, die nur einen Nothpsennig gesichert haben wollen. Es läßt sich aber doch nicht in Abrede stellen, daß die großen Institute und Unternehmungen nach den strengsten Principien und auf das Gewissenhafteste geleitet werden und das macht der alte Adel bei diesen Instituten und Unternehmungen und unter dem alten Adel verstehen wir die Juden. „Wer hat zu zahlen" fragt Vergani; „wer hat das Herz auf dem rechten Fleck?" so fragen wir. Das Herz des Antisemitismus entblößt sich bei dieser Gelegenheit und das gewährt keinen schönen Anblick. Das „Deutsche Volksblatt" ist nun damit beschäftigt, den Grafen Hoyos-Sprinzenstein zu retten, damit er „nicht zu zahlen hat", das heißt, damit er nicht zahle und so weit geht Vergani in der Fürsorge für die gräfliche Casse, daß er bemüht ist, alle Verpflichtung aus die Directoren zu wälzen. Auf diese Art bleiben die armen Leute auf das angewiesen, was im „Wiener Hilfs- und Sparverein" noch übrig bleibt. Man muß erst die weiteren Enthüllungen des judenreinen Vereines abwarten; die Geschichte kann noch an Interesse gewinnen, wenn die ganze Wirthschaft im Verein aufgedeckt wird. „Wer hat zu zahlen?" so wird einstens die große Frage lauten, wenn' der Antisemitismus das Volk an den Bettelstab gebracht haben wird. Vom Nnklsemikenmarkk. Herr Paasch ist für verrückt erklärt worden; das geschieht jetzt, nachdem dieser unglückliche Kranke Jahre hindurch in der antisemitischen Partei eine Rolle gespielt hatte und nachdem sein Wahnsinn und sein Portemonnaie von der antisemitischen Bewegung ergiebig ausgebeutet worden waren. Ein solcher Verlauf ist nur möglich, weil die Antisemiten einen die Thatsachen verdunkelnden Terrorismus zu üben verstehen, der sich als überaus hinderlich zu erweisen scheint, sachliche Enffcheidungen rein sachlich zu treffen. So konnten zwei so entgegengesetzte Erscheinungen sich zeigen, wie daß es einerseits den Antisemiten durch ihre Agitation gelang, einen Unschuldigen, den Schlächter Buschhoff in das Gefängniß und bis an die Stufen des Schaffots zu schleppen, und es glückte ihnen andererseits, einen Wahnsinnigen Jahre hindurch vor dem ihm wohlthätigen Irrenhaus zu bewahren. In der Art, wie die Antisemiten durch ihre ruchlose Tactik nothwendige Entscheidungen zu beeinflussen wissen, liegt nicht die geringste Gefahr, die ihre Agitation für den Staat birgt. Nun ist Paasch endlich in das Irrenhaus gewandert und auch die Affaire von Xanten beginnt sich zu lichten. Am 29. Juni waren bereits zwei Jahre vergangen, daß der. Knabe Jean Hegmann von ruchloser Hand ermordet worden ist. Die königl. Staatsanwaltschaft zu Cleve erließ im „Düsseldorfer Amtsblatt" nunmehr folgende Bekanntmachung: „In dem Ermittelungsverfahren, betreffend die Ermordung des Knaben Johann Hegmann zu Xanten ist die Vernehmung des Hausirers Franz Josef Walther aus Aachen als Zeuge dringend erforderlich. Es wird ersucht, nach dem Aufenthalt des Walther, insbesondere auch in den Herbergen zu forschen und im Ermittelungsfalle sofort Nachricht nach Cleve zu geben." Der von der Staatsanwaltschaft zur Vernehmung als . Zeuge gesuchte Hausirer Walther aus Aachen hat sich daraufhin dem Gerichte in Geldern gestellt und bekundet, daß er eine Nacht bei dem Bildhauer Wesendrup geschlafen und daß dieser ihm gegenüber geäußert habe, er^Wesendrup) sei der Thä ter. Gegen Wesendrup war bekanntlich bereits früher die Untersuchung wegen der Thäterschaft eingeleitet; denn er hat einige Tage vor dem Morde gedroht, den Juden „den Schabbes" zu verderben. Wesendrup ist ein Schwager jenes Junkermann, der in Xanten als Antisemitenhäuptling eine politische Rolle spielt und der das famose Gutachten fabricirt hat über den Schächtschnitt bei dem kleinen Johannchen und bei der Gerichtsver- Handlung als ein gemeines Subject entlarvt worden ist.