Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 32 Oestrrreichischr Wochenschrift Sette 601 lich etwas ganz Anderes als sein Titel mittheilt, uns ist der „Colonist" eine heilige Botschaft ails dem heiligen Lande. Juden sind es, welche den Boden aufreißen für die Rebenpflanzungen, Juden sind es, welche die Olivenhaine anlegen, Juden sind es, welche den Acker bebauen und den Gemüsegarten pflegen; Judenknaben sind es, welche die Ackerbauschulen besuchen oder als Maschinisten sich ausbilden. Jüdische Hände führen den Pflug im Lande der Väter. Es ist, als ob die Offenbarungen der Culturgeschichte mit tausend Stimmen uns ins Ohr tönen würden. „Und die Stimme der Turteltaube wird gehört in unserem Lande". Sie stritten darüber, ob das „Hohe Lied Salomons", das herrlichste Liebesgedicht, ein heiliges Buch sei, und man weiß, wie künstlich das Buch in der frommen jüdischen und christlich m Welt umdeutet ltnb mißdeutet werden mußte, um es unter dem Schutze der Bibel für die Nachwelt zu retten. Uns aber ist das „Hohe Lied" auch ohne jede künstliche Auslegung ein heiliges Zeugniß für das Volk Israel. Im „Hohen Lied" hören wir nicht die Stimmen der Propheten, nicht die Stimme Gottes aus den Wolken, aber wir hören die Stimme des Volkes. Das „Hohe Lied" schildert ein ackerbautreibendes Volk, genau so arbeitsfreudig wie nur immer ein Volk es zu sein vermag, mit voller Empfänglichkeit für Alles, was die Natur dem Menschen bietet und von jener edlen, reinen Gesinnung, wie sie nur bei einem 'Naturvolke gefunden werden kann. Volkslieder sind unabsichtliche, unbestochene Zeugnisse für den Volkscharakter, und das gilt auch für das „Hohe Lied". Daß Schir Haschirim durch die Gewalt der Sprache und die Macht der Dichtung sich auszeichnet, das wird man den Juden doch nicht als schwere Schuld anrechnen wollen. Aber im Uebrigen wird man zugeben müssen, daß die jüdischen Gemüthsstimmungen im Hohen Lied ebensogut als germanische Gemüthsstimmungen genommen werden könnten und daß hier gar kein Unterschied besteht zwischen den Offenbarungen des jüdischen Volksgeistes und den möglichen Offenbarungen des Volksgeistes in irgend einem arischen Stamme. Der „Colonist" weckt diese Erinnerungen. Durch Jahrtausende vertrieben und verbannt vom Lande der Väter, das sie mit ihrem Blute gedüngt hatten, kehren sie jetzt wieder zurück, um eine Zuflucht vor Tyrannei und Verfolgung zu finden, und es ist, als ob die Erde ihre Söhne wiedererkennen würde und als ob das Wort der Verheißung sich wieder erfüllen sollte: „Es ist ein Land, wo Milch und Honig fließt". Und Abends, wenn ein Fremder ein gastliches Obdach in der Hütte des Colonisten sucht, ist er nicht vielleicht ein verkleideter Engel oder der Prophet Elias und schwebt nicht die Gestalt der Rahel herbei, wenn bei sinkender Sonne die Mädchen am Hofe ihre einfachen Lieder singen, Lieder aus der Ukraine vielleicht, aus der alten Heimat? Der „Colonist" hat allerdings keine Zeit für solche poetische Anwandlungen; ihm ist es viel wichtiger, praktische Anweisungen zu ertheilen, wie die Weinpllanzungen am besten cultivirt werden können. Uns interessirt vor Allem das Capitel über den „Zustand und Fortschritt der Colonien in Erez Israel in dem letzten halben Jahr." Colonie „Rischon L e zi on", „Die Erste Zions". Der Bericht spricht die Hoffnung aus, daß diese Colonie mit der Zeit einer der ersten Weinproducenten Palästinas sein werde. Man rechnet auf die Anlegung von 500 Hektaren Weinpflanzungen mit einem Ertrag von 25.000 Hektolitern. Es ist der Bau eines großen Centralkellers vorbereitet und eine große Dampfmaschine soll Kelterung und Transport erleichtern. Colonie Nachlath Re üben (arabisch Wadie Chanin Rosenthal). Diese aus guten Arbeitern sich zusammensetzende Colonie hatte mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Colonie treibt auch starke Bienenzucht. Colonie Gderah. Die Colonie treibt Wein- und Getreidebau, namentlich Gerste und Sommerweizen. Daneben werden auch Mandelbäume cultivirt. Colonie Rechoboth. Starker Weinbau, aber Mangel an Kellern. Das erregt umso größere Sorge, weil die Trauben schwer an den Mann zu bringen sind. Ekro n. Reicher Getreidebau mit gutem Ertrag. Aussicht auf große Baumpflanzungen für den Winter. Peßach Tikwah (Das Thor der Hoffnung). Weinbau, Maulbeerbäume für Seidenzucht; Alles in hoffnungsvoller Blüthe. Die Colonie hat auch eine Baumschule und werden die Verdienste des Gärtners Cohn rühmend hervorgehoben. Haderah. Feld- und Weinbau; beides gleich aussichtsvoll, die Colonie ist wasser-reich und wird Wasser in der Tiefe von 5 Metern gefunden. Ein Sumpf in der Colonie ist bereits trocken gelegt und die Entsumpfung eines zweiten ist in Angriff genommen. Sichron Jakob. „Das Andenken Jakobs". Die Colonie beschäftigte letztes Jahr eintausend Arbeiter, verpflanzte in letztem Jahre 1 Million Weinstöcke und verfügt übergroße Keller. Tanturah besitzt eine Glasfabrik, welche hauptsächlich Weinflaschen für die anderen Colonien erzeugt. R o sch Pi nah (Eckstein). Weinbau, hauptsächlich auf getrocknete Trauben und Seidenzucht. In letzterer Richtung leister die Colonie Musterhaftes. I e so d H am a ale h. „Der Grund des Fortschritts". Die Colonie ist wasserreich und hat große Baumpflanznngen. Mischmar Hajarden. „Die Wacht am Jordan". Getreide- und Gemüsebau. Die projectirte Bahn nach Damaskus wird hier eine Station haben. Man sieht, daß die Colonien in jeder Richtung vorwärts streben und daß für die wirthschaftlichen Bedingungen des Gedeihens ein klarer Blick besteht. Die Colonien haben auch ihr eigenes Geld, Anweisungen auf die Centralcasse, welche als Scheidemünze benützt werden können. Wir besitzen eine solche Cassenanweisung der Colonie Rechobot; der Text ist französisch und hebräisch. Eine ungeheuere Arbeit ist zu leisten; aber die Colonisten haben Energie und Ausdauer und sind an Entbehrungen gewöhnt. Sie sind entschlossen, Alles zu ertragen, um im Frieden als freie Bürger leben zu können. Wohlhabende Männer in Rußland, die ihre Umversitätsstndien mit Erfolg absolvirt haben, wandern nach Palästina aus, um dort den Boden mit eigener Hand zu bearbeiten. Und sie sind gute Colonisten, weil das Gefühl der Vaterlandsliebe ihnen nicht neu ist. weil sie auch die frühere Heimat vom ganzen Herzen liebten. Findet man, daß wir über die Schnur gehauen haben, so möchten wir an ein Erlebniß Goethes erinnern. Ec befindet sich mit einem Freunde auf einem hohen Berge in der Nähe Neapels; zu seinen Füßen breitet sich die herrlichste Landschaft aus. Da wird Goethe in seinen Betrachtungen durch den wilden Juchezer des neapolitanischen Wagenlenkers unterbrochen, der ihn geführt hatte. Goethe gab dem Jungen einen scharfen Verweis und drohte mit einer noch derberen Strafe. Nach einigen Minuten aber klopft der Junge den Goethe auf die Schulter und sagt italienisch: „Verzeihen Sie, Herr, das ist mein Vaterland". Goethe schreibt dazu: „Mir wurde es thränenhaft im Auge". So schlicht und trocken auch der „Colonist" geschrieben ist, es wurde uns thränenhast im Auge, und würden wir tagelang fortschreiben, wir würden doch nicht Alles aussprechen können, was uns das Herz bewegt. Lesrfrüchtq. Noch einmal Fritz Reuter und die Juden. Unter den nach Fritz .Reuters Tode in seine gesammelten Schriften aufgenommenen humoristischen Arbeiten befinden sich auch die 1855 und 1856 entstandenen „Briefe des Herrn Inspektors Bräsig an Fritz Reuter" und viee versa. Im achten dieser Briefe theilt Reuter in schalkhafter Weise, gleichsam um Rath fragend, dem biederen Jnspector folgenden „Fall" mit: „In einer kleinen Stadt — bitte, ich irre mich, es ist eine Kreisstadt — lebt ein edler Israelit. Der Mann beschließt, dem Zuge seines Herzens, welcher ihm als des Schicksals Stimme gilt,