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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-08-11 · 32 (11.8.1893) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
32 (11.8.1893)
Date
1893-08-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 32 Orsterrrichische Wochenschrift Seite 607 Werken des Künstlers sind außer den auf der bisherigen Kunst- ' ausstellung befindlichen noch eine lebensgroße sitzende Statue Iwans des Schrecklichen und ein Grabmonument einer jungen Russin als anerkannt bedeutende Leistungen hervorzuheben. Antokolsky gehört zu den genialsten Künstlern, die Rußland zur Zeit besitzt. Berlin. Der Stöcker ist ein Großer! Wer das noch nicht gewußt hat, der erfährt es aus einem „Eingeseudet" im Stöcker'schen „Volk". Der Einsender ist vermuthlich Stöcker selber. Hier eine Stichprobe der Selbstbeweihräucherung: Kehren sich die Massen nicht von Stöcker ab nnd wenden sich Böckel nnd Ahlwardt zu? Fällt erstens den Massen gar nicht ein! Und zweitens, wenn Massenerfolge aber Wahrheit und Recht entscheiden, dann müßten die Herren Bebel und Liebknecht geradezu Könige der Wahrheit sein. Die Freisinnigen sagen, der Kampf der Radicalen gegen Stöcker sei nur die Folge seiner eigenen Agitation. Es wiederhole sich hier das Schauspiel der französischen Revolution, wo auf die gemäßigten Girondisten die wnthenden Jakobiner folgten. Aber dieser Vergleich hinkt, ja er ist lahm. Wir möchten vielmehr an die Thatsache der Geschichte erinnern, daß die lärmenden Marktschreier mit ihren billigen Versprechungen immer für den Augentlick mehr Zulauf hatten, als die großen Männer mit ernsten, sittlichen Forderungen. Waren die Sophisten seinerzeit nicht populärer als Sokrates, die Schwarmgeister nicht populärer als Luther, die Heren Kotzebue und Lafontaine nicht beliebter als Schiller und Goethe? Aber wenn der Tagesruhm der Kleinen längst verwischt ist, dann wird die Nachwelt noch bewundern die Bedeutung der Großen! So wird denn die Nachwelt Gelegenheit haben, den zweiten Luther, Stöcker den Großen, zu bewundern! Wir gönnen es dem großen Stöcker, denn die Mitwelt springt sehr schlecht mit ihm um. Hamburg, '31. Juli. Aus schwerer Bedrängniß sind unsere Glaubensgenossen in dem benachbarten Harburg befreit worden. Die Stadt hat ein Schlachthaus gebaut, welches am 15. Juli eröffnet wurde. Eine Vorkehrung für das Schächten ist in demselben nicht getroffen und auch ständig verweigert worden, eine solche einzurichten, so daß vom 15.. d. M. ab das Schächten durch das für das Schlachthaus errichtete Statut, also durch Polizeiverbot untersagt war. Nachdem die Gemeinde beim Magistrat ohne Erfolg Proteste gegen das Verfahren eingelegt hatte, wandte sie sich an die Regierung in Lüneburg, welche aber gleichfalls abschlägigen Bescheid ertheilte. Der Sachverhalt wurde hierauf dem Ministerium vorgelegt, und am letzten Freitag traf nun die Nachricht ein, daß das Schächtverbot aufgehoben sei, weil, wie es in der Ministerialverfügung ausdrücklich heißt, der Polizei nicht das Recht zustehe, die jüdische Schlachtmethode zu verbieten. Hierdurch erhält die Entscheidung über den vorliegenden Fall hinaus präjudicielle Wichtigkeit. Dublin. Herr Michael Davitt hat einen Briefwechsel, welchen er mit Herrn Crowley führte, veröffentlicht. Herr Crowley ist es. welcher jüngst bei einem Meeting den Antrag stellte, die Juden mögen aus Irland ausgewiesen werden. Herr Davitt erwiderte, indem er auf das Volk hinwies, mit dessen Liebe für Freiheit und Gerechtigkeit sich solch eine Ungerechtigkeit gegen die Juden schwer vereinen ließe. Man hofft allgemein, daß dieser Appell an das Volk, an sein Menschlichkeits- und Gerechtigkeitsgefühl nicht ungehört verhallen wird. Der „ewige Jude" in moderner Beleuchtung. Der „ewige Jude" hat aus seiner langen Erdenfahrt alle möglichen literarischen Schicksale durch Behandlung in Versen und in Prosa erfahren müssen, in einer medicinischen Doctordissertation hatte man ihn aber bisher wohl noch nicht verarbeitet. Ein bevorzugter Schüler des berühmten Irrenarztes nnd Professors Charcot, Herr Henry Meige in Paris, hat ihm das in diesen Tagen angethan, und mit einer Unverfrorenheit, die ganz fin de 8ieele erscheint, den Nachweis angetreten, daß der alte jüdische Wanderer noch lebt, daß er in den Bereich der medicinischen Facultät gehört und periodisch lind ziemlich regelmäßig in Paris gesehen wird. Denn der Ahasverus unserer Sage, der Cartophilus des heil. Gregor von Tours, der uralte Mensch, der nach der volkslhümlichen Erzählung bei Pontius Pilatus Thürhüter war, dem Heiland auf seinem Leidenswege einen Faustschlag versetzte und zur Strafe wandern muß bis an das Ende der Tage, ist dem jungen Doctor zufolge nicht etwa eine wirkliche Gestalt aus nebelgrauer Vorzeit oder ein dichterisches Wahngebilde, sondern ein ganz prosaischer Krankentypus. Er ist ein nervenleidender armer Jude aus dem Osten Europas, der, vom Wandertriebe oder Reisewahn besessen, dem Elend und der Krankheit in der Heimat zu entrinnen sucht, ruhelos durch die Länder irrt, endlich unfehlbar auch nach Paris geräth und in dem großen Jrrenhause der Salpetriere bei den Gelehrten Heilung sucht. Der Name, die Classification für diesen Typus, ist gefunden: Dr. Meige bezeichnet ihn als „Nervopathe voyageur“, und nach seinen Angaben war es nöthig, diese Krankheitsform zu bestimmen, weil sie ziemlich häufig vorkommt. Kaum ist der eine Patient wieder seine Straße gezogen, so stellt sich ein anderer ein, wie jener ein Mann in ärmlichem Kaftan, mit langem Bart, mit tiefen Runzeln und Schmerzensfalten in den verwitterten Zügen, gebückt, verhungert und abgerissen, der mit der gleichen Geläufigkeit und Unermüdlichkeit wie jener dieselbe endlose Leidens- und Krankheitsgeschichte immer wieder herableiert und die geduldigen Aerzte fast aus dem Gleichgewichte bringt. Im Laboratorium der Salpetriere werden die armen Teufel einer wie der andere photographirt, und es ist merkwürdig, wie viele einander fast zum Verwechseln ähnlich sehen und wie der ganze Typus wieder dem Bilde ähnlich ist, das uns aus alten Stichen und Holzschnitten von der Sagengestalt des „ewigen Juden" aufbewahrt wird. Diese Aehnlichkeit beschränkt sich aber nicht auf die sichtbaren Aeußerlichkeiten, das allgemeine Bild, sondern sie erstreckt sich auf manche besondere Züge nnd Einzelheiten, die von der Sage überliefert werden. Die französische Sage erwähnt, daß der ewige Jude, wo immer er wanderte, stets des Landes Zunge redete. So erscheint auch sein heutiger Nachfolger, namentlich dem Franzosen, als ein vielsprachiger Mann, denn obschon er meist mit Vorliebe deutsch spricht, so ist ihm doch vielfach außerdem noch polnisch und russisch, mitunter dazu noch englisch oder türkisch und diese oder jene andere Sprache geläufig. Auch die eigenthümliche Armuth. die, wie in der französischen Sage immer nur über fünf Sous, nicht mehr oder nicht weniger, verfügt, trifft bei den jüdischen Patienten der Salpetrie'e zu. Sie fechten sich, unterstützt von der Gastfreundschaft und Mildthätigkeit ihrer Glaubensgenossen und der eigenen Bedürfnißlosigkeit, durch die! Länder, irren stets mit leerer Tasche umher und sind doch der unmittelbarsten Roth, dem Hungertode durch die paar Pfennige in ihrer Tasche entrückt. Die äußerste Charakteristik der Züge, Müdigkeit, Kummer, Schmerz und Verzweiflung, ist bei dem heutigen Wanderjuden dieselbe wie bei seinem berühmten Vorgänger, und eigenthümlicherweise ist auch die Ursache der Krankheit in großen Nervenerschütterungen, in Schreck oder großem Schmerz, Feuersbrünften, Blitzschlag, plötzlichen Todesfällen und dergleichen zu suchen, gerade wie die französische Legende den Cartophilus durch das Grauen, das die Kreuzigung auf dem Calvarienberge über' die anwesende Menschheit brachte, aus dem innern Gleichgewicht gerathen läßt. Wie der ewige Jude der französischen Sage im Gekreuzigten nur einen Zauberer sah, wie er seine Wunder nur als Zauberkünste betrachtete und dann durch die Länder schweifte und allenthalben die Meister der schwarzen Kunst aufsuchte, aber stets wieder, bald mit ihren Werken unzufrieden, größeren, geschickteren Meistern an anderen Orten zueilte, so trägt auch der heutige Wanderjude die Geschichte seiner Leiden von Ort zu Ort, von einem berühmten Arzte zum andern. Hat er einen neuen gefunden, so lebt die Hoffnung bei ihm auf. Sein Zustand beginnt sich zu beffern und gibt scheinbar Aussicht auf Genesung, doch nicht auf lange Zeit, denn der Arme ist wohl unheilbar. Bald ergreift ihn die Schwermuth wieder, er beginnt l neue Symptome seines Leidens zu entdecken, belästigt alle Aerzte

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