Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 604 Veyrrretchischr Mmtzenfitzrift Nr. 32 abgehalten werden und der antisemitische Abgeordnete Dr. Geßmann bei dieser Gelegenheit sprechen. Die BezirkshaupL- Mannschaft in Bischosteinitz hat die Abhaltung dieser Versammlung verboten. Dr. Geßmann wurde durch seine Anhänger in Ronsperg von dem Verbote der Versammlung verständigt. In seiner Rückantwort soll er angekündigt haben, er wolle sich sofort zum Prinzen Liechtenstein begeben, damit dieser die Aufhebung^ des Verbotes bei der Regierung erwirke. Pfarrer Rank aus Berg suchte die in Ronsperg Anwesenden zur Unterzeichnung eines Protestes gegen das Verbot zu bewegen und erklärte, daß Nachmittags in Wilkenau eine Privatversammlung stattfinden werde, bei welcher er sprechen wolle. Die Abhaltung dieser Versammlung wurde jedoch gleichfalls behindert; Nachmittags begaben sich Pfarrer Rank und Vater Dietrich nach Mätzling, um dort weiter zu agitiren. Wie verlautet, ist die Abhaltung einer Versammlung in Ronsperg für den 1. September in Aussicht genommen. Der Hauptveranstalter der Bewegung ist der aus Wilkenau gebürtige Pater Dietrich, Bürgerschul-Katechet im' II. Bezirke in Wien, der seine freie Zeit in seiner Heimat verbringt und sie für christlich-social-antisemitische Tbccken ausnützt. Die Absicht dieses Agitators und seines Anfanges ist es offenbar, in einzelnen Gegenden des Mieser und Bischofteinitzer Bezirkes Uneinigkeit in die Reihen der deutschen Bevölkerung zu tragen, um bei etwaigen Neuwahlen mit Hilfe der Czechen einen antisemitischen oder clericalen Candidaten durchzubringen. Die Wachsamkeit der deutschen Partei in Westböhmen dürste diese Bestrebungen vereiteln. Cger. (Synagogenweihe.) Dem bereits in Kürze veröffentlichten Berichte lassen wir hiermit nach der „Bohemia" eine eingehende Schilderung dieser erhebenden Feier folgen: Frühmorgens am 2 5. Juli versammelten sich die Mitglieder der Gemeinde im alten Bethause noch einmal, um von diesem mit einem solennen Gottesdienste Abschied zu nehmen. Nachdem Rabbiner Popper vorher noch eine Predigt gehalten und der Cultusvorstand Max Gottleb auch noch eine die allmälige Entwicklung der Gemeinde beleuchtende Ansprache an die Versammlung gerichtet hatte, wurden von den fünf Gemeindeältesten die Thorarollen feierlichst in die neue Synagoge übertragen. Der Act der Weihe derselben begann Nachmittags 3 Uhr. Zahlreiche geladene Gäste aller Confessionen und Stände aus Stadt und Umgebung fanden sich hiebei ein. Statthaltereirath Vogl als polit. Amtschef und Oberlandesgerichtsrath Watzka als erster Stadtraty und Vertreter des entschuldigten Bürgermeisters Dr. G schier wurden in der Tempelvorhalle von dem Gesammtvorstandc der Cultusgemeinde feierlichst empfangen und erwiderten die an sie gerichteten Ansprachen mit herzlichen Worten. Außer den genannten beiden Dignitären waren zur Feier erschienen die Herren : Kreisgerichts-Präsident Englisch mit den Landesgerichtsräthen Kohl, Woratschek und Welzel, dem Staatsanwalte Dr. Henner und dem Staatsanwalt-Substituten Dr. Kostial, Oberfinanzrath Baron Konradsheim mit Finanzrath Weiser und Finanz-Obercommissär Kirschner, Oberzollverwalterkais. Rath Ling, Oberst Fischer, Oberstlieutenant von Graf mit mehreren Herrn Landwehr- Officieren, Major Schiffner, mehrere Officiere des 73. Infanterie-Regiments, Gendarmerie-Rittmeister Krist, Oberpostverwalter Reger, kais. Rath S t a n k a, Landtagsabgeordneter Dr. S ch ü ck e r, k. baier. Bahn ins pe c t or T eppe, k. sächs. Güterverwalter Steinbach, Gymnasial-Director Marx, die Bürgerschul-Directoren Luhan und Pro ko sch, Vicqr Hrejsa in Vertretung des Superintendenten Jthamar Koch rc., Abordnungen des Handelsgremiums, des Männergesangvereines , des freiw. Rettungscorps, sowie mehrerer heimischer Gewerbe-Genossenschaften, zahlreiche Deputationen auswärtiger Cultusgemeinden rc. Den Weiheact leitete das Chorlied „Mah Towu" ein, dann zündete Rabbiner Popper das ewige Licht an und sprach hierauf ein Weihegebet. Nach demselben erfolgte die Eröffnung der Bundeslade und aus dieser hoben die priesterlichen Functionäre die reichgeschmückten Thorarollen und zogen damit unter Chorgesang feierlichen Schrittes durch den Tempelranm. Nach beendetem Ceremoniell hielt Rabbiner Dr. Ignaz Ziegler die Festpredigt, in welcher Redner als die drei Grundsteine der ist. Gotteshäuser in den Tagen der Ruhe, der Sicherheit nnd des Friedens die Dankbarkeit gegen Gott als den Urquell alles Heiles, die Sehnsucht nach Verbrüderung und die Hebung des gemeinsamen religiösen Bewußtseins bezeichnete. Nach der Predigt, welche einen mächtigen Eindruck auf die Festversammlung übte, sprach derselbe noch ein Gebet für das a. h. Kaiserhaus, worauf die Volkshymne gesungen wurde. Den Schluß der würdigen Feier bildete das „Minchagebet", welches Herr Obercantor Tiger aus Carlsbad mit dem gesammten Chorpersonale in andachterweckender und auf die Anwesenden mächtig - ergreifender Weise absang. Der Carlsbader Synagogenchor, welcher die sämmtlichen Choralgesänge während des Weiheactes zum Vortrage brachte, entledigte sich dieser freiwillig übernommenen Aufgabe in bester Weise. Die würdigst verlaufene Feier der Tempelweihe wird, allen Theilnehmern ohne Unterschied der Confefsion in schönster Erinnerung verbleiben. Großen Eindruck machte die namens, der Stadt Eger gehaltene Rede desOberlandesgerichtsrathes und Bürgermeister-Stellvertreters Watzka, in welcher derselbe die antisemitische Strömung, unter welcher die Juden gegenwärtig zu leiden haben,- tief beklagte und der Erwartung Ausdruck verlieh, daß in Bälde die jüdischen Glaubensgenossen wieder zu der verdienten geachteten Stellung gelangen werden. Der feierliche Act gestaltete sich überhaupt zu einer solennen Kundgebung gegen den Antisemitismus, der namentlich in Eger eine Brutstätte häßlichster Art besitzt. Zlyezow. Die am 2ö. Juli im Beisein des Localcomites der Gemeinderepräsentanz und vieler Gäste abgehaltene Prüfung in dem hebräischen Curs der Baron H i r s ch' schen Stiftungsschule ergab glänzende/ Erfolge, welche die Schüler wie die Lehrer ehren. Unter den Letzteren verdient Herr. Marcus Dreifuß besonders herv.orgehoben zu werden, der für einen Gehalt von 189 fl. jährlich seine ganze Zeit der Schuljugend widmet. Hoffentlich wird das Kuratorium die materielle Lage dieses braven Lehrers bald etwas günstiger gestalten. Die Prüfung wurde mit einem hebräischen Gebete für den Kaiser und den edlen Stifter geschloffen und hierauf die Prämiirung der. vorzüglichsten Schüler vorgenommen. Im Namen der armen Eltern soll biemit öffentlich. beut Herrn Bürgermeister und Obmann des Localcomites, Landesadvocaten Dr. Dwid Billet, wie dem gesammten Localcomite der Dank für ihren Eifer und ihre Hingabe für die heilige Sache des Jugendunterrichtes ansgesprochen werden. Berlin, 4. August. (Rudolf Birchow über, den Antisemitismus.) Der Schluß der Rede, welche Professor Birchow bei der Gedächtnißfeier Friedrich ZLilhelm's III. in der Aula der Berliner Universität hielt, lautet: »Unsere Zeit, vie inihrem wissenschaftlichen Gefühl so sicherund siegesfroh ist, übersieht ebenso leicht wie die frühere Zeit die mystischen Regungen, welche von einzelnen Abenteurern in die Volksseele getragen werden. Nrch steht' sie laihlos vor dem Räthsel des Antise? mitismus, von dem Niemand weiß,, was er eigentlich will und der trotzdem, vielleicht auch deshalb fascinirend selbst auf die gebildete Jugend wirkt. Bis jetzt hat man noch keine Professur des Antisemitismus gefordert, aber es wird erzählt, daß es schon antisemitische Professoren gebe. Wer die Geschichte der Natur-Philosophie in ihren radikalsten Ausläufern kennt, der wird über solche Erscheinungen'nicht, erstaunen. Der menschliche Geist ist, nur zu sehr geneigt, den mühseligen Weg des ordnungsmäßigen Denkens zu verlassen nnd sich in träumerisches Sinnen zu versenken. Davor schützt nur, um niit Schuckmann zu reden, der gesunde Menschenverstand, und wer diesen, durch eine fehlerhafte Erziehung verloren hat, der kann sich nur retten durch Gewöhnung an strenge empirische Arbeit. Man muß' sich eben daran gewöhnen, das Unbekannte von dem Bekannten aus zu erklären, aber nicht umgekehrt, das Dunkle und Unbekannte, gleichsam als wäre es-,eine neue Wahrheit, zum Ausgangspunkte phantastischer Schlußfolgerungen zu wählen. Die Naturwissenschaften haben ihren Siegeszng nur dadurch vollführen können, daß sie in treuem Festhasten an dem thatsächlichen Wissen immer weiter in^ das Dunkel noch unerforschter Gebiete eingedrungen sind und daß sie stets versucht haben, in den neuen Erscheinungen das Gesetz und damit die Verknüpfung mit den bekannten Erscheinungen zu finden. Wer in jeder Ausnahme ein neues Gesetz zu finden hofft, der ist nicht weit besser daran, als wer in jeder Ausnahme ei>' Wunder erblickt. Und wie es in der intellektuellen Welt ist, so ist es .auch-in der sittlichen. Der Trieb, Gutes zu thnn und recht zu. handeln, beruht auf dem Gefühl der inneren Befriedigung,. welches wir empfinden, wenn wir eine Handlung begehen, welche der menschlichen Natur, der Vernunft und den Pflichten der Menschen gegen, einander gemäß ist. Die Befriedigung wird-um so größer, wenn wir de bei den Eingebungen der Leidenschaft, dem persönlichen- Interesse,, der Sorge um äußeren Gewinn Widerstand leisten. Bedarf cs dazu einer-bestimmten Religion oder einer genügenden Verpflichtung? Gibt-es kein Sittengesetz, welches aus der inneren Natur heraus, ohne menschliche Satzung/uns zwingt, wahr zu sein und Edles zu thnn? Freilich gibt es eine sittliche, Erziehung, welche die Gewohnheit, recht zu handeln und Unrecht zu meiden, die eigentliche Sitte, lehrt nnd stärkt, aber in Wahrheit kann keine Erziehung den sittlichen Trieb hervorbringen, wo er nicht vorhanden ist.'Darnm gewährt auch unsere akademische Erziehung dem