Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-08-11 · 32 (11.8.1893) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
32 (11.8.1893)
Date
1893-08-11
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020986--02660-3026760
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 32 Orsterreichifitze Wochrnschrifl Seite 609 zerfetzter Strick versah die Stelle des Glockenzuges und nach heftigem Läuten wurde ich eingelassen. In einer kahlen Stube, deren Kelle, luft das Blut erstarren machte, auf einem ärmlichen Bette lag unter einem Bündel Decken das winzige Männchen. Vor der Kälte ins Bett geflüchtet und obwohl fiebernd vor Unbehagen, besteht er darauf, aufzustehen, um mir seine geheimen Schätze zu zeigen. Ein Kohlenbecken wird hereingebracht, die starren Glieder zu wärmen, dann öffnet er die Thür des Nebenzimmers und wir stehen in einer — Synagoge, in Croccolo's Familien- Synagoge. Ein Heller großer Raum, in der Mitte ein rundes Empor, von welchem herab die Thora verlesen wird, umgeben von Gitterwerk in prächtiger, alter Holzschnitzerei, schöne Betpulte, alterthümliche Messingleuchter und endlich im Osten das Allerheiligste, der Schrank mit den Thorarollen, verhüllt durch eine Decke von kostbaren Stoffen. Im selben Gegensätze wie der künstlerisch vornehme Raum zu dem armseligen Wohnhause stand der Croccolo der Synagoge zu dem kleinen, zitternden Geschöpfe von vorhin. Hohe Genugthuung und Stolz verklärten sein runzeliges Gesicht, als er mir alle Golduud Silbergefäße zeigte, die Hände, Schilder und Thürmchen, welche an hohen Festtagen die Thorarollen zieren, die kunstvollen Stickereien, mit denen die Schränke und Pulte bedeckt werden. In seliger Demuth küßt er jedes heilige Geräth, mit Inbrunst die Thora; schwelgend in Erinnerung an die Zeit, da seine Familie zu den vornehmsten der Gemeinde gehörte, scheint er ganz entrückt der armseligen Gegenwart. Mein weltlicher Sinn schreckt ihn aus seiner Verzückung. „Verzeiht, Ihr seid krank, leidet Roth, und besitzet solche Schätze. Machet sie doch zu Geld." „Wo denkt Ihr hin, Herr! Das Meiste und Kostbarste ist Widmung befreundeter Familien, und eher will ich sterben, als dieses kostbare Erbe meiner Voreltern dem Antiquar überliefern. „Diese Schätze reizen mich nicht, das Uebel ist blos, daß ich die Miethe für diesen Raum aufbringen muß — das richtet mich vollends zu Grunde. „Oft bat ich die Gemeindevorstehung, mir diese Bürde abzunehmen, aber sie habe kein Geld. Dann verkleinert sich die Zahl der Mitglieder, daß selbst die große Synagoge nie voll wird. „O, wenn ich diese Last nicht hätte, Alles wäre besser!" Ein tiefer Husten, der im Anhören schmerzt, folgt diesen Worten. »Ma c’e per l’onore della casa.« „Aber es geschieht für die Ehre des Hauses." * * Und als ich dann Abschied nahm von Croccolo und seiner Synagoge, Abschied wohl für immer, da sah ich mir es fest an, das kleine Persönchen, welches Bücher verkauft in den Straßen von Livorno — für die Ehre des Hauses. Mir war's, als hätte ich in ihm den Geist des Judenthums gesehen. H. York. Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs- 19) rechte Vorbehalten.) Zehntes Capitel. In einer Stube des Fürstlich'Liechtenstein'schen Branntwein- Hauses in Schönhof saßen Dina und Eva Leidensdorf an dem Arbeitstische. Die Letztere hatte bis zum Anbruche der Dämmerung an einer Perlenstickerei gearbeitet, dann war die Nadel ihrer müden Hand entfallen und die beiden Frauen waren lange Zeit unthätig einander gegenüber gesessen. Ein durch eine unwillkürliche Bewegung entstandenes Geräusch — eine Scheere war vom Tisch gefallen — weckte Eva aus ihrem tiefen Sinnen. „Mütterchen", sprach sie, „es ist schon dunkel, ich will die Lampe anzünden." Dina brach in heftiges, leidenschaftliches Schluchzen aus. Eva, mit einem raschen Sprunge an ihrer Seite, umschlang sie zärtlich und küßte ihr die Thranen von den Wangen. „Was hast Du, Mütterchen?" frug Eva, „warum weinest Du?" „Du fragst, warum ich weine? Habe ich nicht Grund dazu? — Als Du vom Licht sprachst, tauchte wieder das Bild unseres entsetzlichen Elends vor meiner erschreckten Seele auf. In meinem Gemüthe kann es auf dieser irdischen Welt nie wieder Licht werden — zu Grauenvolles ist uns widerfahren!" „Theuere Mutter!" rief Eva, „glaubst Du denn nicht, daß der allmächtige Gott lebt, daß er helfen kann?" „Du sprichst, wie Perez Markbreiter in jener schauerlichen Nacht gesprochen; ich antworte Dir, was ich ihm erwidert: Ich glaube, daß Gott, der die Welt durch seines Willens Kraft aus Nichts in's Dasein rief, des Menschen Schicksal in jedem Momente zum Guten wenden kann; aber ich glaube, er will uns nicht helfen! — Weßhalb? Das vermag ich nicht zu fassen. Gott ist gerecht, wir haben die furchtbare Strafe verdient, wenn wir cs auch nicht erkennen können." „Wir die furchtbare Strafe verdient?" sprach Eva, „das glaube ich nicht, das kannst auch Du nicht glauben. Du und der Vater, Ihr Beide habt Gottes Wort und Willen nie, nicht durch die geringste That, nicht durch ein Wort, ich glaube, nicht durch einen Gedanken verletzt. Wo gab cs im ganzen weiten deutschen Reiche, wo in der ganzen Welt ein Haus, das sich mit unserem messen durfte? Es war eine Stätte der wahrsten Frömmigkeit, der reinsten Menschenllebe! Kein Hungeriger, der unsere Schwelle betrat, verließ unser Haus ungesättigt, kein Nackter unbekleidet, kein Bittender unbeschenkt, kein Unglücklicher ungetröstet. Wie viele Menschenleben hatte der Vater gerettet, wie viele Unschuldige aus dem Kerker befreit, von wie vielen Unglücklichen die Qualen der Tortur ferngehalten! — Und Du Gute, Edle, wie Vielen bist Du Mutter gewesen, wie viele Thräuen hast Du getrocknet, wie viel Elend gelindert? Wie viele Nächte hast Du an Krankenbetten durchwacht? — Nein Mutter, das, was Du sprachst, das kannst Du in der That nicht glauben; und seien wir nicht undankbar gt gen Gott — hat er sich nicht unser wunderbar erbarmt? In jener Nacht, als wir hilfloser, als je ein Mensch gewesen, hungernd, frierend, in fremdem Lande, in graufem Sturme unter Gottes freiem Himmel standen, — als wir zu Tode ermattet, nicht einen Pfennig, nicht ein überflüssiges Kleidungsstück besaßen, das wir verkaufen konnten, um ein Nachtlager zu bezahlen, als wir nicht wußten, wohin wir unsere nackten, blutenden Füße wenden sollten, als Du Dich meinen erstarrten, kraftlosen Händen zum Trdessprung in den vorbeirauschenden Fluß entwinden wolltest, da glaubte ich vor Verzweiflung wahnsinnig zu werden und schrie aus tiefster Seele: Herr, hilf! — Und Gott half, er sandte uns Perez Markbreiter . . .." Eva hielt erschreckt inne, wäre es hell im Zimmer gewesen, hätte ihre Mutter die brennende Röthe auf ihren Wangen, das Wogen ihres Busens bemerken müssen. „Ach, wie tief mich das schmerzt", erwiderte die Mutter. „Du liebst ihn, er liebt Dich, nie gab es zwei Menschen, die einander würdiger gewesen, nie gab es zwei Menschen, die mehr für einander geschaffen schienen, als Ihr — doch unser namenloses Elend stellt sich zwischen Euch, zertritt erbarmungslos Euer Lebensglück, zerreißt mein treues Mutterherz!" „Daß ich mich von Perez Markbreiter geliebt weiß", erwiderte Eva, „macht mich so glücklich, als es ein Mensch in meiner Lage eben zu werden vermag. . . . Ich will die Lampe bringen, wenn es hell im Zimmer ist, wird sich Deine edle, reine Seele doch entdüstern." Als Eva mit der brennenden Lampe in das Zimmer trat, ward von Ferne Peitschenknall und rasch nahendes Schellengeklingel vernehmbar. Bald darauf hörten die Frauen, daß ein Schlitten durch das große Thor in den Hof einfuhr, auf dem es plötzlich laut und lebendig wurde. — Dina zuckte heftig zusammen. „Weßhalb erschrickst Du, lieb Mütterchen?" frug Eva. „Seit jener Nacht erfüllt mich das Geräusch eines nahenden Wagens mit Grauen — ich bin überhaupt sehr schreckhaft geworden, ein halblautes Wort, ein Vogelruf, ein leiser Windeshauch läßt mich erbeben. Der Gvttesfluch: „Ich sende Zaghaftigkeit in ihr Herz, das Rauschen eines Blattes wird sie in die Flucht jagen", ist an uns zur Wahrheit geworden."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.