Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 32 Sestrrreichifche Wochrnschrifl Seite 611 Wenn man's genau bedenkt, ist die neue Einführung, wonach der Mann von den Brautektern Mitgift verlangt, eine recht unvernünftige. Wie die Bibel erzählt, war's in der guten alten Zeit anders, da mußte der junge Mann den Brauteltern reiche Morgengabe bieten. Ich würoe — weil ich sie für recht finde — diese alte Sitte wieder aufleben lassen, wenn ich nicht befürchten müßte, daß Sie, verehrte Frau, bei der Schönheit, der Anmuth, dem Liebreiz Ihrer Tochter, mir mehr auserlegteu, als selbst ich, der reichste Jude in Mähren, zu leisten vermöchte." Markbreiter lächelte. „Das, Euch, Ihr lieben Frauen, zu sagen, bin ich hergekommen, das heißt deshalb auch, aber hauptsächlich um nochmals um Evas Hand für meinen Sohn anzuhalten. Wenn Ihr, woran ich nach meinen Auseinandersetzungen nicht zweifle, mich, meine Frau und meinen Perez durch Euer Jawort glücklich macht, dann werde ich Euch inständigst bitten, mir Euren wahren Namen zu nennen; so nahe Verwandte dürfen sich ja nicht fremd gegenüberstehen und zwischen Gatten und Gattin darf es kein Geheimniß geben", und als die beiden Frauen trotz seiner vom höchsten Wohlwollen und zartesten Feingefühl zeigender Rede wortlos blieben, fuhr Markvreiter herzlich, wenn auch betreten, fort: „Nach dem, was meine liebe Frau von Euch erzählte, möchte ich — wenn man auf moralische Ueberzcugung hin schwören dürfte — den höchsten Eid ablegen, daß m Eurer Vergangenheit nichts liegt, dessen Ihr Euch zu schämen braucht und endlich" fuhr Markbreiter zögernd fort „wenn auch — ein jeder Mensch kann einmal fehlen — Ihr Gatte, Evas Vater — ich glaub' es nicht, ich setze nur den Fall — sich einen leichten Fehler hätte zu Schulden kommen lassen, erinnere ich an des weisesten Menschen ewig wahres Wart: „Alle Vergehungen kann die Liebe verschleiern!"*) Wir Juden werden durch sinnlosen Druck zunl Handel gedrängt, wir können nicht Ackerbauer, nicht Beamte, nicht Handwerker, nicht Soldaten, wir können fast nichts anderes als Kaufleute iverden. Das aber ist in unseren Zeiten ein gar gefährlicher Stand. Will man als Kaufmann sich und die Seinen ernähren, muß man an Juden und Christen borgen und wenn dann Jemand, besonders — wie dies vorzukommen pflegt — ein Jude, durch Pöbelhaß und Fürstenwillkur aus seiner Heimat vertrieben wird, und dadurch auch beim besten Willen seine Schulden nicht zahlen kann, oder ein ungerechter Richter bestochen oder aus blindem Judenhaße dieRichtigkeit einer Schuld nicht anerkennen will, da kann der Klügste, Reichste und Redlichste zu Grunde gehen und seinen ehrlichen Namen verlieren. .... Frau Dina.Leidensdorf, das was ich jetzt sagen will, kann Sie ja nicht verletzen, ich will mich ja mit Ihnen, verbinden und Ihr Kind soll ja auch meines werden; — wenn etwa Ihr verstorbener Gatte, in solcher Weise Einbuße unfeiner kaufmännischen Ehre erlitten" — Markbreiter richtete sich unwillkürlich zu seiner vollen Höhe empor „bin ich Gott sei Dank im Stande, die Ehre des Schwiegervaters meines Sohnes, die ja die Ehre meines Kindes und meine eigene ist, durch Nachzahlung eines unbezahlten Restes wieder völlig herzustellen". Dina Leidensdorf ward noch bleicher, als sie schon bei Markbreiter's Eintritt gewesen, und auch Eva's Züge, die, vom Fenster zurücktretend, sich an ihre Mutter schntiegte, trugen das Gepräge des bittersten Seelenschmerzes. Nachdem Markbreiter etwa 2 Minuten — für diese peinliche Situation eine ziemlich lange Zeit — vergeolich auf Antwort gewartet hatte, begann das tiefe Mitleid, das er für sein eigenes Kind, dessen Aussichten auf ein ersehnbares Lebensglück mit jedem Momente mehr zu schwinden schienen, fühlte, jenes, das er für die Fremden empfunden, zu verdrängen. Die warme Tyeilnahme für den Sohn begann bei dem jähzornigen leidenschaftlichen Manne sowie auch leidenschaftlich zärtlichen Vater die Oberhand zu gewinnen. Er hatte bei seinem Temperamente, bislang in Selbstbeherrschung Unglaubliches geleistet, jetzt schien sein morsch gewordener Geduldsaden schon zu reißen, seine Stirne furchte sich, seine Züge verdüsterten sich, seine Wangen färbten sich dunkler und er sprach nur mühevoll, seinen aufsteigenden Zorn bekämpfend. „Sie würden mich zu großem Danke verpflichten, wenn Sie die. Güte hätten, mir doch etwas zu erwidern. Die freundlichen Worte, die ich an Sie gerichtet, sind doch wahrhaftig einer Antwort werth." Mutter und Tochter blickten einander verzweifelnd ins Gesicht. Endlich bewegten sich Dinas bebende Lippen und sie stieß mit heiserer Stimme hervor: „Herr Markbreiter, es bedauert es Niemand tiefer, als ich selbst, Ihnen keine andere Antwort ertheilen zu können, als jene, die ich Ihrer Gemalin, Eva Ihrem Sohne ertheilte." Markbreiter richtete in höchster Spannung einen fragenden Blick auf Eva; er hoffte noch immer, daß diese ihm eine andere Antwort ertheilen würde, aber nach kurzem schweren Kampfe, sprach Eva mit versagender Stimme: „Möge Ihr Sohn an der Seite eines anderen Weibes, das ihn so liebt wie ich, so glücklich werden, als er's verdient, als ich es wünsche! Meine Segenswünsche werden ihn so lange ich lebe, begleiten, mein letzter Alhemzug wird ein Gebet für ihn sein!" Dann stürzte sie wie sinnlos aus dem Zimmer. „Mein Sohn hat mir berichtet", meinte Markbreiter nach einer Pause, während welcher er nach Fassung rang, „daß Ihre Tochter frei, daß sie unverheiratet sei — ist das vielleicht nicht richtig?" „Herr Markbreiter", erwiderte Dina bitter, „es gibt Umstände, die mich und mein Kind zwingen können, über etwas zu schweigen, aber es gibt nichts auf Erden, das mächtig genug wäre, uns zu zwingen, eine Lüge auszusprechen." Ein durch die Eigenthümlichkeit der Verhältnisse leicht geweckter Gedanke schoß Markbreiter durch den Kopf; in dem heißen Bestreben, nichts imerörtert, nichts unversucht zu lassen, seines Kindes Lebensglück zu erhalten, trat er ihm unüberlegt aus die Lippen. „Ist es etwa Eva, ohne ihr eigen Verschulden, nicht gestattet, einen Mann durch ihre Hand zu beglücken?" Die bleichen Züge der schwer verletzten Frau färbten sich purpurn, ihre noch immer schönen Angen schleuderten Blitze und ihre Stimme klang überraschend mächtig, wie heller Glockenton als sie erwiderte: „Ich war meinem Gatten treu — wären wir nicht unglücklich, ein Sprosse des Königs David dürfte um meine Eva werben!" „Unbegreiflicher Eigensinn!" rief Markbreiter zornig auffahrend und mit dem Fuße aufstampfend; aber der heftige sich int Laufe der Unterredung stets steigernde Seelenschmerz, die fieberhafte Aufregung überstieg Dina Leidensdorf erschöpfte Kräfte, sie sank plötzlich lautlos zu Boden. Eva stürzte in das Zimmer, das dumpfe Geräusch, welches der Fall verursachte, hatte auch die Verwalterin, die in der Nähe mit häuslichen Arbeiten beschäftigt war, herbeigezogen. Die beiden Frauen brachten die Ohnmächtige in das anstoßende Zimnier zu Bette. Markbreiter wartete nur so lange, bis er erfuhr, Frau Dina sei ans ihrer Ohnmacht erwacht, dann fuhr er nach Nikolsburg zurück. Als er am nächsten Tage einen Boten nach Schönhof sandte, um sich nach deren Befinden zu erkundigen, wurde ihm die Nachricht, die beiden Frauen wären spurlos verschwunden. - (Fortsctzmlg folgt.) Wochrrrkalrnder. Ab-Ernl 5658. — August 1893. I Freitag ■; •29 11;! E. b. N. 7" 57'8m Samstag 80 i n s 1 12 jl 1. No sch Chodesch Sonntag 13 i| 2. „ Montag 2II : 14;i Dienstag 3; II 15;j Mittwoch! 4',!j 16 |l Donnerstag 5 i 17 |] Freitag 6) 18 1 1 ll ■ Briefkasten. Ober-Rabbiner Dr. Spitzer, Est'ek. Den Abounementsbetrag bis Ende Februar 1394 haben wir erhalten. L. G. Wir empfehlen Ihnen als Pensionat das Mädchen- Lhceum von Fräulein Eleonore Jeiteles, Wien, I., Franziskanerplatz Nr. 5. L. O.> Rudvlfsheim: Nach genauen Informationen war der Waisenknabe bereits 15 Jahre alt, also kein Barmipvah. I. K», Rrrznan: Wir bedauern, Ihren Vorschlag nicht gutheißen zu können. Es darf die Eewalt nicht an Stelle der Belehrung treten. David Eistnger, Präses-Stellvertreter aus Floridsdorf, in Lutzatschowitz: Ihr Bericht kam uns leider zu spät zu. *) Prov. Cap. 10, B. 12.