Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 608 VesterrevWchr Wochenfchrifl Nr. 32 deren er habhaft werden kann, beginnt nach neuen Zauberern der Heilkunde zu forschen, der Wandertrieb erfaßt ihn wieder, und er ist eines Tages verschwunden, verschollen. Bergessen wird er nicht, denn sehr bald stellt sich ein ihm seltsam ähnlicher Leidensbruder ein, der aufs Neue die ewige Klage dieser besonderen Art des menschlichen Jammers den Aerzten vorträgt. Es ist aus alle Fälle ein interessanter und geistreicher Versuch, den Charcots strebsamer Schüler unternommen, in wissenschaftlicher Beobachtung, unter Beifügung einer Krankheitsgeschichte, die allgemeinen Züge der einzelnen Fälle dieses eigenthümlichen jüdischen Nervenleidens zu einem Gesammtbilde zu vereinigen und dieses Bild der dunkeln Sagengestalt des ewigen Juden gegenüberzustellen. Wohl mag in vergangenen Tagen schon, als der Aberglaube und die Unduldsamkeit größer und die bürgerliche Sicherheit unendlich viel geringer war als heute, unter grausamer Bedrängnisi und wilder Verfolgung bei dem unterdrückten, gehetzten und geängstigten Volke diese Krankheitserscheinung sich mitunter, vielleicht häufig eingestellt haben. Auch ist es denkbar, daß die Gestalt des auffallenden, verstörten Fremdlings, der unter Schmerz und Klage ruhelos durch die Länder irrte und nach Meistern der Heilkunde und der schwarzen Kunst forschte, aus die einfachen Gemüther, der Landbevölkerung zumal, einen tiefen, nachhaltigen Eindruck machte. Der Gedanke an irgend einen schrecklichen Fluch, der auf dem unglückseligen alten Juden ruhen möchte, lag der herrschenden Gedankcnströmung am nächsten, und da das Volk sich immer erinnerte, daß die Juden den Herrn Jesus gekreuzigt hatten, und stets vergißt, daß der Erlöser, die Gottesmutter und die Apostel allesammt auch Juden gewesen, so war es am Ende nicht unnatürlich, daß der Volksmund und die Volkspoesie den fluchbeladenen Wanderer, von dem die Alten erzählen und den die Enkel gelegentlich nach der Beschreibung wiederzunfenuen glaubten, irgendwo und irgendwie in Verbindung mit der Leidensgeschichte und der Kreuzigung brachten. Möglich erscheint es somit immerhin und vielleicht wahrscheinlich, daß der jüngsten einer unter den jungen Doctoren der Medicin am Ende des 19. Jahrhunderts die thatsächliche Grundlage der alten Sage richtig erkannt und festgestellt hat und daß der unstete Wanderer, den die Dichter fast aller Länder besungen haben, weiter nichts war, als ein armer kranker Jude aus dem Osten, aus Rußland oder Polen. ______ K. Z. Crorrolo's Synagoge. Ein Cardinal als Gründer einer jüdischen Gemeinde! Wer erschrickt da? Ach, diese Eminenz ruht längst im Grabe und ihr Geist, deß bin ich sicher, weilt im Kreise der Seligen, nahe, ganz nahe dem Throne des Allerhöchsten, der die Liebe bedeutet. Ferdinand, aus dem fürstlichen Geschlechte der Mediceer, erhielt im Jahre 1562 den Cardinalshut und galt als einflußreichstes Mitglied des päpstlichen Hofes. 25 Jahre später starb sein Bruder Franz ohne Thronerben, was ihn veranlaßte, die hohe geistliche Würde niederzulegen, um die Regierung des Großherzogthums Toscana zu übernehmen. Das war um die Zeit der Renaissance, als Kunst und Wissenschaft ihre Wiedergeburt feierten und ein Völkerfrühling über die Welt kam, dessen Blüthen noch heute die Menschheit erquicken. In Spanien aber sträubte man sich gegen die Regungen des neuen Geistes, und wessen Knochengerüst zu fest war, um sich der Inquisition zu beugen, der mußte anderwärts feine Heimat suchen. So kam es, daß Ferdinand I. von Toscana den vertriebenen spanischen Juden in dem neu entstehenden Livorno eine Zufluchtsstätte bot. Die neuen Bürger des Cardinal-Großherzogs lohnten seine Menschenfreundlichkeit, indem sie den kleinen Landungsort, der im Jahre 1551 nur 749 Einwohner zählte, alsbald zur wichtigsten Handelsstadt Italiens erhoben, deren Hafen von allen Flaggen der Welt begrüßt wurde. Im zehnten Jahre seiner glorreichen Regierung wurde der israelitische Hilfsverein gegründet, der nunmehr aus eine dreihundertjährige Thätigkeit zurückblickt, und ini Jahre 1606 war die vom Cardinal begründete Gemeinde groß und reich genug, um die herrliche Synagoge aus karrarischem Marmor aufzubauen. Die Stadt zählte bis 60.000 jüdische Einwohner, darunter sehr viele reiche und angesehene Familien, zu denen auch die Croccolo zählten. Wie viele Juden es heute in Livorno gibt, ich konnte es nicht erfahren. Sie behaupten dort: ein Mensch sei wie der andere, und der Staat, welcher Geld-und Blutsteuer von allen Unterthanen gleichmäßig einhole, hätte kein Recht, nach ihrer Confession zu fragen. Sie sind eben noch weit zurück dort unten in der — Statistik. So viel ist sicher: Livorno verlor sehr viel an Genua, und die Judengemeinde wird alljährlich kleiner und ärmer. Mit dem Reichthum und der Größe der Gemeinde schwand auch die der Croccolo, und ihr letztes Mitglied ist klein — so klein und arm, ach, so arm — doch das will ordnungsgemäß erzählt sein. Ein kleines Menschenkind schiebt einen langen, bücherbeladenen Karren vor sich her, durch die Straßen von Livorno. Der Gestalt nach scheint's ein halbwüchsiger Knabe; das faltige Antlitz jedoch und die müden Augen, die von schwerem Leid erzählen, sie belehrten mich, daß die Jahre und der Kummer über seinen Körper hinausgewachsen sind. Ich durchsuche die Literaturschätze, welche den Karren bedecken, und versuche ein Gespräch anznknüpfen, dem der kleine Mann ausweicht — soweit es nicht seine Bücher betrifft. Jndeß nähert sich ein junger Mann, der unschwer als Deutscher zu erkennen ist, und zwischen ihm und dem zwerghaften Buchhändler entspinnt sich folgendes Gespräch: „Seid Ihr Signor Davide Croccolo?" „Sicherlich." »Ihr schuldet meinem Hause in Berlin noch 240 Lire aus einer alten Verrechnung." „Das ist richtig " „Ihr geltet als insolvent." „Ich bin so unglücklich, mein Herr. Als ich vor. zwei Jahren erkrankte, war ich gezwungen, meinen Laden zu schließen; die Kunden verliefen sich, und nachdem ich das Bett verlassen hatte, war ich außer Stande, meine Gläubiger zu zahlen. Nun besitze ich fast nichts, als diese Reste meiner Maaren. Wenn ich mich kräftw genug fühle, fahre ich durch die Straßen, um meine Bücher auszubieten, aber glaubet mir, o Herr, ich verkaufe gar wenig." Der arme Deutsche wurde feuerroth und sagte in einem Tone, der mürrisch klingen sollte: „Ja, wer zwingt Euch denn zu zahlen, wenn Ihr arm seid und kränklich? Wäret Ihr es doch, der die alte, vergessene Geschichte aufrührte und Geld bot für eine Schuld, die längst abgeschrieben war und als verloren galt." — „O, was denkt Ihr, Herr! Ich will zahlen, ich will meinen ehrlichen Namen wieder, »o'e per 1'onore della casa«. Es ist wegen der Ehre des Hauses." Dann zog er all sein Geld aus der Tasche und zählte zwei Fünf-Lire-Sckeine, etwas Silber und ein Häufchen Kupfer hin, nicht ganz zwanzig Lire. „So, Herr, und im nächsten Jahre, wenn Ihr nach Livorno kommt, zahle ich wiever etwas." „Nicht doch," sagte der Deutsche; „ich soll Euch im Aufträge des Hauses für zehn Percent, also für vierundzwanzig Lire, die ganze Schuld quittiren." Dabei wußte er nicht, ob er lachen sollte oder weinen, und der kleine C'wccolo wußt's dann ebensowenig. Er lief aufgeregt hin und her, von einem Laden zum andern, und brachte endlich die fehlenden vier Lire zusammen. Gierigen Blickes verfolgte er hierauf die Hand des Reisenden, welcher ihm bestätigt, daß die ganze Schuld beglichen sei. Er faltet streichelnd das Papier, fährt nochmals liebkosend mit der Hand darüber, birgt es auf seiner Brust, und strahlenden Antlitzes hebt er die Schultern in die Höhe, wendet die Handfläche nach außen und murmelt, wie entschuldigend: »c'c per l'onore della casa.« Am selben Tage noch wurden wir gute Freunde, „Signor Davide", lute man ihn kurzweg im Ghetto zu Livorno nennt, und ich; sehr gute Freunde wurden wir. so, daß er mich einlud, ihn bald zu besuchen, er hätte' mir etwas zu zeigen. Ein schneidig kalter Wind wehte von der See her, als ich mich entschloß, sein Heim aufzusuchen, und nichts erinnerte an diesem Tage daran,, daß man in Italien lebe, als die unheizbaren Zimmer und die unwirthlichen Gasthausräume. Nahe dem Gebürtshause Montefiore's, eine gebrechliche Treppe hinan, in einem verwahrlosten Baue, dort fand ich die vermorschte Thür zu Croccolo's Wohnung. Ein schmieriger,