Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 610 Vryerreichifchr WochrnschrM Nr. 33 „Beruhige Dich, Mutter", sprach Eva, während ihren Augen Thränen entstürzten, „wenn auch Jemand hier angelangt ist, hat es uns nicht zu kümmern, uns sucht hier wahrhaftig Niemand." Es wurde zuerst leise an der Thüre geklopft, dann überschritt der Verwalter David Lanastadt ehrerbietig die Schwelle. „Ich bitte recht sehr um Entschuldigung für die Störung", sprach er, „Herr Aron Markbreiter, mein Dienstherr und als Fürstlich Liechrenstein'scher General-Arrendator auch Pächter dieses Branntweinhauses, ist soeben angekommen und läßt höslichst fragen, ob er nicht stören wurde, wenn er sich erlauben würde, seinen Besuch abzustatten. Herr Aron Markbreiter", fügte er, als wolle er dadurch dessen Bitte unterstützen, hinzu, „ist ein gar vornehmer Herr, er ist erster Vorsteher der Nikolsburger Judengemeinde und Landesältester der Provinz Mähren. Er ist der reichste und angesehenste Mann im Lande. Er ist ein Freund des weltberühmten Samson Wertheimer in Wien, welcher der Oberrabbiner der Reichs- und der österreichischen Judenheit und Oberhof- und Oberkriegsfactor ist. Auch steht Herr Markbreiter beim Statthalter und selbst bei des Kaisers Majestät in hohen Gnaden." Eva wurde purpurroth und auch Dina zuckte convulsivisch zusammen, doch hatte diese während der längeren Rede des Verwalters Zeit, sich zu sammeln, und sie sprach würdevoll: „Herr Aron Markbreiter befindet sich ja in seinem Hause, dessen Gastfreundschaft wir genießen. Sagen Sie ihm, daß uns sein Besuch jederzeit zur Ehre gereicht und wir bereit sind, ihn zu empfangen." David Langstadt verschwand. „Was sür neue Schreckniß wird uns wieder dieser Besuch bringen?" seufzte Dina. „Wenn Aron Markbreiter seinem Sohne gleicht, haben wir nichts von ihm zu befürchten, und ich glaube, daß es so ist. Perez spricht von seinem Vater stets mit Liebe und Ehrfurcht", erwiderte Eva, aber das Zittern ihrer Stimme bewies, daß auch sie in banger Erwartung dem angemeldeten Gesuche entgegensah. Aron Markbreiter trat ins Zimmer. Er war ein Mann von acht- bis neunundvierzig Jahren, groß, stark, mit dunkelblondem Vollbarte, während das ursprünglich gleichfarbige Haar schon stellenweise grau angeflogen war. Das frische, geröthete Gesicht, die schönen, dunkelblauen Augen vervollständigten die Ähnlichkeit mit seinem Sohne. — Er blieb an der Thür stehen und ließ einen prüfenden Blick über die beiden Frauen gleiten. Die würdige Haltung Dinas, die nur durch ihr silberweißes Haar alt erschien, die ungewöhnliche Schönheit Evas, die seine Erwartungen nock bei weitem übertraf, machten offenbar einen überraschenden Eindruck auf ihn, so daß er, der furchtlos mit dem Statthalter, ja mit dem Kaiser sprach, verlegen kein Wort fand, die Unterredung, um die er angesucht, zu eröffnen. „Seien Sie uns herzlichst willkommen", sprach Dina Leidensdorf, mit einer graziösen Handbewegung den Gast zum Niedersetzen in den Lehnstuhl, den Eva rasch an den Tisch ge» rückt, einladend. „Die unerwartete Ehre, die Sie hochgeschätzter Herr, uns erweisen, bietet uns die langersehnte Gelegenheit, Ihnen unfern Dank für das Wohlwollen auszudrücken, das Sie uns, Ihnen völlig Unbekannten, Fremden, zugeweudet". Markbreiter blickte von Neuem erstaunt zu Dina Leidensdorf auf. Bildung und richtiger Gebrauch hochdeutscher Sprache gehörten zu jener Zeit im Allgemeinen zu den größten Seltenheiten und waren in den jüdischen Kreisen nur ausnahmsweise; bei jüdischen Frauen aber ausschließlich nur in Familien, die durch Neichthum und Lebensstellung weit über ihre anderen Glaubensgenossen hervorragten, zu finden; doch hatte er sich jetzt so weit gesammelt, um zu erwidern: „Ich bin in der That nicht gekommen, um Dank für etwas einzuheimsen, was meiner lieben Frau das größte Vergnügen bereitete. Ich war nach dem, was ich von dieser und meinem Sohne über Sie gehört, begierig, Sie kennen zu lernen, allein es wurde der Wahrheit, die mir über Alles - geht, nicht entsprechen, würde ich sagen, daß dies der Zweck meines Besuches ist. Ich bin ein überaus beschäftigter Mann, und müßte, stünde mir nicht mein wackerer Sohn rüstig zur Seite, der Ueberlast der Geschäfte, die aus mir wuchten, erliegen. Mein Handlungshaus zählt zu den größten in Oesterreich, ich habe Verbindungen in allen Theilen der Welt. Ueberdies wird ein Theil meiner Zeit von öffentlichen Angelegenheiten in Anspruch genommen . . . ." Markbreiter hielt einen Augenblick inne, es schien ihm leid zu thun, seine Stellung so unbescheiden gefärbt, geschildert zu haben, und er fügte hinzu: „Ich wollte damit nur sagen, daß ich oft Monate lang nicht eine Spanne Zeit anders als zu wichtigen Angelegenheiten verwenden kann, und eine solche ist es auch, die mich zu einer für einen Besuchs bei Frauen unpassenden Zeit hierher geführt. Darf ich von dieser offen sprechen?" Dina Leidensdorf erbleichte, Eva ward brennend roth, die Thränen schossen ihr in die Augen, sie trat an's Fenster, drückte ihre Wange an die kalte Fensterscheibe, und Markbreiter, dessen Blicke sie in höchster Spannung verfolgten, erkannte an dem convulsivischen Zucken, das ihre herrliche Gestalt durchbebte, daß sie heftig, still weine. Dina wollte sprechen, aber ihre Lippen vermochten kein hörbares Wort zu bilden. Nach dem Gehaben der beiden Frauen nahm Markbreiter an, daß sie, den Zweck seiner Anwesenheit verkennend, etwa das Gegentheil von dem erwarteten, was er beabsichtigte, und das Schweigen peinlicher Verlegenheit als Erlaubniß, fortzufahren, betrachtend, sprach er mit tiefer Bewegung. „Ich besitze ein einziges Kind, meinen Sohn Perez. Er ist, Gott tausend Dank, wohlgerathen, er ist der beste, zärtlichste Sohn und mir — verzeihen Sie dem verblendeten Vater die thörichte Ueberhebung — erscheint er noch mehr, mir erscheint er als eine Zierde der Menschheit." „Sie überschätzen ihn nicht", erwiderte Dina, auch ich und meine Tochter haben ihn als solchen erkannt." Markbreiter's Augen leuchteten auf und er fuhr fort: „Wie mich Ihr Ausspruch freut, wie wohl er meinem Herzen thut!" . . . Sie werden mir's glauben, daß es mein unablässiges Streben ist, meinen Sohn so glücklich zu machen, als dies in der Macht eines schwachen Menschen steht. Das höchste Glück im irdischen Dasein aber bietet ein treues, edles, geliebtes Weib! — Ich kenne es, mir hat es Gott in seiner Huld beschieden — und mein heißester Wunsch ist's, mein' Sohn Perez möge ein gleiches erlangen. Ich suchte eine Gattin für ihn und erfuhr, er habe schon gewählt und mir es nur deshalb verschwiegen, weil er befürchtete, ich könnte seine Wahl mißbilligen. Der kindische, liebe Mensch! Als ob ich etwas Anderes als sein wahres Glück erstrebte!" Markbreiter athmete tief auf und sprach dann rasch, wie Jemand, der über eine gefährliche Stelle wegeitt. „Ich kam vor mehreren Tagen von Wien heim, ich hatte Vieles mit Perez zu besprechen, der auch sofort in wichtigen Geschäftsangelegenheiten zum kaiserlichen Generalzahlmeister, der sich eben jetzt in Preßburg aufhält, reisen mußte. Ich fand meinen Sohn bleich, verstört, bekümmert, daß mir bei seinem Anblick das Herz zum Brechen weh that. Ich erfuhr von meiner Gattin und von ihm, was Euch bekannt ist. Ihr habt seine Werbung um Evas Hand zurückgewiesen. Mir hat die Art und Weise, wie Jhr's gethan, ganz gut gefallen — offen und ehrlich, nur ein klein wenig gar zu stolz — es gibt eben eine übermäßige Bescheidenheit, die dem Hochmuth wie ein Ei dem andern ähnlich ist." Markbreiter hielt inne, augenscheinlich dachte er darüber nach, wie er das, was er sagen wollte, in aller unverletzendster Form aussprechen könne. „Je feinfühliger edle Frauen von Natur und durch Erziehung sind, desto entschuldbarer erscheint es, wenn Sie etwas überreizt werden.— Gottes unerforschliche Fügung scheint Hartes über Euch geschickt zu haben . . . Auch mag man Euch ein unrichtig Bild von mir gegeben haben, man mag mich Euch als geldgierigen, hochmüthigen Menschen geschildert und da möget Ihr geglaubt haben, ich würde mich unbedeutender, nebensächlicher Dinge willen, dem Glücke meines einzigen Kindes entgegenstellen. Ich . . . ich" wieder stotterte der kluge, sonst redegewandte Mann vor Verlegenheit etwas auszusprechen, was die Frauen unangenehm berühren könnte, „habe, Gott sei Dank, nicht nöthig, darauf zu sehen, daß meine Schwiegertochter meinem Sohne einen großen Brautschatz mitbringt, ich habe für Beide genug. Ich stelle an meine zukünftige Schwiegertochter keine andere Anforderung als die: sie soll mit Gottes Hilfe meinen Sohn beglücken, thut sie das nach ihrem besten Können, dann hat sie mir für meine Einwilligung gar nicht zu danken, im Gegentheil ich werde ihr bis zr meinem letzten Athemzuge dankbar sein und meinen letzten Vatersegen redlich zwischen ihr und meinem Sohne theilen.